Es vergeht kein Tag in Berlin, ohne dass Radfahrer Opfer von Autofahrern werden – nach dem immer gleichen Muster: Entweder passiert es beim Abbiegen oder beim Türöffnen. Jetzt traf es eine Fünfzehnjährige auf der Baseler Straße in Lichterfelde: Ein Mercedesfahrer riss rücksichtslos seine Tür auf und verletzte das Mädchen schwer – oder, in der Sprache der Polizei: „erfasste“ sie.
Konkretes, individuelles Fehlverhalten kann die Politik nicht verhindern – aber die strukturellen Mängel im Straßenverkehr sind so offensichtlich wie tödlich: In diesem Jahr starben bereits doppelt so viele Radfahrer nach Unfällen wie im gesamten vergangenen Jahr (CP v. 22.8.). Und das Gefahrenbewusstsein, das einen Autofahrer dann vielleicht doch vor dem Öffnen der Tür oder dem Rechtsabbiegen genauer nach hinten schauen lässt, wächst mit einer erkennbar veränderten Infrastruktur – oder eben auch nicht. Und das Verständnis von Autofahrern für das Fahrverhalten von Radfahrern wächst mit der Erkenntnis, wie lebensnotwendig Abstand ist: aus Sicht des Autofahrers beim Überholen, aus Sicht des Radfahrers beim Passieren parkender Wagen. Denken Sie beim nächsten Mal daran, bevor Sie drängeln oder hupen: Die Radfahrerin vor Ihnen fährt nicht so weit links Richtung Straßenmitte, weil sie Sie provozieren will, sondern weil sie zu Recht Angst davor hat, plötzlich von einer Tür zu Boden gerissen zu werden – alle fünf Meter wieder.
Und wie steht’s mit der Infrastruktur in Berlin, fast vier Jahre nach der Wahl von Rot-Rot-Grün und mehr als zwei Jahre nach der Verabschiedung des Mobilitätsgesetzes?
+ An allen Hauptverkehrsstraßen sollen breite Radverkehrsanlagen mit sicherem Abstand zu parkenden Pkw eingerichtet werden – von 1500 km sind gerade mal 100 fertig (ein Viertel davon provisorisch).
+ 120 km Radwege sollen grün werden – geschafft wurden gerade mal 30.
+ Ein zentrales Mängelregister sollte innerhalb von zwei Jahren entstehen, um Schäden an Radwegen und besonders gefährliche Passagen „möglichst unverzüglich“, jedenfalls aber „innerhalb von sechs Monaten“ beseitigen zu können – es gibt das Register bis heute nicht.
+ Ein Radverkehrsplan sollte ebenfalls innerhalb von zwei Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzes vorliegen – er ist bis heute nicht da.
+ 130 km Radschnellverbindungen sollen geschaffen werden – doch noch nicht einmal die Planungen haben begonnen, als Baubeginn wird jetzt 2022 genannte, jedenfalls „nicht früher“.
Als Benjamin Konietzny von n-tv am vergangenen Mittwoch die Verkehrsverwaltung um eine Stellungnahme zum Stand der Dinge bat, bekam er bis Freitagnachmittag keine Antwort – sein Beitrag („Wie die Verkehrswende der Grünen scheitert“) erschien auch so (wenn auch mit kleineren Mängeln – es sei denn, der SPD-Abgeordnete Kohlmeier hat einen Doppelgänger mit dem Namen Kohlmann).
Dem Tagesspiegel sagte Verkehrssenatorin Regine Günther, dass sie nicht glaubt, dass sich Berlin zu langsam verändert:„Was wir noch nicht geschafft haben, ist der vollständige Umbau einer Stadt, deren Verkehrspolitik in den vergangenen 70 Jahren auf die Privilegierung von Autos ausgerichtet war.“ Günther kündigte für den Herbst das Konzept zum Umbau der Straße Unter den Linden an: „Gehen Sie davon aus, dass der Fußverkehr, der Radverkehr und der ÖPNV genug Raum erhalten.“ Das ganze Interview können Sie hier lesen.

