Im Regierungsviertel soll es gerüchteweise keine Babyfone mehr zu kaufen geben. Das Kanzleramt hat wohl alle Bestände erworben, damit die regierende Rasselbande lückenlos Tag und Nacht überwacht werden kann. Schließlich soll sich sowas wie der überraschende Glyphosat-Trip von Agrarminister Christian Schmidt nicht wiederholen (am Ende schickt da noch jemand U-Boote zu Facebook oder so). Würde einem im normalen Leben so mitgespielt werden wie von Schmidt, da fielen einem mit Sicherheit deutliche Worte ein. Doch mit einem „Das entsprach nicht der Weisungslage, die von der Bundesregierung ausgearbeitet war“ belässt es seine Chefin - vorerst?
Und damit zu weiterer Berliner Schönfärberei:
Um Bezeichnungen, einen Missstand zu verbrämen, waren Ämter noch nie verlegen. So wurden Schulkinder in Marzahn-Hellersdorf in „internationalen Klassen“ unterrichtet, die nichts anderes waren als Klassen, in denen nur Flüchtlingskinder saßen. Die sollten nach dem Besuch der so genannten Willkommensklassen, in denen sie Deutsch lernen und ans deutsche Schulsystem herangeführt werden, eigentlich in die Regelklassen wechseln – damit sie schnell integriert werden. Doch es war kein Platz für die vielfach enttäuschten Schüler. Auf eine parlamentarische Anfrage des CDU-Politikers Maria Czaja hat jetzt Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) zwar bestritten, dass in Berlin überhaupt „internationale Klassen geführt“ würden, um dann aber zu gestehen, dass es Regelklassen gebe, in denen ausschließlich Flüchtlinge lernen. Das darf man wohl getrost als Wortklauberei bezeichnen – und als Armutszeugnis für die rot-rot-grüne Koalition. Entsprechend alarmiert reagiert man man dort: „völlig falscher Weg“, „nicht im Sinne der Koalition“. Eine Linke spricht gar von „Segregation“, also Ausgrenzung.
Nicht nur in Marzahn-Hellersdorf wird so verfahren, vielmehr sind es 16 Schulen in ganz Berlin. CDU-Mann Czaja sieht darin ein Sparmodell: Bestehen Willkommensklassen noch aus 10 bis 12 Schüler, sind es später 17 bis 20. Immerhin wird nun auf den Begriff „internationale Klasse“ verzichtet – wie wäre es mit „Unwillkommensklasse“?
Bleiben wir noch ein wenig im Berliner Unbildungswesen, in dem ein bekennender Nazi seit Jahrzehnten Namenspatron einer Schule ist. Es geht um Ludwig Heck (1860-1951), der 43 Jahre lang Direktor des Berliner Zoos war. Den baute er zu einem der bedeutendsten Tiergärten der Welt aus, ergänzte ihn aber auch um zweifelhafte Attraktionen wie „Völkerschauen“ und eine „vaterländische Sammlung“. Denn der Mann war nicht nur ein Fan von Braunbären: „Meine Söhne haben mir neuerdings öfter gesagt: ,Du warst schon Nationalsozialist, du hast uns schon nationalsozialistische Weltanschauung gepredigt, lange ehe das Wort erfunden war.' Das ist richtig“, schrieb er in seiner „Heiter-ernsten Lebensbeichte“. Trotzdem wurde 1956 eine Grundschule nach Heck benannt. Erst 2013 begannt die Diskussion um einen neuen Namen, mit angestoßen von der Direktorin. Nachdem es kürzlich öffentlichen Protest wegen Heck gab, kommt nun Bewegung in die Umbenennung. Nicht erst zum nächsten Schuljahr, sondern so schnell wie möglich soll die Schule den Namen der Lyrikerin und Holocaust-Überlebenden Mascha Kaléko erhalten (1907-1975).
