falls Sie dachten, der 1. Mai sei der revolutionärste aller revolutionären Kampftage: Sie irren sich. Denn erst heute, am 2. Mai, will eine organisierte Vereinigung von Widerständlern „das Schweinesystem aus den Angeln heben“ und „die Sau rauslassen“. Angeführt wird die Freiheitsbewegung ausgerechnet von einem Berliner Senator. Der Checkpoint hat mit ihm gesprochen - was ihn antreibt, können Sie weiter unten in der Rubrik „Durchgecheckt“ lesen (Abo-Ausgabe). Aber jetzt erstmal…
… zur Schlachtordnung von gestern:
Mit suppenkasparartiger Trotzigkeit demonstrierten gestern verschiedene Menschenherden ihre Immunität gegen Vernunft. Und so rollte eine Autodemo nach Grunewald, um Villenbesitzern die Luft zu verdieseln, an der Volksbühne trafen sich „Hygiene“-Handwaschrebellen der Querfront und verprügelten ein „heute-show“-Team, in Kreuzberg feierte das Volk fröhlich Corona-Partys und die Autonomen spielten Nachlaufen mit der Polizei. Wenn Sie es genauer wissen wollen: Hier steht alles Weitere.
Die Bilanz der Polizeipräsidentin: „Weitgehend friedlich“ (abzüglich von Stein-, Flaschen-und Farbbeutelwürfen sowie einiger Verletzter). Es ist also nicht alles anders mit Corona, wie ein Blick auf die Mai-Schlagzeilen der vergangenen Jahre zeigt (alle von tagesspiegel.de):
2019: „Ein überwiegend störungsfreier 1. Mai“
2018: „So wenig Krawall war nie“
2017: „Der Wonnemonat begann friedlich“
2016: „Mehr Kameras als fliegende Steine“
2015: „Myfest voll, viel Party, wenig Randale“
2014: „Polizei ‚zufrieden und glücklich‘ nach Großeinsatz
2013: „Das war einer der friedlichsten 1. Mai seit 1987“
2012: „Henkel: ‚Ich bin überwiegend zufrieden‘“
2011: „Körting ist ‚hochzufrieden‘ mit dem 1. Mai“
2010: „Innensenator mit 1. Mai zufrieden“
Neu war diesmal,dass es kein „Myfest“ gab – und dass die Innenbehörde zu einer perfiden Verwirrungstaktik griff:
Der Innensenator kündigte an: „Die Politik der ausgestreckten Hand kann es diesmal nicht geben.“ (Q: „Spiegel“)
Die Polizeipräsidentin kündigte an: „Die Strategie der ausgestreckten
Hand gilt auch in diesem Jahr.“ (Q: „Mopo“)
Tja, da wusste die Linke nicht, was die Rechte tut. Fest stand nur: Mit einer Hand kann man nicht klatschen.
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Kreuzberg war aber trotz punktueller Versammlungen zeitweise so leer wie nie zuvor an einem 1. Mai – das zeigen die Bilder unserer Fotografin Kitty Kleist-Heinrich. Sie ermöglichen einen direkten Vergleich mit Eindrücken aus früheren Jahren von exakt der gleichen Stelle aus. Eine schöne Spielerei von historischer Bedeutung, eingeordnet von Ingo Salmen.
„Bund und Länder wägen bei allen Entscheidungen deren Wirkung in gesundheitlicher, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht sorgfältig gegeneinander ab“, heißt es im Beschluss vom Donnerstag. Das Kadewe darf ab Montag aber nur deshalb wieder auf ganzer Fläche öffnen, weil das Verwaltungsgericht das so will (gilt auch für Karstadt/Kaufhof). Ob die von der Politik erlaubte Wiedereröffnung der Berliner Friseure (ebenfalls ab Montag) nun aus gesundheitlicher, sozialer, wirtschaftlicher oder nur aus optischer Hinsicht überlebenswichtig ist, bleibt allerdings das gemeinsame Geheimnis von Angela Merkel und Michael Müller.