So träge, wie die Spree durch die Stadt fließt,informierten die Verantwortlichen der Wasserbetriebe bisher auch über gefährliche Sicherheitslücken in ihrem Betrieb – viele Details treiben bis heute im Trüben. Doch langsam klärt sich der Ablauf des Geschehens.
Am 28. Juli erfuhr die Öffentlichkeit durch eine Tagesspiegel-Recherche von einem 82-seitigen, alarmierenden Gutachten, in dem eklatante Mängel aufgezeigt wurden. Mehr als 30 Schwachstellen bei der IT-Sicherheit erkannten die Prüfer von Alpha Strike Labs, die „aktuelle Gefährdungslage“ durch mögliche Manipulationen oder Anschläge bewerteten sie als „hoch“.
Doch seit wann lag das Gutachten vor? Warum wurde das Parlament nicht informiert? Was wusste der Senat? Und wie erfuhr die Wirtschaftssenatorin und BWB-Aufsichtsratsvorsitzende Ramona Pop von dem Bericht, in dem vor einem „schwerwiegenden Angriff“ auf die IT und einem „mehrwöchigen Zusammenbruch der Abwasserentsorgung Berlins“ gewarnt wird?
Wasserbetriebe und Wirtschaftssenatorin hielten sich nach der Enthüllung bedeckt, konkret wurde nach einigem Zögern nur ein Datum genannt: Der Aufsichtsrat, dem auch Finanzsenator Matthias Kollatz und Umweltstaatssekretär Stefan Tidow angehören, ist seit dem 17. Juni über Mängel, Gefährdungslage und Gegenmaßnamen im Bild. Doch nach Checkpoint-Informationen wusste die Aufsichtsratsvorsitzende Ramona Pop weit früher Bescheid: Der Vorstand der Wasserbetriebe informierte die Senatorin über die katastrophalen Testergebnisse bereits am 5. Juni bei einer Telefonkonferenz – und damit drei Tage vor dem Personalausschuss sowie zwölf Tage vor dem Rest des Gremiums.
Somit lässt sich jetzt auch rekonstruieren, wie lange der Vorstand der Wasserbetriebe die Gefährdungslage, die zu Krankheitsausbrüchen und Seuchen in der ganzen Stadt hätte führen können, vor der Senatorin verschwieg: Der Abschlussbericht von Alpha Strike Labs wurde den Wasserbetrieben nach Checkpoint-Informationen am 25. Mai übermittelt – zwölf Tage ließ BWB-Chef Jörg Simon also verstreichen, bevor er zum Telefon griff.
In einer noch unveröffentlichten Antwort auf Fragen des CDU-Abgeordneten Florian Graf schreibt Staatssekretär Christian Rickerts, die Sicherheitsmängel seien den Wasserbetrieben „nicht in dem dort beschriebenen Umfang bekannt gewesen“ – in welchem dann, bleibt offen. Die in dem Bericht dargestellten Szenarien sind nach Angaben der Wasserbetriebe zwar „nicht mehr möglich“, wie es zu den eklatanten Mängeln kommen konnte, ist allerding ebenfalls weiter unklar: „Die Analyse laufe und sei noch nicht abgeschlossen“, schreibt Rickerts unter Bezugnahme auf eine Auskunft der BWB. Die Frage, ob die Analyse mit der Wirtschaftsverwaltung abgesprochen war, beantwortet der Staatssekretär mit einem Wort: „Nein.“
CDU-Mann Graf sagte dem Checkpoint gestern Abend zu den Erkenntnissen über den zeitlichen Ablauf und den Antworten der Verwaltung auf seine Fragen: „Das ist eine klare Pflichtverletzung von Frau Pop. Als Verantwortliche hat sie nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zum sofortigen Handeln. Schließlich geht es hier um den Betrieb kritischer Infrastruktur. Wer hier Sicherheitslücken auf die leichte Schulter nimmt, handelt absolut verantwortungslos.“
Was an Rickerts Antworten auffällt, ist ein demonstrativer, jedenfalls übertriebener Gebrauch des Konjunktivs – ein Beispiel: „Nach Angaben der BWB sei…“. Eine klare Distanzierung. Bereits im Vorspann weist Pops Staatssekretär darauf hin, dass die Antworten auf Angaben der BWB beruhten, erstellt „in eigener Verantwortung“. Zuletzt hatte sich so die Senatskanzlei bei Anfragen zum BER abgesichert – bis an der FBB-Spitze Karsten Mühlenfeld gegen Engelbert Lütke Daldrup ausgetauscht wurde.
