Ohne Aussprache stimmte gestern der Senat der Ernennung von Margarete Koppers zur Generalstaatsanwältin auf Lebenszeit zu: Augen zu, Ohren zu – und durch. Hätte die CDU ein solches Verfahren auf diese Weise mit einer Kandidatin ihrer Couleur durchgeprügelt, Linke, Grüne und Sozialdemokraten hätten vor freudiger Empörung hyperventiliert. Mag sein, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Körperverletzung im Amt durch Unterlassung gegen die frühere Polizeivizepräsidentin und ihre heutige Chefin einstellt, mag sein, dass Koppers ihren neuen Job gut und besser macht – der Schatten des Zweifels wird sie verfolgen, weil die beteiligten Senatoren für Inneres und Justiz durch die Abläufe des Auswahlverfahrens, durch Ablenkungsmanöver und ihren freihändigen politischen Freispruch mehr Widersprüche schufen, als sie ausräumen konnten. So erklärt die Innenverwaltung vor Ende der Untersuchung, kein Fehlverhalten erkennen zu können, verweigert aber sogar Auskünfte dazu, ob ein Gutachten zur Affäre als vertraulich eingestuft wurde – weil dadurch „weitere Ermittlungen erschwert oder vereitelt werden“ könnten. Ein Stück Machtpolitik zu Lasten der Glaubwürdigkeit von Politik. Zu Ende ist es noch nicht.
Die landeseigene Website berlin.de wirbt dafür, leere Flaschen neben die Mülleimer zu stellen – um „weniger gut situierten Mitbürgern einen Gefallen zu tun und das Wühlen in der Tonne zu ersparen“. Gute Idee – und dann? Schlägt die privatwirtschaftliche Bürokratie zu: In einer als „dringend“ klassifizierten „Hausinfo“ schreibt die Geschäftsführung von Getränke-Lehmann (PR-Slogan: „Ick koof bei Lehmann“) an alle Märkte: „Sog. Flaschensammler“ müssten „wie alle Wiederverkäufer Angabe über ihre Adresse, USt-IdNr. etc. machen. Das Flaschensammeln ist dann ein Gewerbe, wenn es eine selbstständige, auf Dauer angelegte Tätigkeit ist, die zum Zwecke der Gewinnerzielung verfolgt wird und nicht geringfügig ist. Hierzu ist bitte der ‚Flaschensammler‘ höflich zu befragen. Verweigert er die Auskunft, kann keine ordnungsgemäße Gutschrift erstellt werden.“
Der Berliner Rechtsanwalt Stefan Senkel berichtet von einem Fall, bei dem ein Lehmann-Markt unter Hinweis auf das Schreiben die Annahme von 15 Pfandflaschen verweigerte. Meine durchschnittliche Rückgabemenge liegt bei 30 Flaschen (ca. 10 CP-Ausgaben) – nach einer „USt-IdNr.“ hat mich noch niemand gefragt. Vom neuen Phänomen des „Bottle collectors Profiling“ sind offenbar nur diejenigen betroffen, die sich erkennbar auch für 0,08 Cent bücken müssen. In cervisia veritas: Manchmal sind in dieser Stadt leider nicht nur die Getränke kalt.
Viele dieser Flaschensammler haben keine Adresse, und erst recht keine Umsatzsteuer-Nummer. „Behördlich“ findet oft nur ihre Beisetzung statt. In Köln organisieren die Kirchen Trauerfeiern für diese „Unbedachten“, der „Kölner Stadt-Anzeiger“ veröffentlicht dazu kostenlose Todesanzeigen. Versuche, so etwas auch in Berlin zu machen, um diesen Menschen ein wenig Würde zu erweisen, scheiterten aber bisher – auf mehreren Seiten sammelte bereits 2014 die Gesundheitsverwaltung Gründe, warum das hier nicht geht. Tragendes Argument: die Abstimmung mit zu vielen Zuständigen. Genannt werden u.a. die Gesundheitsämter, die Senatskanzlei, die Kulturverwaltung, die Bezirksämter, die Meldebehörden, der Datenschutz… das überlebt kein Antrag. Die größte Angst - dass es etwas kosten könnte: „Nur die für die Gefahrenabwehr erforderlichen Kosten“ dürften übernommen werden, heißt es in dem Vermerk. Von einer Trauerfeier für Menschen ohne Angehörige aber geht keine Gefahr aus, die ist den Berliner Behörden nur lästig.
