bevor wir zu den Meldungen des Tages kommen, gibt‘s aus latent-aktuellem Anlass erstmal das: Die Protestwoche von „Extinction Rebellion“ geht zu Ende (seit vergangener Nacht mit einer Blockade des Umweltministeriums in der Stresemannstraße / Potsdamer Platz), der Checkpoint setzt dagegen auf langfristigen Klimaschutz: Wir haben uns für den Start ein Umweltprojekt in Brandenburg ausgesucht, das wir mit Ihrer Hilfe unterstützen, vielleicht haben Sie ja schon mal davon gehört: Es geht um „MoorFutures“, das sind Zertifikate zur CO2-Kompensation, mit denen Schutzmaßnahmen für Moore finanziert werden. Warum das so wichtig ist im Zusammenhang mit dem Klimaschutz, und welche große Bedeutung Torf bei der CO2-Verringerung hat, erklärt gleich im Wochenend-Interview die Berliner Biologin Anne Schöps. Sie ist seit 2002 Geschäftsführerin der staatlich anerkannten „Flächenagentur Brandenburg GmbH“, die exklusiv Projekte nach dem „MoorFutures“-Standard auf dem Kompensationsmarkt im Land anbieten darf. Unser Moor, die Rehwiese, liegt nördlich von Oranienburg. Wir erwerben dort von heute an bis zum 20. Oktober für jedes neue Abo „Moorfrosch-Zertifikate“. Den CO2-Emmissionsrechner von „MoorFutures“ finden Sie hier unter diesem Link, dort können sie auch selbst Zertifikate erwerben. Unser Projekt wird übrigens wissenschaftlich begleitet von den Universitäten Kiel und Greifswald.
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Auf vier Feldern setzt Bassenge Akzente: Wertvolle Bücher, etwa Piranesis großes Rom-Werk, das schönste Papageien-Buch aller Zeiten, Russische Avantgarde und Monochromes von Yves Klein, Autographen von Friedrich II. bis Einstein, asiatische Farbholzschnitte, schließlich viele bunte Plakate. Was noch? Ein Bauhaus-Schachspiel und päpstliche Schuhe.
www.bassenge.com
Zu den Meldungen aus Berlin:
Den schwersten Job in der Berliner Politik hat zur Zeit Senatssprecherin Claudia Sünder – einen Teil ihres Gehalts darf sie getrost als Schmerzensgeld verstehen. Gestern dichtete sie der Senatsklausur zur Mietenpolitik ein Ergebnis an, das als Skript für eine Realsatire mit Michael Müller als Günter Pfitzmann und Katrin Lompscher als Brigitte Mira an jedem Berliner Boulevardtheater Erfolge feiern würde – zentraler Satz:
„Es erfolgte die Verständigung zu einem Einigungskorridor.“
Bitte nicht drängeln, bitte nicht alle auf einmal. Bevor sich die Teilnehmer auf den Weg zum Korridor machten (Treffpunkt für den weiteren Marsch: Dienstag im Senat, Freitag im Koalitionsausschuss) ergänzten sie diesen formidablen Fortschritt vertraulich um folgende Punkte:
„Es gibt kein finales Ergebnis.“
„Der Teufel steckt im Detail.“
„Die Kuh ist noch nicht vom Eis.“
„Jetzt wissen wir wenigstens, was nächste Woche noch geklärt werden muss.“
„Es ist gut gewesen, wieder miteinander zu reden.“
„Die Sitzung fand in guter und konstruktiver Atmosphäre statt.“
„Der Mietendeckel ist auf einem guten Weg.“ Aha – wahrscheinlich rollt er gemeinsam mit den Koalitionären scheppernd zum Einigungskorridor.