Epilog: Am 8. August, elf Tage nach Enthüllung der dramtischen Sicherheitsmängel, kündigte BWB-Chef Jörg Simon in der „Morgenpost“ seinen Abgang an: „Nach 20 Jahren ist es ganz gut, nochmal etwas anderes zu machen“ – mit der aktuellen Politik habe seine Entscheidung nichts zu tun.
Anzeige
„Bald haben wir beide unser eigenes Zimmer.“
Neu im Verkauf: die BUWOG Lotsenhäuser in Grünau – das neue Zuhause für Familien. Großzügige Eigentumswohnungen mit 2-5 Zimmern in einem nachhaltigen Quartier. KfW-40-Standard (Niedrigstenergiehaus). Z.B. 5 Zimmer, ca. 136 m², 629.000 € ohne Provision direkt vom Bauträger. Jetzt informieren!
Berliner Schnuppen
Telegramm
Und weiter geht’s nach dem tollen Start und den ersten erfolgreichen Vermittlungen (CP vom 22.8.) mit unserer neuen Aktion „Wer sucht was“ – heute:
„Ich bin Jutta Freitag, und mich hat die Suche im Checkpoint nach Hilfe beim Italienischlernen angespornt. Ich bin schwerhörig und würde gerne die Gebärdensprache erlernen. Ich suche einen Lehrer oder eine Lehrerin für Gebärdensprache, gemeinsam mit meiner Tochter. Es gibt Gebärdenschulen, aber die Zeiten für Kurse sind meist so angelegt, dass meine Tochter sie nicht wahrnehmen kann.“
Wenn Sie sich angesprochen fühlen oder selbst jemanden oder etwas suchen, melden Sie sich bitte unter checkpoint@tagesspiegel.de – wir vermitteln und fragen später nach, wie es war.
Die Kabarettistin Katharina Hoffmann tritt in einem rbb-Beitrag mit Kultpotenzial als Mieterin in eigener Sache auf: Der Eigentümer hat die Hälfte des Hauseingangs in Friedrichhain an einen Geldautomatenaufsteller vermietet (angeblich für „ca. 1000 Euro“) und dafür das Klingelschild herausgerissen, die Bewohner sind empört. In der Eröffnungssequenz des Videos (kurze 1:51, hier zu sehen) verpasst Hoffman der Kiste zu einem Sixties-Gitarrensound artifizielle Lufttritte und -schläge, schleicht sich wie Paula Panther aus dem Bild und kommentiert: „Das ärgert mich jeden Tag, wenn ich rausgehe, reingehe, kriege ich die Krätze, wenn ich die Scheiße da sehe!“
Und wer ist schuld daran? Nein, natürlich nicht der Bossa Nova, sondern nur der Kapitalismus – meint jedenfalls die Berliner Linke, die bei ihrem Parteitag im Kapitalisten-Hotel Estrel zu dessen „Überwindung“ u.a. die Gründung landeseigner Kaufhäuser forderte, für die „Daseinsvorsorge“. Hm, woran erinnert uns das doch gleich noch… ach ja, an einen alten Witz, hier in der Fassung 2020: Kunde: „Sagen Sie mal, haben Sie kein Klopapier?“ Verkäuferin: „Kein Klopapier gibt‘s eine Etage tiefer, hier haben wir keine Masken.“

Das Projekt @wasihrnichtseht macht Rassismuserfahrungen von Schwarzen sichtbar. Wir machen das durch eine Kooperation an dieser Stelle auch.
„Endlich!“, jubelte Mitte-Bürgermeister Stephan von Dassel, „Reichstag ohne Reichsbürger. Das Bezirksamt Mitte hatte nichts genehmigt, nichts geduldet, sondern die Räumung veranlasst, sobald es rechtlich zulässig war. Wir verteidigen unsere Demokratie – und unsere Grünflächen.“ Kurz darauf bauten die Reichsbürger ihre Zelte auf der Wiese am Kanzleramt auf.
