Am Tag nach dem großen Knall bei der Polizei trug Ex-Präsident Kandt ein paar Umzugskartons ins Hauptquartier, um seine dienstlichen Habseligkeiten in den Ruhestand zu retten (Foto hier). Der Stil seines unfreiwilligen Abgangs stößt zwar einigen bitter auf, an der Entscheidung selbst aber gibt es kaum Kritik. Wie sehr die Doppelspitze Kandt/Koppers am Ende abgewirtschaftet hatte, wird deutlich im Interview mit der GdP-Landesvorsitzenden Kerstin Philipp, das Alexander Fröhlich mit ihr für den Tagesspiegel führte – sie sagt: „Ich erwarte von der Führung Professionalität, eine gute Zusammenarbeit mit Personalräten und Gewerkschaften ohne persönliches Rumgejammer. Bitte kein Kindergarten mehr.“ Eine deutliche Anspielung auch auf den selbstmitleidigen Abschiedsbrief von Kandt und Koppers, in dem sich die Spitzenbeamten bedauerten: „Die ‚Behördenleitung‘ ist die jeder Menschlichkeit beraubte Adresse für allen Unbill der Welt und alle subjektiv empfundene Ungerechtigkeit.“ Eine Mütze Mitleid bitte.
Anders als die Polizeiführung hat Innensenator Geisel sich und seine Leute im Griff: Den Kandtus Interruptus bis zum letzten Moment unter der Decke zu halten, war schon eine politische Meisterleistung. Er ist zu Höherem berufen. Polizeipräsident vielleicht.
Hier eine Schlagzeile für die Geschichtsbücher: „Der BER wird immer billiger“ (bekommt bestimmt irgendwann Sammlerwert). Worum es geht: Finanzsenator Kollatz-Ahnen hat mit seinem Brandenburger Kollegen Christian Görke und Bundesvertretern beschlossen, das Zusatzterminal T2 als Mietkaufmodell zu errichten – und so das Defizit der Flughafengesellschaft zu senken. Also, wenn Sie nicht wissen, wohin mit Ihrem Geld: Gehen Sie über Los, halten Sie in der Flughafenstraße, kaufen Sie T2, vermieten Sie es teuer an die FBB – aber passen Sie auf, dass Sie nicht im Gefängnis landen. Wie das mit der Finanzierung gehen soll, hat hier Thorsten Metzner aufgeschrieben.
AfD-Oberst Georg Pazderski verliert entweder auf seinem Fraktionsfeldherrenhügel die Übersicht – oder er startet bewusst einen Stinkbombenangriff aufs Parlament. Der Bildungsausschuss hatte eine Informationsreise nach Paris beschlossen, Pazderskis AfD-Fraktion veröffentlichte dazu am 21.2. folgende Erklärung: „Wir sind nicht bereit, hart erarbeitete Steuergelder für eine Reise zu verschwenden. Die AfD-Ausschussmitglieder Jeanette Bießmann, Franz Kerker und Tommy Tabor lehnen diesen Trip ab. Nein zum Sightseeing-Trip des Bildungsausschusses.“ Das brachte die Ausschussvorsitzende Emine Demirbüken-Wegner (CDU) auf die Palme – in einem Brief an Pazderski weist sie auf drei Punkte hin: Erstens, dass es in Vorgesprächen im Dezember 2017 und Januar 2018 „ein klares Einvernehmen“ der Abgeordneten über die Reise gab, unter Zustimmung von Bießmann, Kerker und Tabor. Zweitens, dass der Ausschuss am 4. Januar einen entsprechenden Beschluss gefasst hat, wiederum unterstützt von Bießmann, Kerker und Tabor. Und drittens, dass Pazderski selbst für seine Fraktion am 26.1. beim Parlamentspräsidenten schriftlich ein positives Votum ohne jeglichen Einwand zu dieser Reise abgegeben hat. Quintessenz: AfD will hart erarbeitete Steuergelder für einen Sightseeing-Trip nach Paris verschwenden (aber sich dabei nicht erwischen lassen). Hoffentlich passt der Tarnanzug noch.
Auch in Marzahn bemüht sich die AfD nach Kräften, jeden Anschein politischer Zurechnungsfähigkeit und bürgerschaftlichen Verhaltens zu zerstreuen: Auf ihrer Facebookseite schmähte sie die „Sozialtage“ im Eastgate als „linksversiffte Schmarotzerveranstaltung“ – drei Dutzend Aussteller, darunter die Berliner Polizei, die Rentenversicherung und die Caritas, informierten dort über Pflege und Patientenrechte, Mietprobleme und Sicherheitsfragen. Dazu nochmal die AfD: „Es wird der Tag kommen, an dem die AfD Regierungsverantwortung übernimmt. Und dann wird dieser linksextremistische Sumpf trockengelegt.“ (Mehr dazu und zu anderen Themen im „Leute“-Bezirksnewsletter von Ingo Salmen).