Finanzsenator Mathias Kollatz war nicht dabei (CP von gestern) – er weilt im Indien-Urlaub. Die Senatskanzlei teilt dazu mit:
„Die Anwesenheit von Senator Kollatz bei der Sitzung des heutigen Koalitionsausschusses war zu keinem Zeitpunkt geplant, avisiert, vorgesehen oder angekündigt. Es ist ein angemeldeter, genehmigter und bekannter Urlaub. Ein Urlaub, wie er sein soll.“
Und auch die Finanzverwaltung nahm Stellung:
„Herr Kollatz ist nicht Mitglied im Koalitionsausschuss. Er bekommt dazu auch keine Einladung. Seine Anwesenheit ist also gar nicht vorgesehen.“
Frau Lompscher ist übrigens auch nicht Mitglied im Koalitionsausschuss – dennoch war sie dabei. Die Ausgaben, die für den Mietendeckel fällig werden (z.B. beim Aufbau eines Landesamts, das die Deckelbürokratie organisiert, oder für Stellenan den Gerichten, die Massenklagen erwarten), sind übrigens bisher nicht im Haushalt geplant. Darum darf sich Kollatz kümmern, wenn er zurück ist. Vielleicht bringt er ja ein paar Erfahrungen im Markthürdenüberwinden aus Süd-Korea mit – dorthin machte er am vergangenen Montag einen Urlaubsabstecher, um an der „Private Investment for Climate Conference“ im Grand Hyatt von Incheon teilzunehmen. Sein Panel („15:20 - 16:10, Grand Ballroom 3“) diskutierte über das Thema „Climate Resilient Infrastructure:De-Risking and Overcoming Market Barriers”.
Falls Sie sich am Wochenende in der Hauptstadt frei nehmen, hat Thomas Wochnik für Sie in „48 Stunden Berlin“ folgende Tipps parat (nur für Abonennten): Wo sie der Entstehung von Comics zuschauen, die besten Berliner Wanderwege finden und durch die Geschichte friedlicher Revolutionen spazieren können.
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Kabarett-Theater DISTEL – neues Programm: SKANDAL IM SPREEBEZIRK
Skandal? Wo denn? Okay, der Mietspiegel steigt, der Meeresspiegel auch. Aber selbst wenn sich Angie mit Macron im EU-Hinterzimmer trifft, macht sie skandalfrei Platz für Germany’s next Flopmodel AKK. Alles keine Aufreger? Ein unbeugsames Kabarett hält dagegen und stellt sich den großen Skandalen unserer Zeit … Info & Karten
Telegramm
Instagram-Ministerin Dorothea Bär hat unter dem Hinweis „++++Eilt!+++++“ das ihr folgende Volk mit ein paar eigenen Gifs beglückt – sie selbst ist von sich offenbar begeistert („etwas Nützliches, Tolles, Schönes, das Spaß macht, legal ist und nicht dick macht!“), und bis ihr Flugtaxi kommt, um sie abzuholen, haben wir Oskar Lafontaine gefragt, was er von der Sache hält – hier sein Kommentar: „Wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch andere begeistern.“ Na also.
Bei der Abstimmung über die Diätenerhöhung (plus 60 Prozent) waren fast alle Abgeordneten da – das ist nicht immer so. Hier die Fehltage-Tabelle aus dem vergangenen Jahr (Durchschnittsberechnung je Abgeordneter nach Fraktion, nur Unentschuldigte, Plenum und Ausschüsse):
CDU: 4,3 Tage (31 MdA)
AfD: 4,1 Tage (22 MdA)
SPD: 3,0 Tage (38 MdA)
Grüne: 2,6 Tage (27 MdA)
FDP: 2,6 Tage (12 MdA)
Linke: 2,4 Tage (27 MdA)
In diesem Jahr sieht es ähnlich aus: Die CDU liegt wieder vorne, gefolgt von der AfD. Umsonst ist das Fehlen nicht: Pro unentschuldigtem Fehlen im Ausschuss werden 25 Euro von den Diäten abgezogen, je Plenarsitzung 50. Die Dauer der Anwesenheit spielt allerdings keine Rolle: Einmal einchecken reicht.
Die BVG ist ein Schwellenunternehmen, was sich auch an dieser Ausschreibung zeigt: Gesucht wird ein/e Mitarbeiter/in für die „Kommunikation Schwerpunkt Neubauprojekte Straßenbahn“. Aufgabe u.a.:
1) „Du gibst dem Neubauprojekt ein Gesicht“
2) „Du senkst bei Anwohnern, Anrainern und sonstigen Anliegern die Kontaktschwelle“
Und jetzt sind Sie dran: Bitte zeichnen Sie den oder die Mitarbeiter/in in Aktion, mit Gesicht beim Kontaktschwellensenken – Einsendungen bitte an checkpoint@tagesspiegel.de.