Den Berlin-Spezialisten vom „Spiegel“ verdanken wir unsere heutige Aufgabe für Berlinkenner (Niveau Anfänger) – Sie finden sie dort auf Seite 32 und die Geschichte beginnt so: „Am Gendarmenmarkt in Berlin liegt das noble Kaufhaus Galeries Lafayette...“ Hinweis: Die Aufgabe ist nicht geeignet für Leute, die den Fernsehturm „am Alex“ verorten und das KaDeWe am Ku’damm.
Ach, Sie kennen das Lafayette gar nicht? Kleiner Tipp: Das ist der Laden, den die Lebensmittelaufsicht vom BA Mitte kurz nach der Eröffnung im Jahr 1996 gleich wieder dichtmachen wollte, weil die Kontrolleure in der Lebensmittelabteilung Spuren von Schimmel am Roquefort entdeckt hatten.
Anzeige
DIE BLECHTROMMEL wird am 31. August 2020 ihr Leinwand-Revival feiern! 40 Jahre nachdem Volker Schlöndorffs Verfilmung des gleichnamigen Romans von Günter Grass mit einem Oscar® als „Bester fremdsprachiger Film“ ausgezeichnet wurde, kommt das meisterhafte Literaturepos zurück: aufwendig in 4K restauriert als Kino-Event, u.a. in Berlin und Umgebung.
Apropos Friedrichstraße – die Aussperrung der Autos polarisiert: Bei mehr als 3000 Votes sagten bei unserer Checkpoint-Abstimmung 57 % „Ja, auf diese Fußgängerzone freue ich mich“, 37 % meinten „Nein, wer will da schon flanieren.“ Für Radfahrer gilt hier übrigens ein Tempolimit von 20 km/h – mal sehen, wann die ersten geblitzt werden.
Knöllchenschreiben macht krank – das zeigt der Blick auf die Personalbilanz 2019: Die „Parkraumbewirtschaftung“ liegt mit durchschnittlich 70 Fehltagen pro Kopf in Berlin an der Spitze. In der Senatskanzlei zu arbeiten ist dagegen deutlich gesünder, da sind’s nur 20 Tage. Kein Wunder, dass da alle rein wollen. (Q: „B.Z.“)
Hinweis für Geschenkebastler: Heute in vier Monaten ist Heiligabend – ich sag’s ja nur.
„Der HSV qualifiziert sich für die Champions League“ ist kein Witz, sondern war vor exakt zwanzig Jahren eine Nachricht in der Tagesschau. Die aktuelle Sportmeldung der Tagesschau lautet: „Flicks Geniestreich bringt Bayern den Triumph in der Champions League“. Und im Tagesspiegel schreibt Leonard Brandbeck: „Wen diese Bayern nicht verzaubern, der hat den Fußball nie geliebt“. Tja, wir sind eben eine tolerante Zeitung.
Anzeige
Berlin soll für alle da sein. Bezahlbarer Wohnraum ist aber immer schwieriger zu finden. Wir erinnern die Politik an ihre Versprechen.
Mit Tagesspiegel Plus unterstützen Sie für nur 9,99 € pro Monat unabhängigen Journalismus für Berlin und lesen alle Inhalte auf Tagesspiegel.de und den ungekürzten Checkpoint. Jederzeit kündbar.
Jetzt 30 Tage gratis testen.
Nachtrag zur Meldung „Spendenaktion nach A100-Anschlag“ (CP vom 22.8.): Zur Unterstützung des schwer verletzten Feuerwehrmanns und seiner Familie sind inzwischen mehr als 31.000 Euro eingegangen (Stand heute früh) – ein großes Dankeschön an alle, die sich beteiligt haben (oder sich hier noch beteiligen wollen). Alexander Fröhlich hat mit dem Initiator gesprochen – das Interview finden Sie hier.
