Vier Wochen vor den Vorstandswahlen in der Berliner SPD probt Partei-Vize Mark Rackles ein Aufständchen gegen den regierenden Parteichef - der Staatssekretär vom linken Flügel sieht die Führungsstrukturen „von einem Mehltau“ befallen, rätselt über Michael Müllers Personalvorstellungen (aber auch über die der „Berliner Linke“), beklagt eine „inhaltliche Entkernung“ – und zieht seine Kandidatur zurück, aber verbindet damit „keinerlei Bitterkeit oder Enttäuschung; ehrlich gesagt geht es auch um eine effektivere Nutzung von Lebens-, Arbeits- und Familienzeit“. Ergo: Als Beisitzer steht er „weiterhin zur Verfügung“. Es kommentiert Angela Merkel: „Die Grünen wissen wenigstens noch, wogegen sie sind. Bei der SPD ist nicht mal mehr das sicher.“
Ach, wenn es nur das wäre - bei der SPD ist ja auch nicht mehr sicher, wofür sie ist, wie ein Blick auf die Antragslage zum Parteitag zeigt: Die Ortsverbände Moabit-Nord und Grunewald wollen, dass die Fahrt zum Flughafenbahnhof BER durch „minimale“ Verlängerung der Tarifzone B billiger wird, der Ortsverband Frohnau dagegen fordert „einen erhöhten Fahrpreis“ dorthin (zur Finanzierung des ÖPNV-Ausbaus). Ein typisch sozialdemokratischer Kompromiss wäre folgender Beschluss: „Das Problem stellt sich momentan nicht.“ Und „momentan“, Berlin-Kenner wissen das, kann hier ganz schön lange dauern.
Aber noch mal kurz zurück zum „Mehltau“ – was ist das eigentlich, dieser Mehltau, von dem Rackles seine Partei befallen sieht? Unser Wissenschaftsredakteur Sascha Karberg klärt auf: Eine Art Pilz. Es gibt „echten“ Mehltau und „falschen“. Der echte M. befällt Blätter, die sich braun verfärben – das wäre ein böser Vergleich. Der falsche M. dagegen dringt tief ein und zerstört u.a. das Symbol der SPD: die Rose. Und was hilft dagegen? „Befallene Teile entfernen“, denn: „Ohne Gegenmaßnahmen kann Mehltau zum Absterben der ganzen Pflanze führen.“ Die SPD ist offenbar ein dringender Fall fürs Grauflächenamt.
Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) will die vakante Leitungsstelle im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten mit einem CDU-Mann besetzen: Sie hat Ex-Staatssekretär Alexander Straßmeir gefragt, und der hat „ja“ gesagt. Allerdings muss der Reaktivierung des Beamten auch die Finanzverwaltung zustimmen – und die ziert sich. Da weder fachlich, noch beamtenrechtlich etwas gegen den als liberal und pragmatisch geltenden Straßmeir spricht (der sich zuvor für die neu geschaffene B4-Leitungsstelle „Zentrale Dienste“ in der Breitenbach-Verwaltung interessiert hatte), wird die Sache wohl politisch ausgetragen – die schlechteren Karten hat dabei der Finanzsenator, ob mit oder ohne Rückendeckung des Regierenden Bürgermeisters.
Wir kommen zu einer Sonderausgabe unserer Serie „Amt, aber glücklich“, denn die folgende Geschichte klingt zwar unglaublich angesichts der täglichen Berichte von Paaren, die nachts vor „momentan“ überforderten Standesämtern campieren, die wochenlang vergeblich die Onlineterminvergabe checken, die monatelang im Voraus gebuchte Hochzeitspartys stornieren, die sich den Spruch „Momentan verlobt“ in die Ringe gravieren können (CP von gestern) – aber: Diese Geschichte, die den Checkpoint gestern erreichte, ist wirklich wahr, und sie geht so:
„Mein Partner und ich wollten uns vergangene Woche einen Termin beim Standesamt Charlottenburg holen, um unsere Lebenspartnerschaft in eine Ehe umzuwandeln. Wir rechneten mit einem Termin frühestens im August. Wir sind morgens ohne Voranmeldung hin, waren nach knapp 15 Minuten bei einer Standesbeamtin - und die bot plötzlich an, ihre Chefin zu fragen, ob wir das gleich ‚erledigen‘ können. Etwas verblüfft sagten wir ja. Und tatsächlich nahm sich die Standesamtsleiterin die Zeit für eine ausführliche Beratung - und dann für eine formale Eheschließung im Trauzimmer des Standesamtes, inklusive Vortrag, Fotos und guten Wünschen. Wir waren binnen anderthalb Stunden formal verheiratet, unrasiert und nur im T-Shirt - für ganze 10 Euro Gebühr.“
Wow, einfach herrlich – der Checkpoint gratuliert und spendiert zwei Flaschen Schampus: eine fürs Paar und eine fürs Amt!
