Kitapersonal ist seit jeher der lebende Beweis dafür, dass der Nutzen einer Tätigkeit für die Gesellschaft sich umgekehrt proportional zu ihrer Bezahlung verhält. In diesem Sinne sei den ErzieherInnen und Jugendamtlern, die vor der bundesweiten Tarifrunde heute auf sich aufmerksam machen wollen, ein erfolgreicher Warnstreik gewünscht. Dass einige Eigenbetriebs-Kitas bis Mittag geschlossen bleiben, ist für die Eltern zwar ärgerlich. Aber es ist nichts im Vergleich zu dem, was ohne angemessene Abhilfe in den nächsten Jahren auf sie zukommen kann. Ach so: Über eine Notbetreuung informiert Naomi Fearn in den „Berliner Schnuppen“.
Ein Paar aus Afghanistan verliert sein Kind wenige Stunden nach der Geburt am 24. Dezember, will nach der Weihnachtspause beim Landesamt für Flüchtlinge (LAF) die Kostenübernahme für die Bestattung beantragen – und wird mit dem Hinweis weggeschickt, dass man die Sache ja auch beim nächsten regulären Termin in zweieinhalb Wochen erledigen könne. Nachdem der CP gestern darüber berichtet hatte, ging es dann doch schneller: Anruf der entsetzten Sozialsenatorin beim LAF-Chef, Bescheinigung raus, vorsorgliche Nachschulung für alle relevanten Mitarbeiter, damit dieser Fall der letzte seiner Art gewesen ist. Eine Entschuldigung ist auch noch geplant. Sofern die Familie die annimmt.
Schräg hinterm Roten Rathaus wollen heute ab 17.30 Uhr mehr als 200 Menschen der 21-jährigen Fabien Martini gedenken, der vor genau einem Jahr beim Ein- oder Ausparken ein Polizeiauto mit mehr als 90 km/h in die Seite geknallt war. „Man sagt ja immer: Muss denn erst jemand sterben?“, resümierte Fabiens vom Unglück gezeichnete Mutter vor dem Jahrestag. „Nun ist jemand gestorben – und es passiert immer noch nichts.“ Gemeint sind die irrsinnigen Parkplätze, die ohne Abstand und Ampel auf dem Mittelstreifen der autobahnähnlichen Piste klemmen. Eine von Fabiens Freunden eingerichtete Gedenkstätte hatte der Bezirk vom Mittelstreifen an den Rand räumen lassen, damit kein Trauernder totgefahren wird.
Fabiens Eltern sind zwei von vielen, die ohne Verbündete durch den Behördendschungel irren. Deshalb ist die Gedenk-Demo auch der Schrei nach einer Ombudsstelle, wie es sie zwar für Bankkunden gibt, aber nicht für Hinterbliebene oder Schwerstverletzte nach Verkehrsunfällen. Die Verkehrsverwaltung erklärte auf CP-Anfrage, sie wolle die Forderung prüfen. Das ist schon deshalb das Mindeste, weil die meisten dieser Unfälle unter staatlich gesetzten Rahmenbedingungen geschehen: Das können achtspurige Stadtstraßen sein oder Ampeln mit gleichzeitigem Grün für Abbieger und Geradeausverkehr wie jene, an der im Juni in Spandau der 7-jährige Constantin unter einem Lkw starb. Die Leidensgeschichte seiner Eltern ähnelt der der Martinis fatal.
Ein Tsp-Leser hat in Briefen an Polizeipräsidentin und Innensenator die Wahrung der Verhältnismäßigkeit gefordert. Denn laut einem Gutachten soll der Polizeiwagen in der Spitze sogar 134 km/h gefahren sein – auf dem Weg zu einem Raub, der sich als Fehlalarm erweisen sollte. Wie es den Beamten geht, teilt die Polizei auf Anfrage nicht mit. Sie schreibt, dass derart tragische Blaulicht-Unfälle gründlich aufgearbeitet würden – inkl. „Abgleich mit der vorhandenen internen Regelungslage“. Die Feuerwehr beantwortet die Frage, bei welchem Tempo die Verhältnismäßigkeit für ihre Blaulichtfahrten endet, mit Verweis auf §35 StVO. Dem zufolge „dürfen die Sonderrechte nur unter gebührender Berücksichtigung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ausgeübt werden“.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Sollten Sie gestern im CP gelesen haben, dass die A114 in Frohnau in Silvestersteig umbenannt wird: Das konnte doch gar nicht stimmen, denn die Autobahn nach Norden raus ist ja die A111. Da blitzt es zwar neuerdings auch (und knallt seit jeher immer mal). Aber es ist die Straße 114A, die Silvestersteig heißen soll.
