Dieser Sommer ist echt eine trockenheiße Sache: Die Tierschutzbeauftragte will erhitze Pferde aus dem Kutschverkehr ziehen, in den Fluren der Karlsgartenschule wurden zuletzt bis zu 60 Grad gemessen, im Umland verdorren die Böden und die „B.Z.“ titelt nach mehreren Feuern auf Feldern: „BRANDenburg“. Die Bauern sprechen von katastrophalen Ernteausfällen, wenn das so weitergeht, brauchen wir demnächst wieder eine Luftbrücke. Die Umweltverwaltung ruft dazu auf, Jungbäume zu gießen, die Stadtreinigung soll mit Spülfahrzeugen helfen, und auch die „Beregnungsanlage“ auf der vertrockneten Reichstagswiese passt sich offenbar dem Wetterbericht an – sie tröpfelt nur noch sporadisch.
Machen wir also schnell weiter und dann ab in den Schatten, damit unser kleiner Berlin-Newsletter nicht auch noch einen Hitzestich abbekommt…
In aller Ruhe baut Stadtentwicklungssenatorin Lompscher ihr Haus zur Stadtstillstandsverwaltung um – nächster Stein in der Festung zur Abwehr ehrgeiziger Koalitionsziele: die Neubesetzung der Abteilungsleitung IV, zuständig und verantwortlich für „Wohnungswesen, Wohnungsneubau, Stadterneuerung, Soziale Stadt“. Die Abteilung IV mit ihren fünf untergeordneten Referaten ist die Herzkammer der Wohnungsbaupolitik des Senats, doch seit sich deren bisheriger Leiter und Müller-Getreue Jochen Lang im März in die Senatskanzlei rettete, werden dort neue Parolen an die Wand gesprüht.
Und so verlief auch das Verfahren für die Besetzung der vakanten Abteilungsleiterstelle - aus einem größeren Kreis von Bewerbern, von denen alle die beamtenrechtlichen Voraussetzungen für die B4-Stelle erfüllten, wurden nur zwei zum Gespräch eingeladen: ein nach B3 eingestufter Referatsleiter der Baubehörde (IV A, zuständig u.a. für die städtischen Wohnungsgesellschaften) – und Sandra Obermeyer, Jugendstadträtin von Mitte. Während es an der fachlichen Qualifikation des internen Bewerbers aufgrund seiner Erfahrung kaum Zweifel gibt, findet sich in der Vita der Politikerin kein einziger Hinweis auf eine berufliche Beschäftigung mit dem Thema Bauen. Nur mit der „Zweckentfremdungsverbotsverordnung“ hatte die von den Linken fürs Bezirksamt nominiert Volljuristin schon zu tun – sie ist auch zuständig für Bürgerdienste, im Mai gab sie der Abendschau dazu ein Interview (hier zu sehen).
Beim Assessment-Center, an dem u.a. Lompschers Staatssekretär Sebastian Scheel teilnahm, musste sich Obermeyer aber ohnehin keine Sorgen machen, an mangelnder fachlicher Qualifikation zu scheitern: Zu Vorstellungen über den Wohnungsbau oder nach konkreten Konzepten wurde sie gar nicht erst gefragt – stattdessen sollte sie Auskunft geben zum Frauenförderplan. Das reichte offenbar: Die Entscheidung fiel auf die Jugendstadträtin, jetzt fehlt nur noch die Zustimmung des Personalrats. Mal sehen, wie lange SPD und Grüne da noch zuschauen.
Zu den anderen Themen:
Der Bezirksverordnete Pascal Striebel (Grüne) wollte wissen, ob „so genannte Bierbikes“ auch in Friedrichshain-Kreuzberg betrieben werden – in seiner Antwort („Nein“) lieferte Stadtrat Florian Schmidt gleich eine schöne Definition dieses seltsamen Fortbewegungsmittels mit: Es handle sich um „mobile Veranstaltungsflächen, die dem geselligen Zusammensein“ dienen – „die Ortsveränderung“ des „thekenähnlichen Fahrzeugs“ ist demnach „lediglich ein Nebeneffekt“. Aber einer mit Aus- und Nebenwirkungen – denn eigentlich ist es schlicht die Teilnahme am Verkehr mit Besäufnis- und Behinderungsvorsatz. In Mitte übrigens vorhanden und erlaubt.
Herrliches Beispiel für die organisierte Unzuständig in Berlin: Der SPD-Abgeordnete Frank Zimmermann fragt bei der Verkehrsverwaltung nach dem Stand der Dinge bei der Umgestaltung des Nollendorfplatzes. Die Verwaltung erklärt, diese Sachverhalte „nicht aus eigener Zuständigkeit und Kenntnis beantworten“ zu können und zitiert deshalb aus der Antwort des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg, das wiederum erklärt, noch auf „vertiefende verkehrliche Untersuchungen der zuständigen Verkehrsverwaltung“ zu warten. Beide zusammen warten übrigens noch auf einen Zeitplan der BVG, die wahrscheinlich noch auf ein Okay des Senats und des Bezirks… Na ja, und deshalb dreht sich die Sache (nicht nur) mit diesem Platz wohl noch ein bisschen im Kreis.
