Samstag überwiegend wolkig und windig mit leichten Schauern bei bis zu 30 °C. Am Sonntag kühler bei etwa 23 °C, dafür aber regenfrei

Weltkriegsbombe am Alex entschäft Mesut Özil auf Hochzeit in Berlin Berliner Ärztinnen wegen Paragraf 219a verurteilt

Bevor Sie gleich in der Frühsommerhitze dahinschmelzen, servieren wir Ihnen hier auch heute erstmal ein paar erfrischende Berlin-Meldungen. Und wir legen gleich los mit einem handfesten Skandal im wilden Westen unserer ansonsten doch so friedlichen Stadt.

Es geht dabei – wie könnte es anders sein – um den BER, genauer: um „das skandalöse Verhalten des Geschäftsführers des Berliner Flughafens, Engelbert Lütke Daldrup“, wie es in einem Kassiber heißt, das uns gerade aus seinem privaten Umfeld zugespielt wurde. Schauen wir doch mal rein…

Im Mittelpunkt der Affäre steht der dunkle Dienstwagen des Flughafenchefs, der in seinem Wilmersdorfer Domizil „mit vier bis zum Anschlag aufstehenden Türen auf dem Bürgersteig“ steht, wie ein empörter Anwohner schreibt, „und zwar meistens vor dem Fernsehgeschäft Pirsch“. Unfassbar. Vor einem Fernsehgeschäft! Und warum? Na, weil Lütke Daldrup erstens „den großen Auftritt liebt“ und zweitens „einen gut gelüfteten Mercedes“. Dafür lässt er dann seinen Fahrer „stundenlang vor dem Haus warten“, und das „auch in sengend heißer Sonne“. Ein klarer Fall fürs Bundesluftfahrtamt.

Aber es kommt noch schlimmer: „Auch führt der Fahrer des Herrn Lütke Daldrup den Dackel des Herrn Flughafendirektors nahezu jeden Tag für 1-2 Stunden ‚Gassi‘. Der Fahrer trägt dabei natürlich einen schwarzen Anzug, wenn der Hund überall sein kleines und großes Geschäft macht. Ohne diese Hinterlassenschaften zu beseitigen.“ Verrückt: Ein dunkler Dienstwagen!

Telegramm

Eine 100-Kilo-Weltkriegsbombe entdeckten Bauarbeiter gestern zwischen Alexanderstraße und Dircksenstraße – 3000 Anwohner mussten ihre Häuser verlassen, die S-Bahnhöfe Alexanderplatz und Jannowitzbrücke wurden geräumt, der Fernsehturm blieb zu. Um 1:18 meldete die Polizei „unerwartete technische Probleme, um 1:43 aber dann: „Der Zünder wurde erfolgreich gesprengt.“

Wenn‘s brodelt im Topf, ist die Parole „Deckel drauf!“ meistens die falsche Entscheidung – und das gilt auch für den überhitzen Wohnungsmarkt, normalerweise. Aber was ist da schon normal. Die ersten Kollateralschäden in Form von panischen Mieterhöhungen sind jedenfalls schon eingetreten, und den Genossenschaften sowie den städtischen Gesellschaften ist das Gesetz zum 5-Jahre-Moratorium (am Dienstag im Senat) zu scharf. Es braucht wohl jede Menge Ausnahmeregelungen, um Dampf abzulassen. Aber alleine experimentieren die Berliner Wohnungsköche nicht: Auch in New York wird der Markt neu gemixt – mit einem Mietendeckel. Die Analyse von Stadtentwicklungssenator Frank Sinatra: „If I can make it there, I’ll make it anywhere.“

Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ hat übrigens nach eigenen Angaben 70.000 Unterschriften gesammelt. Das reicht für den nächsten Schritt – bei dem dann 170.000 Unterstützer gebraucht werden.

Urteil des Verfassungsgerichts: Geheimrat Andreas Geiselmuss die Akten im Fall des gestoppten Volksbegehrens für mehr Videoüberwachung rausrücken – der CDU-Abgeordnete Stefan Evers hatte auf Einsicht geklagt, der Senat sah dadurch u.a. sein „einheitliches Auftreten gefährdet“. Da kann man ja schon mal die Fassung verlieren.

