Und willkommen zum Veteranentreffen heute im BER-Ausschuss – geladen sind die alten Kombattanten Hartmut Mehdorn (Ex-Geschäftsführer) und Horst Amann (Ex-Technikchef). Zur Einstimmung hier noch mal ein paar der schönsten Zitate, mit denen Mehdorn („Der eine ist so, der andere so, und ich bin so“) während seiner Zeit bei der FBB die Gesellschafter Berlin, Brandenburg, Bund und das steuerzahlende Publikum unterhielt:
„Der BER wird ein Schmuckstück, wir machen jetzt fertig“ (Juni 2013), „Wir werden fertiger und fertiger“ (Juni 2014) und „Wir schaffen das“ (Januar 2015). Wenig später trat Mehdorn von seinem Posten zurück und schenkte dieses letzte Zitat Angela Merkel, die es im August desselben Jahres stolz der Öffentlichkeit präsentierte. Aber das ist eine andere Geschichte. Und zur Feier des Ausschusstages hier noch der Klassiker von unserem Special Guest Klaus Wowereit (damals Regierender Bürgermeister und Aufsichtsratschef): „Wir stehen kurz vor der Eröffnung“ – das war im Mai 2010.
Wow, hier mal eine gute Nachrichte für die SPD - sie ist die einzige echte gesamt-Berliner Partei, wie die neueste Umfrage von „Infratest dimap“ zeigt: Im Osten wie im Westen kommen die Sozialdemokraten auf 15 % (Q: Morgenpost/Abendschau). Und hier die schlechte Nachricht für die SPD: Das reicht nur noch für Platz vier – vorne liegen die Grünen (24 %), gefolgt von den Linken und der CDU (beide 18 %). Anders sieht es aus bei den Zufriedenheitswerten: Hier führt Michael Müller (39 %) vor Klaus Lederer (31 %) und Ramona Pop (29).
Aber ansonsten liegen bei der SPD die Nerven blank. Nehmen wir z.B. den Rat der Bürgermeister, da hätten die Vertreter der Sozialdemokraten gestern hinter verschlossenen Türen am liebsten die Schulbauvorlage gekippt – es wirkte wie ein kleiner Aufstand gegen den eigenen Finanzsenator. Doch der braucht gar keine Zustimmung des Gremiums für die Verträge mit der Howoge - die Vorlage wurde nur zur Kenntnisnahme ins Gremium eingebracht, und wir nehmen zur Kenntnis: Die SPD ist sich zurzeit irgendwie nicht grün.
Apropos SPD – was macht eigentlich Nancy Böhning? Die Frau des Ex-Senatskanzleichefs Björn Böhning war kaum zur Bundesgeschäftsführerin gekürt, da setzte sie die neue Parteichefin Andrea Nahles auch schon wieder vor die Tür – an der anerkannten politischen Qualifikation der vormaligen WBH-Referentin lag es nicht: Nahles bevorzugte ihren Vertrauten Thorben Albrecht, Böhning sollte als Kompensation die Antidiskriminierungsstelle übernehmen. Doch da sperrte sich der Personalrat – gerade diese Behörde (Teil des SPD-geführten Familienministeriums) müsse ein sauberes Besetzungsverfahren garantieren, frei von parteipolitischer Opportunität. Und so findet sich die Familie Böhning plötzlich ungewollt in einer altmodischen Rollenverteilung wieder: Er geht arbeiten (als Staatssekretär im Arbeitsministerium), sie wartet zuhause – aber das gut bezahlt.
Irgendwas fehlte noch im Fall Trockland – oder besser gesagt: irgendwer. Und tatsächlich, kaum hatten wir dem von einer breiten Lobby-Phalanx eskortierten Checkpoint-Charlie-Investor ein paar unangenehmere Fragen zugeschickt, meldet sich ein alter Bekannter, der auch schon als fünffacher Checkpoint-Gegendarstellungsautor auf unserer Honorarliste steht: Medienanwalt Christian Schertz. Damit ist eines jedenfalls schon mal sicher: Es gibt eine zweite Staffel der beliebten CP-Serie – bleiben Sie dran, das wird noch richtig spannend, besser als Sex & Crime.
