Eröffnungsspiel in Moskau (Russland-Saudi-Arabien 5:0), Endspiel in Berlin: Die CSU revoltiert gegen die Kanzlerin und spricht von einer „historischen Situation“ – die Flüchtlingspolitik ist dabei nur Mittel zum Zweck, die interne Parole der Unions-Aufständischen lautet genauso wie die der Rechtspopulisten: Merkel muss weg. Die CDU hat ihrer Vorsitzenden nochmal zwei Wochen gegeben, ein europäisches Rücknahme-Abkommen auszuhandeln. Aber mit wem? Die „Achse der Willigen“ von München (Seehofer) über Wien (Kurz) nach Rom (Salvini) steht ja schon ohne sie - eine Wette auf die Titelverteidigung der deutschen Mannschaft scheint gerade sicherer zu sein als eine Wette darauf, dass Merkel dem Bundestrainer nochmal als Kanzlerin gratuliert.
Zwei gute Fragen: Wem gehört eigentlich die Berliner Fanmeile? Und wann wurde sie erfunden? Antworten gibt André Görke, und zwar hier und hier.
Die Spiele heute:
Ägypten-Uruguay (14 Uhr), Marokko-Iran (17 Uhr) und am Abend der Knaller Portugal-Spanien (20 Uhr), wo sich die Real-Stars Ramos und Ronaldo gegenüberstehen (alles in der ARD).
Die AfD beschäftigt wegen eines Tweets vom Account des Regierenden Bürgermeisters jetzt das Berliner Verfassungsgericht – sie will höchstrichterlich feststellen lassen, dass ihr „Recht auf Chancengleichheit im politischen Wettbewerb“ verletzt worden ist (AZ: VerfGH 80/18). Zuvor hatte die Senatskanzlei eine Frist zur Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung ohne Reaktion verstreichen lassen, jetzt bekommt sie zwei Monate Zeit, sich zum Vorwurf zu äußern. Verbieten lassen will die AfD einen Text vom 27. Mai, in dem es heißt: „Zehntausende in Berlin heute auf der Straße, vor dem Brandenburger Tor und auf dem Wasser. Was für ein eindrucksvolles Signal für Demokratie und Freiheit, gegen Rassismus und menschenfeindliche Hetze.“ An diesem Tag hatte es in der Stadt sowohl eine Demonstration der AfD als auch mehrere Gegendemonstrationen gegeben.
Wir fassen zusammen: Die AfD will dem Regierenden Bürgermeister verbieten lassen zu schreiben, dass er 1) für Demokratie und Freiheit ist und 2) gegen Rassismus und menschenfeindliche Hetze. Darauf muss man auch erst mal kommen - mangelnde Klarheit bezüglich ihrer politischen Ziele lässt sich der Partei jedenfalls nicht nachsagen.
Nach dem Tod zweier Kinder im Berliner Straßenverkehr (CP von gestern) hat mein Kollege Stefan Jacobs eine Wutrede verfasst – hier ein Auszug (der ganze Text steht heute im Tagesspiegel auf Seite 2):
„Sollten die Flaggen auf dem Roten Rathaus oder wenigstens auf dem Dienstgebäude der Verkehrsverwaltung nicht auf halbmast wehen? Und wäre nicht eine stadtweite Schweigeminute angebracht? Eine Minute, in der die Fußgänger inne- und die Autos, Lastwagen, Radfahrer, Busse und Straßenbahnen anhalten, damit sich alle vergegenwärtigen, was passiert ist? Warum zum Teufel prüft niemand systematisch die Kreuzungen der Stadt darauf, wie sie sicherer werden könnten, und programmiert Ampeln ohne lebensgefährliche Konflikte? Warum verdonnert das Land nicht seinen Eigenbetrieb BVG, alle Tram-Querungen mit Warnsignalen auszustatten? Solange das so bleibt, werden weiter Tag für Tag Menschen zu Krüppeln oder zu Tode gefahren in dieser Stadt. Künftige Generationen werden sich wundern, wenn sie aus den Geschichtsbüchern von dieser Barbarei erfahren, die wir uns so lange schon antun.“
Vor der folgenden Meldung setzen Sie sich besser mal hin… Nach den bitteren Jahren schien alles auf einem guten Weg zu sein. Es gab wieder Geld, viel Geld, und Investitionsprogramme für die wachsende Stadt. Alles gut? Denkste. Im wohlhabenden Südwesten Berlins kollabieren gerade die öffentlichen Bauvorhaben, weil Elektroingenieure fehlen: Fast alles wird gestoppt, neue Aufträge gibt es nicht, betroffen ist auch die Sanierung der maroden Schulen – und am Ende des Jahres muss der Bezirk die nicht abgerufenen Mittel an den Senat zurückzahlen. Vom Chaos zur Katastrophe. „Ich habe den Fachkräftemangel unterschätzt“, sagt Stadträtin Maren Schellenberg. Ach. Ein einziger E-Ing ist noch übrig (von sieben) – und auch der ist bald weg. Ob’s vielleicht am Arbeitgeber liegt?
