Der Tod einer Schülerin erschüttert Berlin – die 11-Jährige hatte sich selbst verletzt und starb wenige Tage später im Krankenhaus, zuvor war sie gemobbt worden. Was in der Reinickendorfer Schule geschah, ist auch anderswo zu hören – und macht wütend: Vorfälle werden verharmlost, es wird eine Mitschuld im Verhalten der Betroffenen gesucht oder allenfalls eine Mediation angeregt. Die Folgen: Das soziale Umfeld der Opfer bricht weg, die Täter werden nicht als solche benannt. Dabei ist nicht Mobbing an sich eine Schande für eine Schule, sondern der fahrlässige Umgang damit. Gute Schulen stellen sich dem Problem, bevor etwas Schlimmes geschieht. Schlechte Schulen reden sich damit raus, sie seien doch eigentlich gut.
Die Zahl ist ungeheuerlich, die fehlende Aufmerksamkeit auch: Mehr als eine Million Bücher der Berliner Zentral- und Landesbibliothek könnte Nazi-Raubgut sein – das wäre ein Drittel des Bestands. Die Schätzung beruht auf der Arbeit des Provenienzforschers Sebastian Finsterwalde: Sein kleines Team prüft jedes Exemplar, fotografiert Stempel, Unterschriften, Randnotizen, Zettel - also alles, was auf die rechtmäßigen Eigentümer hinweist (die „New York Times“ berichtete gerade darüber). Als „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“ gelten alle Objekte, die gewaltsam entwendet oder enteignet wurden, aber auch jene, die von den Verfolgten verkauft werden mussten, um ihre Flucht zu ermöglichen. Was Sie tun können: Denken Sie bei Ihrem nächsten Besuch in der ZLB daran - und erzählen Sie es weiter.
Die Innenverwaltung bestätigt ein Ermittlungsverfahren gegen Burkard Dregger, der Verdacht: Verstoß gegen Paragraph 132a des Strafgesetzbuches („Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen“, Maximalstrafe: 1 Jahr). Der CDU-Fraktionschef hatte im Polizeiabschnitt 44 (T‘hof-S’berg) eine Streife im 12-Stunden-Nachtdienst begleitet und dabei eine Schutzweste mit Hoheitszeichen getragen (sind per Klettband angeheftet). Zur Erklärung teilte Staatssekretär Akmann jetzt mit: „Kurz nach der Übergabe der Schutzweste“ sei wegen eines eilbedürftigen Einsatzes „versehentlich versäumt worden, das Abzeichen zu entfernen“. Jurist Dregger bestätigt: „Da war keine Minute Ruhe, ich bin schwer beeindruckt.“ Für entspannte Lächelfotos mit DPolG-Vize Boris Novak war aber noch Zeit – bei Facebook wurde eins davon wieder gelöscht, bei meinem Kollegen Alexander Fröhlich können Sie es hier noch mal sehen. (Q: Anfrage MdA Stefan Förster, FDP).
Für die folgende Meldung schnallen Sie sich bitte an – Sie lernen jetzt auf die harte Tour, was für die Verkehrslenkung Berlin (VLB) eine „unauffällige Unfall-Lage“ ist: Im April 2018 starb ein 69-jähriger Radfahrer, nachdem eine Autofahrerin ihm in Dahlem die Vorfahrt genommen hatte. Die BVV Steglitz-Zehlendorf empfahl dem BA daraufhin mit den Stimmen aller Parteien, die betreffende Einmündung sicherer zu gestalten (kurzfristig: Haltelinie erneuern, Stoppschilder wieder befestigen). Die Antwort der VLB (Sie ahnen es sicher bereits): „In den letzten 36 Monaten wurden an dem Knoten Königin-Luise-Str./Bachstelzenweg/Im Gehege nur 3 Verkehrsunfälle polizeilich registriert, die Unfall-Lage ist demnach unauffällig. Ergänzende straßenverkehrsbehördliche Anordnungen aus Verkehrssicherheitsgründen sind nicht erforderlich.“ Ab wie vielen Toten pro Jahr eine Unfall-Lage auffällig ist, wurde nicht mitgeteilt.
Macron meint es offenbar ernst mit der deutsch-französischen Freundschaft - der Bitte einer Checkpoint-Leserin, ein ihm zugesandtes Exemplar des Buchs „Ein Visionär für Europa“ von Michaela Wiegel signiert zurückzusenden, kam er innerhalb weniger Tage nach: „Liebe Marion Uhrig-Lammersen, pour notre Europe et l’amitié entre l’Allemagne et la France. Grüße, Emmanuel Macron.“ Auch Trump ließ ein Buch zurücksenden, nach einem Jahr - unsigniert. Und Obama? „Jeder, der mir schreibt, jeder der sich an mich wendet, wird eine Antwort von mir persönlich erhalten“, hatte er beim Einzug ins Weiße Haus verkündet. Acht Jahre lag „Ein amerikanischer Traum“ mit der Autogrammbitte aus Germany dort herum. Erst beim Auszug fiel es wieder auf – und wurde kommentarlos per Luftpost back to Berlin geschickt.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Die New England Patriots haben in der Nacht zum Montag zum sechsten Mal den Super Bowl gewonnen. Sie holten mit einem 13:3 (3:0) den Sieg gegen die Los Angeles Rams. Das diesjährige NFL-Finale war eine Partie der Extreme: New Englands Quarterback und Spielentscheider Tom Brady (41) gewann als erster NFL-Profi seinen sechsten Super Bowl. Dafür war das Spiel arm an Touchdowns - erst im vierten Viertel wurde der Ball durch einen Spieler in die Endzone getragen.
