VW hat eine neue Kühlerfigur (hier zu besichtigen): Kein Verantwortlicher will etwas gesehen oder gehört haben davon (und schon gar nicht darüber geredet haben), dass eine von den großen deutschen Autokonzernen als wissenschaftliche Vereinigung getarnte PR-Tuningbude zu Testzwecken nicht nur Affen mit Dieselabgasen einnebeln ließ, sondern auch 25 Menschen. Die Bundesregierung kommentierte das gestern mit den Worten „entsetzlich“, „abscheulich“, „ungeheuerlich“ und „widerwärtig“.
Die Nachricht ist vor dem Hintergrund der millionenfachen Manipulation der Abgaswerte gewissermaßen ein Selbstzünder für spontane Empörung - allerdings lohnt auch hier wiedermal der Blick aufs Kleingedruckte: Tierversuche, ja selbst Menschenversuche sind nicht nur bei Luftqualitätsuntersuchungen übliche Praxis – und zwar ohne, dass der Regierungssprecher immer gleich hyperventiliert (auch in diesem Fall gab übrigens eine Ethikkommission ihr Okay). Ohnehin findet das skandalösere Experiment jeden Tag auf den Straßen der Städte statt: 28.500 vorzeitige Todesfälle als Folge von Stickoxiden aus Dieselabgasen zählt die EU pro Jahr – 11.400 davon infolge nicht eingehaltener Abgasgrenzwerