Nach dem Bundespräsidenten und dem Bundestagspräsidenten hat jetzt auch der Bundesratspräsident zur Lage der Nation Stellung bezogen - Michael Müller erklärt: „Dreierbündnisse sind schwieriger zu bilden, schwieriger zu führen“, er kenne das aus Berlin und rate dazu, sich „an schwierige politische Verhältnisse zu gewöhnen“. Zur Zeit wird ein bisschen weniger über Neuwahlen gesprochen, dafür ein bisschen mehr über die Möglichkeit einer Minderheitsregierung, vage über einen neuen Jamaika-Versuch und ein wenig auch über eine große Koalition. Der einflussreiche SPD-MdB Johannes Kahrs, Sprecher des rechten Flügels, sagt: „Wir sollten uns nicht vorab auf eine Option festlegen“ (Q: „Vorwärts“). Das klingt jedenfalls anders als bei Schulz. Aber ein Termin für den nächsten Kreuzganz ist für alle Fälle auch schon im Gespräch: Es könnte der 22. April werden. Meine Stimmen vom 24. September dürfen sie übrigens gerne recyceln, im Sinne eines nachhaltigen Wahlverhaltens - weg mit der Wegwerfgesellschaft!
Wir bleiben noch kurz bei der Regierungskrise, die keine Staatskrise ist:
Thomas Gottschalk twittert zur Lage der Nation: „Hier spricht der Fachmann: Mit Koalitionen kenn‘ ich mich aus. (ARD, ZDF, RTL, SAT1)! Nicht immer kam was Vernünftiges dabei raus. Manchmal liegt die Kraft in der Minderheit (Tele5).“ In Berlin würden Neuwahlen wahrscheinlich ohnehin daran scheitern, dass die am 24. September gegen den Willen des Personalrats zur Sonntagsöffnung der Wahllokale genötigten Schulhausmeister noch bis Ende 2018 ihre Überstunden abbummeln und die Schlüssel mitgenommen haben. Und über unsere Wahlsoftware, die schon beim letzten Mal Berlin mal wieder zum Allerletzten machte, denken wir lieber gar nicht erst nach - bis heute sind die Pannen bei der letzten Wahl nicht öffentlich geklärt.
Bis zur Regierungsbildung ist so oder so noch ein bisschen Zeit, die wir uns mit ein paar passenden Songs vertreiben können. Auf der Playlist stehen bereits „Breaking Up Is Hard To Do“ (Neil Sedaka), „Jamaica Say You Will“ (Jackson Browne), „Jamaica Farewell“ (Harry Belafonte), „Yellow Submarine“ (Beatles), „Red Red Wine“ (UB40), „Back To Black“ (Amy Winehouse), „Green Hell“ (Misfits) und „Please Don‘t Go“ (Joel Adams). Weitere Vorschläge zur Bestückung unserer Merkel-Music-Box nehmen wir gerne unter checkpoint@tagesspiegel.de entgegen.
Heute vor 1999 Tagen hätte der BER eröffnet werden sollen. Fast genauso lange gibt es auch den „BER count up“, ein Zähler des Schreckens, Chronist der Katastrophe, Symphonie des Unvollendeten, zunächst täglich in meinem Twitter-Account, seit bald drei Jahren hier im Checkpoint und inzwischen auch im Tagesspiegel. 1999: Da steht also ein Jubiläum an, das wir natürlich nicht an uns vorbeiziehen lassen. Deshalb schon mal vormerken: Morgen gibt’s hier im Checkpoint und im Tagesspiegel zum zweitausendsten Nichteröffnungstag ein großes BER-Spezial mit vielen tollen Überraschungen und Erinnerungen - aber leider auch mit einer schlechten Nachricht.
