Nach Deniz Yücel kommt demnächst auch dessen Geiselnehmer Recep Tayyip Erdogan nach Berlin – der türkische Präsident kündigt nach der Freilassung des Journalisten seinen Besuch an. Bemerkenswert im Fall Yücel sind auch die Reaktionen der AfD: Für Alice Weidel, Vorsitzende der Bundestagsfraktion, ist es „Fakenews“, Yücel einen deutschen Journalisten zu nennen – er sei weder das eine, noch das andere. Denn wer Deutscher ist und wer Journalist, das bestimmt die AfD nach Gusto, so wie ihre geistige Schwesterpartei, Erdogans AKP (Yücel, geboren in Flörsheim am Main, besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft und ist seit 2002 Redakteur). Auch andere Statements aus der Funktionärsebene der AfD machen deutlich, dass dort viele dem türkischen Präsidenten in seiner totalitären Menschenverachtung ähnlicher sind als sie denken (wenn sie denn denken): „Kameltreiber“, „Abschaum“ u.a. – schönes Umfeld für diejenigen in der Partei, die sich für „bürgerlich“ halten. (Hier geht’s zum Leitartikel „Über die Feinde der Freiheit“).
Gerüchte verbreiten aber auch andere: Mit der Website „Rumors about Germany“ will die Bundesregierung potentielle Flüchtlinge aufklären – und mit „facts for migrants“ abschrecken. Bei näherem Hinschauen zeigt sich allerdings: Einige der vermeintlichen „Fakten“ sind Falschdarstellungen. Checkpoint-Vorschlag: Bis auf weiteres nutzt die Regierung ihre „Gerüchte“-Seite für Spekulationen über Koalitionspersonalien - und nutzt die Übergangszeit zur Reparatur der Flüchtlingsfakten (hier zum Thema auch eine Anfrage der Linken)
Wir kommen zur heutigen Lektion „Mathe lernen mit dem Checkpoint“: Bei der SPD haben die Regionalkonferenzen zur Koalition begonnen (Beginn der Abstimmung morgen, Auszählung 4. März), stimmberechtigt sind 463.723 Mitglieder, darunter 24.339 neue (seit Anfang des Jahres bis Stichtag 6.2., Saldo Zu- und Abgänge). Im gesamten Jahr 2017 war die MG-Zahl um 10.446 gestiegen. Bei der Bundestagswahl (24.9.17) hatte die SPD 9.539.381 Zweitstimmen erhalten, das waren 20,5 %. Im ARD-Deutschlandtrend kam die SPD zuletzt noch auf 16 % (CP v. 16.2.). Frage: An welchem Tag wird die SPD mehr Mitglieder haben als Wähler? (Auflösung am Ende der Kurzstrecke)
Berlins SPD-Chef Michael Müller ist übrigens für die Koalition („klare sozialdemokratische Handschrift“, „gute Grundlage, um in einer Regierung selbstbewusst Verantwortung zu übernehmen“, SPD-Fraktionschef Raed Saleh dagegen („weder für unser Land, noch für meine Partei vernünftig, wieder in die große Koalition zu gehen“, „jetzt ein Bündnis mit der Union einzugehen, bedroht die Existenz der SPD“). Aus gegebenem Anlass hier ein noch ein Blick auf die aktuelle SPD-Hymne in der Fassung von Sarah Connor („Brüh im Lichte dieses Glückes...“): „Wann wir seiten Streit an Streit, mit uns zeiht die Neue zieht“.
Gestern Abend ging im Willy-Brandt-Haus übrigens noch eine Bewerbung aus Berlin um das Vorsitzenden-Amt ein – Stephan Kohn, SPD-Mitglied seit 25 Jahren, schreibt: „In der gegenwärtigen Abwärtsspirale unserer Partei halte ich es für ein überlebensnotwendiges Signal, diese besondere Aufgabe keiner/m bekannten Funktionär/in, sondern einem Mitglied zu übertragen, das keine Funktion innehat, das integer ist, das über die erforderlichen Grundkompetenzen verfügt und in Urwahl von der gesamten Mitgliedschaft gewählt wird.“ Seine Positionen sind von heute an unter stephan-kohn.de nachzulesen, die Website wird im Laufe des Tages freigeschaltet. (Hinweis an die Medien: „Bis kommenden Dienstag bin ich wegen beruflicher Verpflichtungen nur eingeschränkt verfügbar“).
