Der Tag beginnt leider mit einer traurigen Meldung: Demba Nabé, einer der Sänger von Seeed, ist gestern im Alter von 47 Jahren überraschend gestorben. Die Berliner Band um Peter Fox hatte gerade erst nach längerer Bühnenpause eine Tour für das kommende Jahr angekündigt. Der Anwalt der Band, Christian Schertz, bestätigte die Nachricht am Abend: „Der Tod von Demba hat die Band tief getroffen, sie benötigt jetzt Zeit und Ruhe für Ihre Trauer.“
Es gibt keinen guten Übergang zurück zu den Themen des Lebens. Der Name Demba Nabé ist für viele für uns verbunden mit der perfekten Musik zu glücklichen Berliner Sommernächten, „Aufstehn!“, „Augenbling“ „Dickes B“… – heute tanzen nur die Tränen Reggae.
Wie im Checkpoint angekündigt, gibt Florian Graf sein Amt als CDU-Fraktionsvorsitzender auf – er wird Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrats Bln-Brb. Überraschend ist allein der Zeitpunkt des Wechsels: Gerechnet wurde damit erst im kommenden Jahr. Graf galt vielen wegen seiner ausgleichenden, verlässlichen Art als perfekte Besetzung während der Regierungszeit von Rot-Schwarz – als Oppositionsführer war er manchen nicht präsent genug. Der Wechsel steht im Zusammenhang mit der geplanten Neuaufstellung der CDU für die Abgeordnetenhauswahl 2021, Grafs Nachfolger ist ein potenzieller Spitzenkandidat – im Gespräch sind Mario Czaja und Burkhard Dregger. Generalsekretär Stefan Evers (z.Zt. Italien) wird auch genannt, würde aber lieber ins EU-Parlament einziehen.
Ohnehin hängt alles ab von Monika Grütters, die seit gestern einen neuen Fanboy hat – und zwar in der SPD: Beim IHK-Frühstück mit der CDU-Landesvorsitzenden stand plötzlich Ex-Bausenator Wolfgang Nagel auf und erklärte zur Verblüffung anderer Teilnehmer: „Sie haben hier wirklich eine beeindruckende Bewerbungsvorstellung gehalten. Ich gebe zu, selbst ich kann Sie mir als Regierende Bürgermeisterin vorstellen.“ Nagels Frage nach der Machtoption von Grütters beantwortete diese mit einer konkreten Zahl: Sie peilt für die CDU bei der nächsten Wahl 30 Prozent an – das erleichtert die Partnersuche.
Und bei Rot-Rot-Grün? Da knirschen sie mit den Zähnen. So war z.B. der Regierende Bürgermeister empört, als er vom Sabbatical der Senatsbaudirektorin erfuhr: Es sei nicht akzeptabel, dass Regula Lüscher einfach Segeln geht, während es beim Neubau kriselt – er forderte Aufklärung darüber, wer das entschieden hat. Die Stadtentwicklungssenatorin konterte: Das habe sie so entschieden – „in Abstimmung mit dem Chef der Senatskanzlei.“ Und zack – lag der Ball wieder bei Müller. Tatsächlich hatte der damalige CdS Björn Böhning in einer grundsätzlichen, dienstrechtlichen Frage dazu mündlich Auskunft gegeben, einen Vermerk darüber gibt es aber nicht (es wurde jedenfalls noch keiner gefunden). Zuständig ist ohnehin Lompscher – und die sieht in der monatelangen Abwesenheit ihrer Baudirektorin kein Problem: „Wir haben keine Baukrise“, belehrte sie gestern das Parlament. Nein? Dann ist ja alles gut. Oder?
In der Koalition hallt das Wort des Regierenden Bürgermeisters von den „Mickey-Mouse-Themen“ nach, mit denen sich Linke und Grüne angeblich beschäftigten. Was würde wohl Mickey selbst dazu sagen? Na klar: „Über sich selbst zu lachen, heißt, sich selbst zu lieben.“ Nächste Möglichkeit, es damit mal zu versuchen: der SPD-Landesparteitag am Wochenende.
