Im Mittleren Osten droht das Chaos: Katar isoliert, Iran attackiert, jeder gegen jeden, und keiner weiß genau warum. Mittendrin russische Hacker, ein oszillierender amerikanischer Präsident und jede Menge politischer Sprengstoff. Heute schauen wir aber erstmal in den Nahen Westen, nach Brexit-Country - die Briten wählen heute ein neues Parlament. Bis die Stimmen ausgezählt sind, haben wir aber noch genug Zeit ...
Wer regelmäßig an der neuen Barenboim-Said-Akademie mit dem wunderschönen Pierre-Boulez-Saal in der Französischen Straße vorbeikommt, kennt das Chaos: Ständig halten Laster und Taxis in der zweiten Reihe vor der Haus-Nr. 33D, weil die erste Reihe zugeparkt ist - es herrscht erhöhte Unfallgefahr. BSA-Direktor Michael Naumann beantragte deshalb mit guten und dringenden Gründen beim Ordnungsamt Mitte ein absolutes Halteverbot auf der Breite von mindestens sechs Pkw-Plätzen – die Antworten sind allerfeinste Berliner Behördenprosa:
Im 1. Schreiben teilt die Bearbeiterin mit, dass es ihr „auf Grund anderer termingebundener Aufgaben nicht möglich sein wird, kurzfristig Anträge zu prüfen und entsprechende Stellungnahmen dazu zu geben“, denn: „Schon allein das Prüfverfahren nimmt einige Monate in Anspruch.“ Und weiter: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich nur im Rahmen meiner personellen Möglichkeiten unter Berücksichtigung der Abarbeitung meiner Vorgänge nach Dringlichkeit der von Ihnen vorgetragenen Problematik nachgehen kann.“ Im Klartext: „Insbesondere die zur Zeit extrem angespannte Personalsituation lässt eine kurzfristige Prüfung von Anträgen nicht zu.“ Am Ende noch der Hinweis, wann es konkret zur Sache geht: „Zu gegebener Zeit.“ Immerhin! Aber es wird noch besser …
Im 2. Schreiben bestätigt ein anderer Bearbeiter auf eine Beschwerde Naumanns hin, dass zwar tatsächlich „aufgrund der aktuellen Personal- und Finanzausstattung“ eine schnellere Bearbeitung nicht möglich sei - aber das ist sowieso alles völlig egal, so oder so, ja oder nein, pronto oder lentamente, denn: „Eine Anordnung von Halteverboten wird kaum dazu führen, dass das Auftreten von Falschparkvorgängen verhindert werden kann. Gerade bei Veranstaltungen und der damit einsetzenden verstärkten Parkplatzsuche, halte ich es aus jahrelanger Beobachtung heraus für sehr unwahrscheinlich, dass Fahrzeuge nicht vor Ihrem Haupteingang halten würden, wenn dort ein Halteverbot gelten würde.“ Checkpoint-Hinweis für Neuberliner: Sie lesen gerade eine Kapitulationsurkunde der Verwaltung (Vive l’anarchie des voitures!) (Geschäftszeichen DAB 40/217) – und die Erfahreneren unter Ihnen wissen: Da kommt noch was ...
... und zwar, na klar: die Bürgermaßregelung. In unserem Fall hier geht sie so: „Das von Ihnen beobachtete Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer insbesondere an Tagen mit Veranstaltungen in Ihrem Haus, legen Sie bitte nicht der Straßenverkehrsbehörde zur Last.“ Und jetzt Schnauze.
Der Regierende ist zurück aus Kiew: Weil es nur einige wenige Direktflüge mit UIA nach Berlin gibt, verbunden mit dem Standardhinweis „oft mehr als 30 Min. verspätet“, kam die Berliner Delegation per Lufthansa über das Drehkreuz München in Tegel an - um 20.50, mit einer Verspätung von 45 Minuten. Höhepunkte des Besuchs: Treffen mit Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko, Premierminister Wolodymyr Hrojsman und Hanna Hopko, Vorsitzende im Auswärtigen Ausschuss des Parlaments. Die beiden Bürgermeister unterzeichneten eine Erklärung zur Zusammenarbeit, es ging im Boot über den Dnjepr und zu Fuß über den Maidan, und zum Abschluss diskutierte Müller noch an der Mohyala Business School über die Transformation von Gesellschaften. Eindruck der Rathaus-Reisegruppe: Ein selbstbewusster Klitschko hat schwer zu kämpfen - mit alten Strukturen und notwendigen Reformen. P.S.: Der diplomatisch-hoffnungsvoll angesetzte Termin mit Staatspräsident Petro Poroschenko fiel dann doch kurzfristig aus – es zählt die gegenseitig bekundete Absicht.
