Die Leichtathletik-EM in Berlin hat offenbar auch dem Sportsenator so gut gefallen, dass er das Olympiastadion so lassen will, wie es ist. Nach aller Erfahrung, die wir in Berlin mit Großprojekten haben, darf man erleichtert sein. Für Hertha wird sich hoffentlich ein geeignetes Neubauplätzchen finden. Mit dem Revival seiner Kieztrainings will der Verein neue Fans gewinnen. Vielleicht sogar mehr, als er mit seinem Werbefuzzi-Geknödel („We try, we fail, we win“; zu ca. 2/3 bereits eingelöst) vergrault hat.
Danke an alle, die berichtet haben, was ihnen an Berlin nach der Rückkehr aus dem Urlaub im Guten wie im Schlechten aufgefallen ist. Die Mails legen nahe, dass die Risiken und Nebenwirkungen des Verkehrs am meisten nerven: Rechthaberei und Rücksichtslosigkeit von Auto- wie von Radfahrern, Ärger mit Bussen und Bahnen. In der Berliner Luft liege eine Aggression, die man anderswo nicht spüre. Außerdem fällt Rückkehrern die Verlotterung des Stadtbildes auf – von versifften Verkehrsschildern über vergessene Absperrungen und Baustellen bis zum Boom von Ramschläden. Freude bereitet dagegen das Leben vor der Tür, also dass es sich überhaupt draußen abspielt und dass es da draußen (noch) so grün ist.
Auch Auswärtige mögen Berlin: Die Zahl der Besucher ist im ersten Halbjahr um 4,4 Prozent gestiegen, sodass sich fürs laufende Jahr der nächste Rekord abzeichnet. Wobei der Durchschnittsgast nur zweieinhalb Tage bleibt – und sich laut „Qualitätsmonitor Deutschland“ an Sehenswürdigkeiten, Kunst und Kultur, Stadtbild und Geschichte (in dieser Reihenfolge) erfreut. Party und Nachtleben stehen nur an zehnter Stelle. Vielleicht ein gutes Argument, mal die dauernde nächtliche Knallerei am Osthafen und anderswo herunterzufahren, über die sich CP-Leserin Steffi H. beklagt.
Touristische Zwangsverschickungen nach Schmöckwitz oder gar Spandau plant „Visit Berlin“ aber nicht, jedenfalls nicht über die schon angelaufene Werbekampagne für Tarif-B-Attraktionen hinaus. Die richtet sich vor allem an Wiederholungstäter, die Fernsehturm, Zoo & Co. schon hinter sich haben. Abgesehen vom übermäßigen Rummel in Teilen von Mitte und Prenzlauer Berg sei der Andrang halbwegs ausgewogen, sagt Visit-Chef Burkhard Kieker. 56 Prozent der Touris kamen übrigens aus Deutschland, gefolgt von Briten, Amis, Italienern, Spaniern und Niederländern.
Besonders zugelegt haben die Dänen, die Berlin ja auch auf dem Landweg ganz gut erreichen. Laut den Tourismuswerbern liegt der Flughafen TXL mit aktuell sechs Langstreckenverbindungen auf dem Niveau von Kiew und hinter Budapest. London hat 155. Und wir haben uns. Und unsere Lufthansa, deren Cheflobbyist Kay Lindemann ausrichten lässt: „Angesichts der überschaubaren wirtschaftlichen Kraft Berlins kann man von uns nicht verlangen, die Stadt mit vielen Direktverbindungen an die Wirtschaftsmetropolen dieser Welt anzubinden.“ Klar, man kann ja nicht jedes Vier-Millionen-Einwohner-Kaff bedienen. Können wir bitte Air Berlin wiederhaben (gern auch im Tausch gegen Eurowings)?!
Einen ordentlichen Flughafen bräuchten wir dann allerdings auch. FBB-Chef Engelbert Lütke Daldrup hat (Q: „Morgenpost“) gerade erklärt, warum die vielen Flugverspätungen eher an den Airlines als an den Flughäfen liegen und nebenbei darauf hingewiesen, dass z.B. für Gangway und Gepäck nicht der Flughafen zuständig ist, sondern der Vertragspartner der Airports. Eine interessante Bestandsaufnahme – genau ein Jahr nach der Pleite von Air Berlin, auf deren frei gewordene Start- und Lande-Slots sich die Konkurrenz so gierig gestürzt hat, dass sie oft mit dem Fliegen kaum noch nachkommt.