SPD-Fraktionschef Raed Saleh hat nach dem Brandbrief, in dem ein Drittel der Sozialdemokraten im Abgeordnetenhaus seine Arbeit und seinen Führungsstil kritisierten, ein Löschpapier verfasst. Laut „Berliner Zeitung“ fehlen in dem zweiseitigen Schreiben allerdings konkrete Antworten auf die Kritik. Stattdessen schlägt Saleh „fraktionsoffene Arbeitsgruppen“ vor, um die Probleme zu diskutieren. Mehrere Themenbereiche sollen besprochen werden, so das eigene Rollenverständnis, die Plenarabläufe, die Diskussionstiefe und die Außendarstellung. Und überhaupt soll es mehr Teamwork geben – und eine „andere Geburtstagskultur“. Da kann man wohl nur gratulieren.
Mit der eigenen Gesundheit gepokert haben offenbar Falschspieler im Berliner Osten. In einer Müllsammelanlage wurden vor einem Jahr ausgestanzte Teile von Spielkarten entdeckt, die radioaktiv verseucht waren. Durch die Markierung mit Jod 125 (wird in der Medizin verwendet) konnte der Betrüger mithilfe eines Detektors erkennen, welche Karte gespielt wurde. Der Tourenplan der Müllwagen und der Abfall selbst brachten die Polizei auf die Spur einer 41-jährigen Restaurantbesitzerin aus Hohenschönhausen, bei der wohl radioaktiv gezockt worden ist. Bei der Festnahme dürfte sie jedenfalls kaum gestrahlt haben. Das erklärt vielleicht die einjährigen Ermittlungen - unter anderem wegen des „Verdachts der Freisetzung ionisierender Strahlen“.
Die Karten neu gemischt werden bei der AfD (ohne Jod 125 hoffentlich). Der Berliner Landeschef Georg Pazderski will Frauke Petry beerben – als Bundesvorsitzender der Partei. Das hat er dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ verraten. Am Wochenende trifft sich die AfD zum Bundesparteitag in Hannover. Eigentlich sollte dort die Doppelspitze (50 Prozent davon sind Jörg Meuthen, bleibt wohl) abgeschafft werden.
Telegramm
Fast ein Jahr nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt könnte es jetzt doch einen Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Fall Amri geben. CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder hat sich jedenfalls in der Mittwoch-„F.A.Z.“ dafür ausgesprochen. Anlass ist unter anderem die jüngste Ermittlungspanne: Die Polizei in NRW hat Handyfotos des Terroristen übersehen, auf denen er mit einer Schusswaffe posiert.
Nunmehr 289 Tage sind es, dass der Journalist Deniz Yücel ohne Anklage in türkischer Haft festgehalten wird.
Ein bisschen depri hören sich einige Projekte ja an, die mit 7,6 Millionen Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds gefördert werden: „Wir verrecken vor Lachen“, „Back to zero“, „This machine kills“, „The last Goodbye“, „Hopeless“. Trotzdem dürfte besonders die klamme Freie Kulturszene übers Geld happy sein.
Für den Bau der Heerstraße im Berliner Westen hat angeblich Kaiser Wilhelm II. das Lineal angelegt, um eine direkte Verbindung zum Truppenübungsplatz in Döberitz herzustellen (Quelle: kauperts.de). Demnächst legen die Behörden hier aber was anderes an: die Axt. Denn für einen Radweg sollen noch diesen Winter 62 Bäume fallen, schreibt André Görke in seinem „Leute“-Newsletter mit Nachrichten aus Spandau. Einfach sägenhaft, wie lustvoll die Behörden ihren Beitrag für die Akzeptanz des Radverkehrs leisten (zum kostenfreien „Leute“-Abo bitte hier entlang).
Vor zwei Wochen wurde in Neukölln 16 Stolpersteine, die an Holocaust-Opfer erinnern, aus dem Boden gerissen und gestohlen. Dank vieler Spenden konnte Ersatz beschafft werden. Die neuen Steine sollen nun diebstahlsichere Betonfundamente erhalten (laut „Berliner Zeitung“).
Die Bahn freut sich zwar über die steigende Zahl von Fahrgästen von und nach Berlin (plus sechs Prozent), doch dafür nimmt sie es allgemein - Überraschung! – mit der Pünktlichkeit nicht so genau. Laut „Süddeutscher Zeitung“ hat sie ihr Ziel fahren lassen, dieses Jahr einen Wert von 81 Prozent im Fernverkehr zu erreichen.