Er ist wieder da! „Shisha, Döner, Flitterwochen: Özil auf heimlicher Hochzeit in Berlin“, titelt die „B.Z.“ – und zwar auf der von Kollege Antonio Rüdiger. Was erfahren wir noch? Der Döner hat vier Euro gekostet. Und Erdogan war nicht dabei.

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Jazzwoche Berlin #1
Fast 40 Clubs, 7 Tage und Nächte: Die Jazzwoche Berlin #1 richtet den Fokus auf die freie zeitgenössische Jazz- und Improvisationsszene der Hauptstadt. Berlin ist seit den 1990er Jahren internationaler Hotspot einer Gemeinschaft visionärer Musik­schaffender. Nun präsentiert die IG Jazz Berlin dieses brodelnde Potenzial als einwöchiges Festival vom 24.-30. Juni 2019.
Infos hier: 
www.field-notes.berlin/jazzwoche

Noch vor zwei Tagen verteidigte Peter Schäfer im Tagesspiegel-Interview seinen „Auftrag zu Aufklärung und Diskussion“ im Jüdischen Museum, jetzt trat der Direktor zurück – der Zentralrat der Juden begrüßte den Schritt.

Überall gibt’s Abi-Bälle in der Stadt („Drittgrößtes Ereignis im Leben von Eltern“, schrieb mir gestern eine Abgeordnete), im Tagesspiegel gibt’s am Sonntag die Abi-Beilage – mit allen Schulen, allen Namen und vielen Träumen. Zum ersten Mal haben unsere Vorgänger sowas übrigens 1968 gemacht – und so sah das aus.

Der ganze Irrsinn der Neuregelung von § 219a, dokumentiert in einem Satz: „Auch ein medikamentöser, narkosefreier Schwangerschaftsabbruch gehört zu den Leistungen von Bettina Gaber“, heißt es auf der Website zweier Steglitzer Gynäkologinnen. Das kostet sie jetzt je 20 Tagessätze à 100 Euro: Das Amtsgericht Tiergarten erkennt darin eine verbotene Werbung – „medikamentös“ und „narkosefrei“ ist demnach mehr als eine Information. Muss man nicht verstehen.

Rekord: Die Wiedereröffnung der Sporthalle des OSZ KIM in der Koloniestraße wurde jetzt zum vierten Mal verschoben – innerhalb eines Kalenderjahres. Jetzt soll es im Oktober soweit sein, allerdings ohne Garantie, wie die Berliner Immobilienmanagement GmbH mitteilt. Mitte-Stadtrat Carsten Spallek setzt das Wort „Termin“ deshalb jetzt nur noch in distanzierenden Anführungsstrichen, wie es damals im Westen mit der „DDR“ gemacht wurde. Bei der nächsten Verschiebung kommt dann noch „der so genannte“ vor „Termin“. 

Was, Berlin tritt Bier-Städtenetzwerk bei? Ach so, verhört: Berlin tritt Bio-Städtenetzwerk bei – aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Prost!

Die Meldung „Höhere Gehälter: BVG droht Minus für 2019“ hat den Kollegen der „Morgenpost“ offenbar so gut gefallen, dass sie heute gleich doppelt erscheint, zweigleisig sozusagen – direkt hintereinander auf den Seiten 12 und 13 (sowas passiert also nicht nur uns).

Und noch ein Preis für das großartige Projekt „Radmesser“ unseres Datenteams um Hendrik Lehmann: In Athen gab’s gestern Abend den begehrten „Data Journalism Award“ in der Kategorie Innovation.

Checkpoint-Leser „Waldi“ Hartmann verlässt Berlin und zieht nach Leipzig: „Zum Wohnen ist mir die Hauptstadt zu aggressiv, zu laut und zu chaotisch“, teilt der Ex-Sportreporter mit. Es kommentiert Rudi Völler: „Ich kann diesen Käse nicht mehr hören!“

P.S.: Der Checkpoint wird für Abonnenten auch in Leipzig ausgeliefert – alles Gute in der neuen Heimat!

