Berlins Wochenende hat nach Schnitzel, Spaghetti, Spargel und Alltag geschmeckt. Hauptsache, nicht mehr selbst kochen oder Lauwarmes bestellen! Hauptsache, wieder raus. Seit Freitag darf in und vor Berlins Restaurants wieder gegessen werden, doch noch sind nicht alle Regeln abgeschmeckt. Die erste Bilanz: Gehwege wurden von übermotivierten Gastronomen mit Tischen verstopft, Kellner vergaßen ihre Masken, in meiner Pizzeria verabschiedete der Chef Stammgäste mit Küsschen, vergaß aber, Kontaktdaten aufzunehmen. „Aus unserer Sicht war das Wochenende eine Katastrophe“, sagt der Vizepräsident des Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Berlin, Uwe Schild (Q: Morgenpost). Derart niedrige Umsätze hätten viele Betriebe noch nie gemacht, aus unternehmerischer Sicht wäre es schlauer gewesen, Cafés und Restaurants geschlossen zu lassen, so Schild. Prognose: Kommt Sonne, folgt Umsatz.
Deutlich mehr Menschen haben sich am Wochenende für die schönste Nebensächlichkeit der Welt interessiert: Sechs Millionen Zuschauer zählte Bezahlsender Sky in seiner Gratis-Geisterspiel-Konferenz am Samstag. Darunter offenbar auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der danach Kritik am Big City Club Hertha BSC übte. „Ich fand das nicht so gut“, sagte Söder im „Doppelpass“ und meinte das Gruppentorjubelkuscheln der Herthaner. Eigentlich hatte die DFL nur Ellenbogen-Jubel erlaubt. Der Hertha-Trainer Nummer vier in dieser Saison sagt dazu: „Wir sind doch nicht im Kirchenchor.“ Gespielt wurde übrigens auch. Hertha gewann 3:0 in Hoffenheim, Union verlor mit Ab- und Anstand an der leeren Försterei 0:2 gegen Bayern. Am Freitag findet dann im Olympiastadion das Distanz-Derby vor 74.667 Geistern statt. Gruselig.
Stichwort gruselig: Am Alexanderplatz ist es am Samstag im Rahmen der „Anti-Corona-Proteste“ erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen. Fünf Polizisten wurden verletzt. Vor dem Roten Rathaus tanzten einige und sangen: „Befreit euch von Massenmedien…der (sic!) Virus existiert nicht.“ Andere warnten vor angeblichen Zwangsimpfungen, trugen Judensterne, verpönten den Mundschutz als Maulkorb und warnten vor Bill Gates als Herrscher der Welt. Es kommentiert Loriot: „In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten nach Schuldigen.“
Dass der Protest jedoch längst nicht nur aus Rechtsextremen, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten besteht, sondern weit in die gesellschaftliche Mitte ragt, schreiben Maria Fiedler und Julius Betschka heute auf der Seite Drei im Tagesspiegel. Innensenator Andreas Geisel (SPD) kritisierte derweil eine weitere Gruppe: Schaulustige. „Es ist mir schleierhaft, warum Demo-Schaulustige sich an den Absperrungen ballen, ohne Abstand zu halten“, schrieb er auf Twitter. Die Abstandsregel sei „keine staatliche Schikane, sondern ein Gebot des Gesundheitsschutzes.“
Neuer (Stunden-)Plan für die Ferien: Damit Berlins Schüler die Chance erhalten, verpassten Lernstoff wieder aufzuholen, will Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nach Checkpoint-Informationen heute eine massive Ausweitung der Sommerschulen bekannt geben. Bisher gab es die nur an wenigen Brennpunktschulen, nun sollen sie mit vielen Millionen Euro ausgebaut werden, um die Lücken vor allem bei sozial benachteiligten Kindern zu schließen. Das Angebot soll für 45.350 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 1, 2, 7, 8 und 9 gelten. Die Verwaltung rechnet mit rund 12.800 Teilnehmern, gelernt wird in Kleingruppen (max. 8 Personen) und maximal 15 Zeitstunden pro Woche. Lob für das Angebot, aber Ablehnung für eine verpflichtende Sommerschule kommt noch vor der offiziellen Bekanntgabe von Landesschülersprecher Miguel Góngora: „Wir hoffen innerlichst auf die Vernunft der Senatorin mit dem Prinzip der Freiwilligkeit zu verfahren.“
Unfreiwillig schulfrei gibt es aktuell in Spandau. Wie der rbb am Sonntagabend unter Berufung auf die zuständige Amtsärztin berichtete, wird die Grundschule am Weinmeisterhornweg bis zum 26. Mai geschlossen. Zwei Lehrer haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Die Zahl der aktiven Coronavirus-Fälle in ganz Berlin sank derweil laut Gesundheitsverwaltung auf 424, davon werden 229 im Krankenhaus behandelt.