In Berlin fehlen mehrere tausend Kitaplätze – und das liegt auch am bürokratischen Bällebad: Betreiber kappen ihre Plätze bei 25, selbst wenn sie mehr Kinder aufnehmen könnten, weil sie sonst einen eigenen Open-Air-Spielplatz brauchen (auch wenn in der Nähe ein öffentlicher ist), eine Mini-Kita in Wedding soll ein teures Behinderten-WC einbauen, obwohl die Klos im Hochparterre liegen, andere scheitern an der Vorgabe eines WC-Vorraums, wenn der Weg vom Gruppenraum zur Küche daran vorbeiführt, und ohne eigene Dusche für den Koch geht auch nichts. Da verzichten manche lieber gleich auf eine Kita-Gründung, zulasten der Eltern – die können sich dafür Seite 69 des Koalitionsvertrags ins Kinderzimmer kleben: „Die Koalition wird zudem die Kitas ausbauen und deren Qualität sowie das Angebot verbessern durch die Senkung des Kita-Leitungsschlüssels und einen Rechtsanspruch auf eine siebenstündige Unterbringung.“
Telegramm
Dass ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der schweren Körperverletzung im Amt auch ganz praktisch für die Beschuldigten sein kann, zeigt das Beispiel von Polizeipräsident Kandt und seiner Stellvertreterin Koppers (vom 1.3. an Generalstaatsanwältin): Sie verweigern sich heute mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen dem Innenausschuss.
Sensation: Nur 25 Jahre nach der Eröffnung der namenlosen Verbindungstraße zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Allee hat die Stadtentwicklungsverwaltung den Bebauungsplan fertig gestellt (liegt von heute an bis zum 20.3. aus).
Fünf „Steuerpflichtige mit bedeutenden Einkommen“ (mehr als eine halbe Mio p/a aus nichtselbständiger Arbeit sowie aus Kapitalvermögen, Vermietung und Verpachtung) leben in Lichtenberg – letzter Platz. An der Spitze liegt wie immer Zehlendorf, das Bayern München Berlins: 114 Nachbarn haben’s hier dicke.
Apropos Lichtenberg: Keine gute Idee war es von einem Autofahrer in der Straße Alt-Friedrichsfelde, nach einem Unfall zu Fuß zu flüchten: Entweder hatte er vergessen, dass seine Familie noch im Auto saß – oder er setzte drauf, dass seine Familie ihn (bzw. seinen Namen) schon vergessen haben würde, wenn die Polizei nach ihm fragt. Ach ja: Natürlich war er betrunken.
Wir bleiben im Auto: Mit Tempo 197 raste ein 18jähriger Fahranfänger im Porsche über die Stadtautobahn, erlaubt ist hier max. 80 km/h – so schnell ist in diesem Jahr noch niemand seinen Lappen wieder losgeworden.
Ein Zwölfjähriger ist am Wochenende von Spandau nicht mit der S-Bahn nach Berlin gefahren, wie er eigentlich wollte, sondern (aus Versehen) mit dem ICE nach Wolfsburg. Nach Checkpoint-Informationen hat er den Kulturschock unbeschadet überstanden.
„Rentner sollen Berlin retten“, titelt die „Berliner Zeitung“ – es ist also alles noch schlimmer als vermutet, aber noch nicht schlimm genug, wie die nächste Nachricht zeigt:
„Berlin prüft neuen Anlauf für Olympia“, heißt es auf Seite 1 der „Morgenpost“ – angepeilt werden diesmal die Spiele 2032, das ist kurz vor dem 70. Geburtstag des Regierenden Bürgermeisters (und passt damit wiederum gut zur vorherigen Meldung).
„Bankräuber klauen Berlin das Internet“, laut die Schlagzeile der „B.Z.“ - Zehntausende Haushalte (überwiegend im Südwesten) waren am Sonntag offline, weil Unbekannte im Zshg. mit einem versuchten Einbruch einen Schacht aufgebrochen und die Kabel zerstört hatten.
Wir kommen zu unserem beliebten Berlinale-Rätsel – bitte sortieren Sie die folgenden sieben Film-Beschreibungen den richtigen Film-Titeln zu (alle Texte aus dem offiziellen Berlinale-Journal):
„Zwischen brutaler Realität und surrealer Märchenwelt entspinnen sich die von sexuellen Begehren, Aggression und Gewalt geprägten Geschichten dreier Frauengenerationen in der Ukraine.“
„Ein außergewöhnlich montiertes, rastloses Drama zwischen Sinnsuche, Aufruhr, Sex und Gewalt.“
„Als sich im Leben von Etsiko unerklärliche Vorfälle häufen, wird bald klar, dass eine höhere Macht das Ende der Welt einläuten will. Kiyshi Kurosawa verbindet Elemente von Science-Fiction, Horrorfilm, Thriller und Endzeitdrama.“
„In ihrem traumwandlerischen Essayfilm erkundet die griechische Regisseurin durch den Kommentar ihrer transidenten Erzähler*in die magische Stadt Rio de Janeiro.“
„Ein Mönch, eine Sexarbeiterin, ein Evolutionsbiologe bei der Arbeit, junge Erwachsene in einer Bar und John Malkovich als Casanova: Mal fiktional, mal dokumentarisch nähert sich dieses Debüt Fragen nach Körper und Begehren.“
„Passanten, Schilder, Fahrzeuge jeglicher Art. Zwischen Beobachtung und Inszenierung vermitteln sich Eindrücke dieses Nichtorts in leuchtenden Bildern voller Kontraste und Spiegelungen.“
„Ein ebenso komischer wie melancholischer Streifzug durch unsere Gesellschaft, eine von schönen, dubiosen, verirrten Charakteren bevölkerte Welt.“
So, jetzt Sie – zur Auswahl stehen folgend Filmtitel: Casanovagen, Interchange, Whatever happens next, Obscuro Barroco, Yocho,
River’s Edge, Koly padayut dereva.
