Wir beginnen mit den WM-Schlagzeilen: „Was Löw jetzt ändern muss“ (Kicker), „Was Löw jetzt alles ändern muss“ (Morgenpost), „Was Jogi jetzt dringend ändern muss“ (BZ), „5 Dinge muss Jogi jetzt ändern“ (Bild). Außerdem: „Den Plan über den Haufen schmeißen - das machen wir schon gar nicht!“ (Jogi Löw). Der Bundestrainer beklagte sich übrigens gerade darüber, dass „die junge Generation“ seiner Spieler „fast nur noch visuell und auf optische Reize“ reagiert (oder war‘s andersherum?) – vielleicht sollte er seine Mannschaft mit VR-Brillen antreten lassen und ein Pokemon auf den Ball setzen.
Die Spiele heute: Kolumbien-Japan (14:00), Polen-Senegal (17:00), Russland-Ägypten (20:00, alles im ZDF)
Und falls Sie es nicht schon gesehen haben: Das Cover unserer heutigen WM-Ausgabe von „11 Freunde täglich“ im Tagesspiegel ist einen Blick wert (hier zu sehen) – und was auf den Seiten danach kommt, erst recht.
Vor den Meldungen aus Berlin schnell noch das Wort des Tages: „Richtlinienkompetenz“. Ausgesprochen hat es die Bundeskanzlerin, nach Zählung unseres Unions-Experten Robert Birnbaum zum allerersten Mal seit dem Fall der Mauer, und Heimat-Horst Seehofer darf es durchaus als Drohung verstehen: Sollte er „fest entschlossen“ bleiben und an der Grenze sein Ding durchziehen wollen, wird er sich bald ausgiebig der Spielzeugeisenbahn mit Merkelfigur im Keller seines Hauses widmen können – für ihn ist der Zug dann abgefahren. Zur Regierungskrise heute auch der Dienstagskommentar um kurz nach 8 bei Radioeins.
Jeden Tag eine neue Horrormeldung aus dem Berliner Verkehr: Diesmal wurde ein Junge, der mit seinem Tretroller bei Grün die Marienfelder Allee überqueren wollte, von einem abbiegenden Auto gerammt und schwer verletzt. „Wir werden alles unternehmen, dass unsere Straßen sicherer werden“, hatte Verkehrssenatorin Regine Günther nach den tödlichen Unfällen mit Kindern in der vergangenen Woche angekündigt (CP von gestern). Es wird Zeit: Berlin ist da im Vergleich zu anderen Städten in vielerlei Hinsicht rückständig (u.a. was Kontrollen betrifft). Zu lange ist zu wenig geschehen, und wie andere aktuelle Fälle zeigen, eröffnen die Behörden sogar ständig neue Gefahrenstellen.
Dabei ist es oft gar nicht so schwer, riskante Wege für Fußgänger, Radfahrer und auch Autofahrer sicherer zu machen – zum einen Teil haben das die Verkehrsteilnehmer selbst in der Hand, wie unser Experte Stefan Jacobs mit seinen 10 rettenden Regeln gezeigt hat; zum andern könnten die Behörden mit konsequentem Handeln zu mehr Sicherheit beitragen.
Wir wollen die Verkehrsverwaltung jetzt dabei unterstützen, gefährliche Ecken zu erkennen und zu entschärfen, bevor etwas passiert. Dazu richten wir auf tagesspiegel.de eine interaktive Karte ein, markieren die entsprechenden Stellen und machen auch Vorschläge, wie die Sicherheit ganz konkret erhöht werden kann (auch am Beispiel anderer Städte, wo das besser läuft). Aber dafür brauchen wir Ihre Hilfe: Wo immer Ihnen solche Gefahrenstellen auffallen, schicken Sie uns bitte die Adresse (oder die Geodaten) und wenn es geht ein Foto an checkpoint@tagesspiegel.de
Das können abrupt endende Radwege sein, ungesicherte Übergänge, unkontrollierte Raserstraßen, schlecht einsehbare Kreuzungen, Ampelfallen für Fußgänger, unklare Verkehrsführungen, unkontrollierte Dauerverstöße, Untätigkeit der Verwaltung usw. Ein prominentes Beispiel: die Parkinsel auf der Grunerstraße, direkt am Roten Rathaus – es gibt keine einzige Möglichkeit, diese sicher zu verlassen. Die Situation ist grotesk: Es schießen Autos aus dem Tunnel, durch eine leichte Biegung der Straße auch noch verdeckt – ein tägliches, lebensgefährliches Spießrutenlaufen für alle, die versuchen, sich ans gegenüberliegende Ufer zu retten (oder auszuparken). Auch der je nach Lage mehrere hundert Meter lange und gefährlich enge Weg zwischen parkenden und rasenden Autos entlang zum Fußgängerübergang an der Spandauer Straße führt über eine ungesicherte Abbiegeschleife. Trotz schwerer und auch tödlicher Unfälle haben die verantwortungslosen Verantwortlichen hier jahrelang nichts unternommen, die Begründung: Der gesamte Molkenmarkt wird ja ohnehin irgendwann umgebaut (geplante Fertigstellung im Jahr 2022). Wir wollen nicht mehr solange warten – nur hoffen, dass nicht noch mehr passiert, ist zu wenig.