Aber auch folgender Dialog aus der Fragestunde gestern im Abgeordnetenhaus ist nüchtern betrachtet erheiternd – als Nachricht destilliert würde die Überschrift wohl lauten: „Der Kultursenator kifft nicht täglich.“ Wer hätte das gedacht…
Thorsten Weiß, AfD: „Ich frage den Senat, wie bewertet der Senat die in einer RBB-Sendung getätigte Aussage unseres Kultursenators Klaus Lederers, er würde noch heute täglich kiffen, abends bei einem Glas Rotwein mit klassischer Musik?“
Klaus Lederer, Linke:
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Abgeordneter, sich die Sendung in der Mediathek noch einmal anzuschauen. Zum einen war da nicht von täglich die Rede und zum zweiten auch nicht von täglich ein Glas Wein UND kiffen UND klassischer Musik. Das ist nicht zutreffend, insofern kann ich an dieser Stelle nur sagen, der Senat kann die Aussage gar nicht bewerten, weil sie so nie gefallen ist.“
Weiß: „Dann darf ich Ihrer Antwort entnehmen, dass sie dementsprechend privat keinen Cannabis konsumieren und Ihnen bewusst ist, dass der Konsum von Cannabis eine strafbare Handlung darstellt?“
Lederer: „Sehr geehrter Herr Abgeordneter Weiß, ich bestätige Ihnen, dass der Besitz, nicht allerdings der Genuss von Cannabis, eine strafbare Handlung ist. Darüber hinaus, glaube ich, sind alle Angelegenheiten, die ich private tue hier nicht von Relevanz.“
Wir schließen dieses Kapitel für heute mit einem Kommentar von Orson Welles: „Beliebtheit sollte kein Maßstab für die Wahl von Politikern sein. Wenn es auf die Popularität ankäme, säßen Donald Duck und die Muppets längst im Senat.“
Wir kommen zur Kultur: Kurz nach der Wende tourte ich mit Christiane Hebold und ihrer gerade gegründeten Band „Bobo in White Wooden Houses“ für ein paar Wochen durch die Studios und Jugendklubs (bitte mit „k“) der in Auflösung befindlichen DDR – eine wilde Zeit. Gestern Abend traf ich Bobolina wieder bei ihrem Konzert im Kreuzberger „Privatclub“, wo sie sich mit Freuden wie Moses Schneider und Nikko Weidemann durch einen kleinen Teil ihres riesigen Repertoires spielte. Nach Pop- und Folkalben sowie Gastauftritten bei Rammstein (u.a. als Engel in „Engel“) läuft jetzt die Crowdfunding-Kampagne für ihr Romantik-Projekt „Bobo & Herzfeld“ (ein bisschen fehlt noch), und morgen, am 2.6., ist sie zum Abschluss des Siebenklangfestivals in Bernau zu erleben. Falls Sie noch nichts Anderes vor haben…
Telegramm
Für 4,7 Millionen Euro ist am Abend in der Villa Griesebach Max Beckmanns „Ägypterin“ versteigert worden – das ist nah an der Checkpoint-Schätzung von gestern und, wie hier angekündigt: deutscher Rekord (dazu heute auch unsere Artikelempfehlung weiter unten).
Fußgänger-Lobbyist Stefan Lieb ruft dazu auf, falsch parkenden Autofahrern eine zu kleben – und zwar als gelben Hinweis direkt auf die Windschutzscheibe. Sein Ziel: drastisch höhere Strafen – „aber bis es soweit ist: kleben Sie mit Lust!“
„Der Mai war wirklich kühl und nass“, lautete am 1. Juni 1968 eine Überschrift im Tagesspiegel-Berlinteil – heute, 50 Jahre später, stellen wir fest: Wir haben den heißesten Mai seit 1889 hinter uns.
Die „Broken-Windows-Theorie“ funktioniert bei uns vor der Haustür ganz praktisch – Tag 1: Ein angerosteter Handtuchhalter wird hingestellt. Tag 2: Die Reste eines kaputten Bettgestells lehnen an der Hauswand. Tag 3: Zwei Schreibtischschubladen kommen dazu. Tag 4: Jemand hat den Inhalt seines Aschenbechers ausgekippt. Tag 5: Eine Umzugskiste mit Müll wird abgestellt. Mal sehen, wann die Waschmaschine das Ensemble bereichert.
Wir bleiben noch kurz in der nördlichen Luisenstadt (Mitte): Hier gibt es von heute an zwei neue Parkzonen (36 und 37) – aber weder hat es der Bezirk geschafft, rechtzeitig alle Parkscheinautomaten zu installieren, noch die vor Wochen bestellten Anwohnerparkausweise zuzustellen. Es kommentiert der Regierende Bürgermeister: „Das geht so nicht weiter.“ Oh doch! Wetten?