Unser Projekt „Wem gehört Berlin“ (gemeinsam mit „Correctiv“, mehr dazu auch heute wieder weiter unten) hat den Interessenverband Haus und Grund hinter dem Altbauofen hervorgeholt – er rief seine 9000 Berliner Mitglieder auf, dagegen mit Massenbriefen zu „mobilisieren“. In einem Interview, das meine Kollegen Hendrik Lehmann und Niklas Liebetrau mit dem H&G-Landesvorsitzenden Carsten Brückner geführt haben, werden beide Positionen deutlich. Hier eine Passage O-Ton Brückner:
„Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben. Und es ist noch eine ganz andere Frage, ob die zu berücksichtigen sind, die noch zusätzlich in die Stadt kommen. Die können sicher keinen Anspruch auf niedrige Mieten erheben.“ Und ich hoffe, Sie können sich Berlin noch lange leisten - das ganze Interview finden Sie hier.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Eine Meldung, die gestern beinahe unterging: „85.000 Kinder sind im Jemen verhungert.“ VERHUNGERT. 85.000 Kinder unter 5 Jahren. Seit 2015, während wir hier über Fluchtursachen diskutieren (und die angeblich notwendige Revision des Grundgesetzartikels 16a – dazu heute auch der Tweet des Tages).
Es gibt Projekte, die versuchen, auf dem Schlachtfeld Jemen den hungernden Kriegsopfern zu helfen, z.B. Share the Meal und Better Place - vielleicht nehmen Sie sich ja gleich mal ein, zwei Minuten und schauen sich das an.
So, fertig? Dann zurück nach Berlin…
… wo ja so allerlei verschoben wird (oder sogar ausfällt – mehr dazu heute unten als „Encore“). Was nicht verschoben wird, ist die nächste Preiserhöhung bei der Bahn – die kommt sehr zuverlässig in zehn Tagen, ganz anders als der nächste ICE: Eigentlich war für dieses Jahr ein Pünktlichkeitsziel von 82 % angestrebt, tatsächlich sind’s nur 71 % - und das Pünktlichkeitsziel für 2018 wurde aufs Abstellgleis 2025 verschoben.
Na und schätzen Sie mal, wie viele ICE völlig intakt sind? Nein, ganz so schlimm ist es nicht - 20 % funktionieren tadellos (80 % also leider nicht - Q: „ARD Kontraste“). So, dazu auch die heutige Aufgabe aus der Reihe „Mathe lernen mit dem Checkpoint“: Ich fahre heute mit dem Zug nach Köln - wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es a) den reservierten Sitzplatz gibt, b) die Wagenreihung wie angegeben ist und c) das Ziel pünktlich erreicht wird? Bitte kreuzen Sie an: 0 %, 0% oder 0%. Auflösung am Montag.
Nach den Spätis sind jetzt sonntags auch die Tageskioske dran – z.B. in der Reichsstraße 36: „Liebe Kunden, aufgrund der Anordnung des Ordnungsamtes haben wir ab sofort leider sonntags nicht mehr geöffnet“ steht da plötzlich an der Tür eines beliebten Zeitungsladens im Westend (nicht der einzige - via CP-Leser Jürgen Just). Was soll das? Ist das die Kleinkleckersdorfisierung Berlins?
Der BND hat in Berlin noch Orientierungsschwierigkeiten - nicht mal die Postleitzahl der Tagesspiegel-Redaktion konnten die Geheimdienstler ausspionieren: „Unkorrekte Anschrift“ ist auf dem Umschlag zu lesen, der über Umwege dann doch noch bei uns ankam – die Post hatte die richtige Adresse „ermittelt“ (so steht’s jetzt jedenfalls drauf).
Aus der Spambox: „Black Weekend!“ schreibt, nein: schreit ein Fahrradhersteller und verspricht „20 % Rabatt auf Artikel der Marke“. Unten im Kleingedruckten der leise Hinweis: „Außer auf Fahrräder.“ Da ist mir „Draußen nur Kännchen“ dann schon lieber – direkt und echt.
Hey BVG-Kampagne („Weil wir dich lieben“), gerade habt Ihr Eure Fahrgäste doch noch aufgefordert, „ganz liebevoll zu kuscheln“ – warum war denn gar nichts von Euch über die homophobe Attacke auf zwei knutschende 18-jährige Jungs in der M28 zu lesen? Oder haben wir da was übersehen?
Wenn Sie mal sehen wollen, wie sich Polizei-Azubis bei voller Fahrt (mit Kurve und Vollbremsung) in der Wanne die Ausrüstung anziehen – bitte sehr, hier unser Video des Tages („Übung mit Oberkörpervollschutz“).