Die AfD hat offenbar eine Dauerkarte fürs Berliner Verfassungsgericht – der Organstreit mit dem Regierenden Bürgermeister über einen Tweet der Senatskanzlei hat zwar gerade erst mit viel Schriftverkehr begonnen (CP v. 15.6.), aber morgen tritt der Landesverband bei gleich zwei mündlichen Verhandlungen auf: zum einen um 9 Uhr als Antragstellerin gegen Justizsenator Behrendt, dem die AfD einen Verstoß gegen die Neutralitätspflicht und eine Verletzung ihrer Chancengleichheit vorwirft; zum anderen um 11 Uhr als Antragsgegnerin ihres Parteifreundes und früheren Abgeordneten Wild, der sich in die Mitgliedschaft der Fraktion zurückklagen will – da bekommt der Begriff „Rechtsstreit“ doch gleich eine andere Bedeutung.
Die Firma Siemens ist sehr darum bemüht, sich ihren notorisch miserablen Ruf in Berlin nicht zu ruinieren - am BER hat sie klammheimlich trotz blamabler Leistung groß abkassiert, in Spandau und Moabit bangen die Angestellten um ihre Arbeitsplätze, und wenn Sie demnächst vergeblich auf die U-Bahn warten, liegt auch das an dem Dax-Unternehmen: Der BVG fehlen Waggons, aber Siemens verhindert mit einer Klage am Kammergericht eine Direktbestellung bei Stadler – ohne selbst eigene Züge liefern zu können (Fortsetzung der Verhandlung: 16.10.). Dazu die Selbstbeschreibung des Unternehmens: „Unsere Leidenschaft treibt uns an, Maßstäbe zu setzen und langfristig Mehrwert zu schaffen – für unsere Kunden, die Gesellschaft und jeden Einzelnen.“ Berlinerinnen und Berliner werden explizit nicht genannt (und sind offenbar auch nicht gemeint).
Telegramm
Weißer Rauch über dem Potsdamer Platz: Die Nachfolge von Berlinale-Chef Kosslick ist geregelt – am Freitag gegen 14 Uhr wird sie verkündet, gleich nach der Aufsichtsratssitzung der entscheidenden „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin“ (Einladung kommt heute). Machen Sie sich schon mal auf eine kleine Überraschung bereit.
Weil Spandaus Bürgermeister Helmut Kleebank von einer seiner Schrottschulen (hier: Carlo-Schmid-OS) keine „falschen Bilder“ veröffentlicht sehen wollte, sperrte er Journalisten per Weisung von einem Rundgang aus. Damit Sie sich dennoch ein richtiges Bild vom Zustand der Schule (und dem Verständnis von Pressefreiheit des Bürgermeisters) machen können: Die „Morgenpost“ zeigt hier mal, wovor Sie verschont werden sollten.
Bei berlin.de, dem „offiziellen Hauptstadtportal“, drehen sie jetzt so richtig auf: Nach dem Service-Hinweis „Das Brusthaar kehrt zurück“ (CP v. 15.6.) gibt’s neben den Terminen im Bürgeramt (trotz verfrühter Jubelmeldungen des Finanzsenators fünf Wochen ausgebucht) heute „Die 12 besten Orte zum Knutschen“ - das Bürgeramt ist komischer Weise nicht dabei (obwohl doch dort so viel Zeit ist).
Übrigens: Als „Notfallkunde“ wird laut Senatswebsite auch ohne Termin jederzeit bevorzugt bedient, wer eine Anwohnerparkvignette für sein Auto braucht (hier die offizielle Definition von Notfallkunden). Alleinerziehende Mütter dagegen warten auf ihren Unterhaltsvorschuss z.B. in Tempelhof-Schöneberg locker zehn Monate auf die oft rettende Unterstützung, ohne dass der Nachweis eines echten Notfalls die Bearbeitung beschleunigen würde.
In einem aktuellen Bericht ans Abgeordnetenhaus (DS 18/1141) zur „gesetzlichen Neuregelung“ beim Unterhaltsvorschuss (die ein Jahr alt ist und alles andere als überraschend kam) spricht der Senat übrigens davon, „dass die Auswirkungen“ in den Berliner Jugendämtern „noch nicht endgültig bewältigt“ seien. Ach, „noch nicht endgültig bewältigt“ bei einer Wartezeit von 10 Monaten? Hoffentlich bekommen die Koalitionäre bei der Lektüre einer solchen Realsatire wenigstens rot-rot-grüne Ohren.