Weil gerade die Zeit der Briefe ist, hat Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) zu Stift und Papier gegriffen und einen Brief an Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) geschrieben. Darin setzt sie sich dafür ein, Covid-19 in zahlreichen Branchen als Berufskrankheit anzuerkennen. Für schwere Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus wären dann nicht nur die Krankenkassen, sondern auch die Berufsgenossenschaften zuständig, die für mögliche Reha- oder Rentenkosten aufkommen müssten. Beschäftigte von Kitas, Supermärkten oder Lieferdiensten könnten profitieren. Eine Antwort steht noch aus. Mit freundlichen Grüßen.
Rasender Rasereianstieg in Berlin: Um rund 60 Prozent sind die Strafverfahren im Zusammenhang mit Zuschnellfahrern im April im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Jüngstes Beispiel: Am Freitagnachmittag erwischte die Polizei einen Mann, der mit 180 statt der erlaubten 80 Stundenkilometer auf der A100 unterwegs war. Automobilminister Andreas Scheuer (CSU) will derweil die jüngste StVo-Änderung (dass der Führerschein für einen Monat entzogen wird, wenn man mit 21 km/h innerorts oder 26 km/h außerorts zu viel erwischt wird) rückgängig machen. Es habe viele Beschwerden gegeben, die Strafe sei nicht verhältnismäßig. Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) sagt dazu auf Checkpoint-Nachfrage: „Es ist kein Kavaliersdelikt, die geltenden Geschwindigkeitsregeln deutlich zu überschreiten, sondern gefährdet Leib und Leben anderer. Dies sollte endlich spürbar geahndet werden. Die Abschaffung der neuen Regelung wäre das vollkommen falsche Signal.“ Im Bundesrat wollen Berlin und andere grün geführte Bundesländer Scheuers Pläne ausbremsen.
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Die Verkehrsverwaltung stampft ein Erfolgsprojekt ein: Um Berliner in der Coronakrise zum Radfahren zu motivieren, war die Nutzung der Leihräder von Anbieter Nextbike für die ersten 30 Minuten kostenfrei, die Rechnung zahlte der Senat. „Das Angebot wurde sehr gut angenommen, das hat sich schon früh herausgestellt“, sagte ein Sprecher dem Checkpoint. Nach zwei Monaten ist jetzt trotzdem Schluss und für viele Berliner wird gutes Rad wieder teurer.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Heute in einer anderen Welt hätte ich Karten für das Jamie-Cullum-Konzert im Tempodrom gehabt. Also „next year, things are gonna change“, wie er auf seinem Album singt? Ganz so lange dauert es hoffentlich nicht, bislang ist das Konzert auf den 17. November verschoben.
Sechs Monate nach dem tödlichen Attentat auf den Mediziner Fritz von Weizsäcker beginnt am Dienstag der Mordprozess gegen einen 57-jährigen Tatverdächtigen. Der Mann hat mehrfach gestanden, im Prozess wird es vor allem um seine Schuldfähigkeit gehen. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Tatverdächtige seit 30 Jahren die Familie von Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker hasste. Sechs Verhandlungstermine sind angesetzt.
Selbst der Mehrheit des AfD-Bundesvorstands ist Andreas Kalbitz zu rechts für die Partei. Mit 7 zu 5 Stimmen wurde die Mitgliedschaft des Brandenburger Landeschefs für nichtig erklärt. Zuvor hatte Kalbitz seine Vergangenheit bei der rechtsextremen HDJ eingeräumt. Doch nicht alle in der AfD schreckt das ab, führende Parteifreunde wie Tino Chrupalla, Alexander Gauland und Björn Höcke kritisierten die Entscheidung. Die AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag berät heute, ob und wie Kalbitz ohne Parteibuch Fraktionschef bleiben kann. Führer gesucht.