CP-Leser Michael Eiländer ist am Wochenende „fast vom Stuhl gefallen“, weil er seine Steuererklärung Samstagmittag via Elster versehentlich halbfertig abgeschickt hatte und seine anschließende Mail, was nun zu tun sei, schon Sonntagvormittag beantwortet fand. Gern hätte er dem Finanzamtsnotdienst mit Halleluja-Rufen gehuldigt oder wenigstens Kekse gebracht. Doch laut Impressum ist Elster das Werk des Bayrischen Landesamtes für Steuern. Belassen wir es also bei einem „Kann man nicht meckern.“
Weitere Helden aus entlegenen Gefilden sind in unseren heute erscheinenden Leute-Newslettern zu erleben – wie jeden Dienstag aus Spandau, Marzahn-Hellersdorf und Tempelhof-Schöneberg.
Falls Sie auch schon das Pfeifen im Amte gehört haben: Es könnte CP-Leser Norbert Mertens gewesen sein, der am Freitag einen Termin für Montag 8 Uhr im Bürgeramt seines Vertrauens (PrenzlBerg) zwecks Passverlängerung reservieren konnte, um 8:01 drankam und um 8:09 „vollständig verrichteter Dinge und vergnügt pfeifend“ das Bürgeramt verließ. Wie ging noch mal die Melodie von „Amt, aber glücklich“?
„Läuft doch!“ kann so gemeint sein oder ganz anders, je nach Betonung. Zu Variante 1: Die CP-Laufgruppe trifft sich auch nächsten Samstag 11 Uhr auf dem Tempelhofer Feld, Eingang T-Damm / Bahnhof. Zu Variante 2: Heute vor 90 Jahren wurde das Tempo-Taschentuch zum Patent angemeldet.
Das Landesamt für Gesundheit und Soziales rät: Augen auf bei der Wahl der Shisha-Bar! Wenn erst die Nasenflügel hängen, ist es zu spät: Oft würden bei Kontrollen gefährlich hohe Kohlenmonoxid-Konzentrationen festgestellt, weil Shisha-Bars schlecht belüftet seien. Gefahr droht auch, wenn zu Hause Kohle glimmt. Eine Kampagne soll auf das unmerkliche und deshalb so tückische Risiko aufmerksam machen.
Es war Freitag kurz vor Mitternacht, als CP-Leserin Ae-Ri Shim am Bhf. Spandau sah, wie zwei Polizisten einen zu dünn angezogenen Obdachlosen aus der Gepäckaufbewahrung bringen wollten. Sie gab den Beamten die Nummer des Kältebusses (0178-523 5838), die riefen an – und bekamen 90 Minuten Wartezeit avisiert. Solange durfte der Mann im windgeschützten Bahnhofsraum bleiben, aber nach 20 Minuten zog er weiter Richtung U-Bahn. Auch wo guter Wille ist, ist eben noch längst keine Wärme.
Bundesverkehrsministerium und Lufthansa fallen Berlin ja gern in den Rücken, aber jetzt spielt das BMVI mal nicht mit: Da die angemessene Anbindung der Hauptstadtregion an den Luftverkehr ja in Arbeit sei, „besteht derzeit keine Notwendigkeit“, mit Airlines wie der Lufthansa über die Offenhaltung von TXL zu reden, hieß es auf Anfrage von MdB Daniela Kluckert (FDP). Das ist doch mal ein klares Wort.
