Nach dem Duell vom Sonntag gestern der Fünfkampf: Die Damen und Herren Wagenknecht, Özdemir, Herrmann, Lindner und Weidel zofften sich tatsächlich ein bisschen mehr als am Tag zuvor Merkel und Schulz - aber das ist ja kein politischer Wert an sich. Dafür ging es auch mal um ein paar relevante Themen, die beim Duell auf der Strecke geblieben waren - ein Beispiel: „Wir brauchen mehr Glasfaserkabel.“ „Aber wie wollen Sie das erreichen?“ „Wir brauchen mehr Glasfaserkabel.“ Aha. Meist wiederholter Satz: „Sie liegen vorne!“ Das war allerdings immer nur ein Hinweis des Moderatorenduos Mikich/Nitsche an einen der Kandidaten über den jeweiligen Verbrauch des Redezeitkontos, der Beitrag der Sender zur Gerechtigkeitsdebatte. Mehr dazu um kurz nach 8 beim Dienstagskommentar auf Radioeins, jetzt aber erstmal…
Die CDU versucht nach ihren bisherigen Loopings und Sturzflügen in der Tegel-Frage (vielleicht, ja, nein…) eine politische Notlandung mit einem Flügel: Der Vorstand ist jetzt doch wieder für die Schließung von TXL - allerdings erst dann, wenn der BER nach einer Erweiterung „40 Millionen Passagiere fasst“ (Generalsekretär Evers). Hallo? Noch irgendwelche Piloten im Board? Selbst für gewiefte Lotsen ist die Berliner CDU zur Zeit wohl eher ein hoffnungsloser Fall.
Und damit zum wirtschaftlichen Absturz von Air Berlin: 40 Flüge fielen alleine am Sonntag aus, nach Angaben des insolventen Unternehmens „aus operativen Gründen“, nach Informationen der „B.Z.“ als Folge eines wilden Streiks. Angekündigt hat die so genannte Fluggesellschaft jetzt auch das Ende aller Langstreckenverbindungen bis zum Ende des Monats. So soll nach New York bzw. von dort zurück am 25.9. Schluss sein. Seltsam nur: Gestern Abend konnte ich auf der Airberlin-Website problemlos einen Buchungsvorgang für einen AB-Flug nach New York am 28.9. in die Wege leiten - für 862,77 Euro (Economy Classic, ab TXL um 13.35, Dauer 08 h 35 min). Die virtuelle Reise durchs Airberlin-Fantasialand führte mich über die Angabe der Personaldaten vorbei an der angebotenen Reiserücktrittsversicherung (39,90) und dem Mietwagenpartner (Sixt) bis hin zur Eingabe der Kreditkartennummer und dem finalen Button „zahlungspflichtig bestellen“…
… was ich dann besser mal sein ließ - ich hatte ja glücklicherweise gerade im Checkpoint gelesen, dass die NY-Flüge vom 25. September an gecancelt sind (siehe oben). Aber was, wenn nicht? Hätte da ein AB-Verantwortlicher (gibt’s noch welche?) der eigenen Website nicht längst mal gesagt haben müssen, dass hier Tickets verkauft werden für Flüge, die es gar nicht mehr gibt? Im Angebot ist z.B. (zufällig zur Kontrolle ausgewählt) auch noch der 12. Oktober (gleicher Preis). In der offiziellen Mitteilung des Unternehmens von gestern werden die Streckenstreichungen übrigens PR-mäßig so verkauft: „Air Berlin stabilisiert die operative Situation am Flughafen Berlin-Tegel weiter.“ Klar, immer weiter, und ganz egal wie.
Unterdessen wird die Schar der Interessenten an einer Übernahme der Air Berlin immer illustrer - oder sollten wir lieber sagen: illustriger? Neu im Rennen ist jedenfalls der Berliner Unternehmer Alexander Skora, seine Qualifikation: Er betreibt das Hostel „Happy Go Lucky“ am Stutti. Ich warte jetzt nur noch auf eine Bewerbung der Inhaber von „Curry 36“ - die sind immerhin schon mal an lange Warteschlangen ihrer Kunden gewöhnt.
AB-Epilog (für heute): Mir tun die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Air Berlin leid, die sich über viele Jahre freundlich, flexibel, kompetent um ihre Kunden gekümmert haben - und die jetzt, zu der Sorge um ihre Jobs, erleben müssen, wie ihr Unternehmen im Zwielicht zugrunde geht.
Die „Deutsche Wohnen“ hat sich für ihre Mieter jetzt auch ein Sommerprogramm einfallen lassen (Heizungsausfall merkt ja gerade keiner): In der Kottbusser Straße läuft in einem Haus seit fünf Wochen Abwasser aus einem defekten Rohr in mehrere Wohnungen. Das einzige, was passiert: Immer wieder mal kommt der Notdienst und stellt im ganzen Haus das Wasser ab. Irgendwer stellt’s dann wieder an (ja, auch in Kreuzberg wird zuweilen gespült) - und es geht von vorne los. Beständige Auskunft der DW: „Wird gerade repariert.“ Wie es weitergeht? Klarer Fall: Im Winter friert das Abwasser ein - weil ja dann auch die Heizungen wieder nicht funktionieren.