Mach kaputt, was uns kaputt macht. Ex-Bausenator Peter Strieder (SPD) fordert in der „Zeit“, das Olympiagelände zu entnazifizieren. Skulpturen, Wandgemälde und Reliefs sollen weg, alle Namen von Straßen und Trainingsplätzen revidiert, das Areal modernisiert werden. „Wir sollten begreifen, dass dies die ideologische Symbolik ist, auf die sich Höcke, Gauland und Kalbitz berufen“, schreibt Strieder. Aus der Kulturverwaltung hieß es dazu: „Aktuell bestehen seit 2017 Bestrebungen zur nachhaltigen Entwicklung des Areals, an denen auch die Denkmalbehörden mitwirken. (...) Das Landesdenkmalamt Berlin hält den Neubau eines Stadions östlich der Sportforumsstraße für denkbar.“
Geld für die Kultur: 118 Kultur- und Medienbetriebe haben nach Checkpoint-Informationen einen Antrag auf das Soforthilfepaket IV des Senats gestellt. Das Gesamtvolumen ist noch unklar, doch die bereitgestellten 30 Millionen Euro dürften nicht ausreichen. In dieser Woche will die Kulturverwaltung mit einer Expertenkommission beschließen, wem geholfen wird.
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Hoffnung für die Kultur: Die Kultusminister wollen perspektivisch Theater und Kinos wieder öffnen. Für einen sicheren Betrieb müssten weniger Sitzplätze angeboten, der Einlass in unterschiedlichen Zeitfenstern geregelt und der Zugang zu Proberäumen beschränkt werden. Freiluftkinos sollen „baldmöglichst“ wiedereröffnet werden, heißt es in einem sechsseitigen Eckpunkteprogramm.
Berlins Abgeordnete wollen aus dem Preußischen Landtag in den Bundestag ziehen, das fordern zumindest Linke und Grüne. Das Hohe Haus biete – im Gegensatz zum Abgeordnetenhaus – genug Platz für alle 160 Abgeordnete, inklusive Abstand. Er werde das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Präsidiumssitzung am 25. Mai heben, sagte Kulturpolitiker Notker Schweikhardt dem Tagesspiegel. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) steht dem „skeptisch“ gegenüber. Aber vielleicht könnten dann doch 18 statt nur 16 Sitzungen (CP vom 16.5.) stattfinden – immerhin hatten sich Berlins Politiker für diese Mehrarbeit im Dezember die Diäten um knapp 60 Prozent erhöht.
Gerade hatte sich Berlins CDU in Umfragen an die Spitzenposition gemausert, jetzt zerlegt sich der Landesverband mal wieder selbst. Ex-MdB Martin Pätzold (CDU) soll Büroleiter bei CDU-Fraktionschef Burkard Dregger werden. Doch Partei-„Freunde“ sprechen von einem „Versorgungsposten“ und „selbstherrlichen“ Personalentscheidungen. Statt empor zu klettern, versinkt die CDU in alten Grabenkämpfen.
Christian Lindner war im Traditionslokal „Borchardt“ (Schnitzel ab 26,50 Euro) zum Abendessen mit dem Honorarkonsul von Weißrussland – dem Land, das das Coronavirus leugnet. Folgerichtig, dass der FDP-Chef zum Abschied den Mundschutz abnahm und den Konsul umarmte. Schnitzel first, Abstandsregeln second. (Q: B.Z.)
Land in Sicht: Newsletter-Kollege Gabor Steingart will heute mit seinem Redaktionsschiff „Pioneer One“ im Regierungsviertel auf der Spree ankern. Seine „Mission“: Die „demokratische Machtkontrolle“, deshalb „patrouilliere“ man zwischen Bundestag und Kanzleramt. Team Checkpoint wünscht, dass der Steuermann nicht vom Kurs abkommt und die Mannschaft nicht meutert.
