Noch 3 Tage bis zur Wahl - aber selten (wenn je zuvor) waren so viele Leute unentschlossen. Überall ist zu hören: „Weißt du schon…?“ Oft gehörte Antwort: „Na ja, so richtig… noch nicht.“ Doch deswegen am Ende gar nicht wählen (oder aus Verzweiflung eine Spaßpartei)? Und das zu einer Zeit, in der völkisch denkende und rassistisch redende revisionistische Rechtsradikale vor dem Einzug in den Bundestag stehen, also in das Parlament, das sie als Hort von Volksverrätern schmähen. Mein Kollege Sebastian Leber hat sich einige dieser Kandidaten mal näher angeschaut, seinen Bericht finden Sie hier. Kanzleramtsminister Peter Altmaier sagt, Nichtwählen sei jedenfalls besser, als die AfD zu wählen (hier ein Pro & Contra dazu). Ich meine: Nicht wählen ist genauso wenig eine Alternative wie die „Alternative“. Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind nicht so selbstverständlich, wie es manchmal erscheinen mag - am Sonntag können wir beides eindrucksvoll verteidigen, (noch) mit einfachsten Mitteln: Mit zwei Kreuzen für Zivilität und Mitmenschlichkeit.
Bei den Verhandlungen mit Finanzminister Schäuble über die Hauptstadtfinanzierung hat sich der Senat ordentlich über den Tisch ziehen lassen – wir haben mal nachgerechnet: Die Immobilien, die der Bund vom Land Berlin erhält, sind 100 Mio mehr wert als diejenigen, die der Bund dem Land übergibt. Ergebnis: Plus „Nachzahlungsklausel“ halbiert sich die höhere Kulturförderung.
Beim Diesel-Gipfel im Roten Rathaus hat der Regierende Bürgermeister dagegen den Einsatz verdoppelt: Er plant zur Bundesförderung für den Taxi-Tausch (3000 bis 4000 Euro beim Kauf eines „sauberen“ Neuen) eine zusätzliche Landesförderung in gleicher Höhe. Das Ziel: „Wir wollen Fahrverbote verhindern.“ Zu denen könnte der Senat wegen einer Klage der Deutschen Umwelthilfe schon bald gezwungen werden.
Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen hat es heute ganz groß auf die Titelseite der „B.Z.“ geschafft - die Schlagzeile zum Bild: „Scheidung und erstes Baby mit 59!“ Aufgenommen wurde das Foto des Vaters („Ich bin glücklich“) mit Kind vor dem Bürgeramt Weißensee. Der nächste freie Termin dort liegt übrigens irgendwann nach dem 26. Oktober - heute früh wurde ich bei der weiteren Suche geblockt, die Begründung: „… da wir nicht sicher sind, ob Sie ein Mensch sind …“ Dazu auch der Kommentar von John F. Kennedy: „Ich bin ein Berliner.“
Die Briten bangen dem Brexit entgegen – und das Magazin „Wired“ stellt fest: „London's startup loss is Berlin's gain“. Vorbei die Zeit, als hier die Samwer-Brüder mit „Rocket“ alles dominierten - heute ist die Tech-Scene breit aufgestellt und hat international einen hervorragenden Ruf. Also stellt das Fachblatt der Digitalisierung „die zehn heißesten Startups Berlins“ vor – und hier sind Sie: Careship, Mimi, Clue, VOJDStudios, Babbel, N26, Lemoncat, PEAT, solarisBank und MoBerries. Wer dahintersteckt und was sie tun, steht hier.
Post von Flughafen-Experte Dieter Faulenbach da Costa zur TXL-Diskussion in der Urania (CP von gestern): „Gegen den Dogmatismus des Berliner Senats ist der Vatikan ein Hort der Reformation.“ Seine Prognose (die bisherigen bezüglich des BER haben bisher alle gestimmt): „Ein Weiter so, da bin ich mir sicher, wird im Fiasko enden.“ Seine Erklärung: Alle Annahmen, die in den neunziger Jahren der Flughafenplanung zu Grunde lagen, sind inzwischen hinfällig. Seine Conclusio: „Tegel muss offenbleiben.“ Ob das rechtlich überhaupt geht, darüber streiten die Juristen. Der Verfassungsrechtler Helge Sodan hat die Diskussion jedenfalls noch mal ordentlich aufgemischt - wie, steht hier.
„Nieder mit Hitler!“ schrie der Jung-Kommunist Wolfgang Szepansky am 11. August 1933 vor der Schultheiß-Brauerei in der Methfesselstraße - die Nazis brachten ihn ins KZ Columbiahaus. Die Befreiung erlebte Szepansky 1945 im KZ Sachsenhausen, später engagierte er sich in Schulen, führte Jugendliche zu Stätten des Widerstands und wurde 1996 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Nach seinem Tod 2008 ehrte ihn der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit einer Gedenktafel, die jetzt am 7. Oktober zum 4. Mal enthüllt wird - alle vorherigen Tafeln wurden mutwillig zerstört.
