Die Bundestagswahl wird am Sonntag wohl überwiegend stattfinden, auch wenn immer noch nicht klar ist, wer in Mitte die Schulen aufschließt (CP von gestern). Die Hausmeister machen es nach dem Willen des Personalrates selbst dann nicht, wenn sie dafür bezahlt werden. Denn manche hätten inzwischen mehr als 300 Überstunden angesammelt, obwohl nach 15 ausgeglichen werden müsse. Bezirksstadtrat Carsten Spallek (CDU) merkte im RBB an, „es geht hier nicht darum, dass irgendein Sommerfest betreut werden soll, sondern um die Bundestagswahl“. Stimmt. Vielleicht lässt sich noch was mit fliegenden Wahlurnen organisieren. Immerhin ist Sonntag auch Marathon.
Alle Twittervögel fliegen hoch, seit im Juni die Pandas in Berlin gelandet sind und die Senatskanzlei aus Anlass des flauschigen Schwarz-Weiß-Ereignisses zu twittern begann. Jetzt sucht das kleine Team für Social Media (SM), das bisher aus Vize-Senatssprecherin Kathi Seefeld und zwei Halbtagskräften besteht, Verstärkung: Community ManagerIn, Social Media Content ManagerIn und SM-RedakteurIn, „Schwerpunkt Bewegtbild“, befristet bis zum Ende der Wahlperiode. Die Neuen sollen ein umfassendes SM-Konzept einschließlich unpeinlicher Facebook-Präsenz erarbeiten.
Apropos SM: Die Bildungsverwaltung findet jetzt auch, dass die von ihr veranlasste Befragung von Lehrern zu deren sexueller Orientierung sowie ihrem Umgang mit sexueller Viel- und Einfalt (CP von gestern) teilweise „äußerst unglücklich formuliert“ sei (Teilnahme freiwillig, aber „ausdrücklich erwünscht“). Die Wissenschaftler der beauftragten Sigmund-Freud-Privatuniversität und der HU versichern, die personenbezogenen Daten würden keinesfalls an die Verwaltung weitergereicht. CDU und FDP würden die ganze Befragung am liebsten im Bettkasten versenken. Die anderen müssen noch mal drüber schlafen.
Die AfD-Fraktion klagt, dass sie rund um die U18-Wahl in einer Hohenschönhausener Schule totgeschwiegen wurde - und hat gleich einen Abgeordneten samt Videofilmer dort einreiten lassen, der mal „mit der Direktorin“ reden wollte und den stattdessen vorgefundenen Direktor dann ganz okay fand. Dass die AfD keinesfalls ignoriert werden sollte, zeigt ein anderes Video. Es wurde am Freitag beim „Bürgerdialog“ des Wehrmachtssoldatenkönigs Gauland im Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf (!) aufgenommen und zeigt (ab 3'20“), wie ein unerwünschter Bürger im Würgegriff entfernt wird. Das sollte wirklich jeder gesehen haben - und zwar vor der Wahl.
Heute wollen Pflegekräfte vor dem Bundesgesundheitsministerium für mehr Personal demonstrieren, weil sie ihre - auch im internationalen Vergleich - harte Schinderei nicht länger hinnehmen mögen. Regiermeister Müller hat den dort noch amtierenden Hausherrn Hermann Gröhe schon zuvor als „auf diesem Ohr taub“ kritisiert. Hauptsache nichts Behandlungsbedürftiges, denn gestreikt wird erst mal weiter. Mein Kollege Hannes Heine sieht in der ganzen Pflege-Misere eine „in wenigen Jahren drohende Katastrophe“, die das Land ohne bundespolitische Unterstützung allein nicht mehr abwenden kann. Man mag es sich gar nicht ausmalen, obwohl man wohl sollte.