„Das besondere Verhältnis der Frau zu ihrer Einbauküche“ ist nicht etwa eine neue Reklame von Bauknecht (Slogan: „…weiß, was Frauen wünschen“), sondern der aktuelle Titel einer Juraklausur zu „Standardproblemen des Vertragsrechts“. Doch dabei handelt es sich wohl eher um ein Standardproblem der Geschlechterstereotype, gegen die Justizsenator Dirk Behrendt jetzt vorgeht - durchaus mit Erfolg, wie meine Kollegin Ronja Ringelstein schreibt: „In der jüngsten Examensprüfung gab es einen Fall, in dem ein Sandro eine Kfz-Werkstatt betreibt. Sandro heißt jetzt Sandra.“ Jetzt muss nur noch die Kfz-Werkstatt in Fahrradladen umbenannt werden, dann wird alles gut.
Apropos Reklame: In der Stadt kämpft eine Mini-Guerilla des Nachts gegen Plakate, eine Initiative will einen „Volksentscheid Berlin Werbefrei“ durchsetzen – und Ann-Kathrin Hipp vom Team Checkpoint hat sich die Szene mal genauer angeschaut. Ihren großen Bericht finden Sie am Sonnabend auf unseren Tagesspiegel-Seiten „Mehr Berlin“.
Telegramm
Falls Ihnen heute Menschen ohne Hose begegnen: Keine Panik, das liegt nicht an Berlin - heute ist internationaler „No Pants Day“. Ab Morgen liegt’s dann wieder an Berlin…
In der Koalition gibt’s unverhüllten Krach ums Kopftuch (und um Kippas, Kreuze usw.) - Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek fordert einen Abschied vom Neutralitätsgesetz, Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (SPD) kontert: „Daran gibt es nichts zu rütteln“ – Änderungsversuchen werde er sich „klar entgegenstellen: Ich darf mich ja auch als Lehrer nicht mit einem SPD-Shirt vor die Klasse stellen.“
Die AfD Hohenschönhausen möchte, „dass die Sehenswürdigkeiten und kulturellen Schätze des Bezirks aufgearbeitet und für den Tourismus erschlossen werden“ – dazu müssten nur „die Voraussetzungen geschaffen werden, um die im Focus stehenden Touristenströme zu begeistern und sie mit den notwendigen Informationen zu versorgen.“ Super Idee - als erstes bitte direkt mal den Mummenschanz vom Checkpoint Charlie (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Tagesspiegel Checkpoint) dorthin verfrachten. Danke!
Falls Sie auch gerne mal Äpfel mit Birnen vergleichen, verrate ich Ihnen ein Geheimnis: Beide haben eins gemein – sie müssen in die Biotonne (von April 2019 an stadtweit Pflicht für jeden Haushalt).
Und hier eine Übersicht der Sportangebote für die Berliner Polizei nach Direktion (bitte wählen Sie selbst):
D1: Wirbelsäulengymnastik
D2: Rückenschule
D3: Yoga, Pilates, Nordic Walking
D4: Power Fitness
D5: Spinning
D6: Entspannung
LKA: Fitnessboxen
Fortbildung: Wege zur Gelassenheit (Q: Innenverwaltung)
Weil die Fußball-WM in Russland am 17. Juni beginnt, werden die Spiele der deutschen Mannschaft auf Großleinwänden diesmal auf der Straße des 17. Juni übertragen – oder war’s genau anders herum?
Weil sich die Politik noch nicht festlegen konnte, haben 17 Prozent der Berliner Beschäftigten im vergangenen Jahr schon mal einen ganz persönlichen Feiertag genommen: Sie machten einfach blau (unentschuldigt) – und waren es vielleicht auch.