Und hier noch ein echtes Bürokratiemonster aus dem Roten Rathaus: Auf unfassbaren 100 Seiten wird die „Vorlage zur Beschlussfassung über das Gesetz zur Umsetzung der Geschäftsverteilung des Senats“ ausgewalzt (Drucksache 18/0537). Es haben sich nämlich unter Rot-Rot-Grün „widersprüchliche gesetzliche Zuständigkeitszuweisungen“ ergeben, weshalb es jetzt auch eine „Zuständigkeitsanpassungsklausel“ gibt. Neu ist z.B. Artikel 4, § 3, Absatz 1: Unter Nr. 6 „wird das Wort und durch ein Komma ersetzt“ und in Nr. 7 „der Punkt am Ende durch das Wort und“. Endlich Klarheit gibt es auch in Artikel 25, Nr. 1, Absatz a), Unterabsatz bb): „Die bisherigen Buchstaben e bis g werden die Buchstaben d bis f.“ Hammer - das muss dieses „gute Regieren“ sein, von dem jetzt alle sprechen. Und das Beste daran: Alles ist ökologisch einwandfrei, denn im „Vorblatt“ steht: „Auswirkungen auf die Umwelt: keine“. Das gilt allerdings nur, wenn das Gesetz nicht von allen 160 Abgeordneten ausgedruckt wird.
Telegramm
Die BVG hat’s auch nicht immer leicht – fast jede 10. Beschwerde fällt in die Kategorie „Zu frühe Abfahrt“: Vor zwei Jahren betraf das 2189 Fälle, im vergangenen Jahr 2072 und bis Juli dieses Jahres 1076. Aber Moment mal - ist da nicht eine Tendenz erkennbar? Richtig, es geht abwärts, und so teilt das Unternehmen per Twitter mit: „Wenn sich das fortsetzt, sind wir im September 2033 beschwerdefrei.“ So lange können wir ruhig noch warten.
Bei der S-Bahn sind Verfrühungen dagegen eher nicht das Problem - die Züge haben das „Pünktlichkeitsziel“ (96 %) klar verpasst (und sind verspäteter als im Vorjahr). Gezählt wird übrigens erst ab einer „Toleranzabweichung“ von mehr als vier Minuten - die Toleranzschwelle der Passagiere dürfte da allerdings bereits überschritten sein.
Apropos S-Bahn - da kommen wir doch gleich mal zu einer neuen Ausgabe unseres Betriebsstörungsbingos: Auf den Linien S1, S2, S5 und S7 kommt es „Aufgrund von Verzögerungen wegen Lieferengpässen von Ersatzteilen“ zum Einsatz von Kurzzügen und dem „Ausfall von Verstärkerzügen“. Sehr schön - wird als neues Modul gleich mal aufgenommen.
Herrlich komisch sind zuweilen auch die Begründungen für Betriebsstörungen im Flugverkehr – als Joker zugelassen ist deshalb ab sofort auch folgende Durchsage: „Das Einsteigen verzögert sich leider noch um 10 Minuten, weil der Kapitän sein Handy verloren hat und es erst noch suchen muss.“ (Gehört von Checkpoint-Leser Christian Eggert beim Lufthansa-Flug LH 168 von Frankfurt nach TXL). Wenn Sie mitspielen wollen: checkpoint@tagesspiegel.de.
Die Bäder-Betriebe haben mal wieder ganz genau hingeschaut: Im Strandbad Wannsee badete in diesem Sommer jeder zehnte Gast nackt.
Unsere beliebte Sendung „Berlin, aber Schnauze“ kommt heute aus Moabit - Madlen Haarbach berichtet: „Eine Frau mit Hund kommt mir entgegen, der Hund trägt eine Leine im Maul. Ich schmunzle, sie schaut mich an und sagt: 'Dit is dit Ladekabel, dat da raus hängt.'“
Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf teilt mit: „Gedächtnistraining in den Freizeitstätten - Dieses neue Angebot ist für einen Kreis Interessierter gedacht, die geistig lebendig bleiben und sich in entspannter Runde wieder an Vergessenes erinnern wollen, die dem Gehirn neue Impulse geben und darüber lachen, wenn den Anderen auch nichts mehr einfällt.“ Ah … ja. Also: Falls Sie diese Meldung morgen schon wieder vergessen haben sollten, melden sich am besten gleich an beim … beim … (Regieanweisung: An dieser Stelle lachen).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Berlin steht an einem ähnlichen Punkt wie zu Beginn der Industriellen Revolution.“
Benjamin Wüstenhagen, Vorstand des Managerkreises Berlin-Brandenburg der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Tweet des Tages
„Ich schreib einen Song mit dem Titel: U-Bahn - Ich hab Empfang in Dir!“
Stadtleben
Wohin, wenn man dem Großstadtrummel in der Steglitzer Schloßstraße entfliehen will? Ab in eine der beschaulichen Seitenstraßen: In der kleinen Salumeria Ferzelo Mediterrane wird feinster Mittagstisch auf Holzmobiliar mit rot-weißen Tischdecken serviert. Antipasti-Fans sollten einen Blick in die Vitrine mit Pasteten, Oliven und Pasta-Gerichten werfen - oder gleich das Ciabatta mit Fenchel-Salami bestellen, dazu einen Cappuccino. Zu finden in der Danckelmannstraße 50 (U-Bhf Sophie-Charlotte-Platz) und so gut, dass man noch nicht mal einen Internetauftritt braucht (geöffnet Mo-Fr 9.30-20 Uhr, Sa 10-16 Uhr).
Nach zwei Jahren Wanderbrauerei sind die US-Amerikaner Michael Moineau und Robert Faber nun sesshaft geworden und haben in der Müllerstraße 30 (U-Bhf Leopoldplatz) die Two Fellas Brewery eröffnet. Aus den Hähnen ihrer Hausbrauerei fließt gewohnt süffiger Gerstensaft: Statt auf bittere Hardcorebiere setzen sie auf Kaffee- und Schokoladenaromen oder fruchtige Noten karibischer und japanischer Hopfensorten. Geöffnet tgl. ab 17 Uhr.