Michael Müller schlittert weiter haltlos auf dem internationalen Parkett umher. Anfang April beschuldigte er Donald Trump auf Verdacht als Maskendieb („Das Handeln des US-Präsidenten ist unmenschlich“) – und musste sich mangels Beweisen dafür entschuldigen. Der US-Botschafter nahm‘s schmallippig „zur Kenntnis“. Jetzt brachte Müller mit einer unsensiblen Einladung einen weiteren Botschafter gegen sich auf: Der Regierende Bürgermeister wollte den 75. Jahrestag der Kapitulation deutscher Truppen in Berlin mit Vertretern Russlands, Weißrusslands und der Ukraine am heutigen Sonnabend gemeinsam dort begehen, wo General Helmuth Weidling seine Unterschrift unter den Befehl gesetzt hatte: Im Haus am Tempelhofer Schulenburgring 2, wo sich der Kommandostab der 8. Sowjetischen Gardearmee befand (Müller wohnt übrigens gleich um die Ecke). Nette Idee – nur leider außenpolitisch naiv: Russland, Ukraine… war da nicht mal was? Der ukrainische Botschafter Andrij Melnik sagte irritiert ab:
„Nicht einmal im schlimmsten Alptraum könnte ich mir vorstellen, Kränze niederzulegen an der Seite eines Vertreters des Landes, das seit über sechs Jahren zynisch einen blutigen Krieg in der Ostukraine führt.“ Ein gemeinsames Gedenken? „Undenkbar“. Dem Tagesspiegel sagte Melnik, es sei „schade, dass der Regierende Bürgermeister diese haarsträubenden Tatsachen anscheinend übersieht“, und: „Wir Ukrainer würden uns mehr Fingerspitzengefühl und Empathie wünschen.“
Der Tagespiegel widmet dem Jahrestag der Befreiung in der heutigen Ausgabe 15 Seiten voller Geschichte und Geschichten, darin u.a: originale Tagebücher aus den letzten Kriegstagen; die lange Suche nach einem verschollenen Soldaten; die Aufklärung der Ermordung des dreijährigen Mädchens Gerda durch die Täter- und die Opferfamilie; die seltsamen Erfahrungen, die Enno Lenze mit seiner Bunker-Ausstellung „Hitler – wie konnte es geschehen?“ macht. Koordiniert hat die Ausgabe unser Checkpoint-Kollege Robert Ide (zum E-Paper geht’s hier).
Vorab daraus online:
Joschka Fischer über den „instinktiven Pazifismus“ der Deutschen.
Eine Rekonstruktion der „Schlacht um Berlin“.
Telegramm
Heute in einer anderen Welt hätte Alba am Abend Bayern München aus der Arena am Ostbahnhof geworfen. Im Hier und Jetzt erzählt der legendäre Teamfotograf Tilo Wiedensohler dem „Got Nexxt“-Basketball-Podcast u.a., warum er Ademola Okulaja in einen Zaun beißen ließ.
Die Eröffnung der Badesaison fällt wegen Corona ins Wasser, der Senat hat die Nutzung per Verordnung untersagt - die Miete von den Pächtern will das Land aber trotzdem kassieren. Und das, obwohl der Regierende Bürgermeister den Mietern und Pächtern von Landesimmobilien Hilfe versprochen hatte. Oder hatte er sich da versprochen?
In einer Mail an den Finanzsenator vom 30. April („Lieber Matthias“) schimpft der SPD-Abgeordnete Robert Schaddach:
„Aleksander (gemeint ist Sportstaatssekretär Aleksander Dzembritzki) hat berichtet, dass der Verzicht auf Mieten/Pachten bei den verpachteten Bädern an Dir scheitert. Du kannst doch nicht allen Ernstes weiter darauf beharren, dass die Pächter Miete/Pacht zahlen sollen, aber die Mietsache nicht nutzen können für den vorgesehenen Zweck. Wie sieht da die Lösung aus?“
Das wollen auch die Pächter wissen, die statt des angekündigten „Tages der offenen Tür“ (in einer anderen Welt gestern u.a. im Seebad Friedrichshagen) Wochen der leeren Kassen vor sich haben. Wir trösten uns (und die Pächter) mit einem Dialog aus „Hai-Alarm am Müggelsee“: „Baden ist nicht gut. Wasser ist nicht gut für Sie.“ – „Warum soll das nicht gut sein?“ – „Das ist jetzt so. Muss man alles erklären!?“ – „Ja.“.
