wir beginnen heute mit einer Mail von Thomas Rau. Der Personalrats-Vorsitzende am Kammergericht Kreuzberg hält die technische Ausstattung des nicht-richterlichen Personals für noch schlimmer als die der RichterInnen und zitiert Walter Bagehot – der stellte vor 150 Jahren fest: Das Wesen der Bürokratie ist das Beharren in der Routine und nicht das Erzielen von Resultaten. Rau: „An dieser Mentalität scheint sich nichts geändert zu haben.“
Wir bleiben in der Justiz und kommen zur Generalstaatsanwältin: „Mich faszinieren diese Tiere“, sagt Margarete Koppers im „Morgenpost“-Interview über Elefanten (in ihrem Büro stehen etlichen Figuren auf dem Sideboard, an der Wand hängt ein Riesenportrait). Aber was genau? Vielleicht die Durchschnittsgeschwindigkeit der Dickhäuter? Laut Wikipedia liegt die immerhin bei 1,4 km/h und damit um ein Vielfaches höher als das Digitalisierungstempo der Justiz. Auch haben Elefanten bekanntermaßen ein gutes Gedächtnis, was hilfreich ist, wenn es wegen eines Computerausfalls mal wieder keinen Zugriff aufs Archiv gibt.
Ansonsten beklagt Koppers, dass dieJustiz in ihrer Stadt nicht als systemrelevant gilt, „nicht in Gänze und mit an vorderster Stelle“. Das ist einerseits überraschend – und andererseits auch wieder nicht (wir sind ja hier in Berlin). Jedenfalls, so die Generalstaatsanwältin, wurde die Justiz in der Corona-Hochzeit „stiefmütterlich und nachrangig behandelt“. Und wie schaut sie heute auf die Polizei, deren Vizepräsidentin sie vormals war? „In meiner Kindheit war es selbstverständlich, Polizei als staatliche Autorität zu akzeptieren. Das ist heute anders.“
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Türkei: Freispruch für Peter Steudtner – Haftstrafen für Amnesty-Vertreter_innen.
In einem unfairen und politisch motiviertem Verfahren wurden vier Menschenrechtler_innen allein wegen ihrer Arbeit verurteilt. Ein einmaliger Tabubruch in der fast 60-jährigen Geschichte der Menschenrechtsorganisation.
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Wir recht Koppers hat, zeigte sich am Wochenende – bei einem etwas dubiosen Doppeleinsatz in Friedrichshain (mehr dazu gleich) vermeldete der Twitter-Account @rigaer94 vom Aktivisten-Hochsitz aus Tierisches: „Schweine lassen Autos vor unserer Tür abschleppen“, ein neuer Hausverwalter „nutzt die uniformierten Schweine, um sich vor Ort umzuschauen“, „Schweine versuchen, nach dem Ende der Razzia in einer Wohnung, für die sie einen Durchsuchungsbeschluss hatten, in mehrere Wohnungen im Vorderhaus einzubrechen“, „Nordkiez ist voll von Schweinen“ und: „Unser Erscheinen war wohl zu friedlich... oder die Schweine wurden noch nicht gefüttert.“
Es folgte die obligatorische nächtliche Anschlussrandale, bei der Autos, Neubauten und Geschäfte demoliert und Nachbarn eingeschüchtert wurden – und es bleibt ein Rätsel, warum diese Art der linksextremistischen „Gegenkultur“ in rot-grünen Kreisen noch immer Sympathien genießt und Schutzbedürfnisse weckt.
Was die Polizei aber dort genau trieb, ist offenbar nicht mal der Polizei selbst so richtig klar – jedenfalls waren im Präsidium nicht alle auf demselben Stand. Durchsuchung, Beweissicherung, Teilräumung, Bauarbeiterbegleitung? Am Freitag, dem zweiten Tag, dementierte die Pressestelle zunächst sogar stundenlang das Offensichtliche, nämlich: dass es überhaupt einen Einsatz gibt. Ob Teile dieses Einsatzes zu weit gingen, wird nun die Politik zu klären versuchen. Beschlagnahmt wurden übrigens eine Sturmhaube, eine Maske, eine Schreckschusspistole, eine Tierabwehrpistole und zwei Laserpointer – mit einem Laserpointer war eine Polizistin am Auge verletzt worden.
