„there’s no business like snow business“ meldet Politicos „Playbook“ aus Davos - die Alpen versinken zum Gipfeltreffen der Wirtschaftsführer mit Trump (in Washington hoben die Demokraten in der Nacht die Haushaltssperre auf), Merkel und Macron (u.a., Beginn heute) im weißen Pulver. In Berlin steht uns dagegen die nächste Hitzewelle bevor: Für Mittwoch und Donnerstag werden 12 Grad vorausgesagt, und zwar plus.
Dennoch fällt es nicht allen ganz leicht, cool zu bleiben, wie unsere erste Meldung zeigt:
Mit einem Stinkefinger-GIF von Homer J. Simpson an die Adresse der CSU und der Abgeordneten Dorothee Bär („Gruss“) kommentierte Senatskanzleichef Björn Böhning auf Twitter nach dem SPD-Parteitag die Lage der Koalition (hier zu sehen). Große Empörung („peinlich“, „kindisch“, „niveaulos“, „erbärmlich“, um mal die harmlosesten Kommentare zu zitieren). Aber Moment mal – wie viele Finger hat Homer noch gleich… richtig, sind ja nur vier, und welche reckt er da in die Höhe, na? Tja, es sind die Ringfinger. Sieht also eher nach einem verschlüsselten Verlobungsantrag aus als nach einer Beleidigung.
IT-Staatssekretärin Sabine Smentek (doch, es gibt sie, selbst überprüft) verkündete gestern im ITDat-Ausschuss: Es sind Termine frei im Bürgeramt! Innerhalb von 14 Tagen! Online zu buchen! Dazu präsentierte die Digitalchefin stolz eine Grafik – auf Papier ausgedruckt, selbstverständlich.
Tatsächlich läuft’s langsam hier und da ganz gut - auch Checkpoint-Leserin Seema Mehta meldet: „Die Ämter sind besser als ihr Ruf - in Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf jedenfalls! Geburtsurkunde 13 Tage, Kindergeldbescheinigung 22 Tage, Elterngeldantrag 4 Wochen - jeweils vom Antragsversand bis zum Erhalt der Unterlagen.“
Ganz anders sieht es leider weiterhin beim Unterhaltsvorschuss aus - und ganz besonders beim Standesamt Pankow, das sogar vor sich selber warnt: „Achtung! Derzeit beträgt die Wartezeit für die Terminvergabe 3 bis 4 Monate. Wir empfehlen daher dringend, die Hochzeitsplanung erst dann vorzunehmen, wenn die Anmeldung erfolgt ist.“ Diese ist aber so gut wie unmöglich. Zwar werden angeblich Termine jeden Samstag und Sonntag um 8.30 Uhr für den Montag und Dienstag vier Wochen später „freigegeben“. Doch tatsächlich wechselt das Datumsfeld von „weiß“ (Termin noch nicht freigegeben) direkt auf „rot“ (Termin ausgebucht), ohne die Zwischenstation „blau“ (Termin buchbar). Es gibt offenbar Wartelisten, aber keinen Hinweis, wie man auf eine solche kommt: Auf Mails und Anrufe wird gar nicht erst reagiert. Ein erster Härtetest für die Beziehung – wer das übersteht, schafft auch die nächsten sieben Jahre.
