Kaum ist Pfingsten vorbei und der Heilige Geist ausgegossen, reist der Regierende Bundesratspräsident zu einer Privataudienz beim Papst (26.5.) – es scheint also alles schlimmer zu sein als gedacht, offenbar hilft nur noch beten. Oder erhofft sich Michael Müller Tipps für den Umgang mit seinen Social-Media-Kanälen? Seine Nonnen wies Franziskus im gerade veröffentlichten „Cor Orans“ jedenfalls an, Twitter und Facebook nur mit „Ernsthaftigkeit und Diskretion“ zu nutzen, „Zeitverschwendung“ ist zu vermeiden. Da machen wir doch lieber schnell weiter und schauen nur noch kurz bei @pontifex_de für unser Tagesmotto vorbei: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Oje, das kann ja heiter werden…
Die Empörung aus der Opposition über die Hausbesetzung in Neukölln am Pfingstwochenende war genauso übertrieben wie die Empörung mancher Koalitionspolitiker über die Räumung: Weder brachte die Aktion den Rechtsstaat in Gefahr, noch die Stadt einer Lösung der Wohnungsprobleme näher (mangels Leerstand in großem Maß). Und auch die Hoffnung mancher Linker und Grüner, sich mit verbaler Unterstützung selbst als Aktivisten positionieren zu können, ging angesichts nicht abzuschüttelnder politischer Verantwortung nach hinten los – die Besetzer stellten klar: „Wir wollen eine vollständig andere Wohnungspolitik! Fuck R2G!“ Mehr dazu hier und um kurz nach 8 im Dienstagskommentar bei Radioeins.
Die einen befinden sich auf dem Pfad der Erleuchtung, der BER dagegen (nach eigenen Angaben) auf „kritischen Pfaden“ – zum Beispiel denen durch den Kabelsalat im Terminal. Laut „BamS“ sind in einem internen Statusbericht vom 16. April 863 „wesentliche Mängel“ benannt, Verzug zum Zeitplan: 11 Monate. Die Flughafengesellschaft dementiert: Alter Stand, Mängelbeseitigung längst durch, Oktober 2020 wird eröffnet. Einen etwas neueren Stand hat der als „vertraulich“ klassifizierte Bericht für den Potsdamer Sonderausschuss (7. Mai), darin heißt es unter „C: Terminrisiken - wesentliche Restrisiken“ u.a.: „Erreichen der Abnahmefähigkeit der Brandmeldezentrale, Erreichen der Abnahmefähigkeit der Sprinkleranlage, Erreichen der Abnahmefähigkeit der Kabelgewerke…“. Nach CP-Berechnung ist der „Puffer“ auf zwei Monate geschmolzen, eng wird’s allemal. Es kommentiert Dirk von Lowtzow (Tocotronic): „Meine Ziele sind auch mir Mysterien / Auf dem Pfad der Dämmerung“.
Und da wir gerade in Schönefeld sind – kleine Exkursion mit unserem Kurs „Mathe lernen mit dem Checkpoint“, Aufgabe heute: Die Flughafengesellschaft rechnet mit einem jährlichen Wachstum von 2,1 Prozent und landet damit zufällig genau auf den 55 Millionen Passagieren, die 2040 in die Masterplanterminals passen. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt rechnet dagegen national mit einem Plus von mindestens 4 Prozent, das in Berlin „überproportional“ ausfällt. Frage 1: Ist der BER dann zu groß oder zu klein? Frage 2: Wie hoch ist das wesentliche Restrisiko einer ruhigen Wohnung in der Einflugschneise von Tegel?
In einem fulminanten Aufruf fordert eine Gruppe Berliner Sozialdemokraten um Ex-Senatskanzleichef Björn Böhning „einen echten Neuanfang“ mit einer „inhaltlichen Neuaufstellung“, Auszüge: „Das Grundproblem der SPD ist, dass sie keine klare Linie mehr hat, die ihr Tun beschreibt“, und „Viele Menschen (…) erkennen sich weder auf den Plakaten noch in der Sprache führender Sozialdemokraten wieder“. Aber als Kritik an führenden Sozialdemokraten soll das bitte nicht verstanden werden, twittert Böhning: „Wer glaubt, es geht hier um Personal, der hat den Text nicht verstanden“. Logo. In der SPD hört niemand auf die Vorsitzenden. Nicht mal die Vorsitzenden. Kann also keiner was für. Die Inhalte kommen ganz von allein (oder eben auch nicht).