In unserem Städtchen wird ja bekanntlich alles als Event vermarktet, jetzt gibt es sogar eine offizielle Karte der beliebtesten „Müll-Hotspots“ von Neukölln (BM Giffey auf Anfrage BV Damerau) - hier zum Ausschneiden, falls der Berlinbesuch Sie mal wieder fragt, wohin: „1.Warthestraße / Wartheplatz / Oderstraße, 2. Weserstraße, 3. Schillerkiez (insb.Schillerpromenade, Weisestraße, Herrfurthstraße, Herrfurthplatz, Kienitzerstraße, Allerstraße, Okerstraße), 4. Stuttgarter Straße, 5. Mittelweg, 6. Mittelbuschweg, 7. Kielhufer / Mergenthalerring / Dieselstraße, 8. Karl-Marx-Straße, 9. Sonnenallee, 10. Hermannstraße, 11. Donaustraße, 12. Reuterstraße, 13. Boddinstraße, 14. Hobrechtstraße, 15. Gerlinger Straße / Kölner Damm.“ Checkpoint-Prognose: Demnächst als Reisegeschichte in der New York Times („15 Hot-Spots to Go in Berlin“), dann als Bannerwerbung bei „vistiBerlin“ („Reach for Rubbish in Hipstertown!“) und schließlich als perpetuierende Stadtrundfahrt („Tourist Trash Tour: Hop on, drop off“).
Wir bleiben noch kurz in Neukölln: Seit ein paar Wochen unterstützt das Dienstleistungsunternehmen „Universal“ das Grünflächenamt am Richardplatz bei der Spielplatz-Reinigung - neben zehn neuen Mülleimern wurde hier deshalb auch eine kleine „Patenschaftsplakette“ angebracht. Ein erschütternder Kniefall vor dem Raubtierkapitalismus, dem jetzt sogar ahnungslose Kinder zum Fraß vorgeworfen werden! Bloß gut, dass wenigstens BVV-Mitglied Ahmed Abed (Linke) wachsam ist - in großer Sorge fragt er: „1. Wie verhindert das Bezirksamt die Manipulation der Kinder, denen bekanntlich die nötige Reife fehlt, um zu wissen, dass Werbung durch Patenschaften auf Kinderspielplätzen sie beeinflusst? 2. Gibt es spezielle Medienkompetenzangebote für die Kinder, seien es Kleinkinder oder Grundschülerinnen und -schüler und die Eltern, um einen bewussten Umgang mit Werbung und einer kritischen Haltung zur extremen Kommerzialisierung von öffentlichen Plätzen zu fördern?“ (KA/072/XX) Wir bleiben dran - im heroischen Kampf gegen die Plakette ist uns kein Platz zu schade.
Der Kampf gegen die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist in Berlin Regierungsauftrag: Im Koalitionsvertrag wird er auf den Seiten 3, 116, 117, 118 und 174 geführt, in den Bezirken auf den Straßenschildern. Zu tun gibt’s da genug - Staatssekretär Kirchner teilt mit: „Nach groben Recherchen existieren noch ca. 68 Straßen- und Platznamen mit kolonialem Bezug in der Stadt.“ (Anfrage: MdA Kössler, Grüne). Und bei den „ca. 68“ sind die Chefkolonialisten nicht mal mitgezählt: Auf 19 Straßen, Alleen, Dämmen, Brücken, Wegen und Plätzen werden sie geführt, ihr Name: Kaiser. Weg damit. An den gleichnamigen Supermärkten wurden ihre Schilder ja auch schon abgerissen.