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Alles neu macht der Mai – das Halten auf Fahrrad-Schutzstreifen ist ab sofort verboten (bisher waren drei Minuten erlaubt). Dazu der Ordnungsstadtrat von Pankow: „Diese Regelung wird in der Praxis kaum durchzusetzen sein.“
Was wegen Corona steigt (Berlin, April zum Vorjahresmonat):
1) Die Zahl der Arbeitslosen (auf 183.000, plus 22,7%)
2) Die Zahl der Autorennen (auf 98 Strafverfahren, plus 60%)
3) Die Schulden Berlins (auf min. 62 Mrd Euro, plus ca. 11%).
Sneak Preview des Zwischenberichts der Expertenkommission zu den Zuständen in der Staatlichen Ballettschule und der Schule für Artistik: Die von betroffenen Schülerinnen behauptete „Kultur der Angst“ ist demnach tatsächlich „prägend“ an der Elite-Einrichtung, das Training gesundheitsgefährdend und das Kindeswohl gefährdet. Offiziell liegt der Zwischenbericht noch nicht vor, unsere Kollegin Susanne Vieth-Entus hat ihn sich aber schon mal angesehen und für den Tagesspiegel ausgewertet.
Die Bildungsverwaltung hat unterdessen die Ausschreibung 1024/05 2020 für die Ballettschulleitung „berichtigt“: Am 27.3. wurde ein/e Oberstudiendirektor/in gesucht, jetzt ein/e Studiendirektor/in. Da wird doch wohl nicht etwa eine Vorentscheidung passend gemacht…
Zu besetzen ist die Stelle laut Ausschreibung „Schnellstmöglich nach Freiwerden“ – und Klarheit darüber, was schnellstmöglich heißt, könnte es schnellstmöglich geben: Der bisherige Leiter scheiterte vor dem Arbeitsgericht mit Anträgen gegen seinen Rauswurf und die Stellenausschreibung ebenso wie mit der folgenden Beschwerde. Die Entscheidung in der Hauptsache fällt am 11. Mai.
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Das Bud-Spencer-Museum mit der Show „Plattfuß in Berlin“ wird wegen Corona erst 2021 eröffnet – es kommentierte der Meister selbst: „Wiedersehen, aber es eilt nicht!“ (Aus „Plattfuß in Hong Kong, 1974)
Falls sie es verpasst haben: Hier können Sie nochmal das Tagesspiegel-Facebook-Konzert mit Celina Bostic sehen – aufgenommen live in ihrem Wohnzimmer.
Die Modeunternehmerin Daniela Fay („Golf Couture“) aus dem schönen Pontresina bei St. Moritz in der Schweiz hätte sich für 10.000 Euro auch einen bebauten Quadratmeter in Berlin kaufen können, aber: sie spendete diesen Betrag - zugunsten der Initiative „FaireMietenBauen“ des Wohnungsbauvereins „Neue Wege für Berlin“ (bei der Innenverwaltung angemeldet wegen Überschreitung der 5000-Euro-Grenze).
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Aus dem Amtsblatt: „Die Verwaltungsvorschrift für die Überwachung der Hygiene in Einrichtungen des Badewesens mit Ausnahme von Freibädern“ ist mit Ablauf des 31. März 2020 außer Kraft getreten, wegen des „Grundsatzes der Selbstbindung der Verwaltung“ ist sie aber weiter anzuwenden. Hm, gute Idee – die Probleme der Bürgerämter könnten mit einem Schlag gelöst werden, wenn dieses Prinzip auch auf andere Verwaltungsvorgänge angewandt würde (Ausweise, Vignetten, Aufenthaltsgenehmigungen…)
Online verfügbaren Bürgeramtstermine bis Ende Juni: 0 (null, zero, sıfır).
Übrigens: Abgelaufene „Berlinpässe“ (und damit auch die Vergünstigungen) bleiben wegen der Corona-Krise vorerst bis zum 31. Mai gültig – BVG und S-Bahn wurden darüber vom Senat informiert.
Eine kleine gute Nachricht für die Welt, eine schlechte Nachricht für den Flughafenchef: Pünktlich zur Tegel-Schließung hat das Abgeordnetenhaus den Antrag „klimafreundliche Dienstreisen“ beschlossen (Drucksache 18/2552) – damit werden mehr als 1100 innerdeutschen Politik-Flüge pro Jahr grundsätzlich auf die Schiene verlegt. Wichtiger CP-Hinweis: Auch im Schlafwagen geht’s zur Macht.