Bei unserem beliebten Behördenpingpong schlägt heute SPD-Ordnungsstadtrat Michael Karnetzki aus Steglitz-Zehlendorf auf – es geht um den Müll am Wannseestrand. Der Politiker „verweist auf die Zuständigkeit der Berliner Forsten, da die Badestelle im Wald liegt“. Scharfsinnig analysiert er die Lage so: Entweder sind die Mülleimer zu klein oder es gibt zu wenige davon („In meinen Augen…“). Es returniert Marc Franusch, Sprecher der Berliner Forsten: „Mehr Mülleimer lösen das Problem nicht, sondern verstärken es noch“ – auch größere Behälter „würden die Menge nicht bändigen“. Verantwortlich aus seiner Sicht: die Ausflügler („Es kann nicht sein, dass…“). Tim Richter von der CDU Wannsee (stärkste Partei im Bezirkswahlkreis 7) will auch mitspielen, reicht den Müllsack aber gleich weiter an 1. das Land Berlin („Wenn… dann…!“), 2. ans Grünflächenamt von Grünen-Stadträtin Maren Schellenberg („ganz klare politische Verantwortung“) und 3. (sie ahnen es sicher schon): an Ordnungsstadtrat Karnetzki (siehe oben).
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„S'asseoir à table“ - Das „Restaurant Le Faubourg“ bittet zu Tisch. Seit dem 9. Juli hat das „Le Faubourg“ im französischen 5-Sterne-Superior Hotel Sofitel Berlin Kurfürstendamm seine Türen wieder für Dinner-Gäste geöffnet.
Menü ab 49 €
Di - Sa von 18 bis 23 Uhr.
Pssst - für den eiligen Gast, bietet das „Le Faubourg“ einen attraktiven Business Lunch von Montag-Freitag von 12 bis 15 Uhr. Bon appétit!
www.lefaubourg.berlin
Tel.: 030 800 999 7700
Zum Corona-Witz des Tages: Union kündigt an, am ersten Spieltag im September alle Plätze in der Alten Försterei mit „Covid-19 negativ“ getesteten Fans zu besetzen – hm, und was sagt die „Alte Dame“ im Westend? „Hertha rechnet nicht mit einem vollen Stadion zu Saisonbeginn“ (Zuschauerhinweis: hier lachen). Dazu schauen wir mal auf Herthas erste Saisonspiele der vergangenen fünf Jahre im Olympiastadion (Kapazität 74.475 Personen):
2019: 42.738 (0:3 vs Wolfsburg)
2018: 52.729 (1:0 vs Nürnberg)
2017: 44.751 (2:0 vs Stuttgart)
2016: 41.648 (2:1 vs Freiburg)
2015: 56.376 (1:1 vs Bremen)
Sie erinnern sich an die Meldung „Berlins kaputteste Straße“ (CP v. 14.12.19)? Für Neuberliner: Vor zwei Jahren berichtete die „Berliner Woche“ aus Pankow: „Der endgültige Ausbau der Friedrich-Engels-Straße verzögert sich weiter. Noch sei nicht absehbar, wann das dafür nötige Planfeststellungsverfahren abgeschlossen werden kann, sagt Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner. Damit ist auch zehn Jahre nach Beginn der Erneuerung der Straße kein Ende in Sicht.“
Das war am 17.8.2018. Ein Jahr später verkündete Kirchners Nachfolger Ingmar Streese: „Dem Bezirksamt Pankow von Berlin ist es gegenwärtig nicht möglich, einen Ausführungstermin für die Straßenneubaumaßnahme zu benennen.“ Hinweis: „Gegenwärtig“ hat in Berlin die gleiche Bedeutung wie „demnächst“ und ist vergleichbar mit dem spanischen „mañana“ (offiziell „morgen“, tatsächlich „demnächst“, „irgendwann“ oder „vielleicht“).
Stattdessen verhängte die Verwaltung Tempo 10, um weitere Schäden und Lärm zu vermeiden – nur hält sich natürlich niemand daran. Versuche, die Geschwindigkeit zu kontrollieren, scheiterten: Für die Messgeräte konnte die Polizei auf dem maroden Straßenrand keinen beweissicheren Stand finden – selbst in den Häusern wackeln die Wände, wenn ein Laster vorbeifährt (Q: „Mopo“).
