Jetzt pfeift der Wind direkt von Karelien in den Mantelkragen. Seit dem Frühling oder eigentlich schon immer war absehbar, dass der nächste Winter bestimmt kommen würde und die U-Bahn nicht auf ewig die letzte Hoffnung für jene sein kann, die ganz unten angekommen sind. Doch noch immer (oder erst jetzt) überlegt die sog. Sozialverwaltung, ob sie Obdachlose in einen finsteren kalten Tunnel unterm Alex einquartiert. Mehr dazu, wie kalt Berlin sein kann, gibt’s weiter unten – und um kurz nach acht von Lorenz Maroldt in seinem Dienstagskommentar auf Radio Eins.
Crashkurs in Kriminalistik gefällig? Voilà: „Die Kriminalitätsbelastung der Bezirksregionen wird anhand der Häufigkeitszahl (HZ) dargestellt. Die Häufigkeitszahl bezeichnet die Anzahl der Straftaten, bezogen auf 100.000 Einwohner. Sie drückt die durch die Kriminalität verursachte Gefährdung aus.“ Schreibt die Polizei zum Online-Kriminalitätsatlas. Am sichersten lebt es sich demnach in Müggelheim (HZ 3732). Die mit Abstand gefährlichste Ecke ist, tata!, das Regierungsviertel mit der Häufigkeitszahl 114.377. Den Spitzenplatz hat das Viertel auch in der Unterrubrik „Kieztaten“, die diverse Delikte bündelt, „bei denen oftmals ein enger räumlicher Bezug zwischen Tatort und Wohnort des Täters besteht“.
Das Verfälschen von Statistiken ist übrigens keine eigene Kategorie, aber es hat seinen Reiz, wie man sieht. Denn laut Dreisatz rechnet die Polizei dem Regierungsviertel 11.602 Einwohner zu, aber z.B. dem Alex mehr als 55.000. Der wird deshalb trotz >21.000 Straftaten nur drittgefährlichster Ort, während dem Regierungsviertel 13.270 Taten für den Titel als Herz der Finsternis genügen. In Müggelbü waren es übrigens 247 Taten, darunter ein Raub und drei Rauschgiftdelikte. Der absolut sicherste Ort 2017 ist laut Kriminalitätsatlas der Forst Grunewald mit 72 Fällen. Die Einwohnerzahl des Waldes ist nicht erfasst – aber 16 „Kieztaten“. Da hat der Keiler wohl die Sau rausgelassen.
Wo wir gerade bei Kriminalität sind: Das Landgericht verhandelt seit gestern wieder darüber, ob die Ku’damm-Raser auch im juristischen Sinne Mörder sind. Bei der Beurteilung spielt ihr Tempo von bis zu 170 Kilometern pro Stunde eine wichtige Rolle. Während die beiden durchaus wieder zu lebenslanger Haft verurteilt werden könnten, kommt der BMW-Fahrer, der in der Nacht zu Montag auf dem Wedding-Zubringer mit Tempo 181 geblitzt worden ist, mit 680 bis 1360 Euro davon und kann in drei Monaten wieder durchstarten. Er hat halt zufällig niemanden umgebracht mit seiner Fahrweise.
9400 nicht belegte Kita-Plätze hat die Bildungsverwaltung vor einer Woche gemeldet. Da staunten die teils verzweifelt suchenden Eltern – und Tagesspiegel-Bildungsexpertin Susanne Vieth-Entus wunderte sich. Ihr Rundruf in den zehn Einrichtungen mit den angeblich meisten freien Plätzen ergab, dass die in keinem Fall verfügbar waren: Personalmangel, Umbau, inaktuelle Daten; was eben so passiert. Die Bildungsverwaltung hält die Statistik „dennoch für grundsätzlich belastbar“. Dazu der kleine Karl-Leonard aus der Betriebskita „Advokatennest“: Auf ‚grundsätzlich‘ ist grundsätzlich kein Verlass.
Wenn die Kinder älter werden, müssten sie dann in die Schulen gehen, die die Verwaltung leider nicht vorgesehen hat: Pro neu gebauter Wohnung rechnet die Bauverwaltung des Senats mit zwei Bewohnern – auch da, wo größere Wohnungen errichtet werden. Sechs Prozent Grundschulkinder, lautet der Schlüssel, der nach Ansicht von Katalin Gennburg (Linke) absehbar nicht passt (Q: „Berliner Zeitung“). Öffentliche Schulbauten werden nur noch für 90 Prozent der Kinder einkalkuliert; der Rest soll auf Privatschulen gehen. Also dahin, wo man seine Schullaufbahn eher selten in Containern absolvieren muss.
