An diesem Montag fühlt sich nicht nur das Wetter nach Wochenende an, sondern die ganze Stadt. Schade, dass die Menschheit zwar immer längere Brücken bauen kann, aber keine längeren Brückentage. Der chronisch zornige B.Z.-Ärgermann Gunnar Schupelius fordert, den 1. Mai als Feiertag abzuschaffen – wegen der Randale. Denn wenn die Autonomen nicht mehr frei haben, sondern wie jeden Tag bis spätabends in ihren Büros…– ähm, nein, wahrscheinlich ist es anders gemeint, aber man wird nicht schlau daraus. Was wo geplant ist an, sagen wir, Events, hat mein Kollege Jörn Hasselmann aufgeschrieben. Und was wirklich passiert, weiß man erfahrungsgemäß immer erst, wenn es so weit ist.
Öffentliche Unternehmen als Arbeitgeber sind manchmal besser als ihr Ruf. Zumindest, wenn es sich um die Flughafengesellschaft FBB handelt und beim Arbeitnehmer um Technikchef Jörg Marks (den schon Ex-Vorstandschef Karsten Mühlenfeld loswerden wollte, der daraufhin selbst kostenpflichtig rausflog). Laut FBB-Mitteilung vom 18.4. hatte Marks „um Auflösung seines Vertrages als Leiter Technik und Bau gebeten. Diesem Wunsch ist die Geschäftsführung nachgekommen.“ Jetzt stellt sich heraus, dass es sogar noch ein kleines Abschiedsgeschenk gibt: Sieben Monate bezahlte Freizei tplus ein weiteres Jahresgehalt von ca. 280.000 Euro. So komfortabel fliegt man nur in der Business Class raus.
Um etwas kleinere Beträge geht es bei den Schülermonatstickets, die ab September billiger werden sollen: im Einzelverkauf (Tarif AB) von 29,50 auf 21,80 Euro, im Abo von 22,92 auf 17 Euro. Dafür fällt die Geschwisterkarte weg, und mit Berlinpass wird das Ticket gratis, kündigte Verkehrssenatorin Regine Günther in der „MoPo“ an. Familien mit vier oder mehr Kindern sollen einen Rabatt bekommen, damit sie nicht draufzahlen. So weit wie die Linken, die Kinder generell gratis fahren lassen wollen, ist die grüne Verkehrsverwaltung noch nicht – aber immerhin auf dem Weg. Als nächstes stehen neue Tarife für Azubis zur Diskussion, ferner die von Regiermeister Müller persönlich in Aussicht gestellte Preissenkung beim Jobticket.
„Feind, Todfeind, Parteifreund“, lautet eine alte Weisheit des Politikbetriebs. Geht noch mehr? Ja, „Juso“. Mit nahleshaften 68 Prozent haben die Berliner Jusos ihre Chefin Annika Klose (25) am Sonntag als Kandidatin fürs Europäische Parlament nominiert, nachdem sie ihr vorab bei einer offenen Abstimmung noch volle Rückendeckung demonstriert hatten. Klose hatte zuvor meinem Kollegen Ulrich Zawatka-Gerlach ihre Ideen beschrieben und zur Frage nach ihrem Rückhalt gesagt, es gebe „quer durch die Partei viele positive Signale“. Signalstörungen also auch bei den Jusos? „Die Jusos sind ein kritischer Verband und kein Abnickerverein“, sagt Klose nun. Da können die Juso wohl nicken.
Die Justizverwaltung schafft für knapp eine halbe Million Euro 246 Schutzwesten an, um die Justizbediensteten bei Einlasskontrollen zu schützen. Bisher gibt es diese Ausrüstung nur am Amtsgericht Tiergarten. Wie dringend die Investition ist, zeigt die Bilanz 2017: Allein am Amtsgericht Wedding wurden 671 Messer einkassiert, 34 verbotene davon dauerhaft. Am Sozialgericht waren es 436 Messer; insgesamt in Berlin mehr als 3500. Und 1200 Leute brachten Pfefferspray mit ins Gericht. Glaube bloß niemand, der Durchschnittsberliner sei eher unbewaffnet. Es scheint höchste Zeit, den Messerwahnsinn scharf ins Auge zu fassen.
Die Sonntagsprogramme der Amerika-Gedenkbibliothek sind so beliebt, dass sie mindestens bis Jahresende fortgesetzt werden. Sie sind ein Kapitel der Erfolgsgeschichte, die die Zentral- und Landesbibliothek konsequenterweise am Sonntag durchgekabelt hat: >20% mehr Gäste binnen fünf Jahren, fast doppelt so viele Führungen und Schulungen, 30% mehr Arbeitsplätze für Nutzer, 40% mehr Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche. Falls Sie den Chef dafür loben wollen: Das tut er selbst („von den Leitungskräften energisch vorangetrieben und von Volker Heller als Vorstand seit 2012 verantwortet“). Jetzt fordert Heller „eine Bibliotheksentwicklungsplanung, die dem enormen Erfolg der ZLB der letzten Jahre Rechnung trägt.“ Ein Fall für die Buchhalter.