Es gibt verhaltenen Zoff im Senat um das Antidiskriminierungsgesetz – Schulsenatorin Scheeres hält den Entwurf aus dem Haus von Justizsenator Behrendt für zu detailliert (Q: „Berliner Zeitung“). Verboten ist demnach u.a. die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Geschlechtsidentität, der ethnischen Herkunft, einer rassistischen Zuschreibung, der Nationalität, des Glaubens, der religiösen und politischen Anschauung, einer Behinderung, einer chronischen Erkrankung, des Lebensalters, der sexuellen Orientierung, des Bildungsstands, des Erwerbs- und Sozialstatus und der Sprachkenntnisse – letzteres gilt z.B. für eine Forderung wie „Deutsch als Muttersprache“. Das ist allerdings tatsächlich bekloppt und gehört verboten, nicht nur wegen der Väter, die ihren Kindern ja z.T. auch mehr beibringen als „Schnauze“. In meinem Teenie-Taxi habe ich z.B. gerade ein Mädchen nach Hause chauffiert, das feiner und korrekter Deutsch sprach als andere aus ihrer mitfahrenden Gruppe – sie war vor drei Jahren aus Syrien gekommen, ihre Muttersprache: Arabisch.
Wie repräsentativ ist eigentlich der Bundestag für die Bundesrepublik? Die „SZ“ hat sich das mal genauer angeschaut und die Daten schön aufbereitet (ein paar Überraschungen sind dabei). Kleiner Beifang der Geschichte: der „Sound of Bundestag“ – 280 Abgeordnete nannten ihr Lieblingslied, die „SZ“ machte daraus gleich eine Spotify-Playlist. Fazit: Frank Sinatra, Queen, Deep Purple und Udo Jürgens sind die Favoriten (und über Politik im Bademantel muss sich niemand mehr wundern).
Wir blättern kurz zurück zum 15.1.: „Die Ethnologin und Leiterin des Stuttgarter Linden-Museums Inés de Castro soll Chefin der Humboldt-Sammlungen werden.“ Damals alle so: Hurra. Jetzt blättern wir ein wenig vor zum 13.2.: „Inés de Castro wird doch nicht Sammlungsdirektorin.“ In Berlin hieß es: Sie hat nur in Stuttgart ihren Preis hochpokern wollen. Und jetzt weiter zum 28.2., zum Interview mit Inés de Castro in der „Stuttgarter Zeitung“: „Ich hätte mir für das Humboldt-Forum gewünscht, dass in dieser Struktur die Bedeutung der Museen mehr herausgestellt wird. Dafür habe ich sehr gestritten. Hier habe ich dagegen gute Unterstützung von Stadt und Land, ein gutes Team und viel Raum für eigenverantwortliches Gestalten. Das spricht für mich für Stuttgart.“ Hm, könnte es sein, dass die Umworbene in Berlin vielleicht doch nicht genug umworben wurde?
Telegramm
Das Diesel-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in zwei Worten: „Verbieten erlaubt“ (Tagesspiegel). Es geht aber auch lyrischer, wie der „Kurier“ zeigt: „Das letzte Zündlein hat geschlagen“. Na ja, noch nicht ganz. Klar ist: Es kann Fahrverbote geben, auch in Berlin – muss es aber nicht. Was das alles bedeutet, wann das wirkt und wie das geht, haben hier Henrik Mortsiefer, Jost Müller-Neuhof und Klaus Kurpjuweit aufgeschrieben.
Schock in der Morgenstunde – aus dem Lautsprecher in der S3 Richtung Osten kommen kurz vor dem Bhf Friedrichstraße verstörende Geräusche: „Guten Morgen, sehr geehrte Fahrgäste. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Start in den Tag und fühlen sich wohl bei uns an Bord.“ Hilfe, was ist das? Wurden wir entführt? Das ist doch nicht Berlin, wie wir es kennen und lieben …
… ähm, leider doch: War nur eine besonders perfide Einleitung für den nächsten Satz, in dem viel von „Weichenstörung“, „Wartezeit“ und „Wissen wir auch nicht“ die Rede war. Fünf Linien traf es alleine wegen dieser Panne (nicht die einzige gestern), die Verspätungen summierten sich auf bis zu 50 Minuten (Meldung bitte ausschneiden, gültig als Attest zur Vorlage beim Arbeitgeber).
Aus dem Spam-Ordner: „Elite Sport Sleep Coach Nick Littlehales lüftet Geheimnisse rund um optimierten Schlaf wie die Profis…“ – sorry, kurz weggenickt. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja:
Seit 16.8.2017 ist am Bhf Zoo der Übergang von der U2 zur S-Bahn dicht – mehrfach wurde die angekündigte Wiedereröffnung verschoben. Was ist da los? Die Antwort der BVG: „Dieser Übergang musste im Sommer vergangenen Jahres geschlossen werden, weil es wiederholt zu Wassereinbrüchen gekommen war. Es hat eine Weile gedauert, bis die genaue Ursache des Wassereinbruchs ausfindig gemacht werden konnte. Auch die Arbeiten selbst gestalten sich schwierig. Wir gehen davon aus, dass es am 30. April soweit sein wird.“ Ok, kommt auf Wiedervorlage.