Auch Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup würdigt unseren Counter - in seinem aktuellen internen Mitarbeiterbrief, der selbstverständlich auch seinen Weg zum Checkpoint fand, schreibt er:
„Sicher wissen Sie, dass der Tagesspiegel unter der Rubrik ‚BER count up‘ die Tage nach dem einst für 2012 angesetzten Eröffnungstermin zählt. Nun nähert sich der 2000. Tag seit Nichteröffnung. Wenn etwas an diesem Tag bemerkenswert ist, dann ist es die Tatsache, dass Sie, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Flughäfen Tegel und Schönefeld, den Flugbetrieb in dieser Zeit kontinuierlich sichergestellt haben - mit großem Engagement und unter erschwerten Bedingungen. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass wir an unseren Flughäfen großartige Mannschaften haben. Sie schaffen es, sowohl steigende Fluggastzahlen, die unsere Infrastruktur hart an den Rand der Kapazitätsgrenze bringen, als auch schwierige Situationen wie jüngst aufgrund der Insolvenz von airberlin, hervorragend zu bewältigen. Daran zeigt sich die außerordentliche Klasse und das hohe Engagement der gesamten Belegschaft. Daher möchte ich die 2000 Tage vielmehr als Anlass nehmen, Ihnen allen zu danken. Außerdem verstehe ich diese Zahl als Ansporn für unsere Arbeit.“
War ja klar, dass uns die Spandauer (das Dallas von Berlin, nur ohne Öl) bei der Suche nach ihren touristischen Highlights (CP v. gestern) nicht im Stich lassen würden. Als Slogan vorgeschlagen wurde u.a. „Spandau sehen - und sterben“ (von Tarek El-Naschef), sehr zu empfehlen ist der Spandau-Song von Horst Evers (zur Melodie von „Downtown“), Auszug: „Wo ist nachts keine Sau, aber die Havel blau? Ja ganz genau - Spandau! Wo sagen sich Mann und Frau, Füchse und Kabeljau, Gutnacht und ciao - Spandau!“ Auch die Gebrüder Blattschuss hatten die Reize der Vorstadt früh entdeckt (und auch die inoffizielle Bezirksfarbe): „Ich liebte ein Mädchen in Spandau, von der war immer der Mann blau.“ Nichts wie hin.
Telegramm
Die Polizei hat jetzt die geklauten Lennon-Devotionalien präsentiert (CP von gestern) - darunter ein Zigarettenetui mit zehn Gitanes Filtern. Dazu der Kommentar von Ralph Siegel: „Er hat noch eine Kippe in Berlin…“
Die umstrittene Dealer-Ausstellung in Kreuzberg (Ankündigung: „Sie arbeiten tapfer und unerschrocken im öffentlichen Raum“) wird nach anonymen Anrufen und Hassmails jetzt von einem Sicherheitsdienst beschützt. Damit dürfte auch klar sein, warum es in einer Stellenausschreibung des Museums unter „Voraussetzungen“ hieß: „Für diese Tätigkeit ist eine ausgeprägte Konfliktfähigkeit unabdingbar.“ (Bis 14. Januar, Adalbertstraße 95a).
Aber anders als zum Kapitalismus („Der Senat hat sich zu diesem Grundproblem noch keine abschließende Meinung gebildet“; Antwort Sts Scheel auf Anfrage MdA Luthe) hat sich der Senat beim Drogenhandel festgelegt - der Abgeordnete Trefzer wollte wissen: „Leisten Drogendealer aus Sicht des Senats einen gesellschaftlich wertvollen Beitrag? Die nüchterne Antwort von Sts Wöhlert: „Nein.“
Die Senatskanzlei ist ganz aus dem Häuschen (I): Es scheint tatsächlich zu gelingen, den Polizeipavillon auf dem Alexanderplatz, bei dessen Baubeginn sechs (6!) Amts- und Würdenträger fotogen zur Schippe griffen, planmäßig fertigzustellen - Twitter-Kommentar aus dem Roten Rathaus: „Kannste (bald) abhaken! Baufortschritte wie man sie nicht immer erlebt in Berlin.“
Die Senatskanzlei ist ganz aus dem Häuschen (II): Was anderswo selbstverständlich ist, wird in Berlin zum Ereignis - es gibt doch tatsächlich am Stadtrand vereinzelte Bürgeramtstermine! Und auch hierzu der Twitter-Kommentar aus dem Roten Rathaus: „Lust auf Jamaika? Jetzt Reisepass in Ihrem Bürgeramt beantragen.“ CP-Tipp: Für die Reise ins Rathaus Marzahn brauchen Sie kein Visum.
Die Grünen fordern den Kohleausstieg, die CDU fordert einen Kohleanstieg: Die Beamtenbesoldung soll bis 2021 auf Bundesniveau angehoben werden - auch, damit das Land bei der Personalauswahl konkurrenzfähig wird.
Und dann war da noch das brandenburgische Dorf Alwine (6 Häuser, 15 EW), das am 9. Dezember in Berlin unter den Hammer kommt - das Mindestgebot beträgt 125.000 Euro. Dafür gibt’s beim Auktionator Karhausen um die Ecke in der Aschaffenburgerstraße (Wilmersdorf) gerade mal zwei Tiefgaragenplätze zu kaufen.
Die in Amerika geborene Berliner Entertainerin Gayle Tufts ist jetzt deutsche Staatsbürgerin: Beim Einbürgerungstest beantwortete sie von 33 Fragen 33 richtig - einer Fortsetzung ihrer Karriere als Kanzlerin einer komischen Koalition sollte damit nichts mehr im Wege stehen.
