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Aufarbeitung vom Wahl-Debakel: Berlin kann alles – außer allesKoalitionsverhandlungen: sozial und ökologisch, ökosozial oder sozialdemokratisch?BER: „Das ist ja hier alles wie in Slow Motion“

„Berlin kann alles, außer alles“ – mit diesem leicht abgewandelten Werbespruch eines südwestdeutschen Besserwisser-Ländles bilanziert der FDP-Abgeordnete Paul Fresdorf die aktuelle Lage der Stadt. Ob das für Bronze, Silber, Gold oder Blech bei der heutigen Auszeichnung der Berlinerinnen und Berliner der Woche reicht? Na, das werden wir ja gleich sehen. Hier erstmal ein kleiner Überblick:

Das Vertrauen in das ordentliche Funktionieren von Wahlen in Berlin ist erschüttert“, stellte Andreas Geisel gestern als letzter der 3.766.082 Berlinerinnen und Berliner überrascht fest. Na sowas! Bisher hatte die oberste Verwaltungsaufsicht jegliche Verantwortung für das Chaos brüsk abgewiesen, jetzt aber erklärte der Innensenator: „Ich schließe mich ganz ausdrücklich der Entschuldigung des Senats an.“

Einerseits schloss Geisel sich also an, andererseits schloss Geisel nicht aus, in diesem Fall: dass auch er die Wahl anfechtet, nachdem das bereits so ziemlich alle angekündigt haben, die den Schlamassel zu verantworten haben – die inzwischen demissionierte Landeswahlleiterin inklusive. Die hatte Geisel im Parlamentsausschuss aber auch keine Wahl mehr gelassen: In alle Vorbereitungsrunden, so erklärte es Petra Michaelis den Abgeordneten, war auch die Innenverwaltung eingebunden“. Jetzt rufen also alle „Haltet den Dieb“ – und hoffen, mit der Wahlurne unterm Arm unentdeckt davon zu kommen.

Wir könnten dazu den Sozialdemokraten Heinz Buschkowsky zitieren („Bravo!

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Löcher sind so eine Sache, eigentlich sind sie ja gar nichts. Damit Löcher überhaupt erkennbar werden, brauchen sie etwas drumherum. Damit sind sie auch Sinnbild allen Seins, denn im Grunde kann doch nichts ohne etwas existieren – aber das führt vielleicht zu weit. Ein ganz einfacher Weg, der Existenz auf die Spur zu kommen, geht bekanntlich über den Gaumen – ich schmecke, also bin ich. Selbst davon überzeugen kann man sich bei Masha‘s Bagels in der Bouchéstraße 15 (Alt Treptow): Einen ganzen Bagel hat wohl noch niemand je verspeist, es bleibt nämlich stets das Loch in der Mitte übrig. Mi – Fr 8 – 16 Uhr, Sa & So 9 – 16 Uhr.

Samstagmittag – Auch Leerstehende Gebäude sind Leerstellen – gerade in Zeiten von Wohnungsnot –  weshalb sie im Laufe der Berliner Geschichte schon häufiger besetzt wurden. Schönes Beispiel ist das Haus Fehrbelliner Straße 7, dem sich in DDR-Zeiten Aktivist:innen der oppositionellen Umweltbibliothek, des Neuen Forums und der alternativen Kunstszene annahmen. Die Punkbands Ornament & Verbrechen sowie Feeling B probten seinerzeit in den Räumen – erstere war ein Projekt der noch heute aktiven Künstler und Brüder Ronald und Robert Lippok, aus letzterer ging 1994 die Band Rammstein hervor. Wer mehr darüber erfahren, sprich, eine klaffende Bildungslücke schließen möchte, tue dies bei einer zweieinhalbstündigen Führung zur Ausstellung von Die Balkone. Start ist in der Fehrbelliner 7 um 15 Uhr. 

Samstagabend – Dass Stille die Abwesenheit von Geräuschen sei, ist ein weit verbreitetes Missverständnis – irgendwas klingt schließlich immer. Der US-Komponist John Cage hat einmal beschrieben, wie er in einer sogenannten schallarmen Kammer Stille erwartete, dann aber zwei Dauertöne hörte, einen hohen und einen tiefen. Der tiefe Ton, wurde ihm erklärt, sei das Rauschen des Blutes in seinen Adern, der hohe komme von seinem Nervensystem. Garantiert keiner dieser beiden Töne wird heute Abend im KM28 zu hören sein, wenn Andrew Bernstein am Altsaxophon mit Owen Gardner an der E-Gitarre die Luft in Bewegung versetzen und anschließend Fredrik Rastens Lineament I und II für vier Gitarren, Stimme und Elektronik aufgeführt wird. Eintritt ab 19 Uhr, Platzreservierungen hier.

Sonntagmorgen – Derselbe John Cage sagte übrigens auch, dass die intensivste Musikerfahrung eigentlich am besten ohne Musik funktioniere. Wie das geht, zeigt eine Klanginstallation von tamtam (Sam Auinger & Hannes Strobl) mit Udo Noll von Radio Aporee. Bei Sounding Berlin geht es darum, die Stadt neu zu hören, ihren Rhythmus und ihre Klangfarben. Dabei dienen die eigenen Beine in Verbindung mit der Architektur als Instrument. Klingt mysteriös? Ist es keineswegs. Ästhetische Erfahrung to go gibt es von 11 bis 20 Uhr im Hinterhof des Aufbau Hauses (Kommen und Gehen jederzeit möglich) am Moritzplatz. Eintritt frei.