So, Teil 2 der kleinen Vorschau auf die neue Ausgabe unseres Magazins Tagesspiegel Berliner (liegt am Sonnabend der Zeitung bei). Das Bild hier kennen Sie, oder? Jedenfalls das Original (eines meiner Lieblingswerke - leider unerreichbar). Wenn Sie den Künstler kennen und ein Exemplar unseres aktuellen Magazins „Kunst Berlin“ gewinnen möchten (gibt's ansonsten für 12,80 am Kiosk oder im Tagespiegel-Onlineshop), dann mailen Sie seinen Namen an checkpoint@tagesspiegel.de. Viel Erfolg! (Foto: Se7entyn9ne)
Telegramm
Neben den Quereinsteigern sollen jetzt auch pensionierte Lehrer die Schulen retten - Bildungssenatorin Scheeres will dazu die Zuverdienstgrenze aufheben. Vielleicht haben die reaktivierten Pauker (hießen doch damals so, oder?) ja auch noch ein paar Schiefertafeln im Bestand.
Nachdem das Riesenwahlplakat von CDU-Kandidat Thomas Heilmann am Steglitzer Kreisel wegen des Verdachts der verdeckten Parteienfinanzierung ebenso großen Ärger ausgelöst hat, bot der Eigentümer jetzt auch SPD, Grünen und FDP an, sich dort aufzuhängen - alle drei verzichten.
Zu Beginn der Sommerferien hatte die Senatskanzlei die abermals extrem angespannte Terminlage auf den Bürgerämtern (Wartezeit vier Wochen, versprochen waren maximal zwei) mit den Sommerferien erklärt - jetzt ist der böse Sommer vorbei, wir schauen mal wieder nach und stellen fest: Die Wartezeit beträgt aktuell (heute früh um 5 gecheckt) immer noch vier Wochen. Da helfen wir doch gerne mit einer Erklärung aus: Das liegt sicher an den kommenden Herbstferien (23.10. bis 3.11.) - oder?
Und hier ein Statement von FDP-Umdenker Christoph Meyer (war mal für die Schließung von TXL, jetzt ist er dagegen): „Nach dem 24.09. wird die Landesregierung in Brandenburg durch den Volksentscheid ‚Brandenburg braucht Tegel’ zum Umdenken gezwungen.“ Brandenburg braucht Tegel? Hm… Wie wär’s mit einem kleinen Spielchen: Brandenburg braucht Tegel genauso wie… (Antworten bitte an checkpoint@tagesspiegel.de)
Baudirektorin Regula Lüscher ist auf einem Fußgängerüberweg am Hohenzollerndamm von einem Auto umgefahren worden - die Folge: Steißbeinbruch. Der Unfallfahrer flüchtete. (Q: „B.Z.“)
Morgen im Tagesspiegel (kein Scherz!): Eine Gegendarstellung zum Artikel „Mann in Moschee beißt Beamten“, verfasst von unserem Liebling Kreuzberg (hatte ja auch schon länger nichts mehr im Blatt). Inhalt: Wird hier natürlich noch nicht verraten.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Dass die auch noch Renate rauskegelt, das darf echt nicht passieren. Die ist echt nicht wählbar.“
Volker Ratzmann (Grüne) über Canan Bayram (Grüne) (Q: Aus einem parteiinternen Diskussionsforum, zitiert von der „Berliner Zeitung“)
Tweet des Tages
„Bitte geht trotzdem wählen. #TVDuell“
Stadtleben
Essen & Trinken in Charlottenburg Die chilenische Küche mag nicht sonderlich berühmt sein. Aber wo guter Wein wächst, wird in aller Regel auch genussvoll gegessen, davon zeugen zumindest die fein präsentierten Speisen im La tia rica: Abalonen, auch bekannt als Seeohren-Schnecken, und Königskrabben, die, „royal rot und fest, auf einem Berg von Salat mit einer perfekt weichen Avocado und hausgemachter, würziger Mayonnaise“ (26 Euro) serviert werden, wie unsere Restaurant-Kritikerin Elisabeth Binder berichtet. Nachtisch-Naschkatzen bekommen hier statt der üblichen Crème Brûlée, „fluffige Maracuja-Mousse auf einem weichen Boden von Mandeln und Walnüssen“ (5,60 Euro) aufgetischt. Eine Reservierung ist dringend empfohlen, denn das Lokal in der Knesebeckstraße 92 (S-/U-Bhf Zoologischer Garten) ist nicht sehr groß, dafür umso beliebter. Mo-Sa 17-23 Uhr