Der chinesische Schriftsteller und Regimekritiker Liu Xiaobo ist tot - obwohl er schwer an Krebs erkrankte und klar war, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hatte, musste er auch seine letzten Tage in Gefangenschaft verbringen. Seit Carl von Ossietzky, der 1938 unter Aufsicht der Gestapo im Krankenhaus Nordend (Niederschönhausen) starb, ist er der erste Friedensnobelpreisträger, der während seiner Haft geehrt wurde und bis zu seinem Tod unter ständiger staatlicher Bewachung blieb. Ossietzky hatte den Preis 1936 in Abwesenheit rückwirkend für das Jahr 1935 zugesprochen bekommen - im Jahr zuvor verzichtete das Nobelpreiskomitee in Oslo auf Druck der Nazis darauf, die Auszeichnung zu verleihen.
Hui, da bekommt die Koalition für ihre Klausurtagung am Sonnabend noch ein ganz heißes Thema auf den Tisch - Michael Müller ist offenbar wegen der Verkehrspolitik der Grünen und dem stoisch-sturen Verwaltungshandeln einer Stadträtin der Kragen geplatzt: Direkt gegenüber seiner Wohnung standen am Dienstagabend plötzlich neue Halteverbotsschilder mit dem Hinweis auf entgegenkommenden Fahrradverkehr - damit waren in der dicht zugestellten Straße acht Parklätze weg. Und schon wurden auch die ersten Knöllchen unter die Scheibenwischer gesteckt - sogar an Autos, die bereits vor der Aufstellung der neuen Verbote hier parkten. Am Mittwoch kamen weitere Schilder dazu, womit sich die Zahl der betroffenen Parkplätze auf zwölf erhöhte. Erkennbarer Nutzen für den Radverkehr: keiner - es sei denn, in nächsten Tagen wird die ganze Straße auf einer Seite zur Parkverbotszone erklärt. Am Donnerstagabend gab's dann Post für die Nachbarn des Senatschefs - der Wahlkreisabgeordnete Michael Müller schreibt:
„Liebe Anwohnerinnen, liebe Anwohner, aufgrund einer Anordnung der Tempelhof-Schöneberger Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Bündnis 90/ Die Grünen), Leiterin der Abteilung Bürgerdienste, Ordnungsamt, Straßen- und Grünflächenamt, wurde am vergangenen Dienstag, dem 11. Juli 2017, eine weitere Halteverbotszone (…) angeordnet. Dies erfolgte ohne Information für die betroffenen Anwohner und ohne Übergangszeit für die geparkten Autos. Die neue Halteverbotszone, die am 12. Juli nochmals erweitert wurde, sehen wir kritisch, da die Parkmöglichkeiten in der näheren Umgebung ohnehin schon kaum ausreichen. Begründet wird dies mit der Möglichkeit, Radverkehr in beide Richtungen der Einbahnstraße zuzulassen. Zwingend einhergehend ist es jedoch nicht, Parkplätze in diesem Umfang einzuschränken. Der Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün spricht lediglich von der Möglichkeit der Öffnung von Einbahnstraßen für den Radverkehr in beide Richtungen.Uns interessiert Ihre Meinung dazu, deshalb schreiben Sie uns oder besuchen Sie uns im Wahlkreisbüro und teilen Sie uns diese mit. Selbstverständlich kann Unverständnis über diese überzogene Maßnahme auch direkt an das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg gerichtet werden. Per Post: Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, BürgOSGrün, 10820 Berlin oder telefonisch unter (030) 90277-6001.“
PS: Wer Erklärungen für die mäßigen Stimmungswerte der Koalition sucht: In der SPD werden zunehmend solche grünen Schildbürgerstreiche dafür verantwortlich gemacht.
