die Groko hat ihr Klima gerettet. Während sich draußen Hunderttausende versammelt hatten, die sich die Zukunft des Planeten nicht länger verdieseln lassen wollen, hat es das Klimakabinett mal wieder mit Gemütlichkeit versucht: Der Spritpreis steigt bis 2025 um 10,5 Cent, sodass er (bei konstantem Ölpreis) dann ungefähr wieder auf dem Niveau von 2011 wäre. Damit es an der Tankstelle nicht zu sehr wehtut, wenn der geliebte SUV mal wieder einen über den Durst getrunken hat, wird die Pendlerpauschale erhöht.
Heizen mit nicht mehr taufrischer Technik wird wohl etwas teurer, ebenso Flüge, dafür werden Bahntickets dank Mehrwertsteuersenkung billiger und die EEG-Umlage beim Strom minimal gesenkt. Dazu gibt’s mehr E-Auto-Förderung und Steuervorteile bei der Gebäudesanierung. Gemessen am Erkenntnisstand über den Klimawandel und der Erwartungshaltung der Massen gestern auf den Straßen ist das Homöopathie, über die sich selbst klimawandelleugnende AfD-Windradverächter nur mit Mühe echauffieren können.
Trotzdem lohnt es sich, auf die Zukunft zu hoffen. Denn anders als bisher dürfen verfehlte CO2-Einsparziele nicht mehr schulterzuckend mit Verweis auf den großen Wurf 2050 ff. abgetan werden. Jahresscharfe Berichtspflichten der Ressorts dürften auf mittlere Sicht die Zeiten beenden, in denen der Bundesauspuffminister die Probleme des Verkehrs – bisher bei der CO2-Minderung ein Totalausfall – mit irgendwelchen Apps für gelöst erklären kann. Dieser Paradigmenwechsel ist die eigentliche Leistung. Sie wird nur leicht übersehen, weil die Preise für die Verschmutzung zunächst so lächerlich sind: Für die zehn Euro, für die sich eine Tonne CO2 ( = 1x Tegel–Dubai ohne Rückflug) in unser aller Luft verklappen lässt, wird man bei der BSR gerade mal drei Eimer Bauschutt los.
Dass die Anreise zu dieser bisher größten Demo fürs Klima aus den Berliner Außenbezirken praktisch nur per Auto möglich war, weil sich die S-Bahn mal wieder im Fridays-for-futsch-Modus befand (mehr dazu im Telegramm), gehört zu den gefürchteten Berliner Pointen. Aber dadurch blieb viel Zeit, an der Bushaltestelle zu stehen und mal gedanklich vor der eigenen Tür zu kehren. Also da, wo sich To-Go-Becher und Einwegplastikflaschen tummeln. Wo der Pulk an jeder Ampel durchstartet, dass die Kraftstoffpumpe ein rauschendes Fest feiert. Wo die Fahrt zum Bäcker mit dem Rad womöglich sogar schneller ginge, wo die Ausknöpfe von PC und TV nur fünf Schritte entfernt wären, wo der Flug zum Oktoberfest brutto im Vergleich zur Bahn kaum eine Stunde spart und wo die Heizung im Büro unterm gekippten Fenster auf 5 steht, damit die Luft frisch und trotzdem warm ist. Alles „Pillepalle“, um die Kanzlerin zu zitieren. Aber Kleinvieh macht eben auch Mist, viel Kleinvieh macht viel Mist. Und wir sind alle Kleinvieh angesichts der Aufgabe, die sich vor uns auftürmt wie ein Eisberg, aber im Unterschied zu diesem nicht kleiner wird.
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Bruckners Achte spielt das Konzerthausorchester Berlin am 28. September. Am Pult am Gendarmenmarkt steht Eliahu Inbal. Die Sinfonie, 1892 triumphal in Wien uraufgeführt, erklingt in diesem Konzert in ihrer ersten Fassung.
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Telegramm
SPD-Chefpodcaster Raed Saleh hat Tagesspiegel-Chefcheckpointer Lorenz Maroldt interviewt. Die Fraktionspressestelle hat am Freitag kurz durchgeklingelt, nachdem sie das kontroverse und entsprechend kurzweilige 24-minütige Gespräch online gestellt hatte – „ungeschnitten!“ Die Themen reichen vom Mietendeckel übers Gratis-Schulessen bis zu der Frage, wer beim Tagesspiegel eigentlich die Ansagen macht. Lohnt sich!
Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit der Bundesrat am Freitag einen Beschluss zur Grundsteuerreform gefasst. Die sieht künftig eine Berechnung auf Basis des Ertragswertes der Immobilie vor. Für Berlin, wo bisher auf Basis unterschiedlich alter Einheitswerte (West: 1964, Ost: 1935) kalkuliert wurde, zeichnen sich deutliche Mehrbelastungen für die Ost-Bezirke ab, während es im Westen billiger werden dürfte. Das legt auch die Senatsantwort auf eine noch unveröffentlichte Anfrage von Mario Czaja (CDU) nahe: Demnach hat das Land nicht vor, eine eigene Berechnungsgrundlage anzuwenden – obwohl eine Öffnungsklausel das ermöglichen würde. Die CDU hat deshalb bereits per Bürgerversammlung in Mahlsdorf den Protest organisiert.
Bei Bränden sterben die meisten Menschen nicht durchs Feuer, sondern am giftigen Qualm. Weil dessen Rückstände auch für Feuerwehrleute gefährlich sind, testet die Berliner Feuerwehr laut „Berliner Zeitung“ zurzeit einen „Gerätewagen Hygiene“, in dem die Retter ihre kontaminierte Ausrüstung sofort nach Einsatz loswerden. Aus Sicht von Fachleuten wird damit ein längst erkanntes Problem zwar noch nicht gelöst, aber wenigstens nicht mehr ignoriert.
Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf müssen die seit Monatsbeginn vorgesehenen Dieselfahrverbote in Neukölln und Mitte vorerst leider entfallen: Laut „Spiegel“ sind die Schilder – bei denen es sich um großformatige Spezialanfertigungen für 1600 Euro inkl. Montage handelt – bisher nicht lieferbar. Jedenfalls nicht in Berlin.
Inzwischen sollte auch der/die Letzte mitbekommen haben, dass Döner schöner macht. Und wer hat’s erfunden? Egal, denn jetzt schalten sich die MacherInnen der Kampagne „Gesicht zeigen“ ein: „Deutschland mit Döner ist schöner“, lautet ihr Slogan – und die Anmerkung dazu: „Vielleicht ist unsere Variante ja ein Beitrag zur Diskussion, auf den sich alle einigen können.“ Aber gerne, und zwar mit alles!
15 von 16 Linien der S-Bahn waren gestern mindestens durcheinandergeraten oder über Stunden eingestellt. Der schwarze Freitag begann morgens mit einem Kollaps sämtlicher Stadtbahnlinien, nachdem Techniker unbekannter Qualifikation in der Betriebszentrale in Halensee die elektronischen Stellwerke k.o. gebrunzt hatten. Die Elektronik löst sukzessive die Vorgängertechnik aus der Frühzeit des elektrischen Stroms ab. Über die Umstellung der einzelnen Bereiche wurden die jeweiligen Kunden schon mehrfach mit stunden- bis tagelangen Ausfällen informiert.
Ich habe gestern 110 Minuten ins Büro gebraucht. Mit dem Auto hätte ich es in einer guten halben Stunde geschafft. Allerdings wäre mir dann die Formel-1-Nachwuchshoffnung am Steuer des gnadenlos überfüllten 160er-Busses entgangen, die ich hier herzlich grüßen möchte: Es tat zwar ganz schön weh, wie Sie den Zeitverlust durch die ständig blockierte Mitteltür wieder rausgefahren haben, aber nett („Wer nach Adlershof will: hinter uns hält gerade der 260er!“ / „Ich wünsche Ihnen trotz des S-Bahn-Chaos ein wunderschönes Wochenende!“) waren Sie wirklich!
