Falls Sie schon das Wochenende planen: Die Staatlichen Museen könnten ein paar mehr Besucher vertragen. Keine, die 100-Kilo-Goldmünzen durch ungesicherte Fenster wuchten, sondern kulturaffine, die allerdings gern mehr spektakuläre Ausstellungen hätten. Angesichts der kaum überschaubaren Baumängel an den aktuell 19 Häusern und neuer Großprojekte wie dem Museum der Moderne und dem (verspäteten) Einzug ins Humboldt-Forum wachsen die Befürchtungen, dass die Stiftung sich übernimmt, schreibt meine Kollegin Nicola Kuhn. Man munkelt, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) die Stiftung zerschlagen könnte, die für Verwaltungsfachmenschen etwas Ähnliches ist wie Numismatikern die „Big Maple Leaf“. Die war ja überraschend beweglich.
Statt einem Tischgebet vor dem kostenlosen Schulessen (CP von gestern) gibt es ein Rätsel, dessen Lösung niemand kennt: Wie stark wird die Nachfrage wachsen? Die Bildungsverwaltung tippt auf 14 Prozent, der Verband der Caterer auf 60. Letzteres würde bedeuten, dass die ab August eingeplanten 25 Mio. Euro nicht reichen und dass manche Schulkantinen die Mahlzeiten to go verteilen müssten, weil der Platz schon jetzt knapp ist. Immerhin freuen sich Lehrkräfte an Brennpunktschulen, dass sie den Eltern nicht mehr wegen des Essensgeldes hinterherrennen müssen. Mehr zum Thema gesunde Ernährung gibt’s übrigens im Encore.
Das vom Innensenator angekündigte Böllerverbötchen an drei Stellen in der Stadt enthält reichlich Zündstoff, wie die Diskussion auf allen Kanälen zeigt. Interessant ist ein Blick nach Hannover, von wo der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft berichtet, dass erst dank dem dortigen Pyro-Verbot wieder friedlich gefeiert werden konnte und nur noch ein einziger Böller auf Einsatzkräfte geworfen wurde. Die Knallchargen seien auch nicht einfach eine Ecke weitergezogen, wie die Berliner Polizeigewerkschaft befürchtet. Bleibt nur der Haken, dass die Verbotszone in der Hannoveraner City nicht größer war als die Partymeile am Brandenburger Tor. Berlin ist eben too big to fail. Oder too big and failed too.
Mobilfunk soll bald auch hier mit Netz und doppeltem Balken funktionieren. Die Telekom und der Senat haben vereinbart, Berlin zur Modellregion für den 5G-Ausbau zu machen. Zuerst den Technologiepark Adlershof, den Siemens-Innovationscampus, danach Messe, Potsdamer Platz, Stadtautobahn und die U-Bahn (wobei die Frage sein wird, ob man das schnelle Internet beim Warten oder beim Fahren hat). Noch sind zwar die Frequenzen nicht vergeben, aber die Telekom will schon mal Funkstationen aufbauen. Das Land will dafür im Schnellverfahren – Wie auch sonst?! – Gebäude zur Verfügung stellen, bei denen es sich auch um Bushaltestellen und Laternen handeln kann.
Die Runde, die das Ordnungsamt Neukölln Freitagabend mit Polizei und Steuerfahndung durch lokale Wettbüros und Shisha-Bars gedreht hat, war die letzte mit dem bisherigen Fuhrpark: Sonntagnacht gingen alle neun Dienstwagen auf einem verschlossenen Gelände in Flammen auf. Wer es war, ist noch ungewiss und mangels Videoüberwachung wohl schwer zu ermitteln. Dass der Anschlag nicht nur höchst kriminell, sondern ebenso dämlich war, steht allerdings fest: Schon Montag war das Ordnungsamt mit Ersatzwagen mobil. „Lasst Euch nicht unterkriegen! Wir machen weiter – jetzt erst recht“, schrieb Ex-Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) an alle, „die sich für Sicherheit und Ordnung in der Stadt einsetzen“. Kann man nur unterschreiben.