Eine halbe Million Euro verliert die BVG aktuell wegen gesunkener Fahrkarteneinnahmen – pro Tag. Das schätzt Betriebsvorstand Rolf Erfurt im Mopo-Interview. Die Ticketpreise sollen dennoch nicht erhöht werden. Gespart wird am Marketing, im administrativen Bereich und am billigen Diesel, den man gleich mal für Monate gehamstert hat.
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Seit dem 29. April hat der Zoo wieder geöffnet. Die Pandas stehen zwar noch unter Quarantäne, doch wer süßen Nachwuchs sehen will, sollte sein Glück am Erdmännchen-Hügel versuchen. Ende Januar kamen dort Vierlinge zur Welt, nach einer Online-Abstimmung haben sie seit Sonntag auch Namen: Rocky, Eddi, Rosi und Manni. Hakuna Matata.
Die Gentrifizierung schwappt unaufhaltsam von Neukölln nach Tempelhof. Checkpoint-Leser Rüdiger B. konnte sich bei einem Ausflug nicht einmal ein Frühstück (190 Euro) leisten. Beweisfoto hier.
Kleiner Blick in die Vergabeplattform der Stadt: Am Flughafen Tempelhof müssen 87 Holzaußenfenster runderneuert werden. Der Airport wird offenbar noch gebraucht.
In Tegel starten am Montag elf Flüge, davon je drei nach München und Frankfurt. Im Juli ist dann wohl endgültig Schluss. Der Regierende hat bereits letzte Worte an den Flughafen gerichtet: „Tegel ist ein toller Flughafen, der viel für die Stadt geleistet hat. So einen Flughafen der kurzen Wege werden wir nie mehr bekommen.“ (Q: Mopo)
Flughafen fertig, aber Flughafengesellschaft pleite? Der Kreisvorsitzende der SPD Xhain, Harald Georgii, hat da eine Idee: „Egal, erwirbt halt der Bezirk Neukölln den Flughafen für einen Euro aus der Ins(olvenz)masse. Herzlich Willkommen auf dem Internationalen Heinz-Buschkowsky-Airport Neukölln“, schreibt er auf Twitter. Bei den Genossen im Nachbarbezirk kommt die Idee an. Severin Fischer, SPD-Fraktionschef in der BVV Neukölln, antwortet: „Danke für das Angebot. Über den Namen müssten wir vielleicht nochmal sprechen.“ Team Checkpoint schlägt einen anderen Genossen als Namenspatron vor: Engelbert Lütke Daldrup.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die Einwohner sind gut, aber zu rau und ungelehrt, sie lieben mehr die Schmausereien und den Trunk als die Wissenschaft.“
Ethnologische Beobachtungen von Abt Johannes Trithemius, der sich 1505 mehrere Monate in der wachsenden Stadt Berlin aufhielt.
Tweet des Tages
Die S-Bahn muss jeden Moment kommen. Die Gleise liegen ja schon.
Antwort d. Red.: Man liebt uns Berliner für unseren Optimismus.
Stadtleben
Essen & Trinken – Auch das Ballhaus Berlin hat die Tore zu seinem Hof wieder aufgestoßen. Noch dürfen die Gäste nicht in den verruchten Tanzsaal zurückkehren, stattdessen lädt das Haus auf die Terrasse – zum wohl ältesten Foodtruck der Stadt. Im klapprigen Bus (Baujahr 1946!) kredenzen die Köche Berliner Buletten, aus der Kneipe nebenan gibt es Likör und Bitter. Besucher lehnen sich im Liegestuhl zurück, teilen sich die Bank oder flanieren samt Currywurst durch die Straßen von Mitte. Playlist-Tipp zum mobilen Schwoof: Swing und Chanson von den Kollegen aus dem Clärchens. Gegrillt wird täglich ab 15 Uhr, Bier gibt’s bereits ab 11. Chausseestraße 102
Checkpoint-Empfehlung: Wer die Stadtluft lieber gegen Seeblick tauscht, klickt sich hier zu den Biergärten der Hauptstadt.