21 Tage vor dem Derby Union vs. Hertha der Blick auf die Schwarzmarktpreise: Bei Viagogo ist das billigste Ticket zurzeit für 728 Euro zu haben, ein VIP-Platz kostet 4756 Euro. Das muss man schon eisern sparen.
Theorie und Praxis am Beispiel der S-Bahn: Theorie: 98 Prozent der S-Bahnen sollen im Monatsschnitt verlässlich fahren, das ist im Vertrag mit dem Senat so festgelegt. Praxis: „Im gesamten Jahr 2018 konnte der Zielwert nicht ansatzweise erreicht werden“, heißt es im Bericht des VBB an die Verkehrsverwaltung. Höhe der fälligen Strafzahlung: 20,1 Mio Euro. (Q: „ Berliner Zeitung“)
Aus der Reihe „Unnützes Berlin-Wissen (das sie nie mehr vergessen werden)“: Die Weddinger Vineta-Grundschule ist die weltweit einzige ihrer Art, die offiziell „Für Ameisen und Menschen“ da ist (laut Metallplakette am Eingang unter dem offiziellen Stadtwappen – Beweisfoto hier). Aber bevor Sie Ihre krabbelnden Mitbewohner dort anmelden wollen: Das geht auf ein Kunstprojekt in der 5. Klasse des Schuljahrs 2014/15 zurück, das bereit beendet worden ist – das Video vom Ende der Aktion ist aber immer noch sehenswert.
Das sicherste Schwimmbad der Stadt ist die „Schwimmhalle Forumbad“ am Olympiastadion – Polizeieinsätze hier: satte 0 (null, nix, niente). Am meisten los war im Columbiabad – in Neukölln rückten die Beamten 318 Mal an.
Zu ganz fiesen Tricks greift das Ordnungsamt Neukölln: Ab sofort wird in Zivilklamotten gefahndet – Bürgermeister Martin Hikel will so „den Verfolgungsdruck erhöhen“. Checkpoint-Tipp: Die Ausstattung lässt sich sicher leicht aus den Müllbergen am Straßenrand zusammenstellen.
Das BA Mitte veranstaltet dagegen lieber „Sperrmüllaktionstage“ – das scheint so eine Art „Purge“ für Messies zu sein. Erlaubt ist fast alles, nur Gussbadewannen dürfen nicht mit. Es kommentiert Herr Müller-Lüdenscheidt: „Die Ente bleibt draußen!“. Los geht’s heute zwischen 8 und 12 Uhr unter der Putzlitzbrücke.
Wer als Jungreporter*in (18 bis 21 Jahre) mit uns nächstes Jahr als Mitglied des Redaktionsteams der Paralympics-Zeitung nach Tokio will, muss sich jetzt echt beeilen: Die Bewerbungsfrist läuft morgen aus! Wann es losgeht, was wir dort machen und welche Unterlagen eingereicht werden müssen, steht alles hier unter diesem Link.
Aus der Reihe „Im Kittchen ist ein Zimmer frei“ – der Blick auf die aktuelle Belegungsstatistik der Berliner Haftanstalten: Zurzeit sind nur 81 Prozent der Plätze besetzt. Falls Sie also umziehen wollen: Hier geht noch was (mit Vollpension) …
… und vielleicht machen Sie dort ja auch eine nette Bekanntschaft (so im Sinne von „Briefkontakt und auch gegebenenfalls mehr“) – in der neuesten Ausgabe der Knastzeitung „Lichtblick“ lockt jedenfalls schon mal jemand unter der Chiffre-Nummer 319075 so: „Killer – aber keine Angst, ich beiße nicht. Ich suche eine nette Sie bis 45. Bitte keine Moralvorträge oder sonstige Niederungen.“
Sind Politiker heute zu zaghaft? Müssen sie „mehr wagen“, wie der Leitspruch von Willy Brandt lautete? 50 Jahre nach der Wahl Brandts zum Bundeskanzler diskutiert darüber Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff mit SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, FDP-Parteivize Wolfgang Kubicki, CDU-Außenpolitik-Experte Ruprecht Polenz und Grünen-MdB Franziska Brantner am 16.10. ab 18.30 Uhr im Tagesspiegel-Haus am Askanischen Platz 3. Der Eintritt zur Veranstaltung in Kooperation mit der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung ist frei, Anmeldung bitte unter veranstaltungen-berlin@willy-brandt.de
Nachtrag zur Meldung „Polizei verliert zehn Dienstwaffen“ (CP von gestern) – Die jüngste Vermisstenmeldung betrifft eine Pistole SIG Sauer P6, 9x19 mm: Sie verschwand in diesem Jahr in der Polizeiakademie – das Ermittlungsverfahren läuft noch. (Q: Staatssekretär Akmann auf Anfrage MdA Tomiak).