Eigentlich hatte ich das Thema Beuth-Hochschule heute gar nicht auf dem Zettel, aber gestern skandierte die AfD-Fraktion in ihren wie jeden Tag unverlangt eingesandten „Social-Media-Kommentierungen“: „Bald erkennen wir Berlin nicht mehr wieder: Linke Bilderstürmerei stoppen!“ Also soll es doch was zu Beuth geben: An der Hochschule hat sich eine „Studentische Initiative für einen schönen Hochschulnamen“ etabliert, die den (dummerweise erst 2009 verliehenen) Namen des strammen Antisemiten loswerden will. Warum, erklärt sie in einem wunderbaren Comic. Und da ja fast alles mit allem zusammenhängt: Morgen feiert das Jüdische Museum sein 20-Jähriges.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Carsten Engelmann (CDU) war in der Bezirkspolitik von Charl-Wilm als kompetenter Chef geschätzt und bei den Leuten mit seiner zugewandten Art als höchst sympathischer Mensch beliebt. Er war 16, als er seine Ausbildung im Charlottenburger Bezirksamt begann. Und er war erst 53, als er in der vergangenen Woche an Krebs starb. Von heute an bis zum Monatsende liegt im Rathaus an der Otto-Suhr-Allee ein Kondolenzbuch für den Gesundheits- und Sozialstadtrat aus, der auch Vize-Bürgermeister war.
Die BVV Tempelschön hat einen Antrag für Tempo 30 in der Wiesbadener Straße in Friedenau beschlossen, u.a. weil sich ringsum drei Schulen befinden und im Januar eine 14-Jährige auf einem Zebrastreifen über den Haufen gefahren worden war. Mehr dazu gibt’s heute im Bezirksnewsletter (zur kostenlosen Bestellung). Die FDP-Abgeordnete Dagmar Lipper (dieselbe, die im Dezember der Ordnungsstadträtin vorwarf, „Fakten zum Tierwohl gegen die emotionalen Bedürfnisse der Anwohner“ auszuspielen, CP vom 19.12.) war dagegen und forderte stattdessen mehr Verkehrserziehung für Kinder.
Dann fangen wir doch gleich mal an: Wenn ihr, sagen wir, 13 Meter vor einem Auto auf die Fahrbahn lauft, liebe Kinder, steht dieses Auto bei einer Vollbremsung aus Tempo 30 direkt vor euren Füßen. Bei Tempo 50 erfasst es euch (wegen der unvermeidlichen Schrecksekunde) mit Tempo 50, aber das kann euch wahrscheinlich egal sein, weil eure Überlebenschance dann ohnehin nicht allzu groß ist.
Saarland-Vergleiche sind out, aber manchmal unvermeidlich: Denn das kleinste Flächenland (das übrigens so groß ist wie 360.000 Fußballfelder) schnappt uns den Spitzenplatz beim Finanzamtsrennen weg: 48,7 Tage wartet man dort im Schnitt auf den Steuerbescheid, gegenüber 48,9 in Berlin. Oder ganz praktisch: Wenn Sie heute Abend die Erklärung abgeben, müssten Sie den Bescheid im Saarland am 2. März morgens bekommen, in Berlin am Nachmittag. Da aber der 2. März ein Samstag ist, wird es doch erst am 4., wobei die Sonne in Berlin eine Viertelstunde früher aufgeht als in Saarbrücken. Also sind wir doch spitze.
Noch besser als Amt, aber glücklich? Ganz und gar glücklich! CP-Leser Stefan Grönebaum schreibt: „Wann immer ich in den letzten Jahren mit Verwaltung zu tun hatte, habe ich umgehend einen Termin bekommen, der funktioniert hat“, aktuell z.B. zur Ausweisverlängerung im Bürgeramt Thf („kurz und freundlich“). Danach habe ihm noch „ein sehr freundlicher Kellner“ im Tempo-Bistro (!) am S-Bhf. Thf einen Tee spendiert, und die Ringbahn sei auch pünktlich gefahren. Die Berliner Märchentage beginnen in diesem Jahr übrigens am 7. November.
Noch bis Sonnabend läuft die Crowdfunding-Kampagne für die Stadtbibliothek Tempelschön, bei der die BSR-Tochter Berlin Recycling jede Spende ab 10 Euro um 10 Euro aufstockt. Das Geld wird für die Sommer-Leseaktion „Blatt für Blatt“ gesammelt, bei der Kinder von sechs bis zwölf Jahren die neuesten Bücher lesen und bewerten dürfen. Heute früh fehlten noch gut 3000 von avisierten 5000 Euro. Aber das muss ja nicht so bleiben, oder?!