Als einige Anwohner die Messungen selbst übernehmen wollten, wurden sie von der Polizeidirektion 1 vor „Selbstjustiz“ gewarnt: Die „Fertigung von Bild- und Videoaufnahmen“ durch Bürger stelle eine „rechtswidrige Datenerhebung“ dar. Bis zum Umbau müssen sie sich also gedulden (und hoffen, dass nicht mehr als die lockergerüttelten Badfliesen herunterfallen).
Jetzt hat SPD-MdA Torsten Hofer nochmal nachgefragt (DS 18/23723): „Wann ist mit dem Baubeginn zu rechnen? Wann ist mit der Baufertigstellung und der Inbetriebnahme der Straße zu rechnen?“ Die Antwort von Staatssekretär Streese (und jetzt alle im Chor): „Gegenwärtig kann hierzu keine belastbare Angabe gemacht werden.“
„Erzähl mal weiter“ – gemeinsam mit Berliner AutorInnen und Ihnen wollen wir während der Sommerferien Fortsetzungsgeschichten verfassen. Den Auftakt dieser Woche macht Paul Bokowski.
Matroschka
von Paul Bokowski
Ein schwaches Beben ließ den ziegelgroßen Wecker kleine Luftsprünge machen. Jedes Mal, wenn ich meine müden Lider aufschob, stand er etwas näher an der Kante. Die letzte Uhrzeit, die ich sah, war 06:33 Uhr. Dann ein leiser dumpfer Aufschlag. Tief ins Fell des eingerollten Hundes. Beide unbeeindruckt. Punkt Sieben rissen mich Hund und Wecker aus dem Schlaf. Hoch mit den Rollos. Auf dem Balkon kauerte ein gutes Dutzend Spatzen. Erst als ich die neuen Dreifachfenster kippte, wurde mir klar warum: Sechs Bauarbeiter standen auf der abgesperrten Kreuzung, braun gegerbt wie altes Leder, und zerpflückten den Asphalt. Ein siebter brunchte Stulle, seelenruhig zwischen den Presslufthämmern, und beäugte einen achten, neu und blass, der mühevoll mit dem Raupenbagger kämpfte. Stolz hebelte er einen breiten Brocken Fahrbahn aus dem Boden, als unter dem Asphalt der Seestraße, matroschkagleich, ein breites makelloses Kopfsteinpflaster sichtbar wurde: die Seestraße, die alte...
Und jetzt sind Sie gefragt – Wie soll es weitergehen? Schicken Sie uns Ihre Fortsetzung (maximal 600 Zeichen) bis spätestens heute um 16 Uhr an checkpoint@tagesspiegel.de. Die beste Idee veröffentlichen wir morgen im Newsletter. Und die gesamte Geschichte (deren Ende wiederum Paul Bokowski am Freitag schreiben wird) lesen Sie am Wochenende im Tagesspiegel und auf Tagesspiegel.de.
Die CDU diskutiert über eine 50-Prozent-Quote für Frauen – Barbara John, seit fünf Jahrzehnten in der Partei, erinnert sich in ihrer Tagespiegel-Kolumne „Zwischenruf“ an einen Vorfall aus ihrer Anfangszeit: „In der CDU-Fraktion der Kreuzberger BVV gab es ganz wenige Frauen, alle eloquent, qualifiziert und bienenfleißig. Als es darum ging, den Bildungsstadtrat zu stellen, wählten wir brav einen Lehrer. Die hoch befähigte andere Kandidatin unterlag. Die Pippi-Langstrumpf-Unerschrockenheit wagten wir nicht. Daran knabbere ich noch heute.“ Könnte gut sein, dass der Keks bald endlich mal gegessen ist.

Berliner Schnuppen
Telegramm
„Berlin nimmt 142 Geflüchtete auf“ ist heute tatsächlich eine Meldung (wert). Es kommentiert Angela Merkel: „Wir schaffen das.“ Dazu der Blick in die Statistik: Im Jahr 2015 hatten in Berlin laut Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten 55.001 Menschen Zuflucht gesucht.
Neu auf der Bar-Trauerliste: Das „Muschi Obermaier“ in der Torstraße macht wegen Corona dicht – in einem Facebook-Beitrag schildern die Betreiber: „Wir leben von der Nähe, der Enge, der Hitzigkeit. Nennen wir es beim Namen: Körperkontakt.“ Der aber ist legal auf absehbare Zeit nicht mehr zu haben.