Wenn die Gondeln Flower tragen, blüht die Phantasie: Nachdem die FDP mit ihren IGA-Seilbahn-Nachnutzungsplänen für die Leipziger Straße als Alternative zum Dauerstau vorgelegt hat, zieht die CDU nach: Seilbahnen seien „als Verkehrsmittel ebenso geeignet wie die bestehenden Fährverbindungen“. Am besten als Mini-U-Boote, der Optik wegen. Die SPD fordert in einem Antrag fürs Abgeordnetenhaus, die Seilschaft als Verkehrsmittel für andere Bezirke zu prüfen. Das musste die FDP natürlich toppen, indem sie auch eine Seilbahn als Verbindung zwischen Marzahn und Köpenick fordert. Die Kabel können sie ja von der BER-Südbahn nehmen (CP von gestern). Die müssen ohnehin zum Trocknen aufgehängt werden.
Der nahende Advent ist in Berlin zurzeit vor allem an den massiven Sperren zu erkennen, die rund um die Weihnachtsmärkte aufgebaut werden. Am Breitscheidplatz, wo vor zwei Jahren zwölf Menschen ermordet wurden, werden gerade 160 brusthohe Gitterkörbe montiert, mit Sandsäcken bestückt und miteinander verbunden (Q: „Berliner Zeitung“). Anderswo wie am Potsdamer Platz sollen es einzelne Betonbarrieren tun. Billardspieler und alle, die in Physik aufgepasst haben, ahnen bei deren Anblick, dass es absolute Sicherheit nicht gibt.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Der Poker um die Grundstücke am CP-Namensvetter Charlie bleibt spannend: Während Regiermeister Müller weiter mit dem Investor Trockland (powered by Genossen, CP von gestern) verhandeln will, eruieren Grüne und Linke gerade, wie das Land sich mindestens Teile des denk(mal)würdigen Areals sichern kann. Sie sehen gute Chancen.
„In Marzahn-Hellersdorf entstehen 165 Wohnungen mit einem modularen Planungssystem“, stand über der Mitteilung, die aus dem Ordner von 1979 gefallen schien, aber tatsächlich von gestern ist: Am Montag wurde der Richtkranz auf den Prototyp jener Gebäude gehoben, die mit ihren Standardmodulen die Antwort auf hohe Mieten und Wohnungsmangel sein sollen. Dazu die autochthonen Nachbarn: „Dit is ja wie früher!“
Während die „Stadt und Land“ die Platte für sechsfünfzig kalt neu erfindet, betreibt der Wohnungskonzern Vonovia kreativen Wucher mit Betriebskosten, die er über Tochterfirmen selbst kassiert. Der „Spiegel“ berichtet u.a. aus einer Berliner Wohnanlage, in der Vonovia 2015 für Hausmeisterarbeiten an 47 Tagen mehr als 43.000 Euro von den Mietern kassiert habe.
Neues von Ostdeutschlands beliebtestem Rechtspopulisten: 62 blecherne Grünpfeile hängen noch an den rund 2100 Berliner Ampeln, die Mehrzahl übrigens in den westlichen Bezirken. An allen Grünpfeil- Kreuzungen zusammen gab es 2017 genau neun Unfälle, weil jemand am Blechschild Mist gebaut hat. Deshalb hat auch niemand die Absicht, die von Fußverkehrs- und Blindenverband kritisierten Dinger abzuschrauben (Q: SenUVK auf Anfrage Kristian Ronneburg, Linke).
Unnützes Berlin-Wissen gefällig? Gut 20 Milliarden Blätter werfen die Straßenbäume im Herbst ab: 433.000 Bäume à 50.000 Blätter. Das Laub ist ein Fall für 2000 BSR-Beschäftigte, die den 110.000 Tonnen schweren Berliner Herbsthaufen einsammeln zwecks Kompostierung in Brandenburg. (Q: „B.Z.“.)
Mitten in die gestrige CP-Jubiläumsfeier zur 100. Begründung im Betriebsstörungsbingo platzt die von Leser Ralph Hoppe vernommene Durchsage eines Fahrers auf der S85 kurz vor Pankow: „Sobald der Fahrdienstleiter seine Signale wieder im Griff hat, werden wir unsere Fahrt fortsetzen.“ Die Ausbildung zum FDL dauert laut DB-Karriereportal übrigens „maximal 3 Jahre“.