Korrektur zur Meldung „Irrtum des Tages – wie betrunkene E-Scooter-Fahrer zur Verkehrswende beitragen“ (CP vom 10.10.): Michael Angrick schreibt: „Lieber Herr Maroldt, im heutigen Checkpoint nehmen Sie sich die E-Scooter vor. Dabei zitieren Sie das ‚Bundesumweltamt‘. Ich möchte Sie gerne darauf hinweisen, dass das Amt, dessen Vizepräsident ich bis Ende Juni dieses Jahres war, seit seiner Gründung vor nunmehr 45 Jahren aus politischen Gründen ‚Umweltbundesamt‘ heißt.“ Ok, danke und sorry – wir wollen ja auch nicht „Pointcheck“ heißen.
Durchgecheckt
Anne Schöps ist Berlinerin und Biologin. Seit 2002 leitet sie als Geschäftsführerin die Flächenagentur Brandenburg GmbH, Tochtergesellschaft des Naturschutzfonds Brandenburg und das Projekt „MoorFutures“.
Heute bitten wir unsere Leserinnen und Leser, Sie mit einer CO2-Kompensation zu fördern. Was wird damit gemacht?
Moore sind die größten und effektivsten Kohlenstoffspeicher auf der Erde. Wenn sie austrocknen, verfallen sie und stoßen große Mengen Kohlendioxid aus. Unser Projektgebiet Rehwiese umfasst ca. 10 ha und liegt nördlich von Oranienburg. Wir sorgen hier dafür, dass der Torfkörper dieses Moores wieder durchflutet wird. Dazu wird ein Graben geweitet und das Wasser so gestaut, dass es in die Fläche fließen kann. Im Laufe des Projekts soll so ein CO2-Aquivalent von 6.744 Tonnen eingespart werden. Pro „MoorFuture“ entfällt darauf eine Tonne CO2. Nebenbei trägt Moorschutz auch zur Erhaltung der Lebensräume von Tieren und Pflanzen bei und ist damit ein Beitrag zur biologischen Vielfalt.
Sie sind Geschäftsführerin der „Flächenagentur Brandenburg“, die hinter dem Projekt „MoorFutures“ steht – ist das Idealismus oder ein Job?
Das ist auf jeden Fall beides. Ich mag das Wort Job eher weniger und finde den Begriff des Berufs – weil er von Berufung kommt – wesentlich besser. Ich arbeite seit Jahren im Naturschutz, so dass mir Natur- und Klimaschutz ein wesentliches Anliegen ist. Besonders wichtig ist mir allerdings die regionale Akzeptanz der jeweiligen Maßnahmen. Ich muss mit den Akteuren vor Ort gemeinsam ein Projekt entwickeln und auf deren Sorgen sowie Befindlichkeiten eingehen.
Was halten Sie von den aktuellen „Extinction Rebellion“-Aktionen?
Radikalisierungen sind immer schwierig, weil sie möglicherweise Abwehrhaltungen zementieren und nicht zum Gespräch führen. „Fridays for Future“ ist eine inzwischen kontinuierliche Bewegung, die immer mehr Zuhörer findet. Die Leute fangen an, nachzudenken. Entscheidend ist nicht, die moralische Keule zu schwingen, sondern wachzurütteln und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Wer sich verletzt oder angeklagt fühlt, reagiert bockig. Und es wäre schade, wenn sich Fronten verhärten.
Es gibt auch Kritik am Prinzip des Emissionsausgleichs – ist das nicht bloß ein moralischer Freiflugschein für die nächste Urlaubsreise?