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Aber auch eine prominente Wiedereröffnung gibt es zu feiern: Nach einer verhältnismäßig kurzen Umbaupause (Maßstab: Berlin) ist in der Auguststraße seit gestern Clärchens Ballhaus zurück – zur Begrüßung gab‘s einen Wermut-Tonic im Biergarten aufs Haus. (Q: Facebook).
Wie geht’s weiter mit der Mohrenstraße? Nach der Panne mit der Umbenennung des U-Bahnhofs in den Antisemitismus-Verdächtigen Glinka (der sich allerdings auch nicht viel antisemitischer äußerte als der Namensgeber der Karl-Marx-Allee und der Karl-Marx-Straße) bliebe als schnelle (und kostengünstige) Variante die Umbenennung in Möhrenstraße (gibt‘s im Bund günstig gleich am West-Ausgang in Merkels Lieblingssupermarkt „Ullrich“).
Vier CDU-Politiker aus Mitte (Joachim Zeller, Frank Henkel, Philipp Lengsfeld und Olaf Lemke) plädieren in einem Tagesspiegel-Beitrag für eine Umbenennung des Bahnhofs, aber eine Beibehaltung des Straßennamens. Sie schreiben:
„Die historische Bezeichnung ‚Mohr‘ ist veraltet, historisch überholt und darf in heutigen Zeiten, wo schwarze Menschen keine Exoten sind, weder in Berlin noch an jedem anderen normalen Ort der Welt, sicher nicht verwendet werden. An der eigentlichen, 300-jährigen ‚Mohrenstraße‘ in Mitte ist eine Kontextualisierung dagegen gut möglich.“ Ihr Plädoyer „für eine Versachlichung der Debatte“ finden Sie hier.

Das Projekt @wasihrnichtseht macht Rassismuserfahrungen von Schwarzen sichtbar. Wir machen das durch eine Kooperation an dieser Stelle auch.
Gerade mal 99,2 Radweg-Kilometer wurden in Berlin seit Januar 2017 neu gebaut (Rot-Rot-Grün regiert seit dem 8. Dezember 2016) – wer jemals den Taxischein gemacht hat, weiß: Das ist gemessen am Berliner Straßennetz von 5437 Kilometern… Moment… also, jedenfalls nicht so richtig viel.
Hm, reißen es denn nicht wenigstens die Pop-up-Radwege raus? Na, da schauen wir doch mal auf diese schöne, interaktive Website hier – und formulieren für Jan Thomsen (Sprecher der Verkehrsverwaltung) schon mal vor: „Berlin mit 24,9 Kilometern deutschlandweit an der Spitze.“ Paris hat in seinem Kerngebiet (2,1 Mio. Einwohner) allerdings mit 69,8 n.C. (nach Corona) ein paar mehr geschafft.
„Deutsche Bahn so pünktlich wie seit 2018 nicht mehr“, meldet die Deutsche Bahn. Aber mit der Abfertigung von Kundenbeschwerden lässt sich das Unternehmen mitunter wochenlang Zeit, und dann…
„Zunächst entschuldigen Sie die späte Antwort, es ist keinesfalls eine Wertschätzung Ihres Anliegens.“
Ähm… aha. Keinesfalls eine Wertschätzung, wäre ja auch übertrieben. Ist das also auch geklärt. Anlass der Beschwerde war übrigens ein völlig überfüllter Corona-ICE von Berlin nach München, vor dem auch eine Sitzplatzreservierung nicht schützte – die Passagiere campierten auf den Gängen. Im Antwortscheiben weist die Sachbearbeiterin auf die Maskenpflicht hin und fährt fort: „Wir appellieren an Sie, diese Pflicht und die bestehenden Verordnungen zum Schutz aller Kunden und DB-Mitarbeiter zu beachten.“ Die Mail endet mit der obligatorischen Kundenbelehrung: „Es handelt sich hierbei nicht um Gesetze, sondern um behördliche Verordnungen. Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG sind nicht zur nachhaltigen Durchsetzung von Bußgeldern berechtigt. Dieses obliegt in den Zügen ausschließlich der Bundespolizei.“ Jawoll!
