Vor genau einem Jahr startete der Senat - und wir schauen mal beim repräsentativen „Berlin-Monitor“ von Civey rein, was die Stadt so davon hält.
1. In der Kategorie „sehr zufrieden“ scheitert die rot-rot-grüne Koalition knapp an der 5-%-Hürde - und eine Zweidrittelmehrheit kann mit der Landesregierung gar nichts anfangen (Tendenz: steigend).
2. Die Partei des Regierenden Bürgermeisters, die SPD, kommt gerade noch auf 16,8 % - das reicht knapp für Platz 3 vor den Grünen (15). Es führt die CDU (21,9), gefolgt von der Linkspartei (19,3); die AfD erreicht 10,1 % und die FDP 8,6.
3. Bei einer Direktwahl des Regierenden Bürgermeisters käme der Kandidat „Jemand anderen“ mit weitem Vorsprung auf Platz 1 (42,4 %), Amtsinhaber Michael Müller mit 10,7 % nach Monika Grütters (11,2) und Klaus Lederer (10,8) nur auf Platz 4.
Alle weiteren Ergebnisse finden Sie hier.
Mit Immobilen kennt sich Holger Lippmann aus: Er war Chef des landeseigenen Liegenschaftsfonds, arbeitet heute für den Senat als Projektsteuerer - und wurde parallel dazu gemeinsam mit dem Ex-Regierenden Walter Momper auf der Website der schillernden Immobilienfirma „Deutsche Land Entwicklung“ als Mitglied des Advisory Boards geführt. Chef der DLE: Rainer Schorr, international auch als „Elefantenkiller von Simbabwe“ bekannt. Hm, ein öffentlich bediensteter Immobilienentscheider, der zugleich Ratgeber ist einer Immobilienfirma, die öffentliche Entscheidungen zu ihren Gunsten braucht? Das sieht ja nicht ganz so sauber aus. Schorr sagt, Lippmann sei vorgesehen gewesen für das Board, aber „das hat nicht geklappt“. Lippmann sagt, er sei kein DLE-Berater, sei es nie gewesen, und er habe Schorr, den er nur einmal zum Steak-Essen getroffen habe (Elefantenfleisch?), schon vor Monaten gebeten, ihn vom Internetauftritt der Firma zu löschen - offenbar vergeblich. Jetzt aber ging es ganz schnell: Kurz nach unserer Anfrage gestern war Lippmann von der Website verschwunden - aber natürlich nicht von diesem Screenshot hier. Wir lernen: Wer flach schießt, kann auch hoch stapeln (nicht nur Elfenbein).
Aus dem Sonderbericht über die Zustände an der Polizei-Akademie: Die Ausbilder beklagen einen Mangel an „Sozialtugenden“ - Pünktlichkeit, Höflichkeit, eine deutliche Aussprache und die Bereitschaft, sich anzustrengen, seien „in den letzten Jahren merkbar zurückgegangen“. 192 Disziplinarverfahren wurden seit 2010 gegen Anwärter geführt, dabei lag „der summarische Anteil des Fehlverhaltens der Azubis aus Zuwandererfamilien“ anders als zuvor lanciert „nicht höher als der der herkunftsdeutschen Azubis.“ Auffällig wurden u.a. ein „Pornopolizist“, ein „Rockerpolizist“ und ein „Hehlerpolizist“ - die seit ihrem G20-Einsatz bekannte Einheit PPPP (Pinkel-Pimper-Party-Polizei) dürfte jedenfalls keine Nachwuchssorgen haben.
Die StaatsoBER ist eröffnet - aber noch nicht ganz fertig. Bei der Premiere gestern Abend hingen auf den Herrenklos noch lampenlose Kabel aus dem Gebälk, während auf der Damentoilette Dank Denkmalschutz das traditionelle Trauerspiel geboten wurde: Wie schon zu Kaisers Zeiten gilt dort die Formel „Andrang minus Angebot geteilt durch Pausendauer plus Sekt mal Blasendruck hoch 2 gleich Missvergnügen.“ Es kommentiert unser Gastautor Johann Wolfgang von Goethe: „Was Sie von dem Gange der Oper sagen, finde ich sehr gut.“
Die Opern-Sanierung hat der Senat übrigens in einer Hochglanzbroschüre verewigt - Auflage 2000, Kosten 35.000 Euro, Abgabe umsonst (aber nur an wichtige Leute). Der Senat teilt mit: „Der vorliegende Band dokumentiert ein Jahrhundertprojekt und soll „dem Außenstehenden die Komplexität des Bauvorhabens erläutern“ - vom Untersuchungsausschuss zum Pannenbau allerdings kein Wort. Dazu die Abgeordnete Sabine Bangert: „Ich bin in gespannter Erwartung der Publikation zum BER - von der Komplexität her sicher ein Jahrtausendprojekt.“
Auf nach Spandau, Ortsteil Kladow: Hier schickt die BVG ihren Doppeldecker künftig durch enge Wege einer Siedlung mit Spielstraßen, 24 Halteverbotsschilder stehen schon. Die Anwohner protestieren empört gegen die neue Linienführung - einige Busfahrer dagegen machen sich lustig über die ruhesuchenden Familien und kündigen schon mal „versehentliches Hupen“ zu nachtschlafender Zeit an. Hier der Facebook-Kommentar von BVG-Busfahrer Tom F.: „Die Kladower haben doch einen an der Waffel, erst beschweren sich die arroganten Vollbebirnten darüber, dass sie keine direkte Anbindung an die City haben, und wenn sie kommen soll, ist es denen zu laut. Ich will den ersten da durchfahren. Halo I bims dem X34 es is 04.56 Uhr Zeit zum Aufstehen.“ Checkpoint-Wertung: Nominiert für die Battles in der Kategorie „Berlin, aber Schnauze“.