Zur Auflösung geht es hier.
Übrigens: Der „Tatort“ gestern Abend spielte auch auf der Berlinale, er heißt „Meta“ und war mega.
Mehr zur Berlinale unter „Zitat“.
Ach ja, wie Sie an Berlinale-Karten kommen, steht hier.
Und falls Sie raus wollen aus dem Berlinale-Trubel - im CineStar Hellersdorf gibt’s noch Tickets für Wendy 2 (16 Uhr), aus der Ankündigung: „Der Hof von Oma Herta ist bankrott. Da bringt der Metzger Röttgers das ehemalige Turnierpferd Penny vorbei. Penny ist schwer traumatisiert und hat deshalb Angst vorm Springen. Gibt es eine Chance, den schönen Reiterhof zu retten?“ Das ist mal echt ein Drama.
Sollten Sie am Sonnabend die neueste Ausgabe unseres Magazins „Berliner“ verpasst haben (wie kann denn das passieren?) – ein paar Exemplare haben wir noch zu Verlosung übrig (Mail an checkpoint@tagesspiegel.de, Adresse nicht vergessen).
Zur Auflösung unserer Mathe-Aufgabe („Wann hat die SPD mehr Mitglieder als Wähler“): Anzuwenden ist die Formel „S-2 ÷ P2 x D = 31.10.20“ – das ist zufällig auch der angekündigte Eröffnungstermin des BER (Lösung deshalb ohne Gewähr).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Nur wo Freiheit existiert, können Film, Kunst und Kreativität gedeihen. Das geht in Berlin wie nirgends sonst."
Björn Böhning, Chef der Senatskanzlei, beim Berlinale-Empfang des Medienboards Berlin-Brandenburg. Alles Weitere über das größte Publikumsfilmfest der Welt gibt’s bis zum kommenden Sonntag auf jeweils vier Seiten im Tagesspiegel (und was bisher geschah hier auf tagesspiegel.de).
Tweet des Tages
Café, Prenzlauer Berg. Gast: „Ich würde gern bestellen.“ Kellnerin: „Sie sind doch noch gar nicht so weit!"
Stadtleben
Essen, wo der Wandel täglich Einzug hält: In der Bernhard-Weiß-Straße 6 in Mitte gibt’s jeden Tag eine neue Karte, auch die "wandelnde Showküche“ zeugt von aufwendiger Abwechslung: Ab heute spezialisiert man sich auf französische Küche – das heißt bis Freitag sind Rouleaux nicois (Mit Tapenade und Gemüse gefüllte Teigrollen), Gratin d’endives (Chicorée-Auflauf mit Kartoffeln und Äpfeln) und weitere Spezialitäten aus dem Nachbarland im Angebot. Auch am Fehrbelliner Platz 1 gibt’s den Wandel, dort in Form einer Coffeebar. U-Bhf Schillingstraße, Mo-Fr 7-18 Uhr
Trinken & Lesen ganz Nah am Wasser: Unter gemütlich-warmem Licht lässt es sich bestens im neuen Lieblingsroman schmökern; die selbstgemachte Schokotarte, Croissants und Cookies versüßen mit Kaffee der hauseigenen Bio-Röstung "25 Grad" die Lesezeit. Sowohl am Kiehlufer 55 in Neukölln (U-Bhf Rathaus Neukölln, Mo-Fr 7.30-20 Uhr, Sa 8-20 Uhr, So 9-20 Uhr), als auch in der Knesebeckstraße 76 in Charlottenburg (S-Bhf Savignyplatz, Mo-Fr 7-20, Sa-So 8-20 Uhr) gibt’s eine täglich wechselnde Mittagskarte: Ob rote Linsensuppe oder gefüllte Aubergine mit Mozzarella überbacken und dazu Tomatenreis – wer eine Stärkung und geistige Auszeit braucht, findet sie.
Die Semesterferien haben begonnen, Studierende können ihre Literaturliste also wieder selbst bestimmen: Um sich dafür Inspiration zu suchen, lohnt ein Abstecher ins Schleichers in Dahlem. Die Buchhandlung in der Königin-Luise-Straße 41 (U-Bhf Dahlem Dorf) ist bestens sortiert, spricht explizite Buchempfehlungen aus und hat auf der Frankfurter Buchmesse schon den Julius-Campe-Preis erhalten. Auch finden hier regelmäßig Autorenlesungen statt. Mo-Fr 9-19 Uhr, Sa 9.30-16 Uhr