Korrektur I und II: Na, da haben wir uns gestern aber ordentlich verfahren und verdübelt. Aber dank der Hilfe vieler aufmerksamer Leserinnen und Leser montieren wir das Ganze hier nochmal richtig:

1) Friedrichshain-Kreuzberg hat 212 PKW je Einwohner, Reinickendorf 380 und Berlin im Durchschnitt 350? Macht 1,295 Milliarden Autos! Kein Wunder, dass die sich auf den Rad- und Gehwegen stapeln… aber halt: Der Abgeordnete Kristian Ronneburg (Linke) fragte zwar tatsächlich nach der Zahl der PKW „pro Einwohner“, Staatssekretär Ingmar Streese bezog seine Antwort allerdings auf „Personenkraftwagen je 1000 Einwohnerinnen und Einwohner“. Neue Lektion Mathe lernen mit dem Checkpoint: Wir ziehen also 1000 ab und kommen auf… nein Quatsch: Wir teilen durch 1000 und sehen immerhin 1,295 Millionen Autos durch die Stadt fahren.

2) Wir bereits gestern in der SUV-Meldung richtig festgestellt, kommt es nicht auf die Länge an – und das gilt auch für Schrauben im Verhältnis zu Dübeln. Wenn also eine Decke runterkracht, dann nicht, weil die Schrauben mit 4 mm zu kurz waren, sondern mit 4 mm zu dünn. Hinweis: Die Dübel im BER sind weder zu kurz, noch zu dünn, sondern zu doof (kann nur keiner was für, auch nicht der Dübel). Aber das ist eine andere Geschichte.

Und hier noch unsere beliebte Rubrik „Amt aber glücklich“, heute von Checkpoint-Leserin Rebecca Roth – sie schreibt: „Gestern ist mir aufgefallen, dass uns noch die Bewilligung für den Hortantrag für unser einzuschulendes Kind fehlt. Nachts um knapp halb zwei habe ich deswegen per E-Mail beim Jugendamt nachgehakt. Morgens um 5:51 Uhr traf schon die Antwort von Grit Kehl in meiner Mailbox ein: Der Bescheid war schon im Februar zugestellt worden. Weil ich mich nicht daran erinnern konnte, bat ich darum, mir den Bescheid erneut zuzuschicken. Und schon um 13:50 Uhr lag er im PDF-Format in meinem Postfach. Wahrscheinlich hätte ich ihn schon wesentlich früher gehabt, wenn ich im selben Tempo meine Mails beantwortet hätte wie Frau Kehl. Könnte man die Frau nicht auch mit dem BER betrauen?“ Wir geben die Empfehlung gerne weiter!

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Burkard Dregger ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und dort seit Juni 2018 Vorsitzender der CDU-Fraktion.

Herr Dregger, aus Ihrer Fraktion sind Sägegeräusche zu hören, es heißt, Ihr Stuhl wackelt schon. Sind Sie zu nett für den Posten? 

Die Sägegeräusche kommen von den Stühlen des rot-rot-grünen Senats. Und genau da gehören sie hin. R2G will vermietete Wohnungen enteignen; wir wollen neue bauen. R2G produziert Stau und Schadstoffemissionen; wir werden den ÖPNV ausbauen und den Verkehr sicher und mobil machen. R2G entlässt jedes Jahr 13 % Schulabbrecher in die Perspektivlosigkeit; wir werden die Bildungschancen unserer Kinder mit einer Qualitätsoffensive nachhaltig verbessern. R2G verweigert der Polizei die Befugnisse, um unsere Stadt zu schützen; wir haben ein Gesetz zur Verbesserung der Terrorabwehr und Kriminalitätsbekämpfung vorgelegt.

Der Senat ist so unbeliebt wie keine andere Landesregierung, aber die CDU kann davon nicht profitieren. Was machen Sie falsch?

Wir brauchen eine bessere Präsenz in allen Medien, auch im Tagesspiegel. Vieles liegt in unserer eigenen Hand und muss besser werden. Aber wenn sich Herr Habeck seitenweise darüber ausweinen darf, dass sein Twitter-Account gehackt worden ist, dann wundere ich mich schon über diese mediale Beachtung.

Beim Abschiebegesetz stellt sich nach Linken und Grünen jetzt auch die SPD gegen den eigenen Innensenator. Was würden Sie an seiner Stelle tun?

Herr Geisel ist eingeknickt vor der Obstruktion einer linken Sozialsenatorin, die das Betreten der Asylunterkünfte durch die Polizei zum Zwecke der Abschiebung vereiteln will. Letzte Woche noch hat er seine Hoffnungen auf das Geordnete-Rückkehr-Gesetz gerichtet, mit dem die CDU-geführte Bundesregierung der Polizei genau diese Befugnisse gegeben hat. Und jetzt bekämpft er genau dieses Gesetz im Bundesrat. Ein Innensenator muss eine klare Linie haben. Herr Geisel hingegen eiert herum.