Die CDU regt sich mächtig darüber auf, dass Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) nach zwei Jahren ihren von der CDU übernommenen Staatssekretär Henner Bunde austauscht. Die Nachricht kommt auf WV: Falls die Union in Berlin mal wieder mitregieren darf, wird sie sicher selbstlos alle r2g-Staatssekretäre im Amt behalten (so wie sie 2011 ja auch auf Neubesetzungen nach Partei-Gusto verzichtete - oder?).
Unser Betriebsstörungsbingo kommt heute ausnahmsweise aus Bayern. Die Bahn meldet „große Verspätungen auf der Strecke zwischen Würzburg und Nürnberg“ – die Begründung: „Warten auf verspätetes Schiff“. Da ist wohl statt der obligatorischen Stellwerksstörung der Leuchtturm vom Main kaputtgegangen. (Gesehen von CP-Leser Tilo Wend).
Als Justus Fiedler 2008 sein Amt als erster hauptamtlicher Berliner Flughafenpfarrer antrat, hieß es: „Auch auf dem 2011 an den Start gehenden neuen Hauptstadtflughafen wird er seelsorgerisch tätig werden.“ Daraus wurde bekanntlich nichts. Jetzt verabschiedete Fiedler sich per Twitter: „Es waren wirklich spannende 11 Jahre. Nicht zuletzt hat die Flughafengesellschaft es ja auch spannend gemacht. Lorenz Maroldt weiß, wovon ich rede.“ Team Checkpoint sagt Danke für viele kluge Gedanken – am BER müssen sie jetzt ohne Justus Fiedler dran glauben. (Mehr zur Kombination „Glauben“ und „BER“ gibt’s weiter unten).
Eine Meldung, die uns „Visit Berlin“ verschwieg: „Berlin-Tourist masturbiert in Polizeiwagen und wird dann bewusstlos“ – die Herkunft des Mannes blieb zunächst unklar, die Mehrheit der Redaktion tippt auf Österreich (siehe dazu auch „Encore“).
Das Amtsgericht Weißensee sucht Otto Zemke: „Der Verschollene wird aufgefordert, sich bis zum 21. März 2019 zu melden. Andernfalls kann er für tot erklärt werden.“ (AZ 70 II 20/18). Na, da sind wir aber mal gespannt: Der Gesuchte wurde am 12. Dezember 1897 geboren – er hätte also gerade seinen 121. Geburtstag gefeiert.
Zu Reihe „Amt, aber glücklich“, heute aus dem Bürgeramt Heerstraße. CP-Leser Winfried Borowski braucht bis Mitte März einen neuen Personalausweis, doch bekommt nur die Auskunft: „Das kriegen wir hier nicht hin.“ Aber der freundliche junge Mann am Empfang entdeckt im BA Heilgensee einen freien Termin, checkt für seinen Kunden ein – und 90 Minuten später ist die Sache erledigt. Kommentar des glücklichen Bürgers: „Da kannste nicht meckern.“
Graffiti auf einem U-Bahnwagen (Linie 9): „Liebe Mitarbeiter der BVG, wir wünschen Euch viel Erfolg bei den Tarifverhandlungen, mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten!“
Bei der BVG kann es im März zu Warnstreiks kommen, bei den Landesbediensteten bereits heute: Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ruft zur Arbeitsniederlegung zwischen 12 und 15 Uhr auf (betroffen: Kitas, Ämter, Unis, Bibliotheken).
Übrigens: Wie dringend Berlin ErzieherInnen sucht, zeigt Checkpointerin Ann-Kathrin Hipp anhand der Jobanzeigen in der aktuellen „Zitty“.
Zum Berlinale-Beginn in dieser Woche (mehr dazu unter „Stadtleben“ und „Encore“) ein Blick auf die Stimmung in der Filmstadt Berlin, hier am Beispiel einer handschriftlichen Anmerkung auf der Ankündigung von Dreharbeiten in der Vorbergstraße: „Eure B-Movies könnt ihr in der Brandenburger Pampa drehen.“ (Q: „Berliner Liste“).
Das ITDZ soll die Digitalisierung der Berliner Verwaltung auf Weltniveau hieven – doch jetzt wird erst mal eine „Leiterin/Leiter Druckservice“ gesucht. Es kommentiert Kaiser Wilhelm: „Ich glaube an die Schreibmaschine. Das Internet ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“
In F’hain-Xberg ist die „Leitung des Büros der Bezirksbürgermeisterin“ vakant – Monika Herrmann freut sich über Bewerbungen, erfahrungsgestützt würde ich sagen: Wer gute Laune mitbringt, ist hier im Vorteil. Falls Sie zum Lachen aber lieber in den Keller gehen, könnten Sie es auch am Buckingham Palace versuchen: Die Queen sucht gerade einen neuen Butler.