Kunsthandwerk retten – Natalja Makridis' Bücher sind zarte Unikate: In ihrer Moabiter Werkstatt schlägt sie Seiten in Stoff, näht Mappen aus Filz und prägt Namen in Leder. Vor Corona hat sie Bücher und Etuis auf Kunstmärkten verkauft, doch nun bleiben die Kunden aus. Makridis hofft, dass ihr Label „emptybooksberlin“ überlebt: Soforthilfe bekam sie keine, sie merkt die finanziellen Einbußen. Ihr Stammmarkt – der Hackesche Markt – war für Kunsthandwerk über Wochen geschlossen, Notizbücher sind keine Grundversorgung. Also arbeitete sie in ihrer Werkstatt, räumte auf. Der Verkauf übers Internet lief nur schleppend: Immer wieder schrieben ihr Kunden aus Übersee, doch der Versand in die USA ist durch die Coronakrise teurer geworden. Seit Anfang Mai kann Makridis wieder ihren Stand auf dem Hackeschen Markt aufschlagen – doch es bleibt still. Makridis wünscht sich, dass sich die Berliner wieder auf die Märkte trauen, an der frischen Luft lokale Händler unterstützen. „Sie müssen nicht in die Läden rein, um schöne Dinge zu finden.“
Für alle, die unterstützen möchten: Gutscheine für emptybooksberlin – und andere Kiezläden – finden Sie auf unserer Tagesspiegel-Kiezhelfer-Seite. Damit es sie noch gibt, wenn die Krise vorbei ist. (Foto: Promo) Auch Ihr Lieblingsladen braucht Hilfe? Schreiben Sie uns an checkpoint@tagesspiegel.de.
Das ganze Stadtleben gibt's mit Checkpoint-Abo.
Last-Minute-Stream – Virus-Stress von der Seele tanzen und ganz nebenbei die Clubkultur retten – Der virtuelle KitKat-Club streamt die Raves im Lockdown. Bei Neon-Licht und Giftgasmaske schiebt der DJ seine Regler, auf der Bühne tanzen einsame Nachtschwärmer im adäquaten Corona-Abstand. Jede Nacht sendet der Club aus seinen psychedelisch-grellen Hallen und kämpft per Livestream ums Überleben. Heute Abend online: Frankie Flowerz am Pult und Paul Griesbach in der Saxophon-Jamsession. Der Electric Monday startet ab 20 Uhr hier, Spenden werden gern gesehen. Checkpoint-Tipp: Zum Pandemie-Accessoire geht es hier entlang – Im Online-Shop kaufen KitKat-Fans Masken im hedonistischen Spitzendesign.
Noch ansehen – (ein Tipp von „Ticket“-Kollegin Sandra Luzina) Auf die Bühne dürfen die Tänzer von Sasha Waltz & Guests derzeit nicht. Deswegen schicken sie ihrem Publikum seit einigen Wochen getanzte Video-Grüße nach Hause: In den Clips interpretieren sie kurze Solo-Sequenzen aus Choreografien von Sasha Waltz. Bislang 24 Kapitel umfasst dieses „Tanztagebuch“ bis heute. Purcells „Dido und Aeneas“, die erste choreografische Oper von Sasha Waltz, kann man sich noch bis zum 5. Juni auf ARTE Concert in voller Länge anschauen. Legendär ist der Prolog: Zwei Tänzer springen in ein gläsernes Wasserbassin, tauchen und gleiten umeinander. Ein sinnlicher Auftakt zu der tragischen Liebesgeschichte, die von mehr als 60 Tänzern, Sängern und Musikern interpretiert wird.