Spitzenplatz für Berlin beim „Dienstwagencheck“ der Deutschen Umwelthilfe: Mit real knapp 18 Litern Benzinverbrauch auf 100 km ist Michael Müllers Mercedes laut DUH der mit Abstand klimaschädlichste Schlitten, den ein Ministerpräsident fährt. Im Jahr 2018 als Chef eines rot-rot-grün regierten Stadtstaates eine 530-PS-Kiste zu nutzen, die pro Kilometer fast ein halbes Kilo CO2 in die Luft pustet, ist in der Tat ein starkes Statement. Immerhin ist Regine Günther mit ihrem Hybrid-Passat die umweltfreundlichste der 16 Umweltminister(innen). Pointe am Rand: Während die Grünen schweigen, legt ausgerechnet die Schnellfahrerpartei FDP Müller via Pressemitteilung einen zeitgemäßeren Dienstwagen nahe.
Die Forderung nach einem „Sommerdienst“ (CP von gestern) beschäftigt die Leserschaft: Elisabeth P. schließt aus dem Zustand der Gehwege zwischen Leipziger Str. und Gendarmenmarkt, dass die BSR keine Kapazität für Gießaktionen haben dürfte, weil sie dort schon ihre eigentliche Arbeit nicht schafft. Und Paul N. mailt aus der Königsmarckstr. in Grunewald das Foto eines vom Wildwuchs um einen Straßenbaum völlig zugewucherten Bürgersteigs, auf dem eine Mutter mit Kinderwagen beinahe angefahren worden wäre, als sie – ohne Sicht durchs Dickicht – auf die Fahrbahn ausweichen musste. Im Winter gilt auf Gehwegen Schneeräumpflicht (1 Meter breit), im Sommer das Gesetz des Dschungels.
Telegramm
Neue Untergrundbewegung bei der BVG: Die Tramfahrer sind gerade wieder ruhig, da meldet sich das U-Bahn-Personal. Es spricht von der „schwierigsten Lage seit über 60 Jahren“ und warnt vor „katastrophalen Entwicklungen“ – durch Fahrzeug- und Personalmangel, Sanierungsstau und eine veraltete Flotte (Q: „Neues Deutschland“). Als Fahrgast kann man sich das glatt vorstellen.
Die Neuverhandlung gegen die Ku’damm-Raser hat mit einem Befangenheitsantrag gegen die Richter begonnen: Bei der Kammer können „gewisse Schutzinstinkte entstanden“ seien, um das Mord-Urteil der Kollegen aus dem ersten Prozess zu erhalten, orakelte ein Verteidiger. Bei den Angeklagten waren keine Schutzinstinkte erkennbar. Einer grinste, einer döste.
Die Polizei will die 321 Euro fürs Abschleppen einer Zivilstreife (Zitat im CP von gestern) nicht freiwillig zahlen. Die Firma, die den Toyota umsetzen lassen hatte, wird das Geld wohl einklagen. Es handelt sich übrigens um dasselbe Unternehmen, das zahlreiche (bzw. nach Zahlung arme) Nutzer privater Parkplätze z.B. vor Supermärkten gern auf die Milchstraße schießen würden.
Der Initiator des Überfalls auf einen Spätkauf, bei dem der Sohn der Betreiberin umgebracht wurde (CP von gestern), ist zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden, zwei Helferinnen zu Bewährung. Der mutmaßliche Mörder allerdings – aus Deutschland ausreisepflichtig seit 2013 – postet weiter gut gelaunte Fotos aus der Türkei.
Am Ostkreuz sorgt ab sofort Teufel persönlich für Sicherheit: Heute eröffnet die S-Bahn dort die zweite von fünf Bahnwachen, an der u.a. ein Schäferhund dieses Namens stationiert ist. Man kann einen Bahnhof eben doch auf Teufel komm raus sicherer machen.