Telegramm
Justizsenator Dirk Behrendt war wohl nicht ganz so zufrieden mit seiner Pressesprecherin Peggy Fiebig - jedenfalls ist sie plötzlich verschwunden, auch aus dem Online-Organigramm der Verwaltung. Da steht jetzt der bisherige Stellvertreter Sebastian Brux ganz oben und allein im Wind - eine Mitteilung darüber ist nicht zu finden. Gewechselt wird auch bei der CDU: Dort sucht demnächst die bisherige Parteisprecherin Gina Schmelzer erst das Weite und dann die Nähe des Wohlfahrtsträgers „Unionhilfswerk“, wo wiederum bis vor kurzem Katrin Dietl an den Pressemitteilungen feilte - das macht sie jetzt für Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher.
Signale aus der Senatskanzlei in Sachen Personalstaatssekretär: Einen solchen wird es definitiv nicht geben, das Stellenmanagement übernimmt Finanzstaatssekretär Feiler. Checkpoint-Diagnose: Endorphin-Ausschüttung beim Regierenden, Hypertonie bei den Linken.
Wieder eine super Beteiligung an der Abstimmung zum Sonntagseinkauf – die Gegner holen auf, die Befürworter liegen noch mit 54 % vorne. Hier ein paar Kommentarauszüge:
Dagegen: „Mit dem Ruhetag habe ich eine gute Ausrede, wenn mein Sohn mal wieder in einen Spielzeugladen gehen will.“ (Nicola Will) „Ein konsumfreier Tag verleiht der Stadt eine besondere Atmosphäre.“ (Katinka Beber) „Wenn wir Pause machen, vertrauen wir darauf, dass wir auch dann genug Wohlstand haben, wenn wir nicht arbeiten (uns also auf die Versorgung Gottes verlassen).“ (Walter Weiblen)
Dafür: „Klaro, Berlin ist doch kein Dorf!“ (Michael Foik) „Im katholischen Warschau geht‘s, warum nicht auch im heidnischen Berlin?“ (Michael Eiländer) „Keiner muss, aber jeder sollte arbeiten dürfen.“ (Petra Straßer-Buch) „Das würde den Arbeitnehmern ermöglichen, auch mal selbst entspannt zu shoppen.“ (Michael Schraa)
Falls Sie in Berlin im Sommer Auto fahren wollen - vergessen Sie’s. Hier der Blick auf die Urlaubsbaustellen.
Die Berliner „Fashion Week“ zieht sich um: Hauptsponsor Mercedes setzt auf „eine neue Kampagnen-Mechanik“ - vermutlich werden die Models demnächst mit dem bereits in der S-Klasse bewährten Extra „Aktiver Spurhalte Assistent“ ausgestattet (nur erhältlich als Paketbestandteil zusammen mit Stop&Go-Pilot, 2677,50 Euro inkl. MwSt).
Gestern am Baumschulenweg in Treptow: Beisetzung von DDR-Verteidigungsminister Heinz Keller (nach der Wende wegen Totschlags zu 7,5 Jahren Haft verurteilt; nach neuesten Erkenntnissen kamen an der innerdeutschen Grenze 327 Menschen ums Leben): Gespielt wurde die Nationalhymne der DDR, es kamen Egon Kranz, Hans Modrow - und die beiden Ex-RAF-Terroristen Eva Haule und Christian Klar (Titelbild der „B.Z.“).
Neues aus der Reihe „So ein Pech aber auch“: Am Bhf Warschauer Straße fällt man ja eigentlich eher auf, wenn man seine Kippe NICHT auf den Boden wirft - die Polizei kontrollierte aber jetzt wegen seiner Zigarette ausgerechnet einen Mann, der mit Haftbefehl gesucht wird. Dazu der Kommentar des Bundesgesundheitsministers: „Rauchen erhöht das Risiko eines Aufenthalts in gesiebter Luft.“
Es wird voll auf unserer Checkpoint-Weltkarte. Die Nadel des Tages steckt heute in Colombo, Sri Lanka – CP-Leser Eberhard Sucker schreibt: „7823 km entfernt, das reicht aus, um Abstand zu bekommen. Schön, dass mir der Checkpoint dabei hilft. So lange ich so geistreich an Berlin erinnert werde, brauche ich hier weder ins Bavarian Brauhaus noch in die Berlin Sky Lounge zu gehen.“ Falls Sie auch noch eine Nadel für uns haben – bitte an checkpoint@tagesspiegel.de.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
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„Herr Innensenator war nicht problemadäquat.“
Ex-SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky vom „Bürgerbündnis für mehr Videoaufklärung“ nach einem Treffen mit seinem Parteifreund Andreas Geisel.