Übrigens: Der CDU-Abgeordnete Stefan Evers wollte wissen, was denn aus der Idee des Regierenden Bürgermeisters und SPD-Landesvorsitzenden Michael Müller für ein „solidarisches Grundeinkommen“ mit öffentlichem Beschäftigungssektor geworden ist – die Antwort des Chefs der Senatskanzlei: „Im Senat selbst haben dazu bisher keine Erörterungen stattgefunden.“
Als vor vier Jahren moderne „Blitzer“ aufgestellt wurden, hieß es, die Bilder rasender Autofahrer würden „über spezielle Datenkabel der Polizei in die Bußgeldstelle in Mitte überspielt“ – soweit die Theorie. Und nun zur (bisher verschwiegenen) Praxis: „An einigen Standorten muss die Polizei die Datenträger vor Ort auslesen und mit dem Auto zur Bußgeldstelle fahren, weil es nicht überall in der Stadt geeignete Datenkabel gibt.“ (Q: Frank Schattling, Chef der Verkehrspolizei der Digitalhauptstadt Berlin)
Und rasend geht‘s gleich weiter: Die Meldung „Formel 1 liebäugelt mit Berlin“ klang zunächst wie ein zu spät gezündeter Aprilscherz vom ADAC – da war der Puls im rot-rot-grünen Senat gleich auf 180. Aber warum Berlin? „Die Stadt könnte einen Mehrwert generieren“, sagt Marketingdirektor Sean Bratches (Q: AP) – und tatsächlich, schneller haben wir hier noch nie gelacht. Der Checkpoint empfiehlt eine Haupttribüne in der Rigaer Straße, Boxenstopp bei Curry 36 und einen Slalom durchs Brandenburger Tor. Auch der AfD kocht jetzt schon das Benzin im Blut, Frage der Fraktion: „Was unternimmt der Senat dafür, dass Berlin (wieder) zur Rennstadt wird?“ Antwort: „Im Senat gibt es keine Absichten oder Anstrengungen, dass Berlin zu einer Automotorsportstadt mit Formel-1-Rennen oder anderen Rennserien wird.“ Kennt man ja: Niemand hat die Absicht…
Seine letzte Mail ist gerade ein paar Tage alt: „Sie haben heute so nett im Checkpoint über den sonderbaren Flug einer Germania Maschine geschrieben. Da ich ja früher Flugplaner der Lufthansa war, reizt es mich, da mal reinzusehen. Hierzu habe ich ein paar Zeilen geschrieben und bei flightradar24.com geforscht. Dazu eine Ausarbeitung zum Problem von Verspätungen in Berlin. Ergebnis siehe Anhang.“ Hans-Henning Romberg schien alles zu lesen, was über Berliner Flughäfen geschrieben wurde – und dann schrieb er selbst, leidenschaftlich und kenntnisreich. Nach seiner Zeit bei der Lufthansa (1974 bis 1992, zuletzt als Leiter der Abteilung Kapazitätsplanung) wechselte er für fünf Jahre zum FBB-Vorläufer, der Berlin-Brandenburger Flughafen-Holding. Als einer der ersten warnte er davor, dass der BER zu klein sein wird, und er warb auch deshalb für einen Weiterbetrieb von Tegel. Die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens wird er sich nun vom Himmel aus ansehen: Vergangene Woche ist Romberg im Alter von 76 Jahren gestorben.
Telegramm
Anstatt in die S-Bahn stieg am Samstagabend in Spandau eine Berlinerin aus Versehen in einen Sonderzug – und fuhr mit vom Finale frustrierten Bayernfans gleich durch bis nach München. Ein Mitreisender berichtet: „Sie hat das Beste daraus gemacht und die ganze Fahrt feiernd im Partywaggon verbracht.“
Weniger zum Feiern zumute ist weiterhin denjenigen, die aus Versehen in die S-Bahn steigen – oder, noch schlimmer, im Schienenersatzverkehr landen: Auf der Linie S1 weichen die Busse wegen einer Baustelle am Walther-Schreiber-Platz zuweilen sogar auf die Autobahn aus und fahren zwei Haltestellen gar nicht erst an.
Eine ganz besondere Variante des Berliner Busfahrerhumors erlebte gerade auch Checkpoint-Leser Andreas Troge, Ex-Chef des Bundesumweltamtes: Die Frage eines Fahrgastes an der Haltestelle „Zehlendorfer Eiche“, wie er zur S-Bahn kommt, beantwortete der BVG-Chauffeur absolut korrekt („hier links, Teltower Damm“). Allerdings vergaß er zu erwähnen, dass die S-Bahn gar nicht fährt – und er selbst den Ersatzbus lenkt.