Dazu noch das: Natürlich ist es misslich, wenn jemand wegen einer neuen Parkzone vor der Haustür nicht mehr weiß, wohin mit dem eigenen Wagen. Und auch ich habe mich ja über die schnelle Bedienung gefreut (Preis für zwei Jahre: 20 Euro). Aber von einem Senat, dessen erklärtes Ziel die soziale, solidarische Stadt ist (und der eine Verkehrswende propagiert), müsste eigentlich zu erwarten sein, dass er „Notfälle“ anders priorisiert als der ADAC.
Auch so ein solidarisches Sozialthema ohne Bodenhaftung: die Pflege in den Krankenhäusern. Die Initiative für einen Volksentscheid zur besseren Versorgung legt dem Senat heute ihre initiale Unterschriftenliste vor – die erste Stufe hat sie locker geschafft.
Die UNO-Flüchtlingshilfe, deutscher Partner des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), bittet zum morgigen Weltflüchtlingstag um Unterstützung einer „Blogparade“ – mit einer Petition werden die Regierungen weltweit zu mehr Hilfe und einer faireren Verteilung aufgefordert.
Das „Berliner Institut für Gesundheitsforschung“ sollte „ein Leuchtturm“ der Wissenschaftslandschaft sein, doch zuletzt blinkte es orientierungslos vor sich hin - die konsensuale Leitung „behindert“, die Profilbildung „erschwert“, im Vorstand „Interessenkonflikte“ (Gutachten von PWC): Da stehen die Zeichen auf Schiffbruch. Jetzt soll das BIG in die Charité eingegliedert werden – wie das geht und welche Widerstände es gibt, steht hier.
Wenn Sie wissen wollen, warum an vielen Schulen schon drei Wochen vor den Ferien der Schwimmunterricht ins Wasser fiel (anders als Mathe, Englisch, Deutsch et al.): Es ist schwer zu verstehen und noch schwerer zu erklären (wir sind ja in Berlin, der Hauptstadt der organisierten Unzuständigkeit) - Susanne Vieth-Entus hat es hier dennoch mal versucht.
So, das war’s für heute mit dem Senat, jetzt sind die Spinner dran – genauer: die Eichenprozessionsspinner. Die sind viel früher dran in diesem Jahr, die Nester stehen in voller Blüte, und es gibt auch viel mehr von ihnen - außerdem sind sie nicht ganz ungefährlich (schmerzhafte Pusteln! Allergischer Schock!). Das Pfanzenschutzamt rät: Am besten gleich einen Schädlingsbekämpfer rufen – der saugt die Dinger ab (abgeflämmt wird in Berlin nicht mehr).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Viele Bands haben schöne Namen, aber ihre Musik ist eher bescheiden. Bei uns ist das anders herum."
Stephan Fuchs von der Berliner Band „Hasenscheiße“ – wie hunderte andere treten die Musiker am Donnerstag bei der Fête de la musique auf. Unser Online-Special mit dem gesamte Programm gibt’s hier.
Tweet des Tages
"Auf der Straße versucht ein junger Mann, die Star-Wars-Melodie zu pfeifen, nur eben in schief. Ein Passant läuft an ihm vorbei, dreht sich um und pfeift ihm recht wütend die richtige Variante ins Gesicht. Dann geht er wortlos weiter. Montagabend in Kreuzberg."
Stadtleben
Essen & Trinken, wenn es im Prater Garten mal wieder zu voll ist: Sozusagen als Gegenprogramm zu Bier und Leberkäse im Brötchen, lädt gegenüber in der Kastanienallee 100 das Ilsebill zu Avocado-Rettich-Tartar und Grünem Veltliner vor Blümchentapete. Bar und Küche sind luftig abgeteilt durch eine Fensterwand, Bistrotische mit Klassenzimmerstühlen verlocken zum Plausch hinter bodentiefen (im Sommer geöffneten) Fenstern – analog zu den gläsernen Wohntürmen drum herum. Von der Gastgeberin wie vom Essen war Restaurant-Kritikerin Elisabeth Binder angenehm überrascht, wie am Samstag auf den "Mehr Genuss"-Seiten zu lesen war. Zumal die Auswahl der veganen und vegetarischen Speisen auf Wunsch mit Fisch oder Fleisch erweitert werden kann – ein schöner Kompromiss. Überraschend schon der Rosé-Sektvon Fritz Müller, der eher selten als offener Aperitif auf Restaurantkarten zu finden ist, „malerisch angerichtet“ mit „allen Elementen zwischen bissfest und zungenzahm“ die Hauptgänge à la „Gelbe Bete und Blumenkohl, Herzblatt-Kraut, Fenchelcreme und Pernod-Schaum“. Die einzelnen Gänge lassen sich nach Belieben kombinieren, drei kosten 24,50 Euro. S-Bhf Eberswalder Straße, Di-Sa ab 11 Uhr