Sie lehnen alle Versuche des Senats zur Mietbegrenzung ab. Wollen Sie sich als Vermieterpartei profilieren?

Ich möchte den MIETERN helfen. Anders als SPD, Grüne und Linke möchte ich sie nicht mit verlogenen Versprechen enttäuschen. Ich sage ehrlich: Dem Land Berlin fehlt die Befugnis, einen Mietendeckel zu regeln. Es muss daher nicht darum gehen, was wir uns wünschen. Sondern es muss endlich darum gehen, was möglich ist. Die CDU-Fraktion will über das Wohngeld hinaus den Beziehern kleiner Einkommen mit dem Berliner Mietergeld beistehen.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Beginnen wir das Wochenende mit einem griechischen Frühstück, weil schon so vieles im Griechischen begonnen hat. Europa zum Beispiel. Oder die Poesie, also als Konzept zumindest. Dass man sie mitunter in den Bereich der Kleinkunstabende und Poesiealben zurückdrängt, wird ihr nicht gerecht. Zur Erinnerung: Poesie und Poiesis bedeuten nicht weniger als Machen und Erschaffen. Also das, was getan wird, bevor überhaupt irgendetwas da ist. Um das interessant zu finden, müssen wir uns gar nicht in die Metaphysik begeben. Wenn wir unsere Lebenswelt nämlich mithilfe von Sprache gestalten, sollten wir schlicht wissen, was sie alles mit uns machen kann. In der Poesie, Lyrik, Dichtkunst werden die Möglichkeiten erprobt. Und wo sollte man sich ein besseres Bild davon machen können, als beim aktuellen Poesiefestival? Zum Gesamtprogramm geht es hier entlang. Zeitgleich, bis Sonntag um 19 Uhr, läuft in Neukölln das Kunstfestival 48 Stunden in Futur III – zur Poetik der Dinge sozusagen.

Vorher aber noch das versprochene griechische Frühstück: Das gibt es in der Lenaustraße 22 im Myxa, eine der wenigen Adressen der Stadt, die ein authentisches Dakos zubereiten, aus dem man auch gut in einen tagelangen Brunch übergehen kann – genau dafür ist der Laden nämlich bekannt. Tgl. ab 10 Uhr, U-Bhf Schönleinstraße

Samstagmittag – Es dürfte allerdings auch eine gute Idee sein, sich ein wenig zu bewegen, statt dahingefläzt durchzubrunchen (übrigens ein äußerst rares Wort, dessen Übernahme in den aktiven Wortschatz wir an dieser Stelle ans Herz legen wollen). Genau dazu lädt die 25. Landpartie Brandenburg ein, bei der es neben reichlich regionalem Speis und Trank auch eine Menge Landschaft, Ponys und Kamele, Geschichte und vor allem Brandenburg zu entdecken gibt. Mit dem Programm an sich nicht verbunden, aber gut kombinierbar ist die Installation Breathing Room von Seiji Morimoto in der alten Brennerei in Zernikow, die heute um 16 Uhr eröffnet.

Samstagabend – Da die Schriftstellerin Patrizia Cavalli einer exklusiven Insiderinfo zufolge abgesagt hat, wird Giorgio Agamben sein Gespräch mit ihr wohl ohne sie führen müssen. Das sollte allerdings kein Problem sein, im Gegenteil: Wie man den Philosophen kennt, könnte ihn die anwesende Abwesenheit seiner Gesprächspartnerin zu ganz neuen Formen des Dialogs inspirieren. Wer es etwa wegen exzessiven Durchbrunchens nicht zu der 18-Uhr-Veranstaltung zum Hanseatenweg schaffen sollte, hat Sonntagvormittag um 11 Uhr nochmals Gelegenheit, den Benjamin-Entdecker und Philosophen des Ausnahmezustands auf derselben Bühne zum Thema Die kommende Sprache zu hören. Diesmal ganz planmäßig ohne ohne (sic) Cavalli.