Und ja, wir haben natürlich heute auch noch was für die Fans unseres Betriebsstörungsbingos: „Wegen eines Schadzuges fährt die S26 zzt. nicht“ – bitte nicht verwechseln mit „Problemzug“ oder „Schulzzug“.
Frage an Berlinkenner: Was muss ein „Hauptsachbearbeiter mit Allzuständigkeit im Bürgeramt“ haben? Richtig: „Kenntnisse des Zahlungsverfahrens EC-Cash beziehungsweise der Zahlungssysteme Hess/CSG (Kassenautomat).“ Falls Sie sich mit diesem modernen Zeugs auskennen – die Ausschreibung steht im Amtsblatt auf Seite 2548.
Hallo BSR: Knapp fünf Monate nach Heiligabend wurde gegenüber der Birkenstraße 13 ein abgelegter Weihnachtsbaum gesichtet – in jedem Fall müsste er aber mal gegossen werden, sonst wird er im Sommer noch ein Fall für die Feuerwehr.
Die Stiftung Warentest teilt mit: „Verbraucher können auf teure Matratzen und Lattenroste verzichten.“ Lesen Sie im nächsten „Checkpoint Spezial“: „So schlafen Sie gut und günstig im Stehen.“
Die teils dramatische Situation der Verwaltung am Beispiel des „Regionalen Sozialen Dienstes“ der Jugendämter („Allgemeine, offene Anlaufstelle für Familien, Alleinerziehende, Kinder und Jugendliche bei Erziehungsfragen und familiären Problemen“): Von 888,8 finanzierten Stellen meldeten die Bezirke zuletzt 141,4 als unbesetzt. Am ärgsten ist es in Tempelhof-Schöneberg, wo von 90 Planstellen 28,7 offen waren. Bemerkenswert auch die Zeit, die ein Besetzungsverfahren dauert – der Aufgabe angemessen so lange wie eine Schwangerschaft.
Mail von der Flughafengesellschaft: „Lars Wagner hat um Auflösung seines Vertrages als Leiter der Pressestelle und erster Pressesprecher gebeten. Diesem Wunsch ist die Geschäftsführung nachgekommen.“
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Alles wird gut.“
Standardspruch von Rainer Bretschneider, Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft. Als Staatssekretär und Flughafenkoordinator der Landesregierung Brandenburg wird der 69 Jahre alte Beamte jetzt aber nach mehrfacher Verlängerung doch noch in den Ruhestand versetzt.
Tweet des Tages
„#RoyalWedding heißen bei uns die Dönerläden am Leopoldplatz.“
Stadtleben
Das Schwabylon hätte man eher zwischen Eberswalder Straße und Senefelder Platz vermutet, doch in der Pannierstraße 9 in Neukölln befindet sich tatsächlich ein stattliches Spätzle-Exil inmitten von Falafelläden und Hipster-Cafés. Die schwäbische Spezialität wird hier komplett selbst zubereitet, wobei ausschließlich Bio-Eier zum Einsatz kommen. Für Qualität spricht außerdem die beschauliche Auswahl auf der Speisekarte: Die Spätzlegibt’s als traditionelle, herzhafte Variante mit Emmentaler und Schmelzzwiebeln, mit Rinderschmortopf in Weinsoße oder Linseneintopf sowie in der süßen Version mit Apfelmus (alle zwischen 5 und 7 Euro). Die Portionen sind reichlich, satt wird man also allemal – neben Humor sind das beste Voraussetzungen für interkulturellen Austausch. Jenen bringen offenbar die Betreiber mit: Die an die Hauswand gesprühte Zeile „Schwaben raus“ wurde einfach mit „…aus der zweiten Bundesliga“ ergänzt. U-Bhf Hermannplatz, Di- So 12-22 Uhr
Trinken in Charlottenburg Im Insonne in der Windscheidstraße 22 kommen der Wein, Kaffee und sogar die herzhaft-süßen Cornetti aus Italien. Mediterranes Flair kommt in der schlichten, in dunklem Holz gehaltenen Cafébar also spätestens beim ersten Schluck Cappuccino oder Espresso Corretto auf. Frühstücken lässt es sich hier mit einem Colazione al Frommagio genauso gut, wie abends zum Aperitivo mit frischem italienischem Aufschnitt einen Prosecco oder Campari mit Himbeersirup schlürfen. S-Bhf Charlottenburg, Mo-Fr 8-21 Uhr, Sa-So 9-21 Uhr