In Tegel grüßt täglich das Murmeltier, typische Durchsage eines verzweifelten Piloten: „Wir sind in Berlin gelandet und völlig überraschend fehlt die Ground Crew.“ Ich hab‘s gerade selbst wieder erlebt, und als die Crew dann kam, fehlte die Treppe. Die Passagiere drängten, so kurz vor dem Ziel, vergeblich darauf, die Notrutschen auszurollen, erreichten aber zumindest eine kurze Durchlüftung. Wartezeit: 45 Minuten. Etwas schneller ging‘s gerade bei CP-Leserin Johana Seppmann, ihre Aufzeichnung: „22.20 Uhr aus Frankfurt gelandet. Halten 30 m vor Gate. Einwinker fehlt. 22.49 Uhr Ankunft am Gate. Stillstand, kein Rampenfahrer. 22.55 Uhr Öffnen der Tür.“ Wie lange will sich die Flughafengesellschaft diesen voll bezahlten Bummelstreik des so genannten Dienstleisters Wisag eigentlich bieten lassen?
Übrigens: Eurowings verschickt immer noch Infomails mit dem Hinweis, dass sich die Situation in Tegel „aufgrund der hohen Anzahl an Urlaubsreisenden in den Sommermonaten“ noch einmal zuspitzt. Bei der Lufthansatochter sind offenbar nicht nur die Flüge verspätet.
Aus dem Senatsbericht zur Drucksache 18/1286 „Sprachliche Vielfalt als Reichtum begreifen und im Unterricht weiterentwickeln!“: „Die Aufwertung der Bedeutung der sprachlichen Entwicklung als Schlüsselkompetenz für die Aneignung aller weiteren Kompetenzen soll in einer zukünftigen Konzeption zur Stärkung der Mehrsprachigkeit Rechnung getragen werden.“ Uff… Wer so viel sprachliche Einfalt ertragen muss, ist leider arm dran.
Mit einer Ämterinflation wollte CDU-Fraktionschef Burkhard Dregger seinen Laden befrieden: Seit gestern Abend sind jetzt rekordverdächtige 15 von 31 Abgeordneten mit Führungsfunktionen versorgt (darunter alleine 7 Stellvertreter) – aber Ruhe kommt trotzdem nicht rein. Abgesehen von Dregger selbst sowie den PGF’s Stefan Evers und Heiko Melzer (jeweils über 80 %) standen die anderen Kandidaten ordentlich im Gegenwind. Die Wahl von Danny Freymark war sogar „too close to call“: 15 dafür, 14 dagegen, 1 Enthaltung, 1 Abwesenheit. Und jetzt? Die Satzung sagt einerseits, dass Enthaltungen nicht gewertet werden (dann würde es reichen), andererseits, dass eine absolute Mehrheit benötigt wird (dann nicht) - Entscheidung vertagt. So oder so: Union ist anders.
Und was sagt Burkhard Dregger dazu? „Wir können den Senat sofort übernehmen“ (Q: „Berliner Zeitung“). Nur müsste dann wohl die Zahl der Senatoren und Staatssekretäre verdoppelt werden.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Shisha-Bars sind zum Rauchen da, Rauchverbote in Shisha-Bars (Plan der Gesundheitsverwaltung, CP von gestern) sind also genauso sinnvoll wie Badeverbote in Schwimmbädern und Spielverbote auf Spielplätzen. Aber daran haben wir uns in Berlin ja auch gewöhnt. Mal sehen, wann es zu den ersten Politikverboten in Rathäusern kommt (geübt wird ja zuweilen schon).
Die Gurkenpreise sind seit dem vergangenen Jahr um satte 130 % gestiegen. Hinweis an Immobilienhaie: Scheint die lukrativere Anlage zu sein (und ist gesünder).
Plan B für die verlängerte U5: Wird der Bahnhof Museumsinsel nicht bis Ende 2020 fertig, fahren die Züge dort zunächst ohne Halt durch (Q: „Berliner Zeitung“). Checkpoint-Tipp: Falls das funktioniert, könnte das auch eine Lösung für den BER sein. Dazu heute auch eine neue Folge unserer Reihe „Unnützes Berlin-Wissen“: Jeder Meter der kurzen Strecke zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor kostet 238.636 Euro (ohne Zusatzzahl).
Das Mauerkunstprojekt DAU schrumpft und schrumpft – wenn das so weitergeht, bleibt von der immersiven Mini-DDR nur ein eingezäuntes Pepitahütchen vor dem Kronprinzenpalais übrig.
Schön, dass Berlin plötzlich so viel Geld hat – nur dürfen das die anderen nicht merken (vor allem nicht die Ausgleichzahler Bayern und BaWü): Finanzsenator Kollatz lehnt deshalb die Pläne der SPD für eine Anhebung der ÖD-Einkommen auf Bundesniveau ab.
Test-Tage in der neuen City-Toilette: Die Firma Wall hat hinter dem Roten Rathaus ein Modell des Kastens aufgestellt (noch heute Probe zu besitzen). Die Farbe ist dem zu erwartenden Berlin-Wetter der kommenden Monate angepasst: grau.