Durchgecheckt
Dirk Behrendt ist Landwirtschaftssenator (u.a. auch zuständig für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung) und Mitglied der Grünen. (Foto: Twitter / Dirk Behrendt)
Sie wollen „das Schweinesystem aus den Angeln heben“ – was bedeutet das konkret?
Die Massentierhaltung in der Landwirtschaft ist schlecht für die Umwelt, sie ist schlecht für das Klima und sie ist schlecht für die Tiere, die auf engstem Raum eingepfercht sind und leiden. Beispielhaft dafür steht der Kastenstand, ein Metallverhau, in dem sich die Säue weder vor- und zurückbewegen noch sich ausgestreckt hinlegen können. Wenn wir es mit Tier-, Klima- und Umweltschutz ernst meinen, dann kommen wir an einer Agrar- und Ernährungswende nicht vorbei. Das bedeutet weg von der konventionellen Landwirtschaft und hin zu einer nachhaltigen und ökologischen Landwirtschaft. Und das bedeutet eben auch, weg von der Massentierhaltung mit Kastenstand und drangvoller Enge ohne jedes Tageslicht.
Berlin hat keine eigene nennenswerte Landwirtschaft – was macht das Thema Massentierhaltung für Sie als Senator relevant?
Berlin hat fast vier Millionen Verbraucherinnen und Verbraucher. Und viele von ihnen haben eine hohe Sensibilität, wie wir mit Tieren in der Landwirtschaft umgehen. Die Massentierhaltung von Schweinen ist alles andere als tiergerecht. Deshalb hat der Senat auf meinen Vorschlag hin im letzten Jahr die Regeln der Schweinehaltung vor dem Bundesverfassungsgericht angegriffen. Wir rechnen im kommenden Jahr mit einer Entscheidung aus Karlsruhe. Und dann ist hoffentlich endgültig Schluss mit der Kastenstandhaltung in Deutschland.
Ist es ethisch vertretbar, Schweinefleisch zu essen, solange die Zustände in den Massentierhaltungsställen, wie Sie sagen, „eine wirkliche Sauerei“ sind?
Gegen den Verzehr von nachhaltig und tierschutzgerecht produziertem Schweinefleisch spricht nichts. Ich selbst versuche soweit wie möglich auf konventionelles Schweinefleisch zu verzichten. Aber letztlich muss jeder selbst wissen, ob ihm mehr Tierwohl etwas wert ist.
Warum fällt es so schwer, die Zustände in den Ställen zu verbessern?
Die Stichworte lauten Angebot und Nachfrage. Für Berlin kann ich sagen: Die Nachfrage nach bioregionalen und nachhaltig produzierten Lebensmitteln ist riesig. Berlin ist bereits heute der größte Biomarkt Europas. Beim Angebot schauen wir nach Brandenburg. Schließlich liegt mit Brandenburg ein großes Agrarland vor den Toren der Stadt. Wenn Brandenburg diesen enormen Bedarf an nachhaltigen Lebensmitteln auch nur teilweise decken würde, könnten wir die Zustände in den Ställen und der Landwirtschaft insgesamt verbessern. Und genau das strebt der Senat mit der Berliner Ernährungsstrategie an.
Zum Abschluss die Corona-Frage: Was vermissen Sie zurzeit am meisten – und welcher Verzicht fällt Ihnen vielleicht leichter als gedacht?
Am meisten fehlt mir das Theater, gerade jetzt Anfang Mai das Berliner Theatertreffen. Kaum vermisse ich den ein oder anderen Stehempfang, wo immer noch viel zu viel konventionelles Schweinefleisch gereicht wird.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Der Sonnenaufgang ist ein flüchtiges Phänomen, das nur wenige Minuten dauert. Falls Sie diese Zeilen im Bett lesen, haben Sie ihn höchstwahrscheinlich schon verpasst. Zumindest akustisch können Sie es aber noch nachholen, denn das Londoner SoundCamp-Kollektiv hatte eine Idee: Für ihr Projekt „Reveil“ haben sie Sound-Künstlerinnen rund um den Globus in Städten, Regenwäldern und unter Wasser eingeladen, ihre Mikrofone zum heutigen Sonnenaufgang aufzubauen und die Signale an denselben Server live zu senden. Und weil die Sonne nicht überall zugleich aufgeht, entsteht eine 24-Stunden-Dauersendung, die immer weiter von einer zur nächsten Station überblendet. Beginn der Übertragung war natürlich um 5 Uhr nach Greenwich Zeit, bei uns also um Punkt 6. Erst Sonntagfrüh wird überall auf dem Planeten Samstagmorgen gewesen sein.