Während in Stuttgart am vergangenen Samstag das erste Flugtaxi gestartet ist, setzt der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg auf Virtual Reality. CP-Leser Hans Schmidt berichtet, dass sein Bus in Lichtenberg am Freitag zwar laut VBB-App pünktlich an der Haltestelle war, aber - im Unterschied zu Herrn Schmidt - eben nicht in echt. Dasselbe beim nächsten Bus. Der dritte ist zwar real, aber überfüllt, der vierte bringt Herrn Schmidt mit 40 Minuten Verspätung zum S-Bahnhof, also zum Schauplatz der Stellwerksstörung. Immerhin funktionierte das Mietrad, auf das Herr Schmidt sich letztlich für seinen Weg zur Arbeit geschwungen hat.
Das Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich hat die „Berliner Zeitung“ zwar gerade gekauft, aber nach eigenem Bekunden seit 15 Jahren nicht mehr gelesen. In einem Interview mit dem „Spiegel“ erklären die Friedrichs ihre Entscheidung mit einer Mischung aus Ost-Sympathie und ehrgeizigem Trotz (oder trotzigem Ehrgeiz), im eigenen Blatt beschreiben sie ihr Projekt als Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs. Als Budget habe sich das Paar „einen komfortablen zweistelligen Millionenbetrag“ gesetzt. Klingt interessant.
Auf die GEMA ist Verlass: Im „Haus der Nachbarschafft“ am Volkspark Wilmersdorf wurde die Reihe „Musik zum Spaß – Session mit Gerhild“ gestoppt, weil die Verwertungsgesellschaft große Ohren bekam und wegen angeblich ungenehmigter öffentlicher Aufführung einen rückwirkenden Gebührenbescheid samt „100 Prozent Kontrollkostenzuschlag“ verschickte. Da halfen auch Proteste der Musiker nichts. Auf Anfrage meines Kollegen Cay Dobberke änderte die GEMA ihre Meinung: Acht Beteiligte ohne Publikum seien doch keine gebührenpflichtige Öffentlichkeit. Was macht die GEMA eigentlich, wenn eine Horde Fußballfans auf dem Heimweg in der U-Bahn singt?
Im Tagesspiegel erscheinen ja samstags unsere Mehr-Genuss-Seiten, heute mit einem Schwerpunkt zur Potsdamer Gastronomie. Falls auch Sie sich beruflich in Richtung Gourmetwesen entwickeln möchten: Das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf sucht gerade eine/n Futter- und Lebensmittel-KontrolleurIn. Äh, ja, für beides.
Durchgecheckt
Dr. Sigrid Evelyn Nikutta ist seit Oktober 2010 Vorstandsvorsitzende der BVG. (Foto: dpa)
Wie kommt es, dass wir morgen in Berlin mit einem Einzelticket für 2,80 Euro den ganzen Tag unterwegs sein dürfen?
Morgen ist weltweit „Autofreier Sonntag“. Das ist eine tolle Aktion. Und um möglichst viele Berlinerinnen und Berliner zum Mitmachen anzuregen, haben wir uns mit der Deutschen Umwelthilfe etwas Besonderes ausgedacht. Mit einem Einzelfahrschein geht es einen ganzen Tag mit Bussen und Bahnen durch die Hauptstadt. Und da natürlich auch die S-Bahn, die DB Regio, die ODEG und alle weiteren in Berlin aktiven Partner des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg mit an Bord sind, kann nun jeder zum Kennenlernpreis von 2,80 Euro ausgiebig testen, wie einfach und komfortabel man mit dem Berliner Nahverkehr ans Ziel kommt.
Im August hat die Ära der Elektromobilität bei der BVG ernsthaft begonnen. Nachdem die ersten vier E-Busse auf der Linie 204 vor allem durch ihre Unzuverlässigkeit aufgefallen waren: Wie läuft es mit den neuen Bussen auf der Linie 300?
Bitte nicht vergessen, die Buslinie 204 hat als Forschungsprojekt begonnen. Da haben wir getestet und Erfahrungen gesammelt. Mit der Linie 300 sind wir im Regelbetrieb. Hier sind täglich 30 E-Busse unterwegs. Unsere Fahrerinnen und Fahrer sind sehr zufrieden mit den neuen Bussen. Sie sind nicht nur leise und umweltfreundlich. Sie zeigen uns auch mit einer Zuverlässigkeit von über 98 Prozent, dass sie sehr wohl großstadttauglich sind. Und mal ganz nebenbei: Die Ära der Elektromobilität hat bei der Straßenbahn schon 1881 begonnen, und zwar hier in Berlin. Auch unsere U-Bahn fährt seit Start im Jahr 1902 elektrisch. Und selbst vier unserer Fähren sind bereits seit längerem „unter Strom“. Dadurch sind zwei Drittel unserer Fahrgäste schon längst elektromobil unterwegs. Jetzt folgt noch der Busbereich.