Nur 12 % des Ostkurvenlärms kommt bei Hertha-Spielen auf dem Spielfeld an, hat ein Gutachter ermittelt (Q: BZ, zum Vergleich: ManCity 73 %) - Schuld daran ist angeblich das Dach, der Abstand durch die Tartanbahn und der Westwind, der durchs Marathontor weht…
… und am 28.9. könnten es sogar 0 % sein: Wegen des Erdogan-Besuchs will der Personalrat der Polizei den Notstand ausrufen und das Spiel Hertha gegen Bayern absagen.
Bis dahin trainieren die Hauptstadt-Beamten aber noch eine Berliner Variante des Stierkampfs: Sie gehen mit schwarzen Tüchern auf Schwäne los (hier zu sehen).
Und was ist im Berliner Umland so los? Mal sehen: „Brandenburger Kühe fressen sich tot“, „50 Tonnen Mais verbrennen zu Popcorn“, „Wildschweine nach Unfällen geflüchtet“ – da machen offenbar alle, was sie wollen. Und steht da nicht auch der BER?
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Uns als aktuellem Berliner Verkehrsausschuss wurde der BER noch kein einziges Mal gezeigt. Glaubt Ihr wirklich, dass ich jetzt blind für eine nochmalige Finanzspritze stimme?“
Grünen-MdA Georg P. Kössler ist offenbar nicht ganz zufrieden mit der Kommunikationspolitik in Sachen Flughafenkosten.
Tweet des Tages
„Leute, laufen statt bahnfahren lohnt sich: Beschlossen, die 3 Stationen nach Hause zu Fuß zu gehen, da hält mich der Falafelverkäufer paar Meter weiter an, drückt mir 2 Fladen und 5 Falafelbällchen in die Hand. Er mache Feierabend und will nichts wegschmeißen. Auch #ditisberlin.“
Stadtleben
Frank Zander macht jetzt in Currywurst. Am 3. September hat der Urberliner am Kurt-Schumacher-Damm 123 zusammen mit Partner Olaf Schenk die Wurstbude Zum Würfel II eröffnet. Zu den Currywürsten für 2,10 Euro (oder 3,90 mit Fritten) wird eine in monatelanger, mühseliger gustatorischer Feinarbeit in Zanders heimischem Wurstsoßenlabor entwickelte Currysoße gereicht, die neben Tomatenmark auch Honig, Apfelmus und eine geheime Gewürzmischung enthält. Ab 5 Uhr gibt es Frühstück, geöffnet ist immer. Natürlich fehlt auch der promigemäße Merchandise-Stand nicht. Bushaltestelle Kaserne Nordtor (Linien M21 und 128), in der idyllischen Einflugschneise zum Flughafen Tegel mit malerischem Blick auf den Autobahnzubringer.
Auch dieses Jahr wieder in mehreren Kategorien für den Mixology Bar Award nominiert ist die „schön obszöne“ Bar des Provocateur Hotel. Wer schon immer mal eine Zeitreise in die Goldenen Zwanziger unternehmen wollte, nehme zunächst noch am U-Bhf. Konstanzer Straße einen tiefen Atemzug knüppelharter Untergrundsgegenwart und gehe direkt weiter in die Brandenburgische Straße 21. Dort versinke man in Dekadenz aus Gold und Samt oder verliere sich in den Zwischentönen eines Menüs, das es mit Seitenüberschriften wie „Foreplay“ und „Intercourse“ in sich hat. Dekadent ist nicht nur der umfangreiche Katalog an Basisspirituosen, sondern die allen Drinks zugrundeliegende, vollkommen eigenständige Mixologie. Ein Beispiel: „Dragon Breath“ aus Bacardi 8y, Rote Beete, violettem Mais und Ananas. Um 15 Euro kosten die Drinks, 14 ein Glas Cattier Blanc de Blancs Champagner. Bier gibt es auch. So-Do 11-3 Uhr, Fr-Sa 11-4 Uhr
Brennnesselhemden, wie im Andersen-Märchen, finden sich hier zum Glück nicht – aber dafür das ein oder andere passende Geschenk zum Kindergeburtstag. Der Spielzeugladen Die Wilden Schwäne unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den bekannten Ketten – obwohl er mittlerweile selbst so etwas wie eine ganz kleine Kette ist: ganze zwei Filialen gibt es nämlich. Natürlich findet man hier auch den ein oder anderen letzten Schrei – aber nur sofern er den Qualitätsansprüchen der Betreiber genügt. Der dicht bepackte Laden hat neben Brettspieleklassikern und Kostümen eine deutliche Tendenz zu Holz, Nachhaltigkeit und Lernspielzeug. Auf Gewaltspielzeug und Superhelden wird hier übrigens weitgehend verzichtet. In der Schönhauser Allee 63 (Tram Milastraße) ist Mo-Fr von 10-19 Uhr geöffnet, Sa 10-18 Uhr. In der Breite Straße 39 (Tram Pankow Kirche) Mo-Fr 10-18.30 Uhr, Sa 10-16 Uhr