Am Friedenauer Gymnasium haben einst Karl-Eduard von Schnitzler, Friedrich Luft, Egon Bahr und Peter Lorenz ihr Abitur gemacht, heute ist hier die Friedrich-Bergius-Sekundarschule untergebracht, Schulleiter Michael Rudolph hat sie leidenschaftlich und eigenwillig zu einer der beliebtesten und erfolgreichsten im Bezirk geführt. Gerade haben die Inspektoren der Schulverwaltung vorbeigeschaut, ihr Bericht (den gestern schon die „Morgenpost“ zerlegte) hat es tatsächlich in sich: Klima „zu 100 % freundlich“, Arbeitsatmosphäre „konzentriert und störungsfrei“, „niemand wird ausgegrenzt“, Lernatmosphäre „angstfrei“, Pünktlichkeit und Wissensvermittlung mehr als ok., und: „Tatsächlich schaffen hier überdurchschnittlich viele Schüler einen Abschluss“, fast die Hälfte sogar einen MSA mit Gymnasialempfehlung.
Und so lautet also das Urteil der Prüfer: „Schule mit erheblichem Entwicklungsbedarf“- im Klartext: Vollkatastrophe. Wie kann das sein, wie passt das zusammen? Die Schulverwaltung sähe gerne mehr „andere Werte“ vermittelt und vermisst Bürokratie: „Zu wenige Teams, zu wenige Gremien, zu wenig Verschriftlichung schulischer Prozesse.“ Auch seien andere Schulen ebenfalls erfolgreich, aber: „auf die richtige Art und Weise.“ Aha. Und seit wann ist bitte ausgerechnet die Berliner Schulverwaltung, wo alles schiefgeht, was schiefgehen kann, eine Expertin für „die richtige Art und Weise“? Für unsere Sonnabendausgabe wird Susanne Vieth-Entus die Bergius-Schule vorstellen und den Bericht analysieren.
Telegramm
Nach dem Krach bei der Senatsklausur gab‘s gestern im Koalitionsausschuss einen „Wettbewerb des Lächelns“ (Q: Teilnehmerangabe) – auf dem Programm stand der Kita- und Schulnotstand, Ergebnisse: keine (Bildungssenatorin Sandra Scheeres war gar nicht erst eingeladen). Aber hey, gut, das wir mal wieder drüber gelächelt haben.
Frank Henkel ist wieder da – und das gleich mit 12 parlamentarischen Anfragen auf einmal („Ankauf von Immobilien durch städtische Wohnungsbaugesellschaften von Privaten im Jahr 2017, I bis XII“. Darin stellt der frühere Innensenator und CDU-Vorsitzende allerdings immer wieder dieselben 24 Fragen (macht zusammen 288). Wir haben das Checkpoint-Investigativteam auf die Auswertung angesetzt, mit ersten Bescherungen ist gegen Weihnachten zu rechnen.
Die „Berliner Zeitung“ widmet sich heute nochmal dem Vorstoß des CDU-Abgeordnete Danny Freymark zur „Bemoosung von Verkehrsschwerpunkten“ für die Feinstaubreduzierung – der Senat ist abwehrend skeptisch und will lieber Gras über die Sache wachsen lassen.
Seit Jahren rast ein Umwandlungstsunami durch Prenzlauer Berg, jetzt paddelt auf der letzten Welle wild winkend die BVV Pankow hinterher: Hauskäufer sollen zu einem „vollständigen Verzicht“ auf die Teilung in Eigentumswohnungen verpflichtet werden.
Vollständig verzichten soll in Pankow auch der Senat – und zwar auf die Bebauung von Kleingartenanlagen. Wenn das so weitergeht, ist der Bezirk (Wappenzeichen: Lastenfahrrad mit Kindersitz vor Bioladen) bald reif für den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“.
„Berlins Geist strahlt“ ist ja mal eine doppelt gute Headline – dahinter steht das Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft: Die Unis der Hauptstadt werben mit weitem Abstand die meisten Fördermittel ein.
Erster Brief der neuen Polizeipräsidentin Barbara Slowik an die gesamte Belegschaft: „Bei der Polizei kann man nicht mehr arbeiten. Wer das tut, muss nicht mehr zu retten sein.“ Wirklich, so steht das da! Denn das, sagt die Präsidentin, sei der Eindruck, der hängenbleibt, wenn Gewerkschaftler mit Kritik am eigenen Laden „an die Medien treten“. Gemeint ist eine Geschichte in der „B.Z.“ über den „Polizeidienst im Drecksloch“ – Hintergrund ist die Sanierung von Diensträumen, Slowik hält den Zustand für „akzeptabel“.