Ungewiss ist dagegen die Zukunft jenes Hangars am Rande von SXF, in dem bis zu 450 Lufthansa-Techniker Flugzeuge warten. Der Mietvertrag läuft 2020 aus, die Halle soll abgerissen werden. Allerdings bezweifelt die Lufthansa, dass der BER den Bau einer neuen Halle überhaupt lohnt.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Die Münze sollte am nächsten oder übernächsten Tag ins Kulturforum umgesetzt werden."
Auch das noch. Die Aussage traf ein für Sicherheit zuständiger Mitarbeiter der Staatlichen Museen beim Prozess um den Diebstahl der 100-Kilo-Goldmünze. Die Verhandlung lässt die Museen bisher nicht gut aussehen.
Tweet des Tages
Kids mit Gangsta-Attitüde werten Mathe-Arbeit aus. „Digga, ich hab Satz des Pythagoras nich, man. Hab's verkackt, man.“ Anbiederungsversuch: „Jo man, Satz des Pythagoras, was solln das auch sein?! 'Der Ouzo geht aufs Haus', oder wie?“ Ghettofaustgeste wird ignoriert.
Stadtleben
„Sæson" bedeutet Saison, und weil der Name Programm sein will, wird hier überwiegend saisonal, regional und aus so nachhaltiger Landwirtschaft aufgetischt, wie eben möglich. Beim Sæson handelt es sich schließlich um das hauseigene Restaurant des dänischen Hotels Lulu Guldsmeden, welches sich die besondere Sorge um Nachhaltigkeit zum Alleinstellungsmerkmal ersonnen hat. Allein und auf sich gestellt wird man sich beim Abendessen vermutlich nicht finden, nicht zuletzt wegen des beliebten Kabeljaus, von unseren „Mehr Genuss"-Gourmets unlängst für hitverdächtig befunden, und der eben heute wieder auf der Wochenkarte steht, für ebenso hitverdächtige 9,50 Euro. Das ganze Menü und die Öffnungszeiten können Sie hier einsehen. Potsdamer Straße 67, U-Bhf Kurfürstenstraße
Ebenfalls saisonal und nach Möglichkeit regional sind die Speisen in Annelies Café, die das kleine, feine Kaffeesortiment erweitern, um das sich der Laden eigentlich dreht. Nicht, dass man in der Gegend um die Görlitzer Straße dringend eine Empfehlung in Sachen guten Kaffees bräuchte – der Standard ist hier doch beachtlich. Allerdings setzen viele Konkurrentinnen auf eine allzu ausgefallene Menüvielfalt nach US-amerikanischen Vorbild und teils verwegene Eigenkreationen mit zum Beispiel Schnäpsen oder Avocado. Annelie geht es anders an und bietet einfach den besten Filterkaffee der Gegend, nebst einigen anderen, ebenfalls empfehlenswert bereiteten Standards, siehe Karte. Mi-Mo 9-17, Sa-So 10-18 Uhr, Görlitzer Straße 68, U-Bhf Görlitzer Bahnhof
Geschenke verraten stets eine Menge über die Schenkenden. Grund genug, die mit einem womöglichen verzerrten Blick fürs Praktische und Nützliche, in Unkenntnis der Vorlieben der Beschenkten, mit missverständlichem Humor oder wider besseren Geschmacks besorgten Gaben nicht immer für sich sprechen zu lassen. Eine Möglichkeit, die Botschaft in gewünschte Bahnen zu lenken, bietet die Gestaltung der Umverpackung. Generationen von Schönebergern rüsten sich für allerlei Personalisierungen im Hobbyshop Wilhelm Rüther in der Goltzstraße 37, unweit des U-Bhf Eisenacher Straße. Eine seit Jahrzehnten herausragende Adresse für alles Nutzlose zwischen Plastik, Stein, Lametta und Glas, liebevoll sortiert, das sich überall festmachen lässt, um zu glänzen und an den unmöglichsten Stellen klebenbleibt, wenn man nicht aufpasst. Mo-Fr 9.30-19 Uhr, Sa 9.45-16 Uhr