Samstagmittag – Kein Bier vor vier, schon klar. Früher wird man jetzt auch nicht an das Bräu kommen, denn die Bar Beereau verkauft eben erst ab 16 Uhr ihre Vorräte aus und schließt im Anschluss bis auf Weiteres den Betrieb wegen der allgemeinen Lage. Am Freitag soll das Sortiment noch über 250 Sorten aus aller Welt umfasst haben. Heute ist der letzte Tag des Ausverkaufs in der Claire-Waldoff-Straße 4 (U-Bhf Oranienburger Tor). Um 20 Uhr ist es vorbei.
Samstagabend – Statt sich nun mit Kaltgetränk in der Hand in gewohnten Video-Bilderfluten zu betten, wie wäre es damit, sich von einer verwirrten, streckenweise nervig und unverständlich faselnden oder völlig zusammenhanglos vor sich hin assoziierenden Sprechstimme in den Tagesausklang geleiten zu lassen? In der Reihe New Empathies findet um 20 Uhr eine Online-Performance des spanischen Tänzers Juan Dominguez statt. „My only Memory“ soll wie eine Reise der inneren Stimme durch Erinnerungen und Assoziationsräume sein, die dem Performer als vollwertiger Körperersatz genügen soll. Aus technischen Gründen erfordert die Teilnahme am Stream (of consciousness) eine rechtzeitige Anmeldung per E-Mail.
Sonntagmorgen – Die räumliche Bewegung mag zurzeit eingeschränkt sein. Einen Ausweg aus dem Stillstand bietet dafür einmal mehr die Geschichte. Genauer, „Bilder und Geschichten einer Großstadt“. So lautet die Unterüberschrift zum Archivprojekt 1000 x Berlin, das in Kooperation zwischen Berliner Regionalmuseen und der Stiftung Stadtmuseum Berlin ins Leben gerufen wurde. Die Seite enthält dermaßen reiches und schön aufbereitetes Material, dass man leicht die Zeit aus den Augen verliert und ihn verpasst, den…
…Sonntagmittag. Sie haben die Online-Ausgabe des XJazz-Festivals letzte Woche verpasst? Kein Problem, auch der heutige Tag lässt sich ja anjazzen. Zum Beispiel mit dem Köllner Pianisten Pablo Held. Der ist nicht nur am Instrument versiert, sondern pflegt seit 2018 den Videoblog „Pablo Held Investigates“, für den er schon solche Koryphäen wie Steve Swallow, Dave Holland oder Helge Schneider gewinnen konnte. Das Besondere ist aber, dass sich seine Gesprächspartner ihm als Kollegen ganz anders öffnen, als zum Beispiel einem Journalisten. Etwas Nerd-Talk liegt dabei in der Natur der Sache, die aber zu einem immer imposanteren Zeitdokument wächst. Teils auf Deutsch, überwiegend auf Englisch wird hier viel wirklich über Musik gesprochen, statt nur über die Leute und das Geschäft drumherum.
Sonntagabend – Zum Wochenendeende hin soll sich die Wetterlage zunehmend ausgehfreundlich stimmen (mal sehen!) und schon hört man Zyniker zwischenrufen, nur nachts sei schönes Wetter. Dabei ist das doch ideal, zumal bei Sonnenschein in manchen Gegenden kaum ohne die gebotene Distanz durchzukommen ist. So, wie in dieser Zeit, haben Sie die Ausgehzonen der Stadt bei Nacht noch nie erlebt – Menschenleere nahe geschlossener Clubs und Bars, wo man sich noch im Februar in einem die Sinne überflutenden Farben-, Stimmen- und Körpermeer verlor. Klar ist das eine Unternehmung für Melancholiker. Aber auch ein Stück Zeitgeschichte, das vorbei sein wird, wenn es vorbei sein wird.