Wieder hingehen – Daddeln mit Abstand: Wer sich nach virtuellen Welten statt heimischen Wänden sehnt, der fährt gen Friedrichshain. Das Computerspielemuseum zeigt Riesenjoysticks und historische Rechner: Mutige versuchen sich am ersten Spielcomputer der Welt, jagen Pacman durch den Münzautomaten und stolpern per VR-Brille durch futuristische Simulation. In der aktuellen Sonderausstellung erkundet das Museum die digitale Kulinarik – von der Pixel-Pizza bis zum Hashtag #foodporn. Spieltrieb geweckt? Zutritt zum Museum gibt’s mit Zeitfenster, Maske und eigenem Kopfhörer. Karten bekommen Sie für neun Euro hier – oder beim Checkpoint: Wir verlosen ein Familienticket (bis 12 Uhr). Mo-So 13-18 Uhr, Karl-Marx-Allee 93a
Neu in Kreuzberg – (ein Kunsttipp von Birgit Rieger) In der Coronakrise machen Amazon und Lieferando die Profite, während kleinere Unternehmen ächzen. Plattformkapitalismus setzt sich durch, auch im Homeoffice, Stichwort Zoom & Co. Die Ausstellung „Eintritt in ein Lebewesen“ beginnt bei Beuys legendärer „Honigmaschine am Arbeitsplatz“. Kunst = Kapital, sagte Beuys, aber er meinte damit ganz und gar nicht, dass wir unseren kreativen Honig freiwillig und kostenfrei bei Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon abliefern sollen. Mit der rasanten Fahrt von der „sozialen Plastik“ zur jetzigen Situation beschäftigt sich die Ausstellung im Kunstquartier Bethanien. 40 Künstler sind dabei. Ab heute, So-Mi 10-20 Uhr, Do-Sa bis 22 Uhr, Mariannenplatz 2
Plätze sichern am digitalen Backblech: Das Team von Restlos Glücklich lädt zur virtuellen Lockdown-Küche. Jetzt geht es dem Hamstervorrat an den Kragen, denn es steht hartes Brot auf dem Menü – als Salat, im Pesto, als Semmelknödel. Damit der Knödelteig gelingt, schwingen die Bäcker per Zoom-Call den Rührstab: Im virtuellen Workshop retten die Teilnehmenden Reste vor der Tonne. Dafür braucht es nichts weiter als einen Laptop vorm Herd und einen Abend Quarantäne – Los geht’s am 28. Mai um 18.30 Uhr, Zutritt zur Küche gibt’s gegen selbstgewählte Spende.
Lotte Buschenhagen wünscht einen aufregenden Montag!
Berlin heute
Verkehr – Ritterstraße (Kreuzberg): Sperrung in beiden Richtungen zwischen Prinzenstraße und Lobeckstraße, Fuß- und Radverkehr frei (6-20 Uhr).
Wilhelminenhofstraße (Oberschöneweide): Sperrung zwischen Edisonstraße und Schillerpromenade in beiden Richtungen (bis Mitte Juni) sowie zwischen Firlstraße und Mathildenstraße in Richtung An der Wuhlheide (bis Anfang Juni), Fuß- und Radverkehr ausgenommen.
Blumberger Damm (Biesdorf): Zwischen Rapsweg und Altentreptower Straße steht in Richtung Alt-Biesdorf nur ein Fahrstreifen zur Verfügung.
Sterndamm/Groß-Berliner-Damm (Johannisthal): Zwischen Busbahnhof/Ecksteinweg und Südostallee/Groß-Berliner-Damm ist in Richtung Königsheideweg nur eine Spur befahrbar (bis Juli).
Schildhornstraße (Steglitz): Hier ist hinter der Lepsiusstraße in Richtung Schlosstraße nur eine Fahrbahn verfügbar.
Regionalverkehr: Beim RE2 kommt es bis morgen zu veränderten Fahrzeiten, einem Teilausfall zwischen Cottbus Hbf/Vetschau und Lübben (Spreewald) sowie mehreren Haltausfällen. Hiervon betroffen sind u.a. die Bahnhöfe Ostkreuz, Ostbahnhof, Alexanderplatz, Friedrichstraße, Hauptbahnhof und Zoologischer Garten. Alle Details finden Sie hier.
S-Bahn: Zwischen 22 und 1.30 Uhr ist der Zugverkehr der Linie S5 zwischen Warschauer Straße und Westkreuz eingestellt. Bitte steigen Sie hier auf die S3 und S9 um.