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Apropos Bahn: Im kommenden Jahr beginnt der Ausbau der Strecke Berlin-Stettin – zur Präsentation des Vorhabens auf dem Bahnhof Angermünde (Fahrzeit von Berlin Hbf: 56 min) kam die Berliner Politik standesgemäß mit dem Dienstwagen angereist (Fahrzeit lt. Google Maps: 1h 3min). Aus der Rede von Verkehrssenatorin Regine Günther (entstieg einem Passat Hybrid): „Wir müssen das umweltfreundliche Reisen mit der Bahn noch attraktiver machen.“
Aus der Reihe „berlin.de-Perlen“ – auf der Seite Ordnungsamt Online heißt es unter dem Punkt „Serviceversprechen“: „Das Serviceversprechen wird bis auf weiteres ausgesetzt.“ Handelte sich wohl um einen Versprecher.
„Willkommen am BER“ heißt die neue Website der Flughafengesellschaft, auf der es heißt: „Die Website werden wir in den nächsten Monaten kontinuierlich ausbauen.“
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die Jugend wird sich einmal dafür schämen, wie sie heute angezogen ist…“
… sagt Günther Krabbenhöft, der als Berlins ältester und berühmtester Hipster gilt, in einem selbstverwalteten Hausprojekt an der Admiralsbrücke lebt und nur in maßgeschneiderten Anzügen auf die Straße geht. Was er stilistisch von unserem Städtchen hält, hat er Ann-Kathrin Hipp für den Checkpoint-Podcast „Eine Runde Berlin“ offenbart:
„In Berlin ist es ja so, dass selten was schöner wird. Da ist immer so ein gewisser Chic der Verwahrlosung. Sowohl in der Stadt als auch bei den Menschen. Hier kann man alles tragen, was seit Beendigung der Luftbrücke in den Kleiderecken ist.“
Tweet des Tages
Jemand möchte eine Körperverletzung durch Nippelklemmen anzeigen und auch sonst ist es ein ganz normaler Morgen in Berlin. #AusdemDienst
Antwort d. Red.:
Stadtleben
Lesereise – Chick-Lit-Monday: Romantischen Eskapismus empfiehlt Christiane Schulz-Rother von der Tempelhofer Buchhandlung Menger. Julie Caplins „Das kleine Hotel auf Island“ führt seine Leser in die Weiten nordatlantischer Küste – und in die Wirren eines fluffig-seichten Liebesromans: „Durch eine Dummheit verliert Lucy ihre Arbeit als Managerin eines Luxushotels und findet danach nur eine Stelle in einem abseits gelegenen Hotel auf Island. Was sich äußerlich so idyllisch darstellt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Katastrophe. Doch nach und nach verzaubern Menschen und Insel Lucy und bald schon findet sie nicht nur Freunde, sondern auch eine neue Liebe.“ Schulz-Rother befindet: „Eine humorvolle und witzige Sommerlektüre“! (Rowohlt, 2020)
Urlaub ganz nah – Zur romantischen Flucht direkt vor der Haustür fahren Träumer hinüber nach Babelsberg: In Pücklers Landschaftspark an der Havel sprudelte schon 1845 ein Geysir, der seinen isländischen Pendants in kaum etwas nachstand. Seit 2006 speit die Fontäne erneut gen Himmel – und rieselt aus 40 Metern hinab. Für den direkten Geysirblick lassen sich Besucher samt Schmonzette an der Lenné-Bucht nieder: Schwefelschwaden hinzufantasieren! Wer zu Hause bleibt, klickt sich direkt nach Island – einen virtuellen Geysirausbruch bestaunen Sie unter diesem Link.
Mehr Ideen für den Urlaub vor der Haustür finden Sie auf tagesspiegel.de.
Essen & Trinken – Tea Time in Prenzlberg! Dem Brexit zum Trotz sausen Berliner Anglophile zum Afternoon Tea in die Schönhauser Allee: Die Spro Bakery kredenzt britische Scones, dass sie sich unter den Glasglocken türmen. Wer es gern schräg hält, wagt sich an Feigen- und Gorgonzola-Gebäck. Scone-Novizen verputzen den Klassiker samt Clotted Cream und Kirschkompott (4,50 Euro). Dazu serviert Spro Macchiato und Matcha, Neugierige schnappen sich einen Superfood-Latte (ca. 4 Euro). Scones im Gepäck? Dann losspaziert: Zwei Blocks weiter lädt der Mauerpark ein zum Picknick auf seinen rostigen Schaukeln – High Tea auf Berlinerisch. Mo-Sa 9-17, So 10-17 Uhr, Schönhauser Allee 50a, U-Bhf Eberswalder Straße
Wer lieber selbst den Schneebesen schwingt, klickt sich fix zu Baiser und Beeren: In ihrer neuen Sonntagskolumne verrät Genuss-Kollegin Susanne Leimstoll ihre Rezepte für Torten und Biskuits – hier entlang.