Zu einer weiteren Spendenaktion: Innerhalb von nur zehn Tagen haben die Studierenden Hannah Schmidt, Martina Niesyto und Marcel Schana per Luftfracht eine Hilfslieferung nach Beirut organisiert – mehr als 500 Telefonate und 100 E-Mails waren nötig, bis am Freitag 190 kg Spielzeug, Kleidung, Kinderbücher und Stifte mit einer Sundair-Maschine von Tegel in die erschütterte libanesische Hauptstadt geflogen werden konnten. Und das ist erst der Anfang: Team Checkpoint unterstützt diese beeindruckende private Luftbrücke und wird in den kommenden Tagen weiter berichten.
Vor kurzem erschreckte uns hier noch die Nachricht, dass Berlin die Gehirne seiner Bewohner schrumpfen lässt – jetzt lesen wir: „Stadthummeln sind schlauer als Landhummeln“. Angeblich bringt das Leben in urbanen Gebieten größere und intelligentere Insekten hervor (Studie: Uni Halle-Wittenberg). Auf die Wespen, die in meinem Aperol Spritz ertrunken sind, trifft das allerdings nicht zu.
Anzeige
Begeben Sie sich mit Tagesspiegel-Redakteurin Dr. Dorothee Nolte auf die Spuren Alexander von Humboldts durch Franken, Sachsen und Thüringen.
Jetzt auf Tagesspiegel-Reisen.
Neues aus Müllhausen: Am Ende jedes Wochenendes das gleiche Bild – rund um die BSR-Eimer, aber auch auf Wiesen und Wegen türmt sich der Abfall der Party-People genauso wie der von feiernden Familien und Spaziergängern. Was ist eigentlich so schwer daran, seinen eigenen Müll wieder mitzunehmen und dort zu entsorgen, wo Platz dafür ist? Warum werden an den bekannten, neuralgischen Punkten nicht mehr oder größere Behälter aufgestellt? Und wann wird der Reinigungsrhythmus von den Grauflächenämtern endlich mal zyklisch geschaltet? Antworten gerne an checkpoint@tagesspiegel.de.
Checkpoint-Laufgruppenchef Felix Hackenbruch ist zurück aus dem Urlaub: Am Dienstag geht’s in zwei Gruppen ab 19 Uhr durch den Gleisdreieckpark (6 und 12 km). Wir treffen uns am U-Bahnhof Gleisdreieck/Ecke Brlo-Biergarten, und für alle, die zum ersten Mal mitlaufen wollen: Corona-Kontaktliste, Auto für Wechselklamotten und erfrischende Getränke bringen wir wie immer mit.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich kandidiere für den Wahlkreis und für einen aussichtsreichen Listenplatz.“
Özcan Mutlu von den Grünen will über Mitte zurück in den Bundestag – und wir sehen: Nicht nur bei der SPD wird es spannend.
Tweet des Tages
Fußball geguckt. Fühle nichts.
Stadtleben
Trinken – „Why limit happy to an hour?“ Liebhaber dieser Trinkphilosophie spazieren in die Oranienburger Straße: Pünktlich zu lauen Spätsommernächten hat das Max & Friends seine Tore geöffnet. Schräg gegenüber dem Tacheles nippen Nachtaktive an Cocktails und Longdrinks, deren Preise erstaunlich solide sind – einen Aperol Spritz kredenzt die Bar für 6,50, den klebrig-süßen Singapore Sling gibt es für 8,50 Euro. Kulinariker aufgepasst: Noch serviert das Max nur Drinks und Häppchen, doch bald soll ein ganzes Menü folgen. Ihre edlen Cocktailgläser leeren die Gäste zwischen Backsteinwänden – oder mummeln sich draußen in eine der Decken und beobachten das nächtliche Treiben mitten in Mitte. Täglich 12-4 Uhr, Oranienburger Straße 39, S-Bhf Oranienburger Straße
Anzeige
Tagesspiegel-Podcast "Gyncast"
Folge 9: Wir haben Lust! Die Anatomie der Erregung
Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir einen Orgasmus haben, was hat die Nebenniere mit Liebe zu tun und gibt es den G-Punkt wirklich? Im neuen Gyncast dreht sich alles um weibliche Lust - damit Frauen endlich so viele Höhepunkte erleben wie Männer.

