In der Bundes-SPD brodelt es diese Woche gewaltig - wegen Martin Schulz: „Alle wissen, es geht nicht mehr“, sagt jemand aus der Parteispitze. Die Frage ist nur noch: Wer sagt’s ihm so, dass er es auch versteht? Schulz will unbedingt Minister werden, für ihn wäre es die Rettung vor dem Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit. In der Öffentlichkeit gilt er wegen seiner Nachwahlwenden als personifizierte Glaubwürdigkeitskrise der Sozialdemokratie – Erneuerung sieht anders aus. Bereits beim Sonderparteitag bearbeiteten ihn deshalb einige Genossen, er möge auf einen Kabinettsposten verzichten, damit die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen bei den Funktionären besser durchgeht – vergeblich. Aber auch als Parteichef steht er nach Meinung von immer mehr Spitzen-Genossen einem Neustart im Weg. Die beste Lösung für alle, Schulz inklusive, wäre ein Rückzug nach Brüssel, vielleicht als Kommissar. Dorthin müsste Merkel ihm den Weg ebnen. Ob sie dazu aber noch die politische Kraft hat, oder auch nur den persönlichen Willen, wird nicht nur in der SPD bezweifelt.
Auch für die SPD-Seite im Senat könnten die Koalitionsverhandlungen im Bund zu Rotationsverhandlungen werden. Ulrich Zawatka-Gerlach zitierte in seiner gleichnamigen Seite-3-Geschichte im Tagesspiegel dazu gestern den Rathaus-Spruch „Wenn alle den Job bekommen, den sie wollen, wird es hier ganz schön leer“ - und benannte die Aufstiegskandidaten: Björn Böhning (Chef der Senatskanzlei), Sawsan Chebli (Staatssekretärin für Bundesangelegenheiten) und Steffen Krach (Staatssekretär für Wissenschaft). Ganz hoch gehandelt wird in der Partei auch der bisher etwas unter dem Rader agierende Boris Velter, Staatssekretär für Gesundheit. Der war immerhin schon Referatsleiter bei Ministerin Ulla Schmidt und ist Bundesvorsitzender der SPD-AG Gesundheitswesen. Schaden würde Berlin eine bessere Präsenz in der Bundesregierung sicher nicht.
Vielfach präsent ist auch Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup - aus seiner Zeit als Staatssekretär ist er u.a. noch Aufsichtsrat beim landeseigenen Immobiliendienstleister „berlinovo“, einem Nachfolger der berüchtigten Bankgesellschaft (Spezialität: Vermietung möblierter Wohnungen auf Zeit). Und ELD nimmt den Job allen Malaisen am BER zum Trotz durchaus ernst: So stimmte er bei der AR-Sitzung in der vergangenen Woche (24.1.) der vorzeitigen Vertragsverlängerung von Geschäftsführerin Silke Andresen-Kienz zu. Vergütet bekommt Lütke Daldrup sein Mandat auch: laut Beteiligungsbericht des Landes mit 6000 Euro jährlich.
Die S-Bahn nimmt‘s weiterhin nicht so genau mit den Kontrolleuren ihres Dienstleisters Wisag, obwohl es inzwischen einige Verurteilungen wegen Gewalttätigkeiten gab und die Justiz neue Anklagen vorbereitet. Auskünfte über Beschwerden wegen Übergriffen und rassistischen Beleidigungen verweigert das Unternehmen. Hier ein typischer Fall vom 18.1.: Ein dunkelhäutiger Mann, der kein Ticket vorzeigen kann, wird unter Zeugen konsequent herabwürdigend geduzt (Foto vom Vorfall hier). Eine S-Bahnsprecherin sagt dazu, sie sehe keinen Grund, der Sache nachzugehen – und das, obwohl ihr die Ausweis-Nummer einer beteiligten Kontrolleurin übermittelt wird. Sie verweist u.a. darauf, dass die Bahn ja auch Werbekampagnen macht, in denen geduzt wird.