Länger Futtern – „Wir hatten einen ordentlichen Shitstorm“, flatterte es uns am Freitag ins Postfach. „Die haben sich alle beschwert, dass wir nur so kurz aufhaben.“ Möllers Köttbullar, über die wir letzten Montag berichteten, öffnet seine Türen künftig auch zum Dinner – und das nur eine Woche nach der Eröffnung. Ab heute brutzeln die Klößchen montags bis freitags von 10-20 Uhr: Feierabend-Snack!
Das ganze Stadtleben – mit täglich neuen Ideen für den spontanen Urlaub vor der Haustür – gibt‘s mit Tagesspiegel-Plus-Abo.
Rausfahren – Dort, wo beinahe Polen beginnt, wird Brandenburg wild: Der Naturpark Schlaubetal lockt anderthalb Stunden südöstlich von Berlin in Wälder und Schluchten, Moore, Seen und einsame Bäche. Schuhe geschnürt: Flüsse und Quellen wollen erwandert werden – auf einem Weg, der sich 25 Kilometer entlang der Schlaube schlängelt. Über Brücken und Pfade führt die Route von Müllrose nach Neuzelle. Boxenstopp ist die Bremsdorfer Mühle, an der Wanderer dem Mühlrad beim Klappern zusehen. Wer es lieber kürzer mag, spaziert von der Mühle zum Wirchensee – durch Kerbtal und Wiesen, Quellkessel und Fischzucht (hin und zurück: 12 km). Checkpoint-Tipp: Ab August blüht im Naturpark die Heide. Damit Sie nicht verloren gehen, hier eine Karte. (Foto: Inka Schwand)
Noch Hingehen zu Stadtporträts und Riesenkakteen: Bis zum 20. Juli bewundern Besucher der Berlinischen Galerie die schwarz-weißen Momentaufnahmen des Fotografen Otto Umbehr, aka Umbo (1902-1980). 200 Werke lassen Tänzer kokett in die Kamera blinzeln und Wolkenkratzer aus den Straßen ragen. Nicht verpassen: Das Porträt des Künstlers selbst, der samt Hornbrille nackt vor die Linse tritt. Ein paar Meter weiter blicken die Gäste in Meere von Augen, die gläsern-hypnotisch von den Wänden starren: Zora Manns „Wide Open“ hat im Juni die Räume der Galerie bezogen. Zutritt gibt‘s mit Maske und Abstand, Tickets erhalten Sie für acht Euro hier. Die Zahl der Besucher ist beschränkt – früh da sein lohnt sich. Mi-Mo 10-18 Uhr, Alte Jakobstraße 124-128, U-Bhf Kochstraße
Last-Minute-Stream – (ein Tipp von Ticket-Kollege Ingolf Patz) Ein Dilemma: Durch die Coronavorschriften sind Live-Veranstaltungen gerade ein besonders intimes Erlebnis, aber häufig hoffnungslos ausverkauft. Schön, wenn weiter parallel gefilmt und gestreamt wird, wie z. B. aus dem Koreanischen Kulturinstitut. Das Konzert der Violinistin Leeyoung Kim vom Samstag kann ebenso abgerufen werden wie eine Diskussion zu dem ausgezeichneten Kriegsfilm „Welcome to Dongmakgol“, der heute auch noch einmal gestreamt wird. Und dem koreanischen Motto „Hitze mit Hitze bekämpfen“ folgend, gibt es hier eine Anleitung für Samgyetang, einer leckeren Hühnersuppe für heiße Tage.
Plätze sichern I – Die Welt in Dahlem? Aber hallo! Zur kulinarischen Erdball-Umrundung strömen Fernweh-Geplagte tief in den Südwesten. Bis zum 8. August lässt das Team der Esskultur den Garten des Museums Europäischer Kulturen zur Bühne werden: Immer samstags um 16 Uhr lauschen die Gäste einem weiteren Kapitel aus Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ und schnabulieren dabei ein Drei-Gänge-Menü. Diese Woche geht es von Hongkong nach Yokohama – also: Karten sichern! Tickets ergattern Sie für 29 Euro hier. Für den 25. Juli (Yokohama-San Francisco!) haben wir zwei Plätze reserviert – wer wagt sich fürs uns auf Spritztour?