Essen – In den Farben Gambias strahlt das Bantabaa in Kreuzberg: Vor dem rot-blau-grünen Anstrich schnabulieren Gäste afrikanische Gerichte, die kreuz und quer probiert werden will. Neben Huhn mit Erdnusssauce, frittiertem Reis und gebratenem Fisch serviert der Food Dealer süßes Chakery – ein Dessert aus Kokos, Joghurt und Couscous. Kalender zur Hand? Jeden Donnerstag lädt das Lokal zum maskierten (!) Community Dinner, für das Freiwillige mit Abstand den Kochlöffel schwingen. Bezahlt wird per Spende, wer kann, zahlt auch das Essen des Nächsten. Seine Kiezdinner veranstaltet das Team zusammen mit dem Bantabaa-Projekt, das Geflüchtete in Berlin unterstützt – Soulfood mit Sinn! Täglich 11-21 Uhr, Wrangelstraße 42, U-Bhf Schlesisches Tor (Foto: Bantabaa Food Dealer)
Schwindelfreien Berlinbesuch dem Klischee getreu auf den Fernsehturm geleiten – nicht nur, um Kräne und Gruben zu zählen, sondern auch für den Rundumblick nach innen: Seit wenigen Tagen schmückt eine neue Ausstellung die Wände von Restaurant und Rotunde. „New Beginnings“ zeigt das Berlin vom März und April, das Berlin des Lockdowns und Erwachens. Verwaiste Straßen finden ebenso ihren Platz wie die Bilder des zaghaften Wiedereroberns – erste Fotografien bestaunen Sie hier. Zeitfenster ergattern Sie ab 22,50 Euro unter diesem Link, auch hier gibt‘s die Auffahrt nur mit Maske. Noch ein Grund, in die Höhe zu fahren: Die neue Karte des Drehrestaurants mit Burgern und Bowls, dass Ihnen schwindlig wird – Aussichtsetage und Restaurant „Sphere“ sind täglich von 10-22 Uhr zu erkunden.
Urlaub ganz nah – Sahara bei Berlin! Wer die Massen des Zoos scheut, fährt stattdessen in den Norden: Kurz hinter den Straßen Oranienburgs ruft der Kamelhof Nassenheide an seine Weiden. Auf Brandenburger Getreidewiesen grasen hier gleich 15 Tiere, die in Kleinstgruppen besucht werden können – neuester Zugang: das Fohlen „Corona“. Gäste des Hofs dürfen vorsichtig streicheln, bürsten und über die Weiden reiten (70 Euro pro Kamel). Seit der Pandemie können Freiwillige die Kamele adoptieren – auch Coronas Mutter sucht noch einen Paten. Wer sich berufen fühlt: für putzige Trampeltiere hier entlang.
Plätze sichern – Wer sich nach wummernden Elektro-Beats sehnt, kombiniert Clubkultur mit Hinterhofcharme: Umringt von Urberliner Altbaufassaden ruft das Ritter Butzke auf die Bänke seines Hofs – coronakonform. Gäste des Kulturgartens lauschen den Sounds der DJ-Sets, schlürfen Erdbeerbowle und knabbern an den Nachos und Chilis der Küche. Getanzt werden darf wippend am eigenen Tisch, jedoch nur mit Abstand und allein. Damit trotzdem eifrig kokettiert werden kann, verteilt der Club „höchstemotionale Schilder“, mit denen Gefühle bezeugt werden dürfen. Los geht’s freitags bis sonntags ab 18 Uhr – wer mitschunkeln will, der muss sich sputen: Die Plätze des Gartens (16 Euro) sind streng rationiert. Zutritt gibt es – ausnahmslos – auch hier nur mit Maske. Ritterstraße 26, U-Bhf Moritzplatz
Last-Minute-Klassik – (ein Tipp von Ticket-Kollegin Sandra Luzina) Das Kammermusik-Festival „The Last Rose of Summer“ ist ein wahres Kleinod. Die Geigerin Judith Ingolfsson und der Pianist Vladimir Stoupel haben die Reihe vor sechs Jahren ins Leben gerufen. Auch in diesem Corona-Sommer kann sie stattfinden – allerdings in einer reduzierten Version. Bis zum 28. August findet jeden Tag ein Lunchkonzert in der Mendelssohn-Remise am Gendarmenmarkt statt (jeweils 13 Uhr). Zugelassen sind maximal 50 Besucher. Ein solches Festival braucht natürlich einen Schutzpatron: in diesem Jahr ist es Beethoven. Zum Auftakt spielt das Schweizer Klaviertrio heute das berühmte Trio B-Dur op. 97, auch bekannt als „Erzherzog-Trio“.