Wir blättern um zum Feuilleton: Im erbitterten Kulturkampf über das unter Sexismus-Verdacht geratene Gomringer-Gedicht „Avenidas“ an der Außenwand der Alice-Salomon-Hochschule hatten sich die geschätzten Kollegen der „Welt“ so richtig ins Zeug gelegt: Chefredakteur Ulf Poschardt wetterte „gegen den Irrsinn der Gedichteübermaler und Kunstfreiheitsgegner“, sein WamS-Kollege Peter Huth sah das Werk „ausgelöscht“ und „ausgemerzt“, sprach von einem „Generalangriff auf unsere Kultur und damit auf unsere Freiheit“ und stellte schließlich fest: „Wo Poesie unter Burkas aus Wandfarbe verschwindet, ist es keine Schariapolizei, die über Gut und Schlecht entscheidet, sondern die Sprachpolizei einer kleinen Minderheit von Tugendterroristen.“
Starke Prosa. Der Checkpoint fand die Fassadenstürmerei der Hochschule gegen „Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer“ ja dagegen eher ein bisschen albern und dichtete deshalb, stets die sich ereifernden, tilgungsbereiten Gremien vor Augen, einen konstruktiven Kompromissvorschlag - Sie erinnern sich vielleicht:
Köpfe
Köpfe und Bretter
Bretter
Bretter und Nägel
Köpfe
Köpfe und Nägel
Köpfe und Bretter und Nägel und
eine Schraube (locker)
Tatsächlich kam das Gedicht ganz gut an – so gut sogar, dass einige Checkpoint-Lyrik-Fans es im Online-Forum der „Welt“ posteten, wo es wiederum viel Zustimmung und neue Freunde fand. Doch plötzlich, kaum zu fassen - war es weg. Einfach verschwunden! Ausgelöscht, ja: ausgemerzt von der Sprachpolizei einer kleinen Minderheit von Tugendterroristen, euphemistisch „Community Management“ genannt. Und wie der Asta der ASH hat auch das CM der Welt eine Begründung aus dem Setzbaukasten der Kunstfreiheitsgegner per Mail einer nachfragenden Leserin übersandt: „Ihr Kommentar wurde nicht veröffentlicht, da er gegen unsere Nutzungsregeln verstößt: Bitte bleiben Sie sachlich im Ton.“ Tja, so weit sind wir jetzt schon gekommen: Bretter, Nägel, Schrauben – nichts darf man mehr sagen. Aber einen Versuch haben wir noch, ok? Wie wäre es damit: „Kopf. Tisch.“ Besser?
Telegramm
Die Berliner Grundschulen werden immer mehr zum Pädagogenlabor: Nur 28 % der Lehrer, die nach den Winterferien neu anfangen, haben ihren Job auch tatsächlich gelernt - ein Experiment nicht von Schülern, sondern mit ihnen. Mehr zu den Folgen des eklatanten Nachwuchsmangels hat Susanne Vieth-Entus recherchiert.
Kleine Checkpoint-Umfrage in Köln, Hamburg und Frankfurt/Main: Überall haben sie es geschafft, in den Taxis das Problem mit den unzulässigen Zuschlägen bei Kartenzahlung zügig anzugehen und zu lösen – nur der Berliner Senat hat’s erstmal laufen lassen und den Ärger zwischen Fahrern und Kunden in Kauf genommen.
Erfolg für Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (lt. „Forsa“ und „Berliner Zeitung“ drittbeliebteste Senatorin): Im nächsten Jahr beginnt die von ihr gewünschte Sanierung des ICC (Anfangskosten: 200 Mio.). Mehr Kongressfläche ist auch dringend nötig: Die Messe platzt aus allen Nähten (und sieht deshalb viel Geld an der Stadt vorbeifließen).
Schönes Fundstück im rbb-Archiv: Am 31. Januar 1962 porträtierte die Abendschau die erste Fahrprüferin Deutschlands – ein „avantgardistischer Schritt“, heißt es da, in einen „sehr unweiblichen Beruf“.
Bewegung im Rinderbilanzausgleich zwischen Berlin und Brandenburg: Während im Nachbarland die Zahl der Tiere sinkt, steigt sie in der Hauptstadt (kam mir zuletzt auch so vor). Der Vorsprung ist dennoch beachtlich: 533.400 zu 889. Fazit: In Berlin wird weiter mehr gemeckert als gemuht.
Eine Nachricht aus Berlin, Ortsteil Schilda: Der schicke neue Uferweg in Schöneweide wurde gleich wieder uneinnehmbar eingezäunt, und zwar richtig massiv (Foto hier) – die Erklärung: Es liegt noch keine Abnahme/Freigabe vor, und an die provisorische Absperrung hatte sich niemand gehalten.