Plätze sichern II – Flugsäuger-Safari! Welche Schatten in später Nacht lautlos über den Friedrichshain huschen, erforschen kleine Biologen am Donnerstagabend: Mit Detektor bewaffnet rufen die Ranger der Stadtnatur zur Fledermaussuche am Märchenbrunnen. Von dort aus geht es tief in den Park, die Augen eifrig gen Wipfel gerichtet. Losgepirscht wird ab 20:45 Uhr, zur kostenlosen Anmeldung klicken Sie hier. Taschenlampen nicht vergessen!
Mit diesem Stadtleben wünscht Lotte Buschenhagen einen phänomenalen Montag.
Insel-Check
Team Checkpoint hat die Segel gehisst und alle Berliner Inseln besucht – es sind mehr als 50. An dieser Stelle und auf Instagram stellen wir Ihnen täglich eine davon vor. Und oben drauf gibt’s unser Inselquartett – zum Ausschneiden für lange Autofahrten in den Ferien und Sommer-Sehnsucht im Winter.
Am östlichen Rand des Müggelsees verstecken sich „Die Bänke“ – eine Gruppe von drei Inseln, kaum voneinander abzugrenzen und oft übersehen. Entenwall, die mittlere und größte Insel der Bänke, beherbergt an ihrem naturgeschützten und von Seerosen bedeckten Nordufer etliche Wasservögel, darunter Drosselrohrsänger, Nachtigallen und eine Kolonie der gefährdeten Trauerseeschwalben. Andere Bereiche der Insel sind bewohnt, von den Besitzern der hiesigen Datschen – und von Wildschweinen, die während ihrer Insel-Hopping-Touren gerne mal Rast auf Entenwall einlegen, erzählt Wildtierexperte Derk Ehlert.
Text: Nadine Voß
Berlin heute
Verkehr – S-Bahn: Die S2 ist zwischen Buch und Bernau unterbrochen, zum Ersatz fahren Busse (bis Freitag, 22 Uhr).
Landsberger Allee (Alt-Hohenschönhausen): Wegen Leitungsarbeiten stehen hinter der Zechliner Straße stadteinwärts nur zwei Fahrstreifen zur Verfügung (für ca. eine Woche).
Landsberger Allee (Friedrichshain): Wegen Markierungsarbeiten für einen Radstreifen sind zwischen Niederbarnimstraße und Jessnerstraße stadtauswärts nur zwei Spuren befahrbar.
Buckower Chaussee (Lichtenrade): Auf Höhe Kettinger Straße in Richtung Marienfelder Chaussee ist nur eine Fahrbahn verfügbar (ca. zwei Wochen).
Mitte: Aufgrund einer Demonstration für den Familiennachzug Geflüchteter (s. u.) kommt es zwischen 11 und 15 Uhr zu Verkehsbeeinträchtigungen. Betroffen sind u.a. Friedrichstraße, Straße Unter den Linden, Platz der Republik, Glinkastraße, Französische Straße und Werderscher Markt.
Schlesisches Tor (Kreuzberg): Aufgrund der Viaduktsanierung kommt zur nächtlichen Vollsperrung. Das Überqueren des Tores über die Köpenicker Straße/Schlesische Straße ist nicht möglich (22-2 Uhr).
Demonstration – Vor der Österreichischen Botschaft in der Stauffenbergstraße 1 ruft die Demokratische Partei Kurdistan zur „Kundgebung aus Anlass des Jahrestags der Ermordung des DPK Iran-Vorsitzenden Ghassemlou und seiner Begleitung durch ein Mordkommando der islamischen Republik in Wien“. Es werden 20 Demonstrierende erwartet (11-13 Uhr). Unter dem Motto „Familienleben für alle – Familiennachzug jetzt!“ ziehen ca. 600 Personen vom Bahnhof Friedrichstraße zum Auswärtigen Amt am Werderschen Markt und wieder zurück (11-15 Uhr). In der Görlitzer Straße 63 in Kreuzberg protestieren 150 Teilnehmende „gegen die Verdrängung der Pizzeria De Noantri“ (18-21 Uhr).
Zu Gast – Im Schloss Meseberg, dem Gästehaus der Bundesregierung, empfängt die Kanzlerin heute den italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte. Im Gespräch soll es um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie gehen.