Last-Minute-Chaos – Improvisiertes Durcheinander verspricht das Team von Chaos Royal: Auf Zuruf des Publikums spielt das Ensemble Tragik, Comedy und Melodrama im frisch wiedereröffneten BKA-Theater. Wer derzeit noch zu Hause weilt, klickt sich per Livestream aufs Parkett und gibt im Chat seine Vorschläge ab, die direkt auf die Bühne gebeamt werden. Für alle Analog-Besucher führt das Haus hier durch sein Hygienekonzept – vom QR-Code bis zur Maskenzange. Losgespielt wird ab 20 Uhr, Tickets (20/16 Euro) erhalten Sie unter diesem Link. Bis 12 Uhr verlosen wir 2x2 Karten: Wer will hin?
Insel-Check
Team Checkpoint hat die Segel gehisst und alle Berliner Inseln besucht – es sind mehr als 50. An dieser Stelle und auf Instagram stellen wir Ihnen täglich eine davon vor. Und oben drauf gibt’s unser Inselquartett – zum Ausschneiden für lange Autofahrten in den Ferien und Sommer-Sehnsucht im Winter.
Angeblich sollen hier ein paar Biber-Familien wohnen und an den Bäumen nagen. Wo genau, ist bei einer Fahrt um Lindwerder im unteren Havellauf aber nicht zu erkennen. Die vielen Segelboote verdecken die Sicht. Von denen gibt es am Hafen des Yachtclubs Müggelsee (sic!) noch mehr als die rund 50 namensgebenden Linden auf der Insel. Der Mensch hat Spuren auf der Insel hinterlassen, die zum Teil aus Trümmerschutt aus dem Zweiten Weltkrieg besteht. Ein Wochenendlokal lockt Ausflügler mit mediterraner Küche, die bei Google zwischen ein bis fünf Sterne erhält. Die Geschmäcker sind verschieden, auf die grandiose Havel-Sicht lässt jedoch niemand etwas kommen. Wer aus dem Grunewald rüber will, muss nur klingeln, dann kommt der Fährmann vorbei. Erwachsene zahlen zwei, Hunde einen, Kinder null Euro.
Text: Felix Hackenbruch
Berlin heute
Verkehr – Rhinstraße (Alt-Hohenschönhausen): Aufgrund des Baus eines Fahrradstreifens wird die Fahrbahn zwischen Plauener Straße und Marzahner Straße in Richtung Gehrenseestraße auf eine Spur verengt. Der Radverkehr wird auf die Straße umgeleitet (bis Anfang Oktober).
Oberspreestraße (Köpenick): Auf Höhe Spindlersfelder Straße sind in Richtung Lange Brücke nur zwei statt drei Fahrstreifen verfügbar.
Straße An der Wuhlheide (Köpenick): Auf Höhe Nixenstraße ist stadtauswärts bis Freitag nur eine Spur befahrbar.
Schöneberger Ufer (Kreuzberg): Auf Höhe Köthener Brücke ist die Fahrbahn in Richtung Mehringdamm auf einen Streifen verengt (bis Anfang September).
Mauerstraße (Mitte): Zwischen Leipziger Straße und Kronenstraße ist für beide Richtungen nur eine gemeinsame Spur verfügbar (9-15 Uhr).
Marktstraße (Rummelsburg): Hinter der Kynaststraße steht in Richtung Karlshorster Straße nur ein Fahrstreifen zur Verfügung (bis Anfang Oktober).