Die Polizei hat Bilanz ihrer vorab angekündigten Schwerpunktkontrollen zum Schuljahresbeginn gezogen: 6134 Raser wurden rund um Schulen erwischt, 1721 Elterntaxis stapelten sich im Halte- oder Parkverbot, 30 Leute bretterten über Zebrastreifen, an denen gerade Kinder warteten. Der Berliner Stadtverkehr ähnelt also nicht nur subjektiv oft einem zu schnell abgespielten Gruselfilm. Immerhin ging es darwinistisch halbwegs gerecht zu, denn auch 147 in Autos mitfahrende Kinder waren so schlecht bzw. nicht gesichert, dass die Polizei Anzeigen schrieb. Kann nicht vor der Wahl noch jemand ein paar tausend zusätzliche Polizisten nur für die Verkehrsüberwachung versprechen?
Telegramm
Schwarz-Grün dürfte sich schnell erledigt haben - wenn die Grünen das Video sehen, auf dem die Bäumchen vor der CDU-Bundeszentrale in der Klingelhöferstraße auf Zimmerpflanzenformat geköpft werden, damit sie ins Partyzelt auf dem Gehweg passen. CP-Leser Lars R. hat die Aktion gefilmt. Ein Fall fürs Grauflächenamt Mitte? Für die Polizei offenbar nicht, denn der von einer weiteren Zeugin alarmierte Abschnitt schickte erst nach einer Dreiviertelstunde eine Streife.
Die FDP Schöneberg scheint kaum besser dran zu sein als die CDU-nahen Bonsaibäume: Das Bezirksamt wolle Begegnungen zwischen arglosen Bürger*n und TXL-Bewahrern in der Begegnungszone Maaßenstraße unterbinden, klagen die Liberalen. Nach „wahl- und ziellosen Ordnungswidrigkeitenverfahren“ gegen werbende Mitglieder habe die Partei einen Antrag auf Sondernutzung gestellt, der jetzt - kurz vor dem Abflug und erst nach einer Dienstaufsichtsbeschwerde wegen Verschleppung - abgelehnt worden sei.
Die FDP droht der zuständigen Stadträtin Christiane Heiß (Grüne) nun mit dem Anwalt. Heiß war am Montagabend nicht erreichbar. Im Flyer zur Begegnungszone stand damals übrigens, dass „die Aufenthaltsqualität besser“ werden soll. Aber das muss doch selbst für eine grüne Stadträtin kein Grund sein, gleich die FDP auszusperren.
Was in der Maaßenstraße verboten ist, wird man in der Urania wohl noch sagen dürfen: Ab 19 Uhr diskutieren dort Regiermeister Müller, Wirtschaftssenatorin Pop, FDP-Fraktionschef Czaja, CDU-Stadtentwickler Brauner sowie Ex-Verfassungsgerichtspräsident Prof. Sodan über TXL. Moderiert wird die ausgebuchte Veranstaltung von Anna Kyrieleis (RBB) und Lorenz Maroldt. Der stellt noch vier Stühle extra für CP-Leser rein. Wenn Sie dabei sein wollen, mailen Sie bitte bis 12 Uhr an checkpoint@tagesspiegel.de. Alternativ können Sie die Debatte im Livestream verfolgen, und bloggen werden die Tsp-Kollegen auch.
Ab 17 Uhr wollen diverse Bürgerinitiativen gegen die Offenhaltung von Tegel demonstrieren. Abschlusskundgebung ist 18 Uhr - tata! - vor der Urania. Da wird Czaja womöglich mit dem Privatjet durch den Hintereingang anreisen müssen, wenn der Anzug sauber bleiben soll. Wie viel Stadtfläche der Flughafen belegt, haben meine Tagesspiegel-Kollegen übrigens auf einer Online-Karte schön aufbereitet.
Radfahrer in Neukölln, die ihr Ziel lebend erreichen wollen, meiden traditionell die Sonnenallee. Das ist jetzt einfacher: 500 Meter der parallelen Weserstraße sind als Fahrradstraße ausgewiesen worden; Verlängerung ist geplant. Aus gegebenem Anlass noch mal für alle: Auf Fahrradstraßen dürfen Radfahrer auch nebeneinander fahren und das Tempo bestimmen. Und für alle anderen: Gehwege sind zum Gehen da!