Und hier die Gewinnzahlen der Berliner Parteien (in % und ohne Gewähr), wie immer fern der Aufsicht eines Notars gezogen von Forsa-Glücksfee Manfred Güllner: SPD 19 (-1), Linke 19 (+1), CDU 19 (-1), Grüne 18 (+1), AfD 11 (-1), FDP 7 (+-0), Sonstige 7 (+1). (Q: „Berliner Zeitung“).
Eine Mehrheit der Berliner wählt aber weiterhin zwangsweise den SEV (Schienenersatzverkehr) – dazu auch die neuesten S-Bahn-News:
Die berühmte „Signalstörung“ heißt jetzt „betriebliche Unregelmäßigkeit“, aber die Verspätungen und Ausfälle auf den Linien S41, S42, S45, S46 und S47 sind immer noch Verspätungen und Ausfälle. Auch schön die Durchsage „In Südkreuz stapeln sich die Züge, aber es geht in einigen Minuten weiter“ – oder auch nicht. Ein Teil des Durcheinanders verschuldete gestern allerdings ein Fahrgast, der am Treptower Park seinen Koffer stehen ließ – die Polizei räumte den Bahnhof.
„Fischsterben am Flughafen“ war genau die Meldung, die aus Schönefeld in all den Jahren noch fehlte – jetzt ist es soweit: Bei einer Enteisung ist giftige Ameisensäure in einen Flutgraben gelaufen. Dazu FBB-Sprecher Hannes Hönemann: „Das sollte nicht sein.“ Auch das nicht.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Berlin brennt, der Senat hat gepennt. 112 ist die Nummer, die jeder Bürger kennt."
Der rappende Feuerwehrmann Christian Köller in seinem Protestvideo gegen die Personalnot der Rettungskräfte (hier zu sehen).
Tweet des Tages
Berlin. 16:43. Kinderspielplatz. Ein großes Herz voller Liebe geht an die schätzungsweise fünfjährige Lotta, die zur motivierend mit den Armen rudernden Mutter ruft: "Ich will nicht mehr, rutsch doch selber, du Hexe!"
Stadtleben
Ein gutes Frühstück werden Sie brauchen, bevor Sie sich am Wochenende ins Stadtleben stürzen können. Man merkt, es ist Frühling und alle wollen raus - mehr dazu gleich, aber erstmal: Frühstück! Am Böhmischen Platz in Neukölln (S-Bhf Sonnenallee) haben Katie James und Florian Tränkner, die Foodies aus der Markhalle Neun kennen, im April The Future Breakfast eröffnet. Klingt nach neuer Dimension, meint aber in erster Linie die bewusste Zusammenstellung eines nahrhaften Mahls, das den Kater zu tilgen vermag. Auch wer nicht die ganze Nacht gefeiert hat: Die Matcha-Pancakesund Eggs Benedict sind in aller Munde, weil lecker und instagram-tauglich. Aber es geht noch mehr: Buchweizen-Kakao-Granola mit Rhabarberkompott und Kokosjogurt oder „French Toast“-Croutons mit Bananeneis und frischen Himbeeren (sieht so aus). Am Wochenende unbedingt reservieren, am besten draußen. Böhmische Straße 46, Mo/Di/DoFr 8.30-18 Uhr, Sa/So 9.30-18 Uhr, Küche jeweils bis 15 Uhr
Gerade erst entdeckt (via ceecee), schließt die Morphin Bar in der Hasenheide 13 (Neukölln) nächstes Wochenende schon wieder. Oft war hier eh nicht gut Cocktails schlürfen (geöffnet Fr-Sa 20-5 Uhr), aber dafür ziemlich speziell in den an sich schon sehenswerten Hallen von Urban Industrial. Als Teil eines temporären "Concept Spaces", der sich auf Industrie Designmöbel aus den 1920er Jahren spezialisiert hat, heißen die Drinks hier auch nicht Gin Tonic und Moscow Mule, sondern Darjeeling Cooler und Morphin (Bourbon, Obstbrand, Cointreau und Wermut). Achtung: Um den Eingang zu finden, muss man einmal über den Parkplatz von Conrad hirschen.