Telegramm
Vom kommenden Jahr an brauchen Prostituierte einen „Hurenausweis“ - aber natürlich ist in Berlin die Registrierungsstelle nicht rechtzeitig fertig geworden. Aus Protest gegen das neue Gesetz wollen heute um 11 Uhr ein Dutzend Frauen vor dem Rathaus Schöneberg demonstrieren - sie haben angekündigt, sich alle denselben Künstlernamen eintragen zu lassen: „Alice Schwarzer“.
Die Berliner Spezialitäten Currywurst und Döner haben es wieder nicht geschafft, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden - aber die Pizza. Der italienische Ernährungsminister twitterte „Vittoria!“ (offenbar eine Weiterentwicklung der „Margherita“), dazu die Checkpoint-Prognose: An dieser Niederlage werden wir noch lange zu knabbern haben.
Nicht vergessen: Am Sonntag ist der Korrespondent Deniz Yücel seit 300 Tagen Gefangener des türkischen Präsidenten Erdogan, der Journalismus für Terrorismus hält.
Spandau bemüht sich im Sinne des dezentralen Tourismuskonzepts des Senats nach Kräften um Aufmerksamkeit: Gestern versenkten sie hier spektakulär eine Litfaßsäule - wie das aussieht, sehen Sie hier.
Die Bahn eröffnet ihre Schnellstrecke nach München - im Sprinter ist die Fahrt nach 3:55 h vorbei. Und das Beste: Man ist von dort auch genauso schnell wieder weg.
Hilfe! „David Haselhoff droht mit Reise nach Berlin“, lautet eine der Schlagzeilen des Tages. Muss wohl irgendwas mit der Mauer zu tun haben… was genau, steht hier.
Und weiter mit unserer beliebten Serie „Nachrichten vom DHL-Boten“, heute aus Wilmersdorf - Text auf der Karte: „Scheiß Nachbarn hast du“. Wir nehmen Hinweise auf den Verbleib von Paketen wie immer entgegen unter checkpoint@tagesspiegel.de.
Klarstellung - Im Checkpoint von gestern ist durch eine unglückliche Formulierung offenbar der Eindruck entstanden, eine Fachverkäuferin werde als „Schrippe“ bezeichnet. So war das nicht gemeint - ich bitte alle Beteiligten inkl. Backwaren um Entschuldigung.
Korrektur - Die am Spielplatz „Ali Baba“ in Neukölln postierten Polizisten (CP von gestern) waren nicht wegen dessen Eröffnung da - laut dpa gab es einen ungenannten anderen Grund für ihre Anwesenheit (vielleicht hatten sie ja 40 Räuber erwartet).
Bis zu BERscherung eines neuen Eröffnungstermins gibt’s hier im Checkpoint jetzt täglich ein schönes Zitat aus der sagenumwobenen Flughafengeschichte „Der ewige Advent“. Heute: „Wer an einem Flughafen lebt, muss damit rechnen, dass auch mal ein Flugzeug vorbeikommt.“ (Katastrophengeschäftsführer Rainer Schwarz im August 2012 zu protestierenden Anwohnern. Wie die Geschichte lehrt, gilt das allerdings nicht für jeden Flughafen).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Berlin ist für Chanel nicht das Ideale.“
Karl Lagerfeld aus Hamburg an der Elbe. (Q: dpa)
Tweet des Tages
Vielen Dank für Euer Vertrauen, vielen Dank für meine Wiederwahl als Parteivorsitzender. Lasst uns nun gemeinsam die SPD erneuern, Deutschland gerechter machen und Europa neu gründen!
Antwort d. Red.: Der SPD-Bundesvorsitzende hat wieder große Pläne - nächste Woche ist die Welt dran, übernächste das Universum. Schulz kam immerhin auf 81,9 % der Delegiertenstimmen, sein Stellvertreter Olaf Scholz, Befürworter einer neuen Koalition mit der Union, schaffte gerade mal 59,2 %.
Stadtleben
Essen & Trinken am Rio Grande, oder besser: im. Denn der reißende Strom vor dem großen Rundfenster am May-Ayim-Ufer 9 (U-Bhf Schlesisches Tor) ist die Spree. Also unbedingt einen Tisch am Fenster reservieren für das ultimative Wild-River-Feeling, das besonders (internationalem) Berlinbesuch gefallen wird. Auch das Essen hat nichts mit Nordamerika zu tun, denn serviert wird österreichisch getönte Küche, die Thilo Roth (The Grand, Gasthaus am Ufer) hier neuerdings auf die Teller bringt. Bodenständig und deftig im Grundton, komplex in der Ausführung, schon beim Salat unter dem auch der „Gänseteller mit Pastrami aus der Brust und gebratener Leber auf Quittenkompott mit Sellerie-Pomelo“ (17 Euro) firmiert. Die ganze Kritik von Bernd Matthies gibt´s hier. Geöffnet ist täglich ab 10 Uhr.
Neu in Schöneberg ist das Barbiche. In der Potsdamer Straße 151 (U-Bhf Bülowstraße) hat Nachtleben-Virtuosin Lena Braun eine Künstlerkneipe eröffnet, die geichzeitig Galerie ist und mit Kostümshows auffallen will. Di-So 17-0 Uhr