Der folgende Beitrag zum Betriebsstörungsbingo ist für Vegetarier nicht geeignet: „Gerade hatten wir einen Unfall mit einem Wildschwein“, sagte der Fahrer einer S1 am späten Sonntagabend durch, nachdem der Zug bei Frohnau eine Viertelstunde im Wald gestanden hatte. (via Steffen Gentsch)
In einem Brief an die BVV-Fraktionen von Mitte fordert der Bürgerverein Hansaviertel, die (zuvor geräuschlos an Ex-Senator Thomas Flierl übertragene) Projektkoordination für die Welterbe-Werdung des Viertels doch auszuschreiben. Nicht weil Flierl der Falsche sei, sondern weil die Vergabe den Bürgerverein als Initiator der ganzen Sache „von jeglichen Kommunikationssträngen abgeschnitten hat. Da war unseres Erachtens keine Bürgerbeteiligung gewünscht.“
Neues vom Luftverkehrsstandort Berlin: Auf den 2. Platz im Bundesvergleich schaffte es der Flughafen Tegel mit 17 Drohnensichtungen im vergangenen Jahr. In Frankfurt am Main waren es 31 Fälle. Summa summarum wurden laut Flugsicherung an deutschen Flughäfen 158 Drohnen gesichtet, neun davon in Schönefeld (Q: RBB)
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
Ist man jung, gibt es unabhängig davon, welchen Beruf man sich aussucht, keine Garantie, dass er in 10 bis 15 Jahren noch existiert.“
Frank Appel, Chef der Deutschen Post, am Samstag auf der Konferenz „Digital Life Design“.
Zitat
„Wenn Menschen ohnehin schon isoliert leben und die Pflegekraft am Tag der einzige Kontakt ist, können wir diesen Menschen keinen Pflegeroboter hinstellen.“
Dilek Kolat (SPD), Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, heute in der „Berliner Zeitung“.
Tweet des Tages
„Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung!“ Kaiser Wilhelm II. „Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer in seinem Haus wollen würde“. Ken Olson „Tempolimits sind gegen jeden Menschenverstand.“ Andreas Scheuer
Stadtleben
Woran es liegt, dass der imposante Tresen des jungen Mitu in der Danziger Straße 35 selten richtig voll wird – schwer zu sagen. Womöglich hat es sich noch nicht herumgesprochen. Dass es so ist, finden unsere Tagesspiegel „Mehr Genuss"-Autorinnen jedenfalls unverständlich, denn die puristisch zubereiteten Speisen lassen die hohe Qualität der Zutaten durchschmecken – die richtige Küche also für Kenner und Materialästheten. Pasta kostet um 10 Euro, Hauptgerichte mit Biofleisch oder Schwertfisch zwischen 16 und 25 Euro, hier geht's zum ganzen Menü. Auch der Wein dürfte kaum Wünsche offenlassen: „Handverlesen“, schreiben unsere Experten. Sicherlich auch gustiert. Di- Sa ab 17 Uhr, U-Bhf Eberswalder Straße
Geschenk Studierenden der technischen Hochschule, die sich gerade im Namensstreit befindet, ist der mittelkleine Laden seit jeher bekannt wie denen des Campus Virchow und wahrscheinlich fast jedem Weddinger Schulkind. Erstens gibt es ihn nämlich schon ziemlich lang, zweitens hat er ein hervorragendes Sortiment von Paraphernalien für technisches und künstlerisches Zeichnen, Schreiben und Malen. Und drittens ist er günstig: Das Zeichencenter Ebeling in der Triftstraße 39 ist eines dieser kaum wegzudenkenden Geschäfte, das zahllose Kinder durch die gesamte Schulzeit und dann noch durchs Studium hindurch begleitet haben dürfte – und Geschenktaugliches findet sich eigentlich in jedem Teilsortiment, wenn man Maler, Schreiberinnen, Zeichner, Architektinnen oder Kinder zu beschenken hat. Wer weniger praktisch als pompös denkt, findet übrigens auch zahlreiche bloße Unterschriftenfüller mit golden glänzender Prunkfeder, die zum Teil kein anderes Geschäft der Stadt führt. Tgl. 9-19 Uhr, Sa 10-16 Uhr, U-Bhf Amrumer Straße