Demonstration – Trotz des ungewohnten Wochentags trifft sich Fridays for Future zum Protest auf der Klingelhöferstraße, erwartet werden 50 Personen (10-11 Uhr). Vor der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz demonstrieren 50 Teilnehmende unter dem Motto „Kampf gegen Hartz IV“ (18-20 Uhr). Auf dem Pariser Platz protestieren 30 Personen mit der Kundgebung „Tag des Völkermordes an Eelam-Tamilen“ (17-19 Uhr). Vor dem Berliner Verwaltungsgericht in der Moabiter Kirchstraße 7 demonstriert die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ unter dem Motto „Direkte Demokratie ist systemrelevant – Volksbegehren ‚Deutsche Wohnen & Co enteignen‘ endlich zulassen“. Hier werden 50 Teilnehmende erwartet (14-16 Uhr). Am Bundeslandwirtschaftsministerium treffen sich vier Personen im Rahmen der Kundgebung „Billigfleisch aus industrieller Massentierhaltung schadet Mensch, Tier und Umwelt“ (11-14 Uhr).
Gericht – Nach dem Unfalltod eines 80 Jahre alten Fußgängers muss sich ein 54-jähriger Autofahrer verantworten. Er soll den Senior angefahren haben, als dieser wegen einer Gehbehinderung in einigem Abstand hinter seiner Ehefrau und weiteren Verwandten die Fahrbahn betreten hatte (9 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Turmstraße 91, Saal 101).
Heimuniversität – Kuppeln, Säulen und riesige Hallen: Im zweiten Teil ihrer „Sehstücke“-Reihe erforscht die TU einen prunkvollen Palast. Für eine Weltausstellung in Tempelhof entwarf Alfred Messel 1881 einen gigantischen Bau, durch seine Zeichnungen führt das Architekturmuseum der Uni. Nichts wie rein in den virtuellen Protz.
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – Tatjana Blacher (64), Theater- und Fernsehschauspielerin / Katja Fessel (38) / Thomas Gottschalk (70), Radio- und Fernsehmoderator / Jan Grothe, „happybirthday LLjancitomylove, genieß das Leben und die 47 mit uns“ / Anita Kupsch (80), Schauspielerin / Monika Küster, „Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag liebe Monika, wunderbare Direktorin, Netzwerkerin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Beste Grüße von Hilke“ / Lea Schiefelbein (24), Mitglied der BVV Tempelhof-Schöneberg (Grüne) / Agnes Söthe (67), „Glückwunsch zum Geburtstag, meine ‚Heldin der Arbeit‘ in einem systemrelevanten Beruf; aber jetzt hast Du Ruhe als Rentnerin. Liebe Grüße, Sabine aus Neukölln.“ / Holger Zöllner (60), „der Lange wird erwachsen“ / Nachträglich: „Unserer wunderbaren Frau, Mutter und Gromu Helga Lösch nachträglich alles Liebe zum 73.“
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Manfred Bartling, * 14. November 1938, Künstler und Mitbegründer der Asyl der Kunst Stiftung / Sabine Breuninger, * 30. September 1940 / Barbara Diesing, * 11. Juni 1929 / Helmut Richter, * 03. Februar 1930, Apotheker / Helga Stollfuß-Borchert, * 14. März 1931
Stolperstein – Karl-Philipp Lewinsohn (Jg. 1921) lebte mit seiner Familie im Direktorenwohnhaus des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in der Klosterstraße 73. Sein Vater war dort als Gymnasiallehrer tätig, doch verlor 1933 im Zuge der rassistischen Gesetzgebung seine Anstellung. 1939 floh Karl-Philipp vor der nationalsozialistischen Verfolgung in Richtung Palästina, wurde jedoch nach dem Vorrücken der Wehrmacht in Serbien verhaftet. Im Oktober 1941 wurde er in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Wenige Monate später – heute vor 78 Jahren – wurde Karl-Philipp Lewinsohn in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet.
Encore
In Zehlendorf hat am Freitagmorgen eine Großfamilie die Straßen unsicher gemacht. Die Polizei sperrte die Umgebung weiträumig, verletzt wurde vom Clan offenbar niemand. Rapper Prinz Pi äußerte sich dazu prompt auf Twitter: „In dieser gefährlichen Hood verbrachte ich meine Kindheit.“ Exklusive Bilder vom Tatort finden Sie hier.
Mit allerlei Schweinerein aus Berlin versorgt Sie hier morgen wieder Julius Betschka. Ihnen einen guten Wochenstart und bleiben Sie gesund,