Jan Flaskamp, Ex-Kommunikationschef der Unternehmensgruppe Dussmann, hat einen neuen Job - er wird „Vice President Communications & Marketing“ der Scout24 AG.
Nicht vergessen: Der Berliner Journalist Deniz Yücel sitzt heute seit 282 Tagen in einem Istanbuler Gefängnis, weil der türkische Präsident Erdogan Journalismus für Terrorismus hält.
Nachtrag zum Nachtrag zur Meldung „Bundeswehr in den Schulen“ (CP von gestern): Die genannte Zahl (60) bezog sich sowohl auf den Einsatz von BW-Karriereberatern als auch auf den von Jugendoffizieren - letztere dürfen keine Anwerbegespräche führen.
Alle Jahre wieder… gibt‘s die Tagesspiegel-Weihnachtsauktion. Mehr als 1300 Angebote stehen diesmal zur Versteigerung an, darunter auch wieder private Lesungen unserer Autoren - und zum ersten Mal ist auch der Checkpoint dabei. Wenn Sie also Lust darauf haben, im Freundes- und Familienkreis einen Abend mit den kleinen Geschichten aus unserer großen Stadt zu verbringen, können Sie hier mitsteigern - bis zum nächsten Sonntag, den 26. November, nehmen wir Ihre Gebote für eine private Checkpoint-Lesung entgegen. Der Erlös geht zu 100 % an den Tagesspiegel-Spendenverein für die Unterstützung sozialer Projekte im Rahmen unserer Aktion „Menschen helfen.“ Ich bin gespannt!
Giovanni di Lorenzo, ZEIT-Chefredakteur und Tagesspiegel-Herausgeber, diskutiert heute Abend in unserem Wirtschaftsclub mit Gerd Appenzeller über „Die Kraft der Wahrheit: Was muss Journalismus leisten?“ (Empfang 19 Uhr, Beginn 19.30). Zwei Gästetickets habe ich zurücklegen lassen - wenn Sie dabei sein wollen, schicken Sie uns bitte eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Durchquert man das Viertel, gelangt man über Felder und Wiesen nach Lübars. Dort gibt es Pferdewirtschaft, eine kleine Dorfkirche, eine Dorfgaststätte. Dieses viele Grün, herrlich.“
Linken-Chefin Katina Schubert erklärt im Tagesspiegel-Interview, warum sich Berlin-Touristen nicht nur in Mitte herumtreiben sollten, sondern unbedingt auch einen Tagesausflug in ihren Wahlkreis Märkisches Viertel einplanen müssen.
Tweet des Tages
„Ringbahn. Ein Herr mit oberbayrischem Akzent und Laptop auf den Knien gibt per Handy Immobilienpreise durch. Manche traun sich was.“
Stadtleben
Essen Adam "The Pit" Ramirez, amtierender BBQ-Papst in Kreuzberg, bekommt Konkurrenz aus dem Wedding: Lino Brandi, ebenfalls gebürtiger Texaner, gart in der Malplaquetstraße 43 (U-Bhf Leopoldplatz) nicht minder ambitioniert Schweineschulter aus dem Havelland und Rinderbrust aus den USA zu Pulled Pork und Briskets, die reichlich zwischen zwei Sandwichhälften gestapelt werden. Die Garzeit im selbstgebauten, vier Meter langen Smoker beträgt 6 bis 12 Stunden – etwas weniger als die Kreuzberger Königsklasse von The Pit (18 Stunden), aber der Wedding kommt ja erst noch. Mi-So 12-22 Uhr.
Trinken ist Teil der Berliner Lichttherapie, und die geht so: „Man sucht sich eine freundlich beleuchtete Kneipe und trinkt guten Rotwein“, meint zumindest Checkpoint-Leser Philipp Berens. Wir wissen auch wo: In der Rias Bar in Kreuzberg. Unweit der Markhalle Neun steht hier so ziemlich alles im Regal, was man sich wünschen kann. Gemixt werden alte, auch weniger bekannte, Klassiker bis zu den neuesten Cocktails, Highballs und Longdrinks.Besonderer Fokus liegt auf Whisky, darunter wunderbar rauchiger Bourbon und einige Japaner, auf Bier und Wein muss auch niemand verzichten. Und noch was fällt auf: Gastfreundlichkeit. Wer also stilvoll, zeitlos und in guter Gesellschaft trinken möchte, ist hier genau richtig. Manteuffelstraße 20 (U-Bhf Görlitzer Straße), tgl. ab 19 Uhr, Rauchen erlaubt.