Die SPD-Abgeordnete Iris Spranger knackt Berlins Feiertagsproblem (wir genehmigen uns ja einen zusätzlichen – aber welchen?): Ihre Petition für den 8. März (Internationaler Frauentag) auf change.org bringt es inzwischen locker auf mehr als 10.000 Unterschriften. Die Vorteile sind bezwingend: Nie mehr werden wir bemühte Politiker an einem 8. März frühmorgens verlegen mit Rosen an U-Bahnhöfen herumstehen sehen – sie können in aller Feiertagsruhe ausschlafen, Frühstück für die Familie machen und zum Shoppen nach Brandenburg fahren (unsere kleine Rache für den Reformationstag, wenn uns die feiertagenden Brandenburger die Läden leer kaufen).
Für den Bau barrierefreier Bushaltestellen hat die Koalition in ihrem Vertrag (S. 45) ein kurioses Wort gewählt: Ausgerechnet „schrittweise“ soll der erfolgen (also nicht wirklich barrierefrei). Tatsächlich stößt das „roll out“ auf Hindernisse: Gerade mal 75 „Haltestellenumbauten“ schafft Berlin pro Jahr – um dem Personenbeförderungsgesetz nachzukommen, müssten es 1500 sein. Staatssekretär Jens-Holger Kirchner hält das jedoch für „nicht annähernd realistisch.“ (Anfrage: MdA Kristian Ronneburg).
Telegramm
Jagdszenen in Mariendorf: Zwei Mitglieder einer „marodierenden Keilertruppe“ (Bezirks-Ranger Björn Lindner), vulgo Wildschwein, hatten sich im Planschbecken eines Einfamilienhauses vergnügt, zogen zur Autobahnauffahrt Gradestraße und trabten dann zum Friedhof an der Gottlieb-Dunkel-Straße. Das hätten sie besser gelassen – ihre Verfolger erlegten sie gleich neben den Gräbern. Als Nachruhm nehmen sie in den Tierhimmel mit: Nie zuvor hat es im Heimatbezirk des Regierenden Bürgermeisters je ein Schwein weiter gebracht.
Nur Stunden nach der Checkpoint-Meldung zur abschreckenden Lehrersuche des Senats (Auskunft trotz Notstands: „Die Bewerbungsfrist endete am 31. März 2018“) änderte die Bildungsverwaltung gestern Mittag ihre Website: Jetzt weist sie (gelb hervorgehoben) darauf hin, dass unbefristete Einstellungen doch noch möglich sind, allerdings nur für Laufbahnbewerber - willige Quereinsteiger müssen weiter ein halbes Jahr länger warten.
Angesichts der dramatischen Lage (Senatorin Scheeres spricht verniedlichend von einem „gap“) wirkt aber weiterhin auch die Erreichbarkeit auf potenzielle Lückenschließer wenig einladend: Der „Infopoint“ ist pro Woche nur neun Stunden besetzt, plus vier Stunden Telefonsprechstunde – aber unter der prominent hervorgehobenen Zentralnummer der Verwaltung erhalten Interessenten nur die abschreckende Meldung: „Die Bewerbungsfrist ist abgelaufen“ – von einer Ausnahmeregelung keine Rede.