Was tut das Gewerbeamt F’hain-Xberg, wenn es dringende Unterlagen bitte keinesfalls an einen naturgemäß noch nicht vorhandenen Laden schicken soll, sondern zur Anmelderin nach Hause? Tja. Jedenfalls kam nichts an, nirgends. Nach zäher Diskussion rückte das Amt eine Kopie raus – für 8 Euro pro Seite und mit der mündlichen Anmerkung, dass es in letzter Zeit Probleme mit der Post gebe (via Lisa S.).
Falls bei Vattenfalls Leuchtentochter jemand den CP liest (die Störungsmeldungen liest offenbar niemand): Mehrere Grünauer lassen auf diesem Wege ausrichten, dass Laterne Nr. 41770-2110010-00 nach wie vor kaputt ist – wie bereits am 15.6., 20.6., 4.7. und 13.7. online gemeldet (und jeweils automatisch mit dem Hinweis beantwortet, dass die Reparatur „bis zu 10 Tage“ dauern kann). An der Stelle wird es dermaßen dunkel, dass sich nicht mal mehr Fuchs und Hase Gute Nacht sagen mögen.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Keine Straßenbahn in 10 oder 20 Jahren kann wichtiger sein als eine gute schulische Ausbildung gerade für unsere Kinder in Armutsgebieten.“
Aus einem Brief des Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf an RBM Müller und Schulsenatorin Scheeres. Hintergrund ist die plötzliche Erkenntnis, dass auf dem Gelände der dringend erweiterungsbedürftigen Grundschule am Schleipfuhl laut uralten Plänen irgendwann eine Tram zwischen den Schulgebäuden durchfahren könnte. Mehr Bezirksnachrichten gibt’s in den Leute-Newslettern.
Tweet des Tages
„Berlin. Grenzstreitigkeit an Übergang Radweg/Fußweg. Fußgänger zu schneidendem Radfahrer: 'DIT IS JANZ EINFACH, DU PLINSE: MEIN TANZBEREICH, DEIN TANZBEREICH!' #ditisberlin“
Stadtleben
Essen kann eigentlich nicht gesund sein. Und es nimmt deutlich zu viel Lebenszeit und Geld in Anspruch. Wer den Ausstieg erwägt, lese hier besser nicht weiter.Denn, ganz im Ernst: in der Gerichtstraße 54, nahe S/ U-Bhf Wedding, steht ein wechselndes Menü auf dem Programm, das derartige Erwägungen ohne Mühe mit den besten, nein, „pristinen“ Zutaten zerstreuen möchte. Für pauschal 165 Euro pro Person zzgl. Getränken sind beispielsweise junges Wurzelgemüse und über den Sommer gereifte Waldbeeren, Waldpilze, die wirklich aus dem Wald stammen, und das Beste der „Ausbeute der Ernte“ zu erwarten. Dazu „wohlgemästete Vögel“ und „Schätze des Meeres“ – ein vegetarisches Menü ist auf Anfrage möglich. Tische können online reserviert werden – die Zeiten sind der Auswahl zu entnehmen.
Wedding ist sowieso beste. So sieht das auch von der BESTE Bar aus aus. In der Wildenowstraße 12a zwischen S/ U-Bhf Wedding und Leopoldplatz, gibt es täglich ab 19 Uhr günstig zu trinken (Bier um 3 Euro, Longdrinks ab 5 Euro) und zu kickern. Kontrastprogramm zum obigen Ernst also, und sowohl in unmittelbarem Kontrapunkt als auch als Alternative durchaus interessant für den abendlichen Abschluss des…
Was schenkt man Freunden elektronischer Musik und Avantgardisten? Wir empfehlen den Besuch im Common Ground in der Weisestraße 24 in Neukölln. Es handelt sich hierbei keineswegs um die typische Musikalienhandlung – auch wenn hier der ein oder andere fertige Synthesizer zu erwerben ist. Interessant sind zum Beispiel die kleinen und günstigen chaotisch-unberechenbaren Schaltkreis-Bausätze, die bei Bedarf unter Anleitung durch erfahrene Löter vor Ort zusammengelötet werden können. Viele Projekte sind auch für Laien machbar und manches selbstgebaute Gerät auch für die musikalische Früherziehung brauchbar. Eine gute Adresse für das ausgefallene, selbstgebaute Geschenk – oder einen Workshop-Gutschein für retrofuturistische Selberbrutzler