Und wie bewähren sich die neuen Linienführungen? Vom Fahrgastverband sind Sie ja heftig kritisiert worden, weil sie ausgerechnet besonders frequentierte Verbindungen wie den TXL und den M48er gekappt haben und mit dem 300er eine neue Linie etablieren wollen, die im Zickzackkurs durch den Dauerstau in der Ost-City geführt wird.
Wir hatten auf wichtigen Zubringerlinien wie dem M48 oder dem TXL das Phänomen, dass die Busse ausgerechnet auf vergleichsweise schwächer genutzten Abschnitten häufig im Stau feststeckten. Darunter litt die Qualität auf den stark nachgefragten Abschnitten. Darauf haben wir reagiert. Der TXL ist jetzt ein echter Airport-Zubringer-Bus. Und unsere neue Linie 300, mit der wir nun auch das boomende Quartier zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße mit tausenden neuen Arbeitsplätzen, Touristen und Veranstaltungsbesuchern deutlich besser anbinden, wird sehr gut angenommen. Auch fährt die Linie 300 alle 10 Minuten. Vorher gab es mit der Linie 248 eine Anbindung im 20-Minuten-Takt. Wir haben also auf einer attraktiven Verbindung unser Angebot verdoppelt. Und – das ist ebenso wichtig – wir sorgen für bessere Luft an stark belasteten Straßenabschnitten wie der Leipziger Straße. Hier sind jetzt auf der neu geführten Linie 200 im ersten Schritt modernste Euro-VI-Busse und ab 2020 dann die neuen E-Gelenkbusse im Einsatz. So machen wir den Busverkehr in der Stadt weniger anfällig für Verspätungen, und unsere neue Linie 300 zeigt, dass es funktioniert.
Anfang des Jahres standen Sie in der Kritik, weil bei Sttaßen- und U-Bahnen Züge und auch Personal fehlte. Wie ist die Situation aktuell?
Als BVG bieten wir jeden Tag 36.000 Fahrten, den größten Anteil davon – 27.000 Fahrten – mit dem Bus. Die U-Bahn kommt auf 4000 Fahrten am Tag. Aktuell liegt unsere Zuverlässigkeit bei 98,5 Prozent. Das heißt, nur 1,5 Prozent der planmäßigen Fahrten fallen aus. Das ist ein sehr, sehr ordentlicher Wert für ein U-Bahn-System. Und es ist angesichts unserer alten Fahrzeugflotte jeden Tag ein echter Kraftakt, dass auch so hinzubekommen. Und was das Personal betrifft, da haben wir bereits vor einigen Jahren einen grundsätzlichen Strategiewechsel vollzogen: ausreichend Personal auch für besondere Situationen und Herausforderungen. Wie Sie sicher an unseren Fahrzeugen und auf den Bahnhöfen schon gesehen haben, werben wir nach wie vor sehr aktiv um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es freut uns sehr, dass es ein hohes Interesse an Jobs bei der BVG gibt. Wir bilden alle Fahrer für die U-Bahn und auch für die Straßenbahn zu hundert Prozent, für den Bus zu zwei Dritteln selbst aus. Wir lasten derzeit alle unsere Kapazitäten dafür voll aus. Als landeseigenes Unternehmen unterstützen wir selbstverständlich das Bestreben der Stadt, den öffentlichen Nahverkehr nicht nur durch Taktverdichtungen, sondern insbesondere auch durch die Erweiterung des Angebotes noch attraktiver zu gestalten. Darauf bereiten wir uns vor. Die Beschaffung der neuen U-Bahn-Züge zieht sich leider noch etwas. Dennoch sollten wir alle froh sein, in einem Land zu leben, in dem es die Möglichkeit gibt, Entscheidungen anzufechten. Auch wenn es uns in diesem Fall in Berlin echt weh tut.