Neben der Spur war gestern auch die Regie der „Abendschau“. Da wurde ein knallrot wetterbejackter Passant am Breitscheidplatz als Polizeisprecher deklariert und der Sprecher des Wohnunternehmensverbandes BBU als Sasha Waltz. Es folgte die Nachricht zum Welttoilettentag mit der Anmoderation „Jetzt fehlt mir leider der Text.“ Solange es nicht das Papier ist…
Der Zirkus um den Zirkus „Voyage“ (CP von Freitag) kostet das Land laut „B.Z.“ 6665,19 Euro an Anwalts- und Gerichtsgebühren. Denn das Verwaltungsgericht hat den Streitwert für den Prozess um den nicht genehmigten Standplatz am Olympiastadion auf stolze 240.000 Euro festgesetzt – entsprechend dem wirtschaftlichen Wert der Sache für den Zirkus.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Wir fangen nicht an, Menschen in Höhlen unterzubringen."
Verkehrssenatorin Regine Günther (für Grüne) zu Plänen der Sozialverwaltung, Obdachlose bei Frost in einem vor zehn Jahren stillgelegten Fußgängertunnel am Alex schlafen zu lassen. Der Tunnel hat weder Lüftung noch sanitäre Anlagen noch Notausgänge. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) schlägt als menschenwürdige Alternative freie Tempohomes vor.
Tweet des Tages
"Der Glühweinstand, der gestern vorm Edeka aufgebaut wurde, ist heute schon wieder verschwunden. War wohl nur ein One-Night-Stand."
Stadtleben
Essen Ist es nun Trotz, der hier dem Image Moabits eine Antithese setzt oder doch nüchternes Kalkül, dass ausgerechnet im Kleinen Tiergarten ein neuer, mediterran angehauchter Fusionsküchenpavillon, der eher an Neukölln erinnert, steht? Restaurantkritikerin Elisabeth Binder findet, dass es ihm jedenfalls noch etwas an Experimentierfreude und Finesse fehlt, um mit den gehobenen Gentrifizierungsküchen des Randbezirks, also Neukölln, mitzuhalten. Wie das neue Moabiter Einkaufszentrum könnte aber auch das Alverdes, benannt nach dem Architekten des Kleinen Tiergarten, bereits ein Vorgeschmack auf das Kommende sein, das doch einiges verheißt, wenn man dem Lammspieß mit Kräuterjoghurt (15,50 Euro) Glauben schenkt aber von den zähen Pastinaken-Pommes-Frites absieht. Die Burrata mit Mittelmeer-Gemüse-Mix, dazu Feigen, Honig, Minze und Pinienkerne schlägt mit 10,50 Euro zu Buche, eine Kürbissuppe mit Akzent mit 5,50. Stromstraße 108, tägl ab 10 Uhr. Stromstraße 108, U-Bhf Turmstraße
Trinken Eine der besten Weinadressen des Prenzlauer Berg dürfte das nicht nur bei Anwohnern überaus beliebte La Cave sein, das ein umfangreiches Sortiment des Dionysischen Stoffes nebst Expertise parat hat. Jeden Dienstag findet zur Zeit die Half-Price-Bottle-Night statt, bei der, wie der Name schon sagt, zu halben Flaschenpreisen eingeschenkt wird – wohlgemerkt, eingeschenkt, denn getrunken wird vor Ort an der hauseigenen Bar. Die Verkaufspreise der Weinhandlung bleiben von alledem unberührt. Zu den Weinen, die hier aufzuzählen jeden Rahmen sprengen würde (siehe Sortiment), gibt es eine Auswahl feiner Beilagen, etwa Schinken- oder Käsevariationen zu je 11,50 Euro, portugiesische Sardinen auf Toast für 4 Euro oder die Französische Zwiebelsuppe für 6 Euro. Beginn um 17 Uhr, Dunckerstraße 80A, S-Bhf Prenzlauer Allee
Geschenk In der „Pop Music Masterclass“ auf 1Live erklärt selbsternannter „(not a) musical genius“-Pianist und Rapper Chilly Gonzales Werke aus der Pop-Musikgeschichte theoretisch, praktisch am Klavier und animiert zum Nachkomponieren. Wer bislang gar nicht wusste, dass Video-Meistervorträge auch Meisterschüler hervorbringen, wird heute Abend im Kulturkaufhaus Dussmann eines Besseren belehrt, wo eben Meister Gonzales ab 19 Uhr ein Umsonst-Konzert geben und auch einigen seiner Meisterschüler Bühnenzeit an seiner Seite schenken will. Auf die umfangreiche Auswahl an CDs, LPs, Partituren und Büchern vor Ort sei zudem hingewiesen – die kann man am Schalter auch als Geschenk einpacken lassen. Dussmann, Friedrichstraße 90, U-Bhf Friedrichstraße