Zur Überbrückung der Wartezeit hier ein bisschen Amtslyrik, ebenfalls vom Standesamt Pankow, gedichtet in besseren Zeiten, hier konserviert für die Ewigkeit:
„Heiraten Sie in einem der schönsten Berliner Standesämter – im Rathaus Pankow, im beliebten Standesamt Prenzlauer Berg an der Fröbelstraße (CP-Hinweis: Lt. BA derzeit keine Eheschließung) oder im beschaulichen Standesamt Weißensee an der Amalienstraße (Lt. BA derzeit keine Eheschließung). Zudem können Sie sich an ausgewählten Terminen im rekonstrierten Schloss Schönhausen oder in der rustikalen Rosenthaler Schmiede trauen lassen. Hier ist für Jeden etwas dabei, warum also am vermeintlich schönsten Tag des Jahres in die Ferne schweifen.“ Tja, warum wohl…
Aus der Rubrik „Kleiner Fehler, große Wirkung“ heute mal keine Checkpoint-Korrektur, sondern ein Beitrag aus der Senatskanzlei: „Abschließend bitte ich um Verständnis, dass manche Maßnahmen, die in der Stadt durchgeführt werden, immer und überall den Ansprüchen und Vorstellungen aller Berlinerinnen und Berliner entsprechen können.“ Sorry, wir sind eben nun mal so gut. (Q: Mail an einen Bürger)
In der Mail ging es übrigens um die vom Senat geplanten neuen öffentlichen Toiletten („Dazu ist auch vorgesehen, dass jedes öffentliche Klo in der Hauptstadt geschlechtsneutral und pro Einzelkabine mit einem Sitzbecken, einem Pissoir für Herren sowie einem Urinal für Damen ausgerüstet werden soll“) – der alte Vertrag mit der Firma Wall (172 Toiletten) gehe „nicht mit dem Kartell- und Vergaberecht überein und läuft Ende 2018 aus“. Update: Die Firma Wall teilt soeben mit: Der Senat hat den Vertrag bis 2020 verlängert. Läuft wohl nicht ganz so wie gedacht.
Telegramm
Mit einer letzten Relevanzoffensive verabschiedete sich der Grünen-Abgeordnete Stefan Gelbhaar vom Landesparlament in den Bundestag – unter dem Titel „The last one“ fragte er den Senat, was die ganze Stadt bewegt: „Welche Funktion hat die künstliche Palme auf dem künftigen Gelände des BND?“ Bereits nach knapp zweiwöchiger Recherche in Geheimdienstkreisen lag die Antwort von Baudirektorin Regula Lüscher vor: „Die Palmen sind Kunstobjekte.“ Checkpoint-guess: Videokunst? (Mehr von Stefan Gelbhaar gibt’s im „Encore“)
Sie erinnern sich an den Fall der hoch begabten Pianistin Anastassiya Dranchuk (seit 17 Jahren in Berlin, gefeierte Auftritte, drohende Abschiebung)? Die „Berliner Zeitung“ (S. 3) meldet heute: „Jetzt ist Rettung in Sicht.“
Fünf S-Bahnhöfe bekommen Sicherheitswachen (und Hundestaffeln) – die erste wurde gestern in Gesundbrunnen eröffnet, es folgen Westkreuz, Ostkreuz, Schöneberg und Friedrichstraße.
Die BVG-Sneaker mit integrierter Jahreskarte (nur gültig am Fuß), Originalpreis 180 Euro, limitiert auf 500 Stück, gehen am Schwarzmarkt durch die Decke: Bei Ebay wurden sie gestern mit bis zu 2.500 Euro gehandelt. Angesichts der dubiosen Erstverkaufspraxis: Wo sind die Kontrolleure, wenn man sie mal braucht?
Tierischer Einsatz in Kreuzberg: Die Feuerwehr begleitete gestern einen verirrten Schwan zu Fuß zurück zum Kanal, „wo er von Applaus begleitet davon schwamm“. (Foto hier)
Neues Berlin-Spiel: Weihnachtsbaumspotting – die reguläre BSR-Abholaktion ist vorbei, wer noch einen entdeckt, kann ihn unter der Nummer 7592-4900 oder hier Online melden (oder einfrieren und am nächsten 24.12. wieder auftauen).
Die Verlängerung der Party-Tram M10 bis nach Neukölln rückt näher – der Senat hat jetzt eine Grundlagenermittlung ausgeschrieben, Planungsaufgabe u.a.: Neugestaltung Hermannplatz.
Apropos Party: Der legendäre Club „Bassy“ macht dicht, dem „Privatclub“ droht ein ähnliches Schicksal (disconnected by Samwer), und auch im „Babette“ (unplugged by Berggruen, mehr dazu im „Stadtleben“) ist es bald soweit. Checkpoint-Diagnose: Hier wird Berlin ärmer, weil es reicher wird.