Gericht – Einem SUV-Fahrer, der einen Radfahrer bedrängt und ausgebremst, dann vom Rad gerissen und dabei verletzt haben soll, wird der Prozess gemacht. Der 52-Jährige habe den Radfahrer zwingen wollen, den Fahrradweg zu nutzen (10.45 Uhr, Amtsgericht Tiergarten, Kirchstraße 6, Saal 4104).
Heimuniversität – Campusleben für die Ohren: Wer die Fachsimpeleien der Kommilitonen vermisst, der holt sie sich per Podcast nach Hause. Die Furios, Studi-Zeitung der FU, hat probegelauscht und empfiehlt die charmantesten Aufnahmen der Uni – von der Küchenphilosophie bis zum Prof-Interview. Kopfhörer gesucht und Ohren gespitzt: Artikel und Podcasts finden Sie hier.
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – Karin Baer, „Alles Gute meiner begeisterungsfähigen und geduldigen Reisebegleiterin zum Geburtstag von ihrer Freundin Angela“ / Alex und Charly Dechmann (25), „Viele liebe Grüße von Andreas.“ / Günther Jauch (64), Fernsehmoderator / Chaim Noll (66), Journalist und Schriftsteller / Jörg Remy (56), Gitarrist, Komponist und Sound-Designer / Manuela Schmidt (56), Politikerin (Die Linke) und Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses / Stefan Strauß (52), Sprecher der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales / „Kathy Tafel, unsere Heldin" / Michael Verhoeven (82), Filmregisseur („Die weiße Rose") und Schauspieler
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Prof. Dr. Med. Dieter Felsenberg, * 2. März 1948 / Günter Schmidtke, * 1934, Garderobier in Clärchens Ballhaus
Stolperstein – Julius Berger (Jg. 1862) lebte gemeinsam mit seiner Frau Flora (Jg. 1868) in der Charlottenburger Meinekestraße 7. 1905 gründete er eine eigene Tiefbau AG, 1914 folgte die Ernennung zum Königlich Preußischen Kommerzienrat. Im September 1942 wurden Julius und Flora Berger in das Lager Theresienstadt verschleppt, wo Flora bereits einen Monat später ermordet wurde. Am 13. Juli 1943 – heute vor 77 Jahren – wurde auch Julius Berger im KZ getötet.
Encore
„Die Engelbeckenverschwörung“ – so könnte auch ein neuer Berlin-Thriller mit Matt Damon heißen. Es ist aber nur der Titel des aktuellen Blogeintrags von Wieland Giebel, der hier mit seinem Berlin Story Verlag residiert. Der Anlass: Flugblätter aufgeregter Anwohner, die dem Bezirksamt vorwerfen, auf Geheiß von Giebel (der sich wie andere auch hier seit Jahren engagiert) heimlich den Stöpsel im Tümpel gezogen zu haben (der Wasserstand ist seit dem Frühjahr deutlich gesunken) und ein Tiermassaker zu planen. Lesen wir mal rein…
„Am Montagabend, 13.7.20, werden die Fontänen abgestellt und über Nacht stellt das Fischereiamt zum Abfischen des Teiches Netze auf. Alles, was sich über Nacht eingefangen hat – Fische, Schildköten, aber auch die jungen Schwäne – wird dann entsorgt. Anschließend werden Raubfische eingesetzt, um die kleinen Wassertiere wegzufressen, die nicht ins Netz gegangen sind.“
Bei einer Probebefischung in dem schwer schadstoffbelasteten Gewässer wurden nach Angaben des Bezirksamts tatsächlich mehr als 150 Tiere gezählt, darunter auch ausgesetzte Exoten wie die Chinesische Wollhandkrabbe und der Afrikanische Zwergwels. Einer der Gründe für das „Umkippen“ des Engelbeckens in ein ungenießbares Phosphatgebräu: die Fütterung der Wildtiere. Und was jetzt? Welche Rolle spielt Giebel wirklich? Finden die Anwohner den Stöpsel wieder? Und gibt es noch ein Happy End? Lesen Sie Teil II der „Engelbeckenverschwörung“, hier demnächst in Ihrem Checkpoint.
Ich wünsche Ihnen einen guten Sprung in die Woche - morgen früh begrüßt Sie hier unser Inselstürmer Stefan Jacobs. Bis dahin,