Es ist naiv zu glauben, dass wir ein Leben ohne CO2-Ausstoß praktizieren könnten. Es gilt als gesellschaftlicher Fortschritt, dass wir nicht mehr mit der Emaille-Milchkanne zum Bauern gehen. Wir nutzen digitale Geräte, die mit Strom versorgt werden. Wir wollen die ländlichen Regionen stärken, können aber nicht in jedes Dorf eine Regionalbahnstation legen. Natürlich müssen wir die CO2-Produktion verringern, die Fliegerei wegen der doppelten Hauptstadt ist überflüssig und Kreuzfahrten gehören meines Erachtens abgeschafft. Aber wir werden immer einen Teil kompensieren müssen. Und dann ist es gut, dauerhafte, transparente und seriöse Angebote vor Ort zu haben, auf die wir zurückgreifen können.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Mit lockerem Spruch und einem ausgefallenen Tipp ins Wochenende ein- und aus dieser Woche auszusteigen – business as usual – ist nach Halle und der Situation in Syrien nicht drin. Dabei hatte die Woche mit überraschender Friedfertigkeit begonnen. Montags die unbequemen Extinction-Rebellion-Aktionen, die, nur mal zur Vergegenwärtigung, gerade mal zwei von 190 Teil- oder Vollsperrungen in der Stadt verursacht haben (Quelle: VIZ am Montag). Bemerkenswert war dabei der konsequente Verzicht auf physische Gewalt. Man kann das gar nicht genug unterstreichen: Wer in Berlin eine Aktion mit zivilem Ungehorsam ankündigt, kann sich in der Regel noch so deutlich gegen Gewalt aussprechen – sie kommt trotzdem in Form von nur darauf wartenden Opportunisten. Aber nicht hier, weshalb sich die Proteste nur schwer skandalisieren lassen, obwohl das manch einer allzu gern würde. Das Thema Skandalisierung ist auch Thema im ICI Kulturlabor, ab 10 Uhr im Pfefferberg. Um 11 hält der Literaturwissenschaftler und Skandalexperte Johannes Franzen einen Vortrag über das Skandalgedicht – alles weitere hier.
Samstagmittag – Trotz generalstabsmäßiger Organisation hat die Zulieferung von Lebensmitteln hier und da schon mal auf sich warten lassen. Mit „Berlin isst für's Klima“ gibt es heute einen Ausgleich. Dabei werden überschüssige Lebensmittel, die wegen bloßer Schönheitsfehler normalerweise im Müll landen, zu schmackhaften Mahlzeiten verarbeitet – versprechen zumindest die Veranstalter und Verbraucherschutzsenator Dirk Behrnedt, der sich freiwillig zum Vorkosten gemeldet hat, nahe der Weltzeituhr am Alexanderplatz. Den anschließenden Vedauungsspaziergang kann man bei diesem Wetter gut in der Zionskirche absolvieren. Dort ist die begehbare, labyrinthartige Installation „Labystan“ des Künstlers Rainer Zabka aufgebaut, die aus der globalen Geschichte der friedlichen Revolutionen – Vorläufer der heutigen Protestkultur – erzählt, mit einigen Anspielungen auf Oppositionelle und Dissidentinnen der DDR. Eintritt frei, Zionskirchplatz
Samstagabend – Auch am Wannsee werden heute bis morgen Mittag Blockaden gelöst – sofern es sich um Schreibblockaden handelt. Das Literarische Colloquium hat zahlreiche Comic-Zeichnerinnen eingeladen, um bei diesem 24-stündigen Comic-Zeichen-Happening ein vollständiges Comic anzufertigen. Ab 19.30 Uhr ist die Veranstaltung für zwei Stunden für interessiertes Publikum geöffnet, welches eine Führung erwartet, eine Podiumsdiskussion und der Blick über die Schulter der Zeichner (Am Sandwerder 5, Eintritt frei). Am Rande der Ankündigung steht auch etwas von Jazz. Sicherlich mehr davon gibt es aber im House of Music (Revaler Straße 99, Friedrichshain). Bill Frisell, bekannt unter anderem aus John Zorns Naked City, hat mit seinem charakteristischen Stil so viele Gitarristinnen weltweit beeinflusst, wie nur wenige. Mit ihm auf der Bühne: Petra Haden, Hank Roberts und Luke Bergman. Einlass 20 Uhr, Eintritt 35 Euro
Sonntagmorgen – Was ist eigentlich wirklich jüdisch? Wie vielfältig die Antworten ausfallen, zeigt die Ausstellung „A wie jüdisch“ im Jüdischen Museum. Der Fokus liegt hier weniger auf der Geschichte des Judentums als auf der so philosophischen wie konkreten Frage, was es aktuell bedeutet, hier und heute jüdisch zu sein, mit welchen Rollen und Klischees man konfrontiert wird, wie man feiert, welchen Stellenwert gelebte Religiösität hat, wie sie aussehen kann und nicht zuletzt, mit welchen Bedrohungen Juden in Deutschland heute rechnen. Um die Antworten keinen falschen Propheten und anderen Antisemiten zu überlassen, gibt es jeden Sonntag um 11 Uhr eine Führung durch die 22 alphabetisch sortierten Stationen (Lindenstraße 9-14, Treffpunkt Foyer, 3 Euro + Museumsticket zu 8/ 3 Euro).