Im Februar berät die Beuth-Hochschule (benannt nach dem Antisemiten Christian Peter Beuth) über eine Namensänderung – aber jetzt wurde erstmal der Job der Präsidentin neu ausgeschrieben: Amtsinhaberin Monika Gross kann sich nach acht Dienstjahren nicht wieder bewerben.
Prominenter Besuch beim 2. Checkpoint-Lauftreff: Staatssekretärin Sawsan Chebli joggte eine Runde mit ums Tempelhofer Feld. Nächstes Wochenende geht‘s weiter, diesmal an einem anderen Ort (wird hier im CP und per Mail bekannt gegeben). Anmeldungen unter checkpoint@tagesspiegel.de.
Aus dem Amtsblatt: „Der beim Amtsgericht Charlottenburg eingetragene Verein ‚Tegel bleibt offen e.V.‘ (AZ VR 32731 B) ist aufgelöst. Gläubiger des Vereins werden aufgefordert, ihre Ansprüche geltend zu machen.“ Hm, hätte da nicht „Gläubige“ besser gepasst? Egal, der Eröffnung des BER steht nun nichts mehr entgegen. Na ja: Fast nichts.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Und zum Abschluss gibt‘s noch Sex.“
Kleiner Versprecher zur Begrüßung von Leserinnen und Lesern bei der Vorstellung unseres zusätzlichen Angebots „Checkpoint plus“ (ab 1. April) – gemeint war natürlich „Snacks und Sekt“.
Tweet des Tages
„Gut, wenn der Unsinn endet. In Städten heißen Begegnungszonen Platz oder Park. Um Plätze und Parks könnte Berlin sich ruhig kümmern.“
Antwort d. Red.: Kommentar des SZ-Kollegen Jens Bisky zur Entscheidung der BVV F’hain-Xberg, die hölzernen „Parklets“ auf der Bergmannstraße wieder abzubauen. (Gesamtkosten der „Begegnungszone“: ½ Mio Euro).
Stadtleben
Essen muss manchmal schnell gehen. Umso besser, wenn man es dann schafft, eine gesunde und leckere Mahlzeit zu sich zu nehmen. Im Eat Green! in Adlershof (Rudower Chaussee 5a-c, S-Bhf Adlershof), das übrigens für die Naturwissenschaftler der HU in Laufweite liegt, möchte man genau das ermöglichen: Hier stehen frische Salate mit saisonalem Gemüse vom Markt und hauseigenem Dressing, sowie vitaminreiche Smoothies auf der Speisekarte. Wenn man Lust auf was Warmes hat, kann man auch zu den Kartoffelboxen greifen, die es in zahlreichen Varianten gibt, etwa mit Spinat, Buttergemüse oder Räucherlachs. Mo-Fr 8-17 Uhr.
Gut geeignet zum Frühstücken, für den Snack oder das Mittagessen und dann auch noch so minimalistisch eingerichtet, dass man meinen könnte, man trinke seinen Flat White im New Yorker Künstlerviertel Bushwick: So beschreibt Chris Glass, Besitzer der Galerie Aptm, das Café Oliv in der New York Times. Das Interesse der internationalen, anglophonen Presse an Berlin ist bekannterweise groß, weshalb die NYT letztes Jahr „Locals“ nach ihren „favorite places to eat, drink, shop and play“ fragte. Und in der Tat wirkt das Café in Mitte, als könnte man dort Expats aus der Künstlerszene antreffen - oder einfach auch Nachbarn, die die Quiches und den Carrot Cake in der Münzstraße 8 (U-Bhf Weinmeisterstraße) zu schätzen wissen. Mo-Do 8.30-18 Uhr, Fr 8.30-19 Uhr, Sa 9.30-19 Uhr, So 10-18 Uhr.
Man wusste nicht, dass man danach sucht, bis man es hier gefunden hat - das trifft im Promobo wohl auf die meisten Produkte zu: Ob praktisch wie der Pizza-Schneider in Fahrradoptik, ausgefallen wie Sushi-Socken (die leider nicht essbar sind) oder lustig wie die Anti-Party-Ballons, die Sprüche wie „Wer hat dich denn reingelassen?“ oder „Leg mal ne andere Platte auf“ zieren. Auch wer auf der Suche nach Besonderheiten aus echter Handwerksmanier ist, wird in der Filiale im Bikini Berlin (Budapester Straße 42-50, S/U-Bhf Zoologischer Garten) fündig. Die lustig-schrägen Bedarfsartikel werden in kleinen Werkstätten in Deutschland entworfen und geizen nicht mit ausgefallenen Materialien wie recycelte Reifen oder Kunstrasen. Mo-Sa 9-20.30 Uhr. Weitere Dependancen gibt's in den Hackeschen Höfen und in der Mall of Berlin. (via Carina Kaiser).