Nach der Geburt der Pandas im Zoo twitterte Ihre Social-Media-Redaktion, die Zwillinge seien „das perfekte Maskottchen unserer Busflotte: Wenn man die Hoffnung verloren hat, dass überhaupt noch was kommt, kommen plötzlich zwei.“ Was sagen Sie den vielen Kritikern, die über solche Späße angesichts der frustrierenden Wahrheit nicht lachen können?
Wie frustrierend sind dann erst die vollen Straßen und die Staus in der Stadt? Wir haben mit Abstand den besten Nahverkehr Deutschlands, auch wenn wir jeden Tag vor großen Herausforderungen stehen. Jetzt mal ganz ehrlich, Sie haben doch bestimmt ein bisschen geschmunzelt… Wir bieten mit unserem Twitter-Service auf der einen Seite ganz konkrete Informationen zum Verkehrsgeschehen. Wir machen die Erfahrung, dass unsere Fahrgäste es gut finden, für ihre großen und kleinen Ärgernisse und übrigens auch für ihr Lob eine Plattform vorzufinden, die ihnen auch antwortet. Und so eine kleine Portion Selbstironie, vor allem auf unseren Kampagnenkanälen, bringt schon die meisten zum Lachen.
(Das Interview wurde aus organisatorischen Gründen schriftlich geführt.)
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Der oft durchritualisierte Genuss von Kaffee nimmt in manchen Haushalten ja durchaus liturgische Züge an. So richtig konsequent lässt er sich bei Kaffeepur, Paul-Lincke-Ufer 44A, zelebrieren. Denn man trinkt ihn in ausgemusterten Kirchenbänken und schaut dabei ins Licht. Das Licht der Sonne, um genau zu sein, die ihrerseits in einer noch viel längeren Anbetungstradition steht als jede Bohne. Die Bänke stehen im Freien und bieten die Gelegenheit, noch die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres in relativer Ruhe abzugreifen, gern unter Besinnung auf die Anbaubedingungen des braunen Goldes – auf möglichst faire wird hier Wert gelegt. Andernorts kann es hingegen schon mal laut werden. So startet ab 11.30 Uhr der Förderkreis Ostkurve einen als „Fahrradtour“ etwas irreführend bezeichneten Hahohe-Korso vom Alex zum Hertha-Heimspiel im Olympiastadion. Gegen wen eigentlich? Ist doch egal.
Samstagmittag – Aufgrund überwältigender Nachfrage – noch sind sogar Tickets (8 Euro) verfügbar – setzen sich der französische Soziologe Didier Eribon und Literaturkritiker Stefan Zweifel heute um 16 Uhr erneut zusammen, um über Eribons autobiografische Reflexion „Rückkehr nach Reims“ zu sprechen. Wer also für die Veranstaltung am gestrigen Freitag keine Karten bekommen oder Zeit gefunden hat, hat hier nochmals die Chance, rechtspopulistische Tendenzen zu diskutieren, die Aktualität des Begriffs „Arbeiterklasse“ zu eruieren und queere Erfahrungshorizonte mit einem der interessantesten Autoren der Gegenwart zu illuminieren.
Samstagabend – Apropos Licht: Im März 2016 ließ der Künstler Ai Weiwei einen strahlend weißen Flügel in den trostlos graubraunen Schlamm des griechischen Flüchtlingslagers Idomeni stellen, auf dem die syrische Pianistin Nur Alchsam nicht nur eine bewegende Performanz für die Geflüchteten darbot, sondern die ganze zuschauende Welt darauf aufmerksam machte, dass mit Begriffen wie Flüchtlinge oder Geflüchtete vollkommen unterschiedliche Menschen allzu simpel reduziert werden. In der Philharmonie erinnert heute Abend einmal mehr die Musik daran, dass Syrien weit mehr ist als ein Kriegsschauplatz: Das „Ornina Syrian Orchestra“ spielt unter dem Dirigat von Shafi Badreddin Stücke von Rawhi Al-Khamash, Omar Albatch, Wanis Wartenian, Hassan Skaf, Mohamman Abd Alwahab, Adham Assantouri sowie aus mancher unbekannten Feder. Kammermusiksaal um 20 Uhr, Tickets ab 29,20 Euro.