Nachtrag zur Meldung „Nach 18 Berufsjahren: Keine Zulassung für Hebamme aus dem Iran“ (CP von gestern) – die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung teilt mit:
„Wir sind dem Fall schon im vergangenen Jahr nachgegangen. Leider konnte Frau S. weder Stundennachweise aus Ihrem Studium noch die geforderte praktische Berufserfahrung nachweisen, sodass die im Iran absolvierte Ausbildung nicht als gleichwertig anerkannt werden konnte. Auch in einem Praktikum an einer der größten Geburtskliniken Berlins wurde festgestellt, dass sie sowohl in Theorie als auch Praxis zu große Wissenslücken hat, um ohne weiteres als Hebamme tätig werden zu können. Das LAGeSo konnte daher Frau S. nicht ohne weiteres als Hebamme anerkennen, hat sie aber vom LAGeSo ausdrücklich auf die Möglichkeiten hingewiesen, auf anderem Weg eine Berufsanerkennung zu erreichen. Das ist derzeit durch einen Anpassungslehrgang außerhalb Berlins, eine Kenntnisprüfung oder eine verkürzte Ausbildung möglich. Bevor man zu hohe Hürden für die Berufsanerkennung beklagt, sollte man bedenken, dass diese kein Selbstzweck sind, sondern vor allem dem Schutz der werdenden Mütter und ihrer Kinder dienen. In den vergangenen Jahren gab es jeweils nur wenige (drei bis vier) Anträge auf Berufsanerkennung ausländischer Hebammen in Berlin. Weil wir aber - wie Sie richtig schreiben - mehr Hebammen brauchen, wollen wir dieses Jahr in Absprache mit den Berliner Hebammenschulen einen Anpassungslehrgang einrichten und auch die Zahl der Ausbildungsplätze deutlich erhöhen.“
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Kollatz-Ahnen wirft einiges Durcheinander: Höchstwert, Verkehrswert und Marktwert ist immer dasselbe. Das sollte ein Finanzsenator eigentlich wissen.“
Neue Folge im Grundstücks-Klimbim zwischen Bund und Land („Die Real-Estate-Szene holt das Popcorn raus“, CP von gestern), heute: Bima-Chef Jürgen Gehb kritisiert die Kritik an seiner Kritik an der Berliner Immobilienpolitik (Q: Tagesspiegel).
Tweet des Tages
„Zugverkehr unregelmäßig, U9 proppenvoll, ich nehme das Kleinkind vorsichtshalber auf den Arm. Als wir aussteigen wollen und uns zur Tür durchdrängeln, brüllt es vom Arm: ‚Ey, kein‘ Stress machen Leute!‘ Ich kann ihm nicht mehr viel beibringen. :-)“
Tweet des Tages
„Wenn er jetzt noch ‚Nicht mit dem Fahrrad in den ersten Wagen‘ kann, halten wir ihm gerne einen Ausbildungsplatz zum U-Bahn-Fahrer frei.“
Stadtleben
Essen aus der Kategorie "einfacher, aber guter Italiener mit dem unvermeidlichen Schuss Italien-Folklore": Das Mondo Sardo in der Winsstraße 1 in Prenzlauer Berg. „Grandiose sardische Küche“, schwört Benedikt Eichhorn, Musiker und Kabarettist (derzeit als Mechaniker Fritz Steppke in Frau Luna im Tipi am Kanzleramt zu sehen) – wollen wir ihm mal glauben. Tgl. ab 17 Uhr
Trinken in der Bar Babette ist immer eine kleine Zeitreise. Seit 15 Jahren besteht der Glaskubus an der Karl-Marx-Allee 36 in Friedrichshain als Bar mit Kunstbetrieb, ein bisschen fernab der Trink-Trends, ohne Craftbeer und „herbal infused“ Drinks, dafür stilecht mit Hasseröder, Bloody Mary und Vita Malz. Doch es droht das Aus für den ehemaligen Damensalon: Besitzer Nicolas Berggruen hat den Mietvertrag über 2018 hinaus nicht verlängert. Auch wenn eine Petition die Schließung zu verhindern sucht: Gehen Sie lieber nochmal hin, bevor auch dieser Kult passé ist. Tgl. ab 18 Uhr, U-Bhf Schillingstraße