Samstagabend beginnt außerdem die Lange Nacht der Wissenschaften. Bereits um 17 Uhr erfährt zum Beispiel, wer zuvor in Brandenburg unterwegs war und sich über die kuriosen Ortsnamen wunderte, was es mit ihnen auf sich hat. Im Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie findet außerdem um 17.30 Uhr eine Vorführung des Ionenmikroskops statt, dessen fokussierter Gallium-Ionen-Strahl derart scharf gestellt werden kann, dass er Materie zerschneiden kann. Blicke berühren, wusste schon Merleau-Ponty. Oder von Heisenberg. Brutal übrigens, dass die heutige Nacht zugleich auch die Lange Nacht des Brutalismus ist – was soll man nur mit seiner Zeit anfangen?

Sonntagmorgen – Der frühe Vogel fängt… vielleicht noch den Ruf einer Klappergrasmücke im Britzer Garten ein, wenn er unter fachkundiger Führung des Biologen Ansgar Poloczek darauf aufmerksam gemacht wird, dass es sich um eine eben solche und nicht etwa um einen Grauschnäpper handelt. Ab 9 Uhr geht es hier um Wasservögel und ihre Jungen. Treffpunkt Freilandlabor im Britzer Garten, Eintritt 3,50/ 2,50 Euro

Sonntagmorgen – Wer sich zwischen dem Programm im Britzer Garten und einem Flohmarktbesuch nicht entscheiden will: Am Pankeufer gibt es einen Flohmarkt, der sich das Schlendern nicht nur zu Reklamezwecken auf die Fahnen schreibt, sondern auch zu einer entspannten, humanen Zeit öffnet – und das, ohne Abstriche in Sachen Sachen Klasse und Charme zu machen. Ab 11 Uhr in der Uferstraße, U-Bhf Pankstraße

Sonntagmittag – Eingefleischte Romantikerinnen könnten der Idee, die frische Luft und Sonne bei bestem Wetter (ohne Gewähr) gegen die künstlich klimatisierte Atmosphäre des geschlossenen Opernsaals einzutauschen, durchaus etwas abgewinnen. Müssen sie heute aber nicht, denn die Staatsoper unter dem Taktstock von Daniel Barenboim kommt heute aus sich heraus und bringt Brahms Zweite sowie Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert Opus 64 auf den Bebelplatz. Open Air also, 13 Uhr. Die genaue Uhrzeit ist übrigens auch an Thomas Gottschalks langem Schatten abzulesen, der nicht nur als Sonnenuhr, sondern auch als Moderator der Veranstaltung fungiert. Eintritt frei
 
Sonntagabend – Alle eben noch laufenden Veranstaltungen der 48 Stunden Neukölln sind um Punkt 19 Uhr vorbei, um 19.30 Uhr hält Sergio Raimondi die von vielen erwartete Berliner Rede zur Poesie 2019 am Hanseatenweg und wer jetzt noch mag – vielleicht weil er durchgebruncht hat – darf sich zum Ausklang des Wochenendes und auf Einladung von Sasha Waltz noch körperlich verausgaben: Im Radialsystem nämlich, beim Dabke Community Dancing, wird der orientalische Kreistanz unter rhythmischer Führung von Medhat Aldaabal & Ali Hasan als offener Workshop abgetanzt. Geeignet für Menschen aller Altersgruppen ab 10 Jahren, ohne Vorkenntnisse und mit freiem Eintritt.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Felix Schiller ist Lyriker, Autor und Literaturveranstalter. Seit 2 Jahren arbeitet er beim Literarischen Colloquium und dem Haus für Poesie. Foto: Renate von Mangoldt

Natürlich werde ich viel Zeit beim Poesiefestival verbringen. Darüber hinaus habe ich aber auch noch einige alternative Ideen. Wenn das Wetter gut ist, werde ich Samstagmorgen baden gehen. Mein Lieblingssee dafür ist der Schlachtensee. Will man den Spaziergängern am Wochenende aus dem Weg gehen, lautet mein Tipp, nicht vom S-Bhf Schlachtensee, sondern vom Bahnhof Nikolassee her zu kommen, auf die andere Seite des Sees. Anschließend will ich mir unbedingt den Mäusebunker anschauen, dieses alte Tierversuchslabor der FU – ein wirklich schlimmer Ort eigentlich. Interessanter Weise kommt das auch in seiner futuristisch-brutalistischen Architektur zum Tragen. An den 48 Stunden Neukölln interessieren mich zum Beispiel die Führungen zum Thema Kollapsologie, dieser in Frankreich relativ starken neuen Philosophie – und anscheinend gibt es Berliner Poeten, die damit arbeiten. Dann die cosmofeministische“-Ausstellung im alten Fortuna Wettbüro. Samstagabend möchte ich unbedingt noch beim Afrolution-Festival in der Weddinger Togostraße vorbeischauen – das ist eine großartige und wichtige Veranstaltung, die sich wirklich zu erleben lohnt. Sonntagmorgen dann Kontrastprogramm: die Greenwich Promenade in Tegel lang schlendern und von der Dicken Marie aus auf Hasselwerder raus schauen. Anschließend auf dem Lyrikmarkt Bücher einkaufen. Und abends ist dann die Präsentation des Übersetzungsworkshops Arabisch-Deutsch, da sind wirklich tolle syrische und deutsche Dichterinnen, die sich gegenseitig übersetzt haben – das wird mein Tagesabschluss.

