Eigentlich wollte sich morgen zwischen 8 und 11 Uhr der Koalitionsausschuss im Roten Rathaus mit dem neuen BER-Finanzierungsplan befassen – aber ohne Zahlen ist das wenig sinnvoll (bis gestern lagen sie keiner Fraktion vor). Besonders die Grünen waren mit den bisherigen Antworten der Flughafengesellschaft auf ihren Fragenkatalog („Warum reicht das Geld auf einmal nicht mehr?“) reichlich unzufrieden – die Lieblingsantwort der FBB: „Aussage erst mit Vorlage des Business Plans möglich“, aber der … (siehe oben).
Der von einem AfD-Mitglied initiierte „Marsch der Frauen“ (Thema: „Gefährdung der Frauen in Deutschland durch unkontrollierte Masseneinwanderung“) zieht weiter zur Justiz: Der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion hat die Abgeordneten Hakan Taş (Linke) und Katrin Schmidtberger (Grüne) angezeigt – wegen „gesetzwidriger Blockaden“ am Checkpoint Charlie (hier kam der Marsch nicht weiter). Der AfD-Abgeordnete Woldeit hat ebenfalls eine Anzeige erstattet, weil aus den Reihen der Gegendemonstranten auf ihn „unvermittelt eingetreten“ worden sei. Die Polizei hatte Teilnehmer von beiden Demonstrationen festgenommen, aus Reihen des Marsches u.a. wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und Mitführens eines Messers.
Neues aus der Reihe „Berlins marode Schulen“: Die schrottreife und verschimmelte Carl-Kraemer-Grundschule (Gesundbrunnen, CP 14.2.) wird jetzt komplett geräumt – die Leiterin muss Schüler und Lehrer auf drei Standorte verteilen. Wann sie zurückkommen können, ist wie immer nach der Berliner Wahrscheinlichkeitsregel zu berechnen (Pi mal Daumen), weshalb der Senat seinen „Sanierungsfahrplan“ für alle Berliner Schulen ja auch in „Finanzierungsfahrplan“ umbenannt hat. Auf Deutsch heißt das: Genug Geld ist zwar da, aber es gibt weder genug Leute, die es ausgeben können, noch genug Leute, die dafür etwas planen oder einen Hammer in die Hand nehmen.
Ja, auch zu viel Geld kann zum Problem werden – jedenfalls dann, wenn der Schein zu groß ausfällt, wie folgendes Beispiel eines CP-Lesers (Wohnsitz Berlin, Sparkassenkunde außerhalb) zeigt: Ein Automat der Sparkasse gab ihm ohne Vorwarnung am frühen Abend einen 500-Euro-Schein heraus – Einkauf unmöglich, niemand nimmt ihn an. Am nächsten Werktag scheitert der Wechselversuch in der Karlshorster Filiale, die zum Automat gehört – die Mitarbeiterin sagt: „Wir haben damit nichts zu tun“ und verweist (erfolglos) an den „Servicepartner“. Nächster Versuch in der Sparkassen-Zentrale am Alexanderplatz, die Antwort dort: „Weil der Handel ein gültiges Zahlungsmittel nicht annimmt, können Sie Ihr Problem nicht auf uns abwälzen.“ Und hier noch der aktuelle Werbeslogan der Sparkasse: „Immer für Sie da“. Es sei denn…
Neues von Berlins berühmtester Ampel (Heiligenseestraße / Konradshöher Straße) – Sie erinnern sich: Vier Jahre dauerte hier alleine die Berechnung der Statik eines neuen Mastes, nachdem ein Autofahrer den alten umgefahren hatte. Seitdem stand hier ein Provisorium (Hinweis für Neuberliner: ortstypischer Begriff für „Lösung“). Ende 2017 sollte nach Senatsangaben endlich alles erledigt sein und eine moderne, kombinierte „Lichtzeichenanlage“ mit „Lichtsignalgeber und Straßenleuchte am Gemeinschaftsmast“ stehen. Doch die Rot-Phase dauert immer noch an, zur Begründung: „Die Verzögerung der Inbetriebnahme beruht auf den Lieferzeiten des Sondermaterials, konstruktionsbedingt war ein geändertes Unterteil erforderlich.“ Kann ja schon mal vorkommen. Frage von MdA Schmidt (CDU): „Sieht der Senat in dieser Verwaltungsposse, über die mittlerweile schon international berichtet wird, einen Imageschaden für das Land Berlin?“ Antwort von Staatssekretär Kirchner: „Nein.“ Checkpoint-Tipp für die Werber von „Visit Berlin“: Currywurstbude neben die Ampel stellen und im Rahmen des dezentralen Tourismuskonzepts Folklore-Bustouren nach Tegel anbieten.
Und hier ein schriftlicher Beleg für die unschlagbare Cleverness der Berlinerinnen und Berliner: Der Pankower CDU-Verordnete Andreas Retschlag wollte wissen, warum das Ordnungsamt in den Parks so erfolglos ist, die Antwort von Stadträtin Ronja Tietje: „Anzumerken wäre, dass aufgrund der Dienstkleidung die Außendienstkräfte in den meisten Fällen schon vorzeitig wahrgenommen werden. Eine Ahndung von Ordnungswidrigkeiten ist somit oftmals nicht möglich.“ Checkpoint-Tipp: Ein Satz Camouflage-Klamotten und Bierflasche in der Hand, dann habt ihr sie. Es kommentiert Gerhard Seyfried: Pop! Stolizei! Äh… Stei! Polizop! Nein, öh… Stop! Poliz . . . Weg isser…“
Telegramm
Neue Koordinaten für unsere aktuelle Matheaufgabe („Wann hat die SPD mehr Mitglieder als Wähler?“, CP von gestern): Beim Institut Insa (für „Bild“) sind die Sozialdemokraten zu Beginn der Mitgliederbefragung über eine Koalition mit der Union bei 15,5 % angekommen.