Demonstration – Auf dem Platz der Republik demonstriert erneut der der Reichsbürger-Szene zuzuordnende Verein „Staatenlos.info“ mit einer „Mahnwache für Heimat und Weltfrieden GG 139 GG146“, angemeldet mit 400 Personen (0-23.59 Uhr). An der Großen Querallee/ Ecke Scheidemannstraße protestiert die Initiative „Querdenken – zentrale Außenstelle Berlin“ unter dem Motto „Wir sind für das Grundgesetz!“, es werden 120 Teilnehmende erwartet (0-23.59 Uhr). Vor der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz ruft die Berliner Montagsdemo auf zum „Kampf gegen Hartz IV“ (50 Personen, 18-20 Uhr). Die Friedrichshagener Bürgerinitiative gegen Fluglärm veranstaltet in der Bölschestraße 100 eine Kundgebung mit dem Titel „Mahnwache, Protest und Information: Gegen den falschen Standort BER – für eine umwelt- und gesundheitsverträgliche Verkehrspolitik in Deutschland“ (ca. 50 Teilnehmende, 19-20 Uhr).
Gericht – Eine 62-jährige Frau, die ihren 84 Jahre alten Mitbewohner in einem Haus in Lichtenrade umgebracht haben soll, kommt auf die Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Totschlag aus (9.30 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Turmstraße 91, Saal 537).
Heimuniversität – Es ist nie zu spät, die Turnschuhe zu schnüren – besonders, wenn man bloß von der Couch purzeln muss. Hochmotivierte schwitzen schon eine Weile, doch der Einstieg in den Uni-Feriensport ist nach wie vor möglich: Für Pilates, Yoga und Bauch-Beine-Po kaufen Studierende ein At-Home-Ticket, mit dem sämtliche Digitalkurse gebucht werden dürfen. Hier entlang!
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – Anna Carlsson (47), Schauspielerin und Synchronsprecherin / Martin Grütter (37), Komponist und Pianist / Michael Kleeberg (61), Schriftsteller und Übersetzer / Helga Korthaase (82), Politikerin (SPD) / Salomé, bürgerlich: Wolfgang Ludwig Cihlarz (66), Künstler / Stefan Schlede (80), Politiker (CDU), bis 2016 im AGH / Dirk Stettner (51), für die CDU im AGH / Nachträglich: „Liebe Mama Christine, allerherzlichste Glückwünsche zum Geburtstag aus dem fernen Hannover – dickes Küsschen und Knuddel!“
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Dr. Hans Fuhrmann, * 11. November 1925, Bundesrichter a.D. / Ulla Jochmann, * 3. August 1939 / Dr. Wolfgang Klein, * 30. Juli 1928 / Kurt Marczinske, * 7. Februar 1964 / Horst Urbschat, * 4.07.1928, Fotograf
Stolperstein – Ernestine Grün wurde am 16. September 1909 in Iasi, Rumänien geboren und lebte später in Berlin Mitte. Im Januar 1942 wurde die damals 32-Jährige nach Riga deportiert, wo Sie anderthalb Jahre später ermordet wurde. Am heutigen Tag jährt sich ihr Todesdatum zum 77. Mal – in der Tucholskystraße 41 wurde 2013 zu ihrem Gedenken ein Stolperstein verlegt.
Encore
Zum Schluss noch eine schöne Geschichte, die Checkpoint-Leserin Marianne Heitmann erlebt hat. Kurz vor Ladenschluss erwischt sie bei Karstadt Sport im Aktionsnachlass das letzte Sporthemd in Größe 152 – ein Geschenk zum Schulanfang in der Eifel. Es ist 19:45 Uhr. Doch an der Kasse stellt sie fest: Kein Geld, keine Karte, und zurücklegen geht auch nicht. Sie ist schon auf dem Weg nach draußen, als ein junger Mann auf sie zukommt – und ihr das Trikot sowie einen Kassenbon in die Hand gibt (mit Rabatt 16,96 Euro, bezahlt in bar um 19:48 Uhr). „Und was soll ich jetzt machen?“, fragt sie. Die Antwort: „Freuen und annehmen.“ Und weg ist er. Marianne Heitmanns Fazit: „Einfach nicht zu fassen und doch wunderschön“.
So, das war’s für heute. Ich wünsche Ihnen einen großzügigen Start in die Woche – das Stadtleben hat heute Lotte Buschenhagen für Sie zusammengestellt, Florenz Gilly hat alles fein gemacht und rausgeschickt, und morgen begrüßt Sie hier Robert Ide mit frischen Ideen aus der besten Stadt der Welt.