Wirtschaftssenatorin Ramona Pop hat ein zweibeiniges DigiHub-Konzept (sprich: „Didschi-Habb“) vorgestellt: In der ehemaligen Agfa-Fabrik am Görli wird Kompetenz rund ums Internet der Dinge gebündelt (Kühlschrank an FritzBox: „Sahne ist sauer“), in der ehemaligen Berliner Bank am Hardenbergplatz ein FinTech-Hub („mTAN eingeben, um kostenpflichtig zu bestellen“).
Nur dreieinhalb Jahre nach der halbseitigen Sperrung der Salvador-Allende-Brücke über die Spree (verkehrstechnisch für Köpenick etwa wie die Golden Gate für San Francisco) war gestern Spatenstich für Abriss und Neubau. Noch bemerkenswerter als dieses Tempo ist allerdings, dass der sicher geglaubte Verkehrsinfarkt ringsum ausblieb, weil bei der Teilsperrung die Ampeln vernünftig eingestellt wurden. Könnte man glatt überall machen in DigiHub-Town.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Be the first“
Titel des Newsletters „Corporate Travel News“, herausgegeben von der Berliner Flughafengesellschaft.
Tweet des Tages
„Wilmersdorf, Uhlandstraße. AfD-Plakatehänger stolpert von der Leiter, Frau mit Kopftuch eilt zur Hilfe. Allah scheint Humorist zu sein.“
Stadtleben
Der 60er-Jahre Kultfilm Lawrence von Arabien flackert lautlos über die Wand des hellen, 400 Quadratmeter großen Lokals. Der Protagonist, Mediator zwischen dem europäischen und arabischen Kulturraum, ist Leitfigur und Namensgeber für das Lawrence in der Oranienburger Straße 69 in Mitte (S-Bhf Oranienburger Straße). Es ist nämlich viel mehr als nur Restaurant und Café - es ist allem voran Begegnungszentrum für Einheimische und Geflüchtete mit Co-Working-Space, Shop und Galerie. In freundlichem Ambiente durch helle Holzmöbel und hohe Decken serviert das kurdisch-syrische Koch-Duo, Mustafa und Nader, traditionell orientalische Speisen "jenseits von Falafel" – das Motto: make orders, not borders. Probieren Sie z.B. das Reisgericht Makloube (12,90 Euro) oder Ablamma, also Zucchini mit Rind und Lamm gefüllt, dazu Joghurtsoße (13,90 Euro). Für Unentschlossene empfiehlt sich der Mazzateller mit Muhamara, Hummus, Kischke Chadra und viel mehr kleinen Komponenten. Wer noch nie libanesischen Wein vom Ksara-Weingut, oder das süffige Almaza-Bier probiert hat, für den lohnt ein Abstecher ins Lawrence alle mal. Täglich geöffnet von 8 Uhr bis Open End.
Berlinbesuch Stehen bei der ausgeflippten Einrichtung zwischen Marilyn-Monroe-Sitzkissen, Pailletten, Weihnachtsdeko, Schaufensterpuppen und schwarzen Ledersesseln die Haare zu Berge? Friseur Hamid Nosrati bringt sie wieder in Form! Der Paradiesvogel aus Teheran - mindestens so ausgeflippt, wie das Interieur seines Salons – eröffnete vor acht Jahren den Kultladen in der Kantstraße 69 in Wilmersdorf. Nosratis Schneidetechnik ist natürlich auch nicht konventionell: Er lernte sie von seiner Mutter, die einen Frisörsalon im Iran betrieb. Waschen, schneiden, föhnen für Damen gibt's ab 35 Euro, Cut&Go für Herren ab 18 Euro (Termine zwei Tage im Voraus vereinbaren). Mo-Sa 9-20 Uhr