Na so was - der Hauptausschuss lagert das Thema BER per Entscheidung der Koalitionsmehrheit (Antrag 0488) in einen vertraulich tagenden Unterausschuss aus (Beteiligungsmanagement) - somit können brisante Unterlagen über Baufortschritt, Baukosten und Fertigstellungstermine je nach politischer Bedürftigkeit öffentlich behandelt oder geheim gehalten werden. Der SPD-PGF Torsten Schneider versichert hingegen: „Hier wird nichts versteckt“ - die Kontrolle sei „kumulativ“ und erhöhe „den Lästigkeitswert für die Verwaltung und die Gesellschaft signifikant“ (Q: Protokoll Hauptausschuss). Na, da sind wir aber mal gespannt.
PS: Mit „Gesellschaft“ ist die FBB gemeint. Der Lästigkeitswert des BER für die Stadtgesellschaft ist ja auch kaum noch signifikant zu erhöhen.
Hier noch ein kleiner Dialog zwischen zwei Grünen (ausgetragen auf Facebook, Abschrift wie im Original) - MdB Volker Beck zu Tübingens BM Boris Palmer: „Wir können nicht allen helfen. Und Boris, Dir ist nicht zu helfen. In einem Land, wo Deine flinke Zunge das Sagen hätte, möchte ich nicht leben.“ Die Antwort von Palmer: „Lieber Volker, ich lebe gerne in einem Land, wo dein Drogenkonsum und dein frühen Äußerungen zur Pädophilie verziehen werden. Ich finde es sogar gut, dass du trotz diese Probleme so viel zu sagen hast in unserem Land. Schade, wenn du nicht dieselbe Liberalität aufbringen kannst.“ Es gilt die politische Komparation: Feind, Todfeind, Parteifreund.
Zur heutigen Frage für Berlin-Kenner: In welchem Bezirk wird am meisten getindert? Nein, falsch: Die meisten Nutzer der Dating App sind nicht in Friedrichshain-Kreuzberg auf Kurzzeit-Partnersuche (Platz 2) und auch nicht in Tempelhof-Schöneberg, (3), sondern im durchgentrifizierten Familienbezirk Pankow (ist wohl etwas langweilig dort). Die ganze Liste finden sie bei „MitVergnügen“, und wenn Sie dort zwei Bezirke vermissen sollten: Spandau ist Spandau und Chayenne ist schon vergeben - und wo Cheyenne wohnt, ist gleich schon die nächste Frage (Antwort hier).
Stellen Sie sich vor, Sie kommen im letzten Moment auf dem Bahnsteig an, springen in den ICE Richtung Berlin, die Türen gehen zu, der Zug fährt ab… und irgendwann stellen Sie fest: Hallo, bin ich denn hier allein? Ihr Zug nähert sich dem Bahnhof Bielefeld - und fährt einfach hindurch (noch das einzig Rationale an dieser Fahrt). Es wird dunkel in Ihrem Abteil, Sie kommen nach Hannover, aber: die Türen gehen nicht auf! Sie hören Stimmen von irgendwo her, jemand klopft an eine Scheibe, doch schon rollt der Zug wieder los, weiter, immer weiter durch die Finsternis… Nein, das ist kein Film, kein Buch, sondern eine Reise, die der Kollege Willy Haentjes von der „Bild“ wirklich erlebte - hier hat er sie aufgeschrieben.
Telegramm
Air Berlin hat seinem so genannten „Bodendienstleister Aeroground“ (das sind die mit den Koffern, oder besser: ohne sie) einen Teil des Geschäfts entzogen - das Münchner Unternehmen wäre am liebsten ganz geflogen, aber die Berliner bestehen auf Erfüllung des 7-Jahres-Vertrags.
Das macht Hoffnung: Zehn Problemschulen hatten am „Turnaround“-Programm der Bosch-Stiftung teilgenommen (Start vor vier Jahren) - die Bilanz von Senatorin Scheeres: „Alle haben sich verbessert.“
Berlin hat sich im „Blitzatlas“ auf Platz drei vorgearbeitet (Vorjahr: 13): 1333 Mal schlug es bei uns im vergangenen Jahr ein. Tja, wir sind eben himmlisch attraktiv - und Wesel (Platz 1) holen wir sicher auch noch ein.