Dafür lässt es die Bahn bei ihren Kunden auf zwei Minuten ankommen. Wer mit einem Handyticket unterwegs ist, muss darauf achten, 120 Sekunden vor Fahrtantritt eingeloggt zu sein. Sonst ergeht es einem wie dem „Bild“-Mitarbeiter auf dem Bahnhof Schönefeld, der nach eigenen Worten das Ticket buchte, in die S-Bahn sprang und sofort Kontrolleuren in die Arme fiel – und als Schwarzfahrer draufzahlen sollte. Denn im Handyticket läuft nach dem Buchen ein Zwei-Minuten-Countdown (gilt auch bei der BVG), der verhindern soll, dass jemand ohne Fahrschein noch schnell nachlöst, wenn Kontrolleure auftauchen. Und wenn die Zeit noch läuft, droht eben Ärger. Schade, dass es sowas bei Verspätungen nicht gibt.
Falls mal wieder der Stoff für Smalltalk auf einer Party ausgeht – der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe hat per parlamentarischer Anfrage für Nachschub gesorgt. Er wollte wissen, wie viel Dienstkleidung für das Personal in der Charité und in den Vivantes-Kliniken pro Monat gereinigt werden. Der Senat ließ durchzählen und meldete: je 165.000 und 214.000 Stück.
Als es in Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre eine Reihe von Entführungen gab, mit denen Maschinen der polnischen Airline LOT nach West-Berlin gelotst wurden, machte der böse Scherz von „Landet ooch Tempelhof“ rasch die Runde. Jetzt füllt die Fluglinie die Lücke, die Air Berlin auf der Strecke nach Warschau hinterlassen hat. Täglich zwei Flüge gibt es, natürlich nicht von Tempelhof, sondern von Tegel.
Hoffentlich saß Checkpoint-Leser P. in keinem entführten Flugzeug. Denn in der gestrigen Ausgabe kritisierte er, dass in einer Lufthansa-Frühmaschine nach Köln nicht mal mehr das Recht auf Morgenkaffee gilt. CP-Leser (und Lufthanseat) Nils Lindemann stellte jetzt umgehend klar: Nach Kölle fliegt kein Kranich. Es wird wohl Eurowings gewesen sein. Ist aber auch irgendwie egal: Seitdem es keine Schokoherzen mehr bei der Landung gibt, macht Fliegen eh keinen Spaß mehr.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die Stadt ist besser als ihr politischer Ruf.“
SPD-Politikerin Bilkay Öney, von 2011 bis 2016 Integrationsministerin in BaWü, über ein Jahr Rot-Rot-Grün in Berlin (aus der neuen Tagesspiegel-Videokolumne „Auf den Punkt“).
Tweet des Tages
„Erkenntnis nach 5 Tagen Berlin: Nach Rucola und Chia kommen jetzt wieder Rote Bete auf den Teller.“
Stadtleben
Essen wie in Japan, wo Ramen-Bars Seele und Bauch wärmen. Die japanische Nudelsuppe ist in Berlin mindestens genauso beliebt wie die vietnamesische Pho-Suppe, aber viel seltener zu finden. Wie gut, dass Georg Weber vom Food-Blog sattundfroh eine neue Ramen-Küche in Friedrichshain, das Hako, entdeckt hat. Sein Favorit: TanTan Ramen (9,50 Euro), weil extra cremig durch Sesampaste und leicht scharf durch chinesischen Szechuanpfeffer. Zu finden in der Boxhagener Straße 26 (U-Bhf Frankfurter Tor), geöffnet tgl. 17-22.30 Uhr, barrierefrei zugänglich
Trinken und auf darauf Warten, dass der Film losgeht: Als Berliner ist man versucht, die offensichtlichen Touri-Spots zu meiden. Manchmal sind die ersten Cafés am Platz aber gar nicht die schlechtesten: Vor einem Besuch im Kino in der Kulturbrauerei lohnt ein Abstecher ins Frannz - nicht um zu feiern, sondern um sich im ehemaligen Ausschank der Schultheiss Brauerei bei einem Glas Wein einzustimmen (hier weht immer noch ein zarter Hauch Nostalgie durchs Gemäuer). Schönhauser Allee 36 (U-Bhf Eberswalder Straße), tgl. ab 12 Uhr