Is‘ ja krass: „Fünf Wildpinkler in Spandau erwischt“, meldet André Görke in seinem „Leute“-Newsletter – in nur einem Jahr! Und da will „Visit Berlin“ im Rahmen des dezentralen Tourismuskonzepts unsere Gäste hinschicken?
Ekkehart Krippendorff war einer der Begründer der Friedensforschung in Deutschland, ich habe ihm einige der interessanteren Seminare am Otto-Suhr-Institut zu verdanken. In den sechziger Jahren hatte er die FU als Assistent im politischen Streit mit der Hochschulleitung verlassen müssen, 1978 kehrte er als Professor zurück und lehrte hier bis Ende der neunziger Jahre. In der Nacht zum Dienstag ist er im Alter von 83 Jahren in Berlin gestorben.
Aus der neuesten Ausgabe von „BER aktuell“ – ein Hinweis auf den Gesundheitstag in Schönefeld mit dem Workshop „Lärmempfindlichkeit verringern“ im Selbsthilfeverfahren („Die Übungen erfordern nur Aufmerksamkeit und Zeit“). Servicehinweis: Sollte das nicht funktionieren, weil Ihnen sowohl das eine, wie auch das andere fehlt - die Anzeige für den „Schallschutz komplett“ steht gleich auf Seite 13 daneben („Wir rechnen mit dem Flughafen direkt ab“).
Zahl der Fragen des Abgeordneten Czaja (FDP), die der Senat zum Vertragsverhältnis zwischen der Flughafengesellschaft und dem Unternehmen Gegenbauer nicht beantworten will: 23, ausgerechnet - wir übergeben den Fall dann mal lieber den Illuminaten und Verschwörungstheoretikern.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Das Schlimmste, was der Demokratie passieren kann, ist, dass sie an Langeweile stirbt. Diese Befürchtung besteht im Moment nicht.“
Klaus Staeck, der heute 80 Jahre alt wird, im Tagesspiegel-Interview mit Rüdiger Schaper.
Zitat
„Hinter all der Coolheit von Berlin versteckt sich eine Menge Warmherzigkeit.“
Alex Kapranos, Sänger und Gitarrist von „Franz Ferdinand“, im Interview mit Katja Schwemmers von der „Berliner Zeitung“.
Tweet des Tages
„7 Minuten auf die Bahn warten in Berlin: Aufruhr, Revolte, Mistgabeln. 7 Minuten auf die Bahn warten in Köln: Dankesreden, Tränen in den Augen, erste Säuglinge werden nach der Oberbürgermeisterin benannt.“
Stadtleben
Für alle, die es mittags deftig, aber keine Currywurst mögen: mexikanisches Streetfood. Die kohlenhydratreiche Küche lässt einen genüsslich ins Foodkoma fallen, wie Moritz Honert nach einem Besuch im Neta in Prenzlauer Berg bestätigt. Bunt ist hier nicht nur die Einrichtung, sondern auch die selbstgemachten, mit Rote-Bete-Saft eingefärbten Tacos. Auf Wunsch gibt es die auch glutenfrei mit Hühnchen, Süßkartoffel und fruchtigen Linsen (7,90 Euro). Für den richtig großen Hunger empfiehlt sich „Rudolpho“, ein mächtiger Burrito mit niedrigtemperaturgegartem Rinderfleisch und Guacamole (8,50 Euro). Zu finden am Weinbergsweg 5 (U-Bhf Rosenthaler Platz) und in der Schönhauser Allee 44 (U-Bhf Eberswalder Straße), geöffnet tgl. ab 12 Uhr.
Neu in Neukölln ist das Tisk. Die „Speisekneipe“ von Supper-Club-Größe und „The Taste“-Gewinner Kristof Mulack und Martin Müller eröffnet am 13. März in der Neckarstraße 12 (U-Bhf Rathaus Neukölln). Auf der Karte stehen u.a. „Broiler, Kartoffelpü und Mischjemüse“ - klingt rustikaler als es ist, denn auf den Design-Faktor hat man auch hier nicht verzichtet.
Statt Langeweile, Schöneweile bescheren. Das Café im ehemaligen Pförtnerhäuschen des Transformatorenwerks in Oberschöneweide (Reinbeckstraße 9) war eines der ersten, die dem ehem. Industrieviertel neues Leben einhauchte (Mo-Fr 9-18 Uhr, Sa-so 13-18 Uhr). Mittlerweile ist Bryan Adams regelmäßig zu Gast, der auf dem ehem. Gelände der AEG ein Atelierhaus besitzt. Gestärkt mit Kaffee und Kuchen lohnt ein Abstecher in die Reinbeckhallen vis a vis – hier geben Papier- und mikrotonale Klangkunst gerade ein "Intermezzo" (Mi-So 18-21 Uhr).
In der Reuterstraße 62 findet man das A & O für einen spielerischen Blickfang im Kinderzimmer. Der süße Neuköllner Einrichtungsladen freundts verkauft dekorative Buchstaben in verschiedensten Größen, Schriften und Farben – manche sind auch funktional: Wer hätte gedacht, dass ein "Y" einen exzellenten Buchstabenhocker abgibt? U-Bhf Hermannplatz, Mi-Fr 14-19 Uhr, Sa 12-17 Uhr