Sonntagmittag – Die vorletzte Gelegenheit, dieses Jahr an einem „Open Rehearsal“ in der Werkhalle Wiesenburg teilzunehmen, gibt es ab 14 Uhr in Gesundbrunnen (Wiesenstraße 55, S-Bhf Humboldthain). Ein speziell für das Event zusammengestelltes Ensemble führt nach minimaler Probenzeit Werke aus Klassik und neuer Musik auf (nach der Probe beginnt unmittelbar im Anschluss um 20.30 Uhr das Konzert). Erweitert ist das Programm visuell um die Ausstellung von Jon Konkols „Series of devastating Mistakes“, dessen ironischer Bezug zur Musik auf der Hand liegt. Im Musikprogramm stehen Bartoks Duos für Violine, Beethovens Rasumovsky Quartette und eine neue Komposition von Ohad Cohen.
Sonntagabend – Dass musikalische Ensembles, sei es das DSO oder unsere Checkpoint-Band, sensible Geschöpfe sind, an denen sich exemplarisch die Funktionsmechanismen ganzer Gesellschaften zeigen, ist ein alter Hut. Joana Tischkau reflektiert die Fragilität sozialer Konstruktionen in ihrem Tanzstück „Being Pink Ain't Easy“ um 19 Uhr in den Sophiensaelen, wobei sie der Zerbrechlicheit solcher Gefüge Bilder übersteigerter Männlichkeit aus der US-Rap-Welt gegenüberstellt. Apropos alter Hut: Der springende Punkt an einem solchen ist, dass es sich eben um einen Hut handelt, womit wir schon mit einem Tanzbein im Theater der Dinge angelangt wären. Im Anschluss an Tischkaus Performance betritt um 20.30 Uhr Jaha Koo die Bühne in Begleitung dreier Reiskocher. Und mit denen erzählt sie eine Geschichte der Zerbrechlichkeit sozialer wie individueller Gefüge in Südkorea – einer der Gesellschaften mit höchstem Leistungsdruck und entsprechenden Suizidraten. „Cuckoo“ (englisch: verrückt) heißt ihr Stück, wie die Marke der drei Reiskocher. Mit den beiden Stücken endet das After-Europe-Festival, dessen ganzes Programm hier zu finden ist. Sophienstraße 18, Mitte, U-Bhf Weinmeisterstraße
Mein Wochenende mit
Seit einigen jahren wandert der Wahlberliner Frank Meyer durch die Stadt und Umland mit dem Anspruch, keine Strecke zweimal zu gehen (klappt fast immer). Zum Fontane-Jahr hat er den 200 Kilometer langen Fontaneweg in Buchform gefasst und teilt seine Pfade auf der Plattform „Komoot“ mit der Welt.