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil verschickte an die Mitglieder pünktlich zum Beginn des Votums noch eine 32-seitige Broschüre mit Begleitschreiben, darin zu sehen: 23 glücklich strahlende Menschen aller Generationen, offenbar happy über den Koalitionsvertrag. Wenigstens hier ist die sozialdemokratische Welt noch in Ordnung.
25.083 Unterschriften hat die Initiative für mehr Videoüberwachung in der Innenverwaltung abgegeben – das reicht für den Antrag auf Einleitung eines Volksbegehrens.
Aus dem Schreiben einer Wohnungsverwaltung: „Sehr geehrter Interessent, wir hatten insgesamt 1483 Interessenten, aber nur eine Wohnung, deswegen bedaure ich Ihnen absagen zu müssen. Wir bedanken uns für Ihr Interesse und wünschen Ihnen weiterhin alles Gute bei der Wohnungssuche.“
Fünf Monate nach der Bundestagswahl nähert sich die Berliner Auszählungssoftware langsam der Einsatzreife – IT-Staatssekretärin Smentek teilte im Ausschuss mit: Bei einem Test mit nochmal höherer Last wurde ihr (der Software, nicht der Staatssekretärin) in allen Bezirken zu 97 % eine gute oder sehr gute Perfomance bescheinigt.
Schönes Datenprojekt der Kollegen von der „Morgenpost“: Eine interaktive Lärmkarte zeigt die Dezibel am eigenen Haus an – einfach mal ausprobieren und vergleichen (auch wenn nicht jede Ecke 100 % plausibel wirkt).
Das nächste Massaker im Streichelzoo Hasenheide: Jetzt hat es Angoraziege Lilly erwischt – aber die Polizei erwischte diesmal auch die Täter (noch mit blutverschmiertem Messer und Fleisch im Rucksack).
„Bitte rauchen Sie leise“, steht auf einem Schild am Restaurant „Petit“ in der Grolmannstraße – wird ja auch Zeit, dass endlich mal Schluss ist mit den nervtötenden Paffgeräuschen.
Die Polizei muss bei Einsätzen auch weiterhin ohne „Toilettenkraftwagen“ auskommen – eine Anschaffung ist nicht geplant (Sts. Gaebler auf Anfrage MdA Schreiber). Die Innenverwaltung empfiehlt, in dringenden Fällen „nahegelegene Dienststellen der Polizei Berlin oder der öffentlichen Verwaltung“ sowie „Hotels, Einkaufszentren, Restaurants und Tankstellen“ aufzusuchen.
Am BER wird ein „Generalplaner für die Leitungsumverlegungsmaßnahmen Baufeldfreimachung Bund“ gesucht, Laufzeit des Vertrags in Monaten: 40 („Dieser Auftrag kann verlängert werden: nein“).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Der Tourist wurde dem Einbruchskommissariat überstellt, wo ihm die Beamten unter anderem auch das wünschenswerte Vorgehen nach Ladenschluss erklären werden.“
Aus der Polizeimeldung „Kunde nach Ladenschluss“ – ein Mann hatte gegen 23.10 Uhr das Schaufenster eines Supermarktes in der Bartningallee zerstört und wollte Spirituosen entwenden.
Tweet des Tages
„Ein Haus so lange lustvoll bewohnen, bis es baufällig ist: Niederschönhausen. Als Verb.“
Stadtleben
Trinken und über Gesehenes – ob auf der Leinwand oder auf den Straßen Berlins (die Grenzen sind da fließend) – diskutieren, das geht chillig und wenn es sein muss bis tief in die Nacht in der Volksbar am Rosa-Luxemburg-Platz. Gut, aber farbenfroh aufgeleuchtet, sitzt der Gast auf stimmig zusammengewürfelten Sofas und Sesseln oder stilecht auf Barhockern am Tresen. Eine Bar für jede Gelgenheit, und rauchfrei noch dazu. Rosa-Luxemburg-Straße 39, geöffnet täglich ab 17 Uhr
Die Bezeichnung „Speak Easy“ bekommt in der Nollendorfstraße 11 (U-Bhf Nollendorfplatz) eine ganz andere Bedeutung als gedacht: Statt Geflüster wie in den Hinterzimmerbars der Prohibitionszeit wird hier lautstark parliert, und zwar in 15 verschieden Sprachen. Immer dienstags (18-22 Uhr) lädt Simon Williams, gebürtiger Brite, jetzt überzeugter Schöneberger, zum ungezwungenen Expat-Treffen. Neu-Berliner, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, kommen in den Galerieräumen von The Ballery zusammen - Berliner sind ebenfalls willkommen, sollten aber mindestens des Englischen mächtig sein. Mit seiner Galerie, die eigentlich keine ist, will Williams an die Vergangenheit des Bezirks anknüpfen, in dem er eine große Zukunft sieht.