Willkommen an diesem Tag, an dem der Regen von der Seite und das Licht nur aus der Lampe kommt. Aber es gibt auch gute Nachrichten: weder Scheibenkratzen noch Glatteis drohen, die neue Steuerschätzung sieht jetzt sogar 826 Millionen Euro zusätzlich auf Berlin zukommen, und morgen ist Wochenende.
Dass man hinterher immer schlauer ist, gilt leider auch für die Pleite von Air Berlin. Laut dem Gutachten zur Insolvenz hat die Fluglinie sich seit Jahren über eine Art Schneeballsystem finanziert und so immer mehr Schulden angehäuft, berichtet die „B.Z.“ heute aus dem Papier. Die Insolvenzmasse ist wohl noch bescheidener als allgemein befürchtet – was die Chancen für die freigestellten Beschäftigten, noch Geld zu bekommen, verringert. Die Mehrheit hat sich noch gar nicht arbeitslos gemeldet, weil sie dadurch Nachteile befürchtet. Die Insolvenzmasse enthält weder Flugzeuge noch Grundstücke. Zwei (auf 3 Mio. Euro taxierte) Turbinen gehören noch zum Wertvollsten. Aber Flügel verleiht (bei) Air Berlin niemand mehr.
Apropos Turbinen: Siemens hat in Berlin nicht nur einen Stadtteil, sondern auch fast 5000 Beschäftigte. Gewerkschafter fürchten um rund 800 dieser Stellen allein in Berlin. Aber Konzernchef Joe Kaeser schwurbelt weiter nur von der Notwendigkeit „schmerzhafter Einschnitte“. Statt sehnlich erwarteter Details zu den angedrohten Rauswürfen verkündete er gestern lieber, dass der Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr von 5,5 auf 6,1 Milliarden Euro gestiegen ist. Die Marge im industriellen Geschäft lag bei 11,2 Prozent. Fürs undankbare Fußvolk hat Kaeser einen Spezialhinweis: „Das Zur-Verfügung-Stellen von Arbeit ist ein Wert an sich.“ Ich werde es meinem Siemens-Geschirrspüler ausrichten, wenn er mal wieder muckt.
Linken-MdA Sebastian Schlüsselburg sorgt sich offenbar um die Rechte der ganz Linken in der Rigaer Straße: In 14 strengen Fragen vernimmt er den Senat, nachdem Polizei und Feuerwehr ein Soli-Banner für das verbotene Hass- und Hetzportal „linksunten.indymedia“ von der Fassade des besetzten Hauses gepflückt haben. Ob der Senat meine, dass „ein im Kern zivilrechtlicher Sachverhalt über Maßnahmen des Polizei- und Ordnungsrechts gelöst werden soll“, wo die Gewaltenteilung bleibe, was der Einsatz gekostet habe, welche Rechtsmittel die Betroffenen hätten uswusf. Antwort des Senats: Es ging um Strafrecht, die Einsatzkosten sind via Haushalt gedeckt, und „eine individuelle Rechtsberatung gehört nicht zu den Aufgaben des Senats“.
Hanf im Glück: Am Görli und überhaupt waltet jetzt wieder Toleranz gegenüber Kiffern. Wer mit maximal 15 Gramm Cannabis erwischt wird, kann auf Eigenbedarf plädieren. Der rot-rot-grüne New Deal soll der Polizei Kleinarbeit sparen und den Verdrängungseffekt beenden. Warum sollen es die Anwohner am Görli besser haben als anderswo? Die CDU reagiert erwartungsgemäß verschnupft, denn unter ihrem Innensenator Frank Henkel wurde das Totalverbot aufwändig zelebriert. Die Konservativen sehen in der neuen Linie die Restitution des zuletzt auch von unabhängigen Passanten wieder frequentierten Parks an die Dealer. Allerdings fällt die CDU in Kreuzberg selbst unter die Eigenbedarfsgrenze.
Möglicherweise verstörende Bilder in der heutigen Abendschau oder den Zeitungen von morgen haben mit dem Thema allerdings nichts zu tun: Die Spritze, die sich Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) heute im Beisein der Presse im Auguste-Viktoria-Klinikum setzen lassen will, ist laut ihrem Büro eine Grippeschutzimpfung. Menschen mit Vorerkrankung oder erhöhtem Infektionsrisiko sollten sich jetzt impfen lassen. Wer sich fragt, ob es wirklich der richtige Zeitpunkt ist, muss nur mal aus dem Fenster schauen.
Drei Wochen vor dem meteorologischen hat der S-bahntechnische Winter begonnen. Gestern früh zur besten Sendezeit stand wegen eines verreckten Zuges vom Ring südostwärts über eine Stunde alles still. Schon am Tag davor hatte das leidlich bekannte Störungspotpourri (Powered by DB Netz) sämtliche Fahrpläne zerlegt. Fahrzeit z.B. von Südkreuz bis Grünau: 69 Minuten (lt. Plan: 25). Ansagen am Südkreuz: 0. Abwechselnd angezeigte Fahrziele für einen Zug, der eine Viertelstunde im Bahnhof stand: 3. Einzige Ansage des Fahrers, als es endlich weiterging: „Zückbleim!!“ Die vielen Touristen, die in Schönefeld ihre Flugzeuge kriegen mussten, werden freiwillig so bald nicht wiederkommen. Sofern sie überhaupt schon weg sind.