Frage: Wie ist ergeht es eigentlich Lehrerstellen-Interessenten in Bayern? Der Checkpoint hat das gestern mal getestet, hier unser Original-Erfahrungsbericht: „Alles transparent und herrlich, alle am Platz und auskunftswillig: Sie wollten mir goldene Brücken bauen – obwohl es in Bayern kaum Lehrermangel gibt.“ Auch zwischen Bayern und Berlin klafft offenbar ein ziemliches „gap“.
Erst machten viele Freibäder drei Wochen zu spät auf – jetzt fällt an vielen Schulen drei Wochen zu früh der Schwimmunterricht aus (die Ferien beginnen erst am 5.7.). Der Sportausschuss will heute mal klären, nach welchem Kalender die Wasserbetriebe eigentlich arbeiten.
Falls Sie die Nähe Ihrer Mitmenschen suchen: Der Checkpoint empfiehlt eine Fahrt in den Kurzzügen der U-Bahnlinie U1/U3.
Wie oft wird in Spätis der Jugendschutz kontrolliert, wollte MdA Tom Schreiber wissen – ein Blick auf die Statistik aller Bezirke über die letzten fünf Jahre zeigt: 0,0 Promille.
Das Bezirksamt Mitte sucht zwei Lebensmittelkontrollsekretäranwärter/-innen (dem Rechtschreibprogramm nicht bekannt) – klingt irgendwie so, als bräuchte der Bürgermeister neue Abschmecker für den Morgenkaffee.
Und hier noch was zum Piepen: Gestern Nacht ist im Vivantes-Klinikum Neukölln das erste Turmfalkenküken aus dem zweiten Wurf geschlüpft (der erste Wurf ist bereits aus dem Nest) – wenn Sie mal durch die Webcam schauen wollen…
Die Senatsfraktionen haben inzwischen ungefähr ebenso oft die Schließung von Tegel beschlossen (erst gestern wieder) wie die Eröffnung des BER verschoben. FDP-Fraktionspilot Czaja teilte am Abend mit: „Diesen arroganten Akt werden wir R2G nicht durchgehen lassen: Wir ziehen vor den Verfassungsgerichtshof und werden weitere Maßnahmen ergreifen.“ Klingt nach Besetzung.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Wenn es ein Handbuch für Großprojekte gäbe, dann wäre beim BER so ziemlich alles aus diesem Buch nicht beachtet worden."
Finanzsenator Kollatz-Ahnen gestern im Abgeordnetenhaus.
Tweet des Tages
Morgendlicher Café-Talk türkischstämmiger Schülerinnen in Kreuzberg: „Heißt es ‚sie ist schöner als ich‘ oder ‚wie ich‘?“ - „Wie ich!“ - „Falsch! Als.“ - „Aber alle meine Freunde sagen ‚wie‘.“ - „Ja, Türken.“ - „Nee, die sind aus Baden-Württemberg...“
Stadtleben
Über den kulinarischen Spagat, den der ehem. Sternekoch Sauli Kemppainen und Restaurantleiter Vedad Hadziabdi am Ku´Damm versuchen, haben wir kurz nach der Eröffnung des Savu (ehem. Balthazar) vor ein paar Wochen bereits berichtet. Die Mischung aus skandinavisch-spanisch-italienischer Fusion ließ nicht lange auf Restaurant-Kritiker Bernd Matthieswarten - sein Fazit vorweg: Das Konzept überzeugt. Statt Vor- und Hauptgänge gibt es kleine Portionen, die um die 16 Euro kosten und durcheinander bestellt werden können (vier gibt es für 59 Euro). Viel Klein- und Feinarbeit steckt in den Kompositionen à la Hummer-Bisque mit Fenchel-Varianten, Kirschtomaten und Hummer-Vanilleöl, perfekt das Flanksteak mit grüner Basilikum-Gerste, Filet-Carpaccio sowie in Birnensaft und finnischem Birkenlikör gegarten Birnenscheiben. Wer will, kann hier gut mit 100 Euro für zwei davonkommen - was aber schade wäre auf dem Niveau. Kurfürstendamm 160 (U-Bhf Adenauerplatz), Mo-Sa ab 18 Uhr