Lese­empfehlungen

Lesestücke der Woche – Es ist alles andere als ein Geheimtipp: Die Seiten 33 bis 41 der aktuellen Ausgabe der Zeit sind Jürgen Habermas gewidmet, das ist der Löwenteil des Feuilletons. Sein Gesicht, mit laserfeiner Schärfentiefe fotografiert, blickt den Leser schon vom Titelblatt aus an und verheißt Einiges. Dabei ist der Anlass des Aufrisses nicht etwa ein neues Buch, eine markerschütternde Supertheorie oder skandalöse Fundamentalkritik. Nein, viel profaner: Es ist sein neunzigster Geburtstag. Nun gut, wann passiert es schon, dass Philosophen wirklich wegen ihrer Texte auf Titelseiten gelangen? Egal, auch so setzt man sich wieder ein wenig mit seinem Werk auseinander. Und wenn man mit Martin Seel, Rainer Forst, Christoph Menke und Axel Honneth im Grunde fast die ganze Frankfurter Schule 3.0, sowie Rahel Jaeggi, Karl Heinz Bohrer und andere für Gastbeiträge gewinnen kann, umso besser. Sigmar Gabriel zum Beispiel. Habermas „Theorie des Kommunikativen Handelns (Bd.1 & 2) von 1981 gilt als sein Haupwerk – seine berühmten Auseinandersetzungen mit Foucault und Derrida sind in „Der philosophische Diskurs der Moderne“ nachzulesen –  die Abdrucke von Vorlesungen dürften auch den Einstieg erleichtern.

Bekannt ist Habermas aber auch für seine Auseinandersetzung mit Niklas Luhmann. Die Systemtheorie des Soziologen sei, so Habermas, der Versuch einer bloß funktionalistischen Beschreibung der Welt, in der kein Raum für Kritik bestehe. Die Menschen agierten aber keineswegs bloß zweckorientiert, meint Habermas. Man kann natürlich „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ oder, deutlich kürzer, die „Einführung in die Systemtheorie“ lesen, um den Vorwurf zu prüfen. Oder man stöbert ein wenig in diesem Merve-Büchlein und achtet besonders auf die Definitionen von Liebe und anderen Komplexitätsreduktoren.

Wochen­rätsel

Bestrebungen, „die Kundenkommunikation via Faxgeräte einzustellen“, gibt es derzeit keine, meldet der Senat. Aber wie viele Faxnachrichten gingen von Januar bis April 2019 bei den Berliner Behörden ein?

a) 341.500
b) 7.800
c) 47.000

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Encore

Und zum Schluss eine nachbarschaftliche Anekdote. Der eine Nachbar heißt Berlin, der andere Brandenburg. In Brandenburg schien die Abschiebung des jungen Afghanen Jawed Rahmani bereits beschlossene Sache zu sein, ihm soll sogar Geld geboten worden sein, damit er freiwillig ausreise. Im kleinen, übervölkerten Brandenburg war einfach kein Platz mehr für den jungen Mann. Wie gut, dass man Nachbarn hat: In Berlin hat sich tatsächlich noch ein Platz finden lassen, ein Ausbildungsplatz in Kreuzberg, um genau zu sein. Rahmani wird Koch im „Kreuzberger Himmel“ und in Brandenburg muss niemand mehr Platzangst haben.

Wir wünschen auch Ihnen eine schöne Aussicht, guten Appetit und ein schönes Wochenende.

Lorenz Maroldt