„Der Dorsch in der Ostsee braucht dringend Erholung“, meldet die Deutsche Umwelthilfe – vielleicht sollte er mal Urlaub am Müggelsee machen.
Das Tagesspiegel-Team von „Digital Present“ um Hendrik Lehmann widmet sich bis Ende des Jahres intensiv der Sicherheit von Radfahrern auf Berlins Straßen – einen ersten Einblick in die Datenauswertung bekommen Sie hier.
Für unsere nächste Diversity-Konferenz mit der Charta der Vielfalt am 22./23.11. gibt es ab sofort (und nur bis zum 15.6.) Early-Bird-Tickets – zugesagt haben bereits Familienministerin Franziska Giffey und Arbeitsminister Hubertus Heil.
Hier der aktuelle Originalmitschnitt des Telefonats eines Bahnmitarbeiters am oberen Ende unserer Lieblingsrolltreppe: „Ja, Scheiß Anhalter Bahnhof. Da liegt ein Scheißhaufen vor dem Scheißtechnikraum, bei dem Scheiß toten Gleis. Hab schon angerufen.“ Holy shit…
Das heutige Lösungswort für unser Betriebsstörungsbingo kommt vom S-Bahnhof Grunewald und lautet „Störung der Stromzuführung“.
Ach ja, und wenn Sie mal mit einer Zahl auftrumpfen wollen: Zwischen Januar 2017 und März 2018 sammelte alleine die S3 sagenhafte 195.000 Ausfallkilometer – da wickeln sich also die nicht vorhandenen Züge fast fünfmal um die Erde. (Q: Angaben der Bahn AG)
Das Problem mit den fehlenden Parkplätzen für Leihfahrräder ist endlich gelöst – hier können Sie sehen, wie das geht (Foto von Checkpoint-Leserin Margrit Witzke). Und die Idee verbreitet sich rasend schnell, wie dieses Bild hier zeigt.
Nachtrag zur Meldung „Wartezeit bei der Kfz-Anmeldestelle“: Nein, auch der Checkpoint kann nicht in die Zukunft schauen – der „Stand vom 31. Juni“ ist natürlich keine Vorhersehung, sondern ein Fehler. Ohnehin sind die genannten 27 Arbeitstage schon jetzt viel zu niedrig angesetzt: Kaum war die Meldung gestern raus, waren auch schon die restlichen Termine weg – bis einschließlich August.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Sicherheit ist ein zutiefst linkes Thema.“
Innensenator Andreas Geisel (SPD) im Interview mit der „Berliner Zeitung“.
Stadtleben
Griechisch essen in Charlottenburg Dafür ist das Philomenis eine besonders sympathische Anlaufstelle. Vor 21 Jahren eröffnete die Besitzerin ihren kleinen Feinkostladen in der Knesebeckstraße 97, nachdem sie zunächst griechische Mandeln auf Berliner Märkten verkaufte. Im Laufe der Jahre wuchs das Sortiment, heute umfasst es zahlreiche Nusssorten, Trockenfrüchte und selbstgemachte Spezialitäten wie Philomenis Nusskuchen, Pistazienbrot, Tartes, oder Amarettini mit Sauerkirschen. Auch deftige Köstlichkeiten aus dem Mittelmeerraum muss man nicht missen: Der Mittagstisch (12-15 Uhr) bietet Moussaka, Quiches mit Lauch, Kürbis und Ziegenkäse sowie Suppen, die vor Ort in dem unprätentiösen Laden verzehrt werden können. Mo-Fr 10-19.30 Uhr, Sa 12-18 Uhr, U-Bhf Ernst-Reuter-Platz
Trinken Einst in guter Nachbarschaft mit dem Bassy Club und dem legendären White Trash, ist die 8mm Bar in der Schönhauser Allee 177b eines der letzten Überbleibsel einer Underground-Szene in dieser Gegend. Fast täglich legen hier verschiedene DJs Rock’n‘-Roll, New Wave oder Post-Punk zu Filmprojektionen auf, manchmal treten auch Bands wie Kadavar oder Gurr auf. Heute Abend spielt die amerikanische Alternative-Rockband And You Will Know Us By The Trail of Dead ein kleines Konzert ab 20 Uhr mit anschließendem DJ-Set. Tickets gibt es „zu einem niedrigen Preis“ nur an der Abendkasse – also früh kommen. U-Bhf Senefelder Platz