„Wer in Berlin lebt und noch nie den Grunewald, den Tegeler Fließ oder den Havelhöhenweg durchwandert hat, ist hier eigentlich nie angekommen. Was mich gerade interessiert, ist der unweit vom bekannten Nordgraben gelegene, selbst aber weitgehend unbekannte Packereigraben in Wittenau. Er führt fast um das Märkische Viertel herum und sogar mittendurch, an der Cité Foch vorbei und am Wasser entlang – also genau da, wohin sich kaum jemand absichtlich zum Spazierengehen oder Wandern begeben würde. Zu unrecht, wie ich finde. Die Strecke ist grün, hier und da etwas wild, aber gut zu gehen und, im Gegensatz zu manch populärer Wanderstrecke, frei von Müll. Mit dem Märkischen Viertel in Sichtweite hat man stets einen Kontrast zwischen Stadt und Grün, der vielleicht interessanter ist, als zum zwanzigsten Mal die Schlachtenseerunde – so schön sie beim ersten Mal auch gewesen sein mag. Eine Methode übrigens, sich neue Wege zu erschließen, besteht darin, thematische Zusammenhänge zu finden. Zum Beispiel habe ich verschiedene Strecken entlang von Siedlungen der Moderne erstellt. Eine verläuft von der Britzer Hufeisensiedlung zur Gartenstadt Falkenberg über Schloss Britz vorbei am Ideal Hochhaus in der Fritz-Erler-Allee, immerhin dem höchsten Wohnhaus der Stadt, und dem Gropiushaus in der Lipschitzallee – obwohl hier die Architektur den Weg mehr oder weniger vorgibt, ist auch diese Strecke überwiegend grün. Und was ich schließlich als begeisterter Konzertgänger empfehle, ist, sich gerade nach dem Stehen in der Menge etwas die Beine zu vertreten, wo immer man gerade ist, während sich die Konzerteindrücke langsam setzen.
Leseempfehlungen
In mancher Hinsicht gar nicht so weit vom Spazierthema entfernt ist Lola Randls Roman „Der Große Garten“, in dem ebenfalls die Stadt, die Flucht vor der Stadt und das Land aufeinandertreffen, um sich um Gemüsebeet mit Pastinaken (der oder die oder *), Trieben, Samen, Liebhabern und anderen Anwesenden zu einer großen, die menschliche und pastinaksche Existenz umfassenden therapeutischen Sitzung zu fügen. Dass so ein Garten auch ein durchaus fragiles Biotop ist, in dem es auf bestimmte Gleichgewichte ankommt, die an sensible soziale Gefüge oder die Psyche erinnern, muss hier natürlich nicht betont werden.
Apropos friedliche Protestkultur: In der Augustausgabe der Zeitschrift Merkur finden sich sieben Befunde von Matthias Rothe zum Thema DDR-Literatur. Die Erkenntnisse und Beobachtungen des Autors stammen aus einem Seminar zum Thema, das er an der Uni Graz im Sommersemseter 2019 gegeben hat. Beschäftigt hat ihn die Frage, wie die während der gesamten Existenz der DDR verfassten Texte auf eine heutige Generation von Studierenden wirken. Ob sie, bezüglich all dessen, was in literarischen Texten nicht explizit gesagt, sondern nur angedeutet wird, überhaupt noch verständlich sind oder vielmehr bloß enigmatisch verklärt rezipiert werden. Und was das alles für die heutige Generation bedeutet.
Wochenrätsel
Warum war Wirtschaftssenatorin Ramona Pop am vergangenen Dienstag nicht rechtzeitig in Berlin, um die Senatssitzung zu leiten?
a) Sie war eingeschneit in den Alpen.
b) Sie verpasste den Nachtbus nach Venedig.
c) Sie steckte im Stau auf der Rudolf-Wissell-Brücke fest.
Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.
Jetzt mitmachenEncore
30 Jahre, 30 Tage - bis zum Mauerfalljubiläum am 9. November werfen wir an dieser Stelle einenBlick zurück auf die letzten Tage der DDR: Während neue Rufe nach Reformen laut werden und Chefideologe Kurt Hager überraschend zur Eröffnung der DDR-Kulturtage nach Moskau reist, werden am Abend des 12. Oktober 1989 die innerstädtischen Grenzanlagen in Ost-Berlin verstärkt. In der Nacht beobachten Zeugen, wie hinter dem Reichstag, von einer schwimmenden Arbeitsplattform aus, Pfähle in den Flussgrund der Spree gerammt werden. Die Spree gehört an dieser Stelle in ganzer Breite zu Ost-Berlin, das Ufer zu West-Berlin. Die britische Militärregierung hatte zuvor an einigen Stellen Leitern und Seile angebracht, um Flüchtlingen das Erklimmen der Uferböschung zu erleichtern. Noch ahnt niemand, dass in 28 Tagen die Mauer fällt.
Mit diesem Rückblick wünscht Ihnen der Checkpoint ein schönes Wochenende.