Baden gegangen sind die Kinder in Neukölln – scharenweise und sehr erfolgreich: Binnen drei Jahren sank die Nichtschwimmerquote bei den Drittklässlern im Bezirk von 40 auf aktuell 22 Prozent. Zu verdanken ist das (wie auch manches andere, das in Neukölln gut läuft) der damaligen Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), die 2015 das Projekt „Schwimmbär“ initiiert hatte. Dabei gewöhnen sich Zweitklässler eine Woche lang ans Wasser, bevor selbiges sie in der Dritten kalt erwischt und fürs Leben bedröppelt zurücklässt.
Telegramm
Polizeiauto müsste man sein. Die werden nicht nur immer älter, sondern haben auch immer mehr Freizeit. Die vor zwei Jahren angeschafften Blitzerfahrzeuge im Streifenwagen-Outfit (6 Stück à 90.000 Euro) wurden 2017 nur zweieinhalb Stunden pro Tag eingesetzt. Im Jahr davor waren es immerhin noch gut drei Stunden. Von so viel freier Zeit können Polizeibeamte nur träumen.
Was an echten Tempokontrollen fehlt, kompensiert die Verkehrsverwaltung mit neuen Stehrümchen: Mehr als zwei Dutzend „Dialog-Displays“ (das sind die Dinger, die je nach Tempo grün „Danke“ oder rot „Langsam!“ blinken) will sie kaufen – für die Bezirke und für die Tempo-30-Versuche an Hauptstraßen zwecks Luftverbesserung. Die Geräte sind übrigens nicht nur harmlose Erzieher, sondern auch fleißige Datensammler.
Kurz war die Rennfahrerkarriere eines 18-jährigen Ferrarista, der sich Freitagabend in der Brunnenstraße mit einem 23-jährigen Porschepiloten (was man als Nachwuchstalent in Gesundbrunnen halt so fährt) mit rauchenden Reifen duellierte: Auf der Badstraßenbrücke ließen Polizisten die beiden aus ihren Kisten austreten – und kassierten Führerscheine sowie Autos ein.
Darwinistisch am anderen Ende der automobilen Skala steht der 20 Jahre alte VW Lupo, den sich Tagesspiegel-Leserin Nina H. vernünftigerweise mit ihrem Partner teilt. Der wohnt in Mitte, sie in Wilmersdorf, also in einer anderen Parkzone. Und weil in Berlin ein Auto nur eine Anwohnervignette haben darf (sagt lt. Frau H. auch das OLG), parkt der Lupo in Wilmersdorf zwangsweise für einen Euro pro Stunde. Hätte das Paar zwei Autos, wäre das zwar gaga, aber würde diese, nun ja, Gerechtigkeitslücke füllen.
Samstag sah es so aus, als hätte die S-Bahn ihre Signalstörung der Woche (nachdem zuletzt der Hbf. dran war) wieder zum Ostbahnhof verlegt (Nutzer der S3/5/75/9 wissen Bescheid). Aber dann wurde sie doch am selben Tag behoben. Chaos gab’s trotzdem, was u.a. – Achtung, Bingo-Nachschub! – an „Fehlverhalten von Reisenden“ lag.
Vielleicht haben die Reisenden einfach kein Klingonisch verstanden wie meine CP-Kollegin Maria Kotsev. Sie schwört, Samstagabend an der Warschauer gleich zwei Mal die Durchsage gehört zu haben, der Zugverkehr sei „verschwebelt“. Verschwäbelt? Verschwefelt? Verschwurbelt? Oder S wie Schwebelbahn? Man steckt nicht drin – zum Glück.
Post von CP-Leser Klaus-Hinrik W., der ein Kneipengespräch zum Thema „Welcher neue Feiertag soll’s denn sein?“ belauscht hat: Bloß nicht vorschnell festlegen, sondern auf die Eröffnung des BER warten, weil er dafür gebraucht wird. Aber warum sollen sich erst die Kinder freuen und nicht schon wir?
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Während man in Bayern schon immer vorsorglich zu Hause bleibt für den Fall, dass Jesus an dem Tag irgendwas Besonderes erlebt hat, müssen wir in Berlin erstmal googeln, was genau noch mal ein Feiertag war."
Katja Berlin räsoniert heute in der „Berliner Zeitung“ über Feiertagsarmut und Länderfinanzausgleich.
Tweet des Tages
"fyi: Der Typ, dessen Handy heute klingelte, als Jürgen Flimm höchstselbst, Stefan Kurt und Michael Rotschopf im Apollosaal der Staatsoper Strawinsky bespielten, war Klaus Maria Brandauer. #ditisberlin"
Stadtleben
Am Brückentag ausgiebig frühstücken gehen – dafür eignet sich Mira’s Frühstücksparadies in der Hermannstraße 156 (U-Bhf Hermannstraße) in Neukölln ausgezeichnet. Doch auch wer keinen freien Tag hat, muss nicht verzagen: Menemen, Rührei mit Hackfleisch, das sehr zu empfehlende vegane Frühstück mit Gemüsepfanne und diversen Aufstrichen, wie Hummus, Erdnussbutter und Ajvar, bekommt man auch bis 20 Uhr. Genauso den frischgepressten Orangensaft und den selbstgemachten Ayran. Bis zur Mittagszeit ist das kitschig-orientalisch eingerichtete (und gerade dadurch charmante) Lokal gut ausgelastet – eine Reservierung (030-55591780) schadet daher nicht. Tägl. 5-20 Uhr