Für weniger akzeptabel dürfte die Präsidentin die Zahl der Einbrüche bei der Polizei halten: 27 Mal wurden seit 2012 die Grundstücke geknackt, auf denen sichergestellte (na ja: vermeintlich „sicher“ gestellte) Autos gelagert wurden - 12 davon alleine im Jahr 2017. (Q: Anfrage MdA Tom Schreiber)
Gut möglich, dass die echte Berliner Verkehrswende von Marzahn-Hellersdorf aus- und in die Luft geht: Die SPD-Abteilung 6 (Kaulsdorf-Nord und Mahlsdorf-Nord) fordert nicht nur die Übernahme der IGA-Seilbahn durch die BVG, sondern auch die Prüfung eines solchen Konzepts als Ergänzung zum ÖPNV in den anderen Bezirken. Vielleicht schwebt die Stadt dann wirklich mal wie auf Wolken.
So ganz nebenbei plingt gerade folgende weltbewegende Enthüllungsgeschichte in der Mailbox auf: „Betreff: INFOMAIL - Uri Geller hat das Kennedy-Attentat aufgeklärt.“ Hm, ohne weiterzulesen tippe ich mal: Der amerikanische Präsident hat sich vor den Schüssen an einem verbogenen Löffel verschluckt, oder? (Q: Interview in „Galore“)
Der „Zitty“ hat die Rückumstellung auf den 14-Tage-Rhythmus journalistisch gutgetan – die aktuelle Titelgeschichte „Wie ich lernte, Berlin zu lieben“ (und was gegen Stadt-Liebekummer hilft) macht gute Laune und präsentiert auf charmante Weise einen Teil der Redaktion; der Text zu 10 Jahre „Mediaspree versenken“ berichtet von Wehmut und Wachstumsschmerzen; und „Die Story“ erzählt, warum jedes Jahr einige Berliner Mädchen nicht aus den Sommerferien zurückkehren. Prima Mischung, gut gemacht.
Berlin leidet nicht nur an den Barrieren der zweistufigen Verwaltung (siehe oben, auch wenn daran ja nicht alles schlecht ist), sondern auch an der zweistufigen Barrierefreiheit (die dann eben keine ist) – hier ein markant(ig)es Beispiel aus dem Schloss-Straßen-Center (für das die Verwaltung wiederum nichts kann).
Und wenn Sie mal sehen wollen, wie das chinesische Schriftzeichen für „Fenster kaputt“ aussieht – hier ist eins.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Dit hier is halt ein Safaripark für Menschen – und wir sind ihre Pfleger."
Ein Mitarbeiter des Reinigungsteams Gleisdreieckpark um 6.45 Uhr beim Aufkehren von Wodkaflaschenscherben (gehört von CP-Leser Erik Lindner)
Tweet des Tages
"Wir wünschen allen Besuchern der Bahnlearischen Inseln einen schönen Aufenthalt!
Antwort d. Red.: Und auf dem beigefügten Bild des Tweets des geschätzten Social-Media-Teams der BVG („Weil wird dich lieben“) heißt es:
"BVG-Fahren ist wie Urlaub auf Mallorca:Hohe Temperaturen, unterirdisches Niveau, und ab und zu trifft man Spanier."
Stadtleben
Essen Schokolade macht glücklich, erwiesener Fakt. Und welchen passenderen Anlass als den morgigen Tag der Schokolade gäbe es, um sich ganz ohne schlechtes Gewissen diesem Glück hinzugeben? Ein Blick auf die süßesten Spots von Berlin: Los geht’s im Café Nibs an der Bleibtreustraße 46, wo spanische Churros in heißen Kakao getunkt werden. Der Vorrat fürs heimische Schoko-Versteck lässt sich mit allerlei Kreationen in der Schokogalerie (Große Hamburger Straße 35) oder beim Süßkramdealer (Varziner Str. 4) aufstocken. In der Eisdiele Mos Eisley am Herrfurthplatz 6 gibt’s zur Stärkung eine Kugel „Darth Vader“ (Favorit und Geheimtip aus der CP-Redaktion!) und wer dann noch nicht genug hat, schlemmt im Feuer und Flamme (Am Comeniusplatz 1) das Schokoladenfondue in weiß, zartbitter oder klassisch-milchig. Neben dem Schoko-Appetit kann am Samstag auch der Wissensdurst gestillt werden: Eine kostenlose Führung im Museum Tempelhof (Alt-Mariendorf 43) verrät am Samstag um 15 Uhr alles über Geschichte und Produktion von Tempelhofer Schokolade, zur Anmeldung geht`s hier.
Wer will schon in die Ferne schweifen, wenn sich in Berlin so perfekte Sommerorte wie der Pavillon am Ufer finden lassen? Tagsüber bei einem Kaffee Spaziergänger und Kiezleben an sich vorüberziehen lassen, abends die Sonne im Landwehrkanal versinken sehen und dabei ein Glas Aperol Spritz genießen. Zwischendurch ein paar Meter am Ufer entlang flanieren und eine ruhige Kugel am dort gelegenen Bouleplatz schieben – überzeugt? Paul-Lincke-Ufer 4, Mo-Fr 9-21 Uhr, Sa/ So 10-22 Uhr