Mein Wochenende mit
Liedermacher Manfred Maurenbrecher wird heute 70 und hat sich mit seinem neuen Album „Inneres Ausland“ selbst beschenkt. (Foto: Christian Biadacz | 28IF Musikpromotion)
„Den 1. Mai, früher der Tag für eine linke Demo in Neukölln, später für Schaulustigenspaziergänge zwischen Kreuz - und Prenzlberg, haben wir diesmal coronamäßig zu einem Ausflug aus unserer Künstlerkolonie hinaus zum Teltowkanal in Steglitz genutzt. Gesittet zu zweit in Kernfamilienformation, zwei Kugeln bei der Eisfee Paulsen-, Ecke Forststraße, zügigen Schritts vorbei am ausgeweideten, sich für die Aufgabe, ein Turm millionenschwerer Eigentumswohnungen zu werden, rüstenden Steglitzer Kreisel. Der Teltowkanal lädt zum Wandern bis nach Potsdam ein – aber wir haben in Zehlendorf die Biege gemacht. Abends spielte ich Klavier in meinen Geburtstag hinein als Vorbereitung für meine Heimkonzerte, die ich mittwochs aus meinem Wohnzimmer streame, fast ohne ein Stück zu wiederholen. Da muss ich ordentlich die alten Lieder üben. Um null Uhr haben wir auf meinen Geburtstag angestoßen. Eigentlich sollte in sehr großer Runde in einem Kloster in Polen gefeiert werden, knapp hinter der Grenze in Cedynia, jetzt unerreichbar. Nun wird das Telefon klingeln und die Nachrichtenapps glühen. Kulinarischer Nachschub wird im Restaurant Pastis am Rüdesheimer Platz besorgt. Am Sonntag fahren wir dorthin, wo die große Feier hätte sein sollen. Bei Hohensaaten im Brandenburgischen sitzt man an der Schleuse und genießt die Stille zwischen Alter Oder, Grenz-Oder und dem Friedrichsthaler Kanal. In der Bruchware in Bad Freienwalde gibt´s neben regionalen Produkten, Kaffee to go und papers to read auch ein Fischbrötchen für die Rückfahrt.“
Das Record-Release-Konzert von Maurenbrechers neuem Album wurde auf den 26. November verschoben, im hoffentlich im dann noch existierenden Mehringhof-Theater.
Leseempfehlungen
Bücher von Nobelpreisträgern sind eigentlich keine Geheimtipps. Aber manchmal sind sie es doch. Denkt man an Kazuo Ishiguro, Preisträger 2017, kommen einem sofort Titel wie „Was vom Tage übrigblieb“ oder „Alles, was wir geben mussten“ in den Sinn. Sein 1995er Roman „The Unconsoled“, deutsch „Die Ungetrösteten“ (736 Seiten, 10,99 Euro) hat hingegen nicht einmal einen eigenen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag, fiel bei der internationalen Kritik größtenteils durch und ist auch im gutsortierten Buchhandel nicht immer zu bekommen. Dabei passt dieses Fest der Ambivalenz und unschlüssigen Atmosphäre so gut in die heutige Zeit.
Wer sich angesichts der vielen unbekannten Größen, die unser Leben heute bestimmen, lieber in Eindeutiges flüchten mag, sollte zu Benjamin Quaderers gerade erschienenem Debüt „Für immer die Alpen“ (592 Seiten, Hardcover, 22 Euro) greifen. Was gibt es Beständigeres als Berge?
Wochenrätsel
Berlin ist Deutschlands größtes Brutgebiet für
a) Sperlinge
b) Nachtigallen
c) Eulen
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Zum Schluss, für Romantiker, Melancholiker und Zeitgeschichts-Enthusiasten eine Bilderstrecke des niederländischen Fotografen Maarten Delobel. Er hat einige Nachtspaziergänge durch die Berliner Clubwelt unternommen und soll die verschlossenen Tore zu Uhrzeiten fotografiert haben, an denen der Andrang normalerweise am höchsten gewesen wäre. Wer sich übrigens für die Farbwirkungen der Bilder interessiert, befrage am besten Athanasius Kircher. Der hat im 17. Jahrhundert entdeckt, dass Farbmischungen mit Pigmenten anders funktionieren als durch optische Effekte. Bis heute haben wir das ständig vor Augen, denn der Bildschirm, auf dem Sie das hier lesen oder die Club-Bilderstrecke betrachten, mischt seine Wellenlängen auch nicht mit den drei Schul-Grundfarben. Heute hat Kircher Geburtstag, genau wie Karl Ludwig Nessler, der Erfinder der Dauerwelle.
Haben Sie ein schönes Wochenende,