Für eine knallige Aufmachung hat sich das Business-Magazin „Berlin Boxx“ entschieden - unter dem Logo der senatsgeförderten „Berlin Partner“ ist auf dem Titel ein vermummter Randalierer mit Pflasterstein in der Hand im Flammenschein zu sehen, dazu die Zeile: „Autonome Metropole - Hass, Gewalt, Ohnmacht“. Die Berlin-Werber wollen sich bei der Außendarstellung jetzt also offenbar auf die Kernkompetenzen der Stadt konzentrieren.
Aus dem Nachruf von Karl Grünberg heute im Tagesspiegel (S. 10) auf Katrin Eichelbaum (geb. 1981) und ihren Sohn Elias Linus (geb. 2014): „Einmal fragte sie ein Priester, was für sie der Sinn des Lebens sei. Mit der Frage konnte sie nichts anfangen. Darum ging es nicht.“ Katrin Eichelbaum starb zwei Tage nach dem Tod ihres Sohnes.
Zur Launchparty unseres Magazins „Berliner“ wurde es angekündigt - jetzt ist es fertig: Am Sonnabend erscheint das feine Fotobuch „Berlin-Wedding“ von Julia Boek und Axel Völcker mit Texten u.a. von Dirk Gieselmann (Kerber Verlag, 236 Seiten, 40 Euro, Onlinebestellung hier). Ein Exemplar habe ich für Sie zur Verlosung zurückgelegt - wenn Sie Ihr Glück versuchen wollen, schicken Sie mir einfach Ihre schönste Wedding-Anekdote oder -Liebeserklärung an checkpoint@tagesspiegel.de.
Nachtrag (1) - Meng Meng ist möglicherweise weder Plem Plem (CP von gestern) noch Balla Balla, sondern einfach nur gesundheitsbewusst: Der ARD-„Weltspiegel“ berichtete gerade über einen Trend in China, der von Medizinern und Sportlehrern gefördert wird: das Rückwärtsgehen. Dazu auch der Kommentar von Konfuzius: „leiZ sad tsi geW reD.“
Nachtrag (2) - Die „Reisewarnung für Berlin“ wegen des Mangels an Kreißsaalplätzen und Hebammen (CP von gestern) ist offenbar nicht übertrieben: Kurz vor der Geburt wurde eine Frau im Neuköllner Krankenhaus wegen Überfüllung abgewiesen und mit ihrem Partner ins Auguste-Victoria-Krankenhaus geschickt - das Kind kam ohne medizinische Betreuung im Auto zur Welt.
Nachtrag (3) - Toller Tipp von Checkpoint-Leser Holger Schnaars zur Meldung „Asbestsanierung“ (CP von gestern) - er weist hin auf ein Video zur Baugeschichte des ICC mit Originalaufnahmen von 1979. Sie brauchen etwas Zeit dafür (24:54 min), aber die haben Sie ja auch: Bis sich dort was tut, kann’s noch dauern.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Stuttgart ist nicht Berlin. Gegen Verkehrssünder wird täglich vorgegangen.“
Reaktion der Polizei Stuttgart auf einen Hinweis zur Radfahrer-Schutz-Aktion „Perspektivwechsel“ der Berliner Polizei.
Stadtleben
Essen & Trinken in Mitte "Seine Texte haben Musik", schreibt Susanne Kippenberger, über Jonathan Gold, Restaurantkritiker aus L.A., der für seine Arbeit sogar den Pulitzerpreisbekommen hat. Wie die aktuelle Expertise zum Riva Fish & Wine unserer geschätzten Restaurantkritikerin Elisabeth Binder zeigt, können ihre Texte da locker mithalten: „VierThunfischbouletten in Glasmurmelgröße mit seidiger Konsistenz schwimmen in einer reichhaltigen Tomatensauce mit Minze und Pistazien (16 Euro)“. Das Lokal in der Rosenthaler Straße 3 (U-Bhf Rosenthaler Platz) ist für sizilianische Fischgerichte durchaus empfehlenswert, aber Vorsicht vor dem Gastgeber aus Palermo: charmant (mit Handkuss und so), aber auch ein knallharter Marketingstratege.