Der „Kurier“ bringt heute auf 44 Seiten lauter Berliner Rekorde, eingeleitet mit der bescheidenen Schlagzeile „Dieser Kurier ist einfach großartig!“. Dazu der Checkpoint-Kommentar: Nicht gemeckert ist genug gelobt.
Eigentlich sollten die Geh- und Radwege zwischen dem Reinickendorfer Oraniendamm und der Artemisstraße im August 2018 fertig sein, so steht’s jedenfalls auf dem Bauschild – sind sie natürlich nicht, und so hat jemand die „2018“ mit einem dicken Filzer durchgestrichen und hinzugeschrieben: „Dauert noch! Wenn Ihr Euch beschweren wollt, fangt beim Flughafen an!“. Ok, machen wir:
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wie klingt denn der Titel ‚Regierende Bürgermeisterin‘ für Sie?“
„Ja, ist schön.“
Aus einem Gespräch von Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff mit Familienministerin Franziska Giffey gestern bei der Konferenz „Diversity 2018“ im Allianz-Forum (veranstaltet von Tagesspiegel und der Charta der Vielfalt).
Tweet des Tages
„Nach drei Jahren sogenannter Migrationsdebatte kann man einigermaßen sicher sagen: Das ganze Land ist davon ein bisschen dümmer geworden.“
Antwort d. Red.: Der Tweet des Kollegen Seidel von der FAZ ist zwar bereits drei Tage alt, gewinnt aber seitdem nahezu stündlich an Aktualität – dazu heute auch der Aufmacher im Tagesspiegel, Titel: „Merz verwirrt mit Aussagen zu Asyl.“
Stadtleben
Mittagessen in der Van’t-Hoff-Straße 6 in Dahlem, wo Gemüse an erster Stelle steht: „Veggie No. 1“ ist der für eine Unimensa fast zu coole Name des ersten komplett vegetarischen Angebots des Studierendenwerks. Das Gute: Hier bekommen auch alle, deren Studienzeit bereits vorbei ist (und die sich ein bisschen dahin zurücksehnen) simple, fleischlose Gerichte mit Pfiff: Der Champignon-Kartoffel-Auflauf mit Käse überbacken, Süßkartoffel-Spinat-Ragout und Grünkohl mit roten Linsen klingen besser, als alles, was man sonst in Kantinen bekommt und kosten maximal 5 Euro. Mo-Fr 11-15 Uhr, U-Bhf Freie Universität
Ebenfalls unter fleischlosem Vorzeichen gastiert die Winter-Edition des Green Market Berlin am Wochenende in der Alten Münze (Am Molkenmarkt 2, S/U-Bhf Jannowitzbrücke). Gründerin und Veganerin Stefanie Vitt lädt zusammen mit über 50 Ausstellern in die neue, zweistöckige Location und zeigt auch im vierten Jahr in Folge, dass veganer, saisonaler und plastikfreier Konsum ganz leicht sein kann. Vom sri-lankischen Streetfood von „Pattini", über den Stand von „Halm“, wo es wiederverwendbare Strohhalme aus Glas zu kaufen gibt, bis hin zur feministischen T-Shirt-Marke „Woman of Vegan“: Alles ist durch die Bank fair und ohne Tierleid produziert. Und wer genug eingekauft und geschlemmt hat, kann sich bei Kochshows, Vorträgen und Live-Musik die Zeit vertreiben. Der Eintritt kostet 4 Euro. Sa 12-22 Uhr, So 12-20 Uhr
Trinken in der Brotfabrik: Das Motto der Kulturstätte am Caligariplatz 1 lautet „Kunst ist Lebensmittel“, sie zeigt beim Naturweinfestival aber, dass auch Lebensmittel Kunst sein können: Genauer gesagt Wein. Ab 18 Uhr geht’s in Weißensee nämlich los mit einer Musikverkostung, danach folgt die deutsche Vorpremiere der Doku „Wine Calling“ von Bruno Sauvard. Sonntag geht es noch leiblicher zur Sache: Von 12-18 Uhr kann man sich durch das Angebot von 13 europäischen Naturwein-Winzern probieren. Welche kulinarischen Events in den nächsten Wochen sonst noch anstehen und welcher Naturwein von der Redaktion zum Wein der Woche gekürt wurde, lesen Sie am Samstag auf den „Mehr Genuss“-Seiten im gedruckten Tagesspiegel oder im E-Paper.