Sonntagmorgen könnte man schon mal einen Freund und Entscheidungshelfer brauchen, denn in der Charlottenburger Chaussee 67, Ruhleben, gibt die Polizeidirektion 2 ab 10 Uhr beim Tag der Offenen Tür Einblick in Polizeikultur, schon ab 11 untermalt aber das Sunset Deluxe Trio den Jazz-Brunch im Yorckschlösschen. Was also tun? Während die Band einen Teil der Stadt einlullt und die Beamten mit dem Aufhalten von Türen abgelenkt sind, stürmen Studentinnen der Saxophonklassen der Hochschule „Hanns Eisler“ und der UdK ab 12 Uhr die staatlichen Museen mit Fanfaren anlässlich des „Tages des Saxophons“ mit historisch zu den Exponaten nicht korrekten Soundtracks – das Saxophon ist mit seinen ~150 Jahren nämlich noch verhältnismäßig jung, schreibt sich aber mit dem heutigen „Saxophonsturm“ in einer für Musikinstrumente ungewohnten Weise in die Geschichte ein.
Auch der Sonntagmittag verlangt Entscheidungen ab: Während beim IPPNW-Benefiz-Konzert das Wei Wu Trio im Kammermusiksaal für die Integration von Flüchtlingskindern barockes Programm auf Sheng, Viola und Kontrabass darbietet, versetzt Matthias Pintscher mit dem von Pierre Boulez 1976 gegründeten Ensemble Intercontemporain den Boulez-Saal in zeitgenössische Schwingungen – beides um 16 Uhr. Im Schlot in Mitte erklingt ab 17 Uhr entgegen aller Gewohnheit kein Jazz sondern Literatur, die zudem eine Art literarischen Sportsgeist beweist. Es geht hier um einen Literaturmarathon, und wie bei jedem Marathon dürfte dabei einiges ab- und anderes aufgebaut werden. Was genau, wird am besten partizipativ in Erfahrung gebracht. 17 Uhr, Invalidenstraße 117. Eintritt frei.
Sonntagabend – Auch das Wochenendeende kommt mit ritualistischer Note, wenn man sich in den Petersburg Art Space begibt. Am Präparierten Klavier mit Stefan Schulze und Simon Rose am Baritonsaxophon (es ist doch Tag des Saxophons!) ist nämlich eine mit vielen Wiederholungen sich in intensive Schwebezustände steigernde Musik zu erwarten, die ihr Publikum agitiert und voller Tatendrang in die Woche entlässt. Nur die Nacht muss man dann noch abwarten in diesem Zustand, der den nötigen Schlaf hoffentlich nicht unmöglich macht. Nach so einem Programm wäre etwas Erholung durchaus angebracht. 20 Uhr in der Kaiserin-Augusta-Allee 101
Mein Wochenende mit
Tobias Christl ist Sänger, Sprecher, Preisträger und Gesangslehrer, der in verschiedenen Settings die Grenzen der menschlichen Stimme auslotet.