Sonntagmittag – Auch der Universalgelehrte Rudolf Virchow sah zu seinen Lebzeiten (19. Jahrhundert) in den Leerstellen der Welt vor allem Gestaltungspotenziale. Sein medizinisches Zellenmodell war ihm dabei nicht nur einem besseren Verständnis der menschlichen, sondern auch der sozialen Anatomie dienlich: Er diagnostizierte Staatskrankheiten, die sozialpolitischer Arzneien bedürften – überhaupt war ihm Politik nichts anderes als Medizin im Großen. Die Charité widmet seinem Denken und Schaffen nun eine Sonderausstellung im Medizinhistorischen Museum, Invalidenstraße 86, tgl. 10 – 18 Uhr, es gilt die 2G-Regel. Eintritt frei.

Sonntagabend – Lust auf JWD, aber kein Bock auf beschwerliches Reisen? Kein Problem: In der Ganghoferstraße 2 erklingt ab 19.30 Uhr traditionelle Musik aus Griechenland. Mit Stimme, Geige, Rohrflöte, Laute und Perkussion wollen fünf Musiker:innen sich ihrer Improvisations-Talente bedienen, um Altes neu zu interpretieren, etwa traditionelle Tänze aus Thrakien und Kreta, Klagelieder aus Epirus, Gesänge (Rembetika) aus Piräus und mehr. Um die Abfüllung eventueller durstbedingter Leeregefühle des Publikums kümmert sich die Prachtwerk-Bar – hier das Menü. Einlass ab 18.30, Showbeginn um 19.30 Uhr, Tickets kosten 13,20 Euro im VVK, 15 Euro an der Tür.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.

„Neulich waren Chantal, die stolze Sau von nebenan, und meine Wenigkeit, bei Werder spazieren. Und wie wir so unseres Weges ziehen, steht plötzlich ein in Tarnfarben gekleideter Mann vor uns und zuckt mit den Schultern. Er mache eine Umfrage und würde gern wissen, ob wir denn Wild- oder Hausschweine seien, es gehe um eine Bestandszählung. So so, ‚Bestandszählung‘, denke ich. ‚Hausschweine natürlich‘, antworten wir unisono. Denn erfahrungsgemäß geht es mit Menschen weniger hektisch zu, wenn wir inkognito bleiben – dass Chantal in Wahrheit eine Bache ist und ich ein Keiler, das bleibt bitte unter uns. Wir seien auf dem Weg in die Ausstellung der Mikrofaktur Vulkanfiberfabrik erklären wir und fragen, ob er schon mal von Wildschweinen gehört habe, die sich für Kunst und Industriegeschichte interessierten. Das habe er nicht, sagt er. Und dass seine Tarnfarbe nicht gut funktioniere, erklären wir noch. Wir würden ihn doch schließlich sehen können. Damit hatte er nicht gerechnet. Er verabschiedet sich höflich und zieht seines Weges. Vermutlich, um sich umzukleiden. Einem vertrauenswürdigen Wanderer hätten wir natürlich nichts vorgemacht. Ein solcher hätte aber auch nicht fragen müssen – der hätte mich schlicht erkannt, mein Bild ist doch jede Woche in der Kolumne zu sehen. Ich empfehle mich, mit freundlichem Grunzen.“

Lese­empfehlungen

Eine Berliner Influencerin klärt über Sexismus und toxische Beziehungen auf: Sarah Borufka hat Tara-Louise Wittwer getroffen, die auf Instagram knapp 150.000 Menschen erreicht.

Interview mit Moritz Bleibtreu von Markus Ehrenberg – Der Schauspieler plädiert dafür, das Internet abzuschalten.

So wenig bringt die Pflegereform: Hans-Joachim Fritzen, Vizechef der AOK Nordost, erklärt Ingo Bach, warum die neuen Regeln „keine einzige der drängendsten Fragen lösen“ zum Thema Pflege.

Wochen­rätsel

Die Dysfunkitonalität der Verwaltung ist die Unendliche Geschichte Berlins. Wie viele offene Vorgänge schieben die Ämter momentan vor sich her?

a) Unter 130
b) Zwischen 800 und 1.200
c) Über 150.000
 

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Encore

Zum Schluss haben wir heute noch unser beliebtes Betriebsstörungsbingo: Um 10 Uhr fielen gestern in der ganzen Stadt die digitalen Anzeigentafeln auf den Bahnhöfen aus. „Anzeiger, Ansagen gestört“ stand dort statt einer Auskunft über den nächsten Zug. Am Abend zuvor waren dort allerdings vor allem Verspätungen zu lesen – der ICE aus Basel kam mit 110 Minuten als letzter ins Ziel. Begründet wurden die Pannen mit den Klassikern „Weichenstörung“ und „Personen im Gleisbett“, in einem Fall aber auch ganz lapidar mit „Reparatur“. Und dafür haben wir in Berlin natürlich allergrößtes Verständnis.

Den Checkpoint haben heute betriebsstörungsfrei Thomas Lippold, Matthieu Praun, Thomas Wochnik und Kathrin Maurer aufs Gleis gesetzt. Wir sehen uns hier am Montag wieder – bis dahin,

Lorenz Maroldt