Telegramm
Die von der Umweltverwaltung öffentlich behauptete Ausfallquote der City-Toiletten von 24 Prozent ist, mit Verlaub, Dünnpfiff. Sagt die Noch-Betreiberfirma Wall. Nur 6 Prozent seien es. Wall hatte zum Helmholtzplatz geladen, wo die Firma das Hightech-Klo nach eigenen Angaben wegen Brandstiftungen in diesem Jahr schon 2x auf eigene Kosten ersetzt hat. Eine Vermutung, wie das im Fall kommunal betriebener Toiletten liefe (droht 2019 ff.), verkneift man sich lieber.
Die 20 Fahrradpolizisten in der City-Ost haben manchen Verkehrsteilnehmern offenbar die Wildwestmanieren abgewöhnt: Die Zahl der schweren Radunfälle sank, ergab die Auswertung der dreijährigen Testphase. Die Truppe bleibt dauerhaft im Sattel. Aufgestockt werden kann sie mangels Personal aber vorerst nicht.
Zwischen Humboldt-Uni und Neuer Wache stehen neuerdings zwei große Tonnen. Aus der einen verkauft das Maxim-Gorki-Theater Tickets, in der anderen steckt ein Geldautomat (Q: „Berliner Woche“). Das Bezirksamt hat die Aufstellung der Tonnen in der Grünanlage zwischen den Denkmälern zwar abgelehnt, aber duldet sie und – Achtung, Lokalkolorit! – beschwert sich beim Senat über die Dinger. Meine Kollegin Laura Hofmann will sich der Sache heute im Leute-Newsletter für Mitte (Anmeldung hier) widmen.
Ganz legal wird seit gestern am Leipziger Platz 18/19 gebaut. Anstelle des riesigen Werbefassadengerüsts entsteht neben der kanadischen Botschaft einer der üblichen Büro-Kästen. Zum Spatenstich (zufällig ohne Politiker) betonte der Investor, dass die Ecke für Wohnungen viel zu laut und zu dreckig sei. Aber das hatte ihm der damalige Bausenator Andreas Geisel (SPD) ja schon 2016 persönlich bescheinigt. Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek nannte diese Sonderbehandlung damals „Rechtsbeugung“. Zwei Wochen später wurde neu gewählt.
In der Fahrbahn vor dem Grundstück liegen seit 17 Jahren die Peter-Strieder-Gedenkgleise für eine Tram vom Alex zum Potsdamer Platz. Als sich herausstellte, dass für die Bahn die Mühlendammbrücke neu gebaut werden muss, beerdigte die Verwaltung das Projekt (laut Verkehrs-StS Jens-Holger Kirchner) vor Schreck. 14 Tage später wurde der Sargdeckel wieder aufgemacht. Die Tram kommt also – vielleicht, irgendwann.
Oh, was haben wir denn hier im Mailfach? „Nacktwandern mit Karma-Hike. Team-Events jetzt in Berlin, München und Köln.“ Da kann man ja mal die Kollegen hinschleppen, die gern einen auf dicke Hose machen. Sollte aber wohl doch „Nachtwandern“ heißen, z.B. zu zehnt durch den Treptower Park mit Meditation zwischendurch und anschließendem Marshmallowbraten am Lagerfeuer, ab 600 Euro. Falls das Ordnungsamt kommt (Gartendenkmal!), steht das Team dann doch ohne Hose da.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Es geht um die Frage, wie Chaos da geplant werden kann, wo Freiräume verschwinden.“
Marc Wohlrabe, Vorstandsmitglied der Clubcommission, erklärt eine Intention der zurzeit laufenden Konferenz „Stadt nach Acht“, die sich mit der Zukunft des Berliner Nachtlebens befasst.
Tweet des Tages
„Ich musste mein iPhone zur Reparatur im Applestore lassen. Allein. Habe aber meinen Schal dagelassen, damit es wenigstens meinen Geruch hat, um sich nicht zu ängstigen."
Stadtleben
Essen in Charlottenburg mal ohne Chi-Chi: Tagesspiegel-Restaurantkritiker Bernd Matthies hatte das Kitchen Library in der Bleibtreustraße 55 lange übersehen, durch teure Selbstinszenierung profiliert es sich nämlich nicht. Zum Glück hat er es doch entdeckt, denn die Kalbsleber mit Äpfeln, Sauerkraut, buttrigem Kartoffelpüree und dichter Kalbsjusginge "sicher experimenteller oder dekorativer, geschmacklich besser aber nicht". Di-So ab 17.30 Uhr
Oder noch unprätentiöser in Kreuzberg: Wen am Kottbusser Tor der Hunger überwältigt, muss nicht zwingend einen der zahllosen Schawarma- und Falafelläden ansteuern. Zwar steht die Einrichtung des Taka Fish House dem traditionellen Dönerimbiss an Schlichtheit in nichts nach, aber statt Lamm und Hühnchen kommt eine von sieben verschiedenen Sorten Fischauf den Teller oder eben ins Sandwich, z.B. Sardinen mit Rucola, Zwiebeln und Zitrone im Brot (3,50 Euro, ohne Gräten 5 Euro). Wie das schmeckt? Kollegin Sabrina Markutzyk verließ den Laden jedenfalls endorphinisiert. Adalbertstraße 97, tägl. 9-23 Uhr.