„Meine Wochenenden sind oft arbeitsintensiv. Wenn ich nicht gerade ein Konzert gebe, stehen Proben an der Tagesordnung, weil die Situation in Berlin vielen freien Musikern andere Wochenjobs abverlangt. Diesen Samstag probe ich für ein Konzert, das kommenden Mittwoch im Donau 115 stattfindet. Da etabliere ich eine Konzertreihe in loser Anlehnung an Bob Dylans „Radio Hour“. Jeder Folge der „Radio Hour“ lag eine thematische Grundidee zugrunde, anhand derer Dylan die Songs ausgesucht hat. Wenn man gezielt nach Songs zu irgendeinem außermusikalischen Thema sucht, entdeckt man eine Menge unbekannter Perlen – und um die geht es auch in meiner Reihe. Ich schließe mich dazu von Mal zu Mal mit anderen Sängerinnen zu Duos zusammen, diesmal mit Natalia Mateo und Band. Verbindendes Element ist der Verzicht auf Schlagzeug. Darum lautet der Titel der Reihe auch „Muted“. Am Sonntag habe ich Probe für ein Konzert am Donnerstag. Da singe ich in „Replay“, einem Musiktheater von Thorbjörn Björnsson nach Vorlage von Glucks „Orpheus und Eurydike“ mit einem Text von Julia Marx. Die Schlagzeugerin Evi Filippou und ich an diversen Instrumenten und Gesang bilden die Band, beide haben wir außerdem Sprechrollen. Das Stück behandelt die philosophische Frage, ob eine Wiederholung des ersten Males prinzipiell möglich ist, wobei „erstes Mal“ im weitesten Sinne gemeint ist. Das ganze findet im Rahmen des BAM! Festivals im Ackerstadtpalast statt. Zur Erholung werde ich zwischendrin Zeit im Haus Bethanien verbringen, lesen oder Tischtennis spielen. Da ist nicht so viel los und man wandelt in Rio Reisers Fußstapfen. Vieleicht genehmige ich mir noch einen Kaffee im „Two and Two“, Pannierstraße, oder im „Espera“ in der Sonnenallee.“
Leseempfehlungen
Vermittlerin von Leben und Alltag in Syrien ist natürlich auch die Literatur. Autorin Rasha Abbas hat mit ihrem Erzählband „Eine Zusammenfassung von allem, was war“ bei allem Realismus vieler Passagen weniger einen Tatsachenbericht abgeliefert als einen spannenden, unterhaltsam geschriebenen und teils grausamen Einblick in das Fantastische von Menschen auf der Flucht. Die Ankunft in Deutschland hat die Autorin in dem Band „Die Erfindung der Deutschen Grammatik“ verarbeitet.
Um 14 Uhr beginnt im Grünen Salon/ Volksbühne die Forschungsmaschine III – ein Symposium mit einer Reihe von Podiumsdiskussionen zum Verhältnis von wissenschaftlicher und künstlerischer Forschung. Den Anfang macht Knut Ebeling, der mit Alex Gross über Georges Bataille als Aktivist spricht. Einen verspielten Einstieg in Ebelings Denken liefert seine Auseinandersetzung mit dem „homo ludens“, dem spielenden Menschen beziehungsweise der Bedeutung des Spiels für die Kultur, in „Das Spielelement der Kultur“ (Matthes & Seitz).
Wochenrätsel
Wie viel illegaler Schrott wurde im Jahr 2018 von der BSR in Berlin entsorgt?
a) 31.900 Kubikmeter
b) 18.350 Kubikmeter
c) 27.200 Kubikmeter
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Jetzt mitmachenEncore
Die Klassische Musik hat ein bekanntes Vermittlungsproblem. Man muss es zwar nicht übertreiben, der Betrieb pfeift längst nicht auf dem letzten Loch, aber das Publikum wird immer älter und vom Anschluss an jegliche Jugendkultur können nur Ausnahmeprojekte mit Leuchtturmcharakter erzählen. Manchmal wird die Musik absurd arrangiert, das Instrumentarium „aufgepeppt“, Musikerinnen als Performer mit Pyro- und Lasershow inszeniert. Die Absurdität vieler dieser Anläufe, die dem ornamentalen Beiwerk mehr Bedeutung beimessen als der Musik, ist nicht zu übersehen. Anne-Sophie Mutter ist gerade mit dem Praemium Imperiale-Preis des japanischen Königshauses geehrt worden, umgerechnet 126.000 bis 128.000 Euro, je nach Quelle. Galakleid und Stradivari (oder gleich zwei) gehören hier dazu. Das Versprechen dahinter: Wer in der Klassik schon alles hat, bekommt den Rest der Welt geschenkt. Sie ist durchaus eine der bedeutendsten Violinistinnen der Gegenwart und man soll sie ruhig auszeichnen. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass draußen derweil Einspielungen klassischer Musik zur Abschreckung von Menschen an Bahnhöfen eingesetzt werden, während die Musikwelt Normalsterblicher zunehmend demokratisiert, also allen zugänglich gemacht wird. Und dabei prekär bleibt. Selbst die besten Vermittlungskonzepte haben es schwer, wenn immer zuerst die in solchen Genie-Inszenierungen aufgebauten Distanzen abgebaut werden müssen, bevor man wieder auf die Musik zu sprechen kommt.
Wir wünschen Ihnen ein anregendes Wochenende, bis zum nächsten Mal.