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„Mir tun die Verspätungen leid.“
Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann in der aktuellen „Zeit“.
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„London ist das Menetekel.“
Lutz Leichsenring, Sprecher der „Clubcommission“, warnt in der „taz“ davor, „dass das kreative Zentrum der Stadt zerstört wird“.
Stadtleben
Essen in Klein-Hanoi Im Lichtenberger Dong Xuan Center bieten vietnamesische Händler Kunstblumen, Tütensuppen und glitzernde Abendkleider feil. Mittendrin: Das Viet Pho. Die Karte hält für jeden etwas bereit - von der Eierblumensuppe für 2,50 Euro über die Nationalsuppe Pho bis zur gedämpften Gans ab 20 Euro. Für den kleinen Hunger empfehlen sich die vietnamesischen Frühlingsrollen „Nem“, die es nach süd- oder nordvietnamesischer Art, mit Garnelen oder Krabbenfleisch und vegetarisch gibt (Herzbergstraße 128-139, Tram M8, Mi-Mo 9-22 Uhr). Mehr Gemeintipps aus Lichtenberg gibt's jeden Montag im Leute-Newsletter von Robert Klages.
Trinken Hinter einem Rotlichtfenster in der Neuköllner Ganghoferstraße 1 (U-Bhf Neukölln) wird extrahiert, vaporisiert und zentrifugiert. In dem Raum, den Filip Kaszubski, Ruben Neideck und Damien Guichard liebevoll ihr „Lab“ nennen, tüfteln die drei Barkeeper des Velvet an neuen Aromen. „From farm to shaker“ lautet ihr Credo, denn die Zutaten kommen von Feldern und Gärten aus Berlin und Umgebung. Heraus kommen Drinks mit Kirschblütenauszug aus Brandenburg, entsaftetem Karottengrün oder Waldmeister aus den Prinzessinnengärten (Mi-Sa ab 20 Uhr). Ebenfalls experimentierfreudig sind die Jazzmusiker Andrea Di Donna und Giuliano Di Cesare, die um 20 Uhr in der Bar eine Hörprobe zum Besten geben.
Berlinbesuch Im Weinkeller Türk in der Blücherstraße 22 in Kreuzberg heißt es ab 18.30 Uhr wieder „Ei guude wie?“ beim Hessen-in-Berlin-Stammtisch. Neben dem üblichen Gebabbele wird diesmal auch diskutiert, dass Berlin in Bezug auf die hessische Küche immer noch eine kulinarische Wüste ist. Deshalb soll ein 3-Gänge-Menü des hessischen Koch-Duos Sujanto Judi und Volker Standke Appetit machen. Im Anschluss gibt’s eine literarische Verköstigung aus dem Buch Grüne Soße mit Schuss. Kostenpunkt 15 Euro, Anmeldung erbeten. Wir verlosen wieder zwei Plätze (bis 12 Uhr).
Geschenke finden Vinylfreunde in der der Danziger Straße 31 (Prenzlauer Berg, U-Bhf Eberswalder Straße). Im Plattenladen Vopo Records steht mit Henry Voss, genannt „Vossi“, noch ein echter Punk hinterm Tresen. Seit der Wende verkauft er Platten von den Sex Pistols, Metallica oder Feine Sahne Fischfilet, aber auch Band-T-Shirts, Mützen, Taschen und Konzertkarten (Mo-Fr 12-20 Uhr, Sa bis 18 Uhr).
Apropos Vinyl: In Marienfelde hat kürzlich ein Vinylpresswerk eröffnet. Die Chuzpe muss man erstmal haben, denn die Vinyl-Ära wähnte man bereits hinter sich. Was Jack White (Ex-Sänger und Gitarrist der Band The White Stripes), Max Gössler und Alexander Terboven(Schallplattenliebhaber aus Berlin) gemeinsam haben, erzählt Andreas Hartmann hier.