Berlins beste Schülerzeitungen sind im Roten Rathaus, pardon: im Berliner Rathaus ausgezeichnet worden. Erste Preise gingen an die „Liebigbox“ (Justus-von-Liebig-Grundschule), „ARS“-Schülerzeitung (Adolf-Reichwein-Schule), „qurt.“ (Kurt-Schwitters-Schule) und „OHnE“ (Heinz-Berggruen-Gymnasium). Glückwunsch an die Kolleginnen und Kollegen!
Falls Sie darüber nachdenken, ob pendeln günstiger wäre als in Berlin zu wohnen - mit dem „WoMoKo“ können Sie es jetzt mal durchrechnen.
Falls Sie heute am Himmel etwas seltsames Helles sehen: Bitte nicht erschrecken, das ist nur die Sonne (falls Sie vergessen haben sollten, wie sie aussieht).
Was fehlt: die charakteristische Zigarette in der dennoch typischen Raucherhand von Helmut Schmidt auf der 2-Euro-Gedenkmünze für den Ex-Bundeskanzler. Evelyn Roll schreibt in der „SZ“ über die mutmaßlichen Gründe: „Sie wollen es immer allen recht machen. Das führt zu diesen in der Sache meistens schrecklich gut gemeinten, in der Ausführung aber erbärmlich verkrampften Kompromiss-Katastrophen. So entstehen unsere wöchentlichen Wortklaubereien. So gehen bei uns Koalitionsverhandlungen.“ Vielleicht hat aber auch nur der obligatorische Warnhinweis („Rauchen tötet!“) nicht mehr auf die Münze gepasst.
Nachtrag zur Meldung „Warten auf die Fahrradbügel“ (31.1.) – Checkpoint-Leser Erik Spiekermann schreibt dazu: „Thema Fahrradbügel: Vor 30 Jahren habe ich einen gekauft und in der Motzstraße vor meinem Büro aufgebaut. Ohne Genehmigung. 25 Jahre später musste ich 120 Euro Strafe zahlen wegen unerlaubter Nutzung öffentlichen Straßenlands. Das Ding steht immer noch. So geht Berlin.“
Korrektur zum Datum im CP von gestern (32.1.2018) – da ist wohl wegen des feuchten Wetters ein Finger auf der Tastatur ausgerutscht. Marc Hippler schreibt dazu: „Lorenz Maroldt hat im Checkpoint eine Möglichkeit gefunden, wie der BER im Zeitplan bleiben kann. Heute ist der 32.1.2018. Leider gibt es Regen.“ Schade eigentlich.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Bei den Bierbikes würde ich am liebsten persönlich die Luft aus den Reifen lassen.“
„visitBerlin“-Chef Burkhard Kieker im Inforadio-Interview.
Tweet des Tages
„Hat denn niemand wenigstens einen blassen Schimmer von Berlin?“
Stadtleben
Essen mit Blick auf den Berliner Dom, der einiges dazu beiträgt, dass im Allegretto A Tavola ein Hauch venezianisches Flair einzieht. Zwischen eleganten Holztischen, massiven Steinsäulen und einem flackernden Kamin kommen italienische Spezialitäten auf die schick dekorierten Tische. Alle Gerichte, wie das Gazpacho, die frische Pasta und Pizza und die leckerduftenden Crepes und Waffeln sind hausgemacht, einige Zutaten werden extra aus Italien importiert. Am Abend wird um Reservierung gebeten. S/U-Bhf Hackescher Markt, Anna-Louisa-Karsch-Straße 2, tägl. 12-21 Uhr
Trinken in Prenzlauer Berg Für einen entspannten Abend braucht man in der Kollwitzstraße 18 (U-Bhf Senefelder Platz) nicht mehr als einen Scotch & Sofa(s). Die Spirituosenbar im Stil der 50er und 60er erstreckt sich über zwei Etagen und mehrere Räume, wovon jeder seinen ganz eigenen Charme versprüht: Mal in anrüchigem Rotlicht, mal mit gemütlicher Sofalandschaft. Oder elegant an der hölzernen Hauptbar, dem Herzstück des über 15 Jahre alten Ladens, wo man die Wahl hat zwischen über 54 Whiskey- und 24 Ginsorten. Für Raucher gibt's ein eigenes Séparée im Kellerbereich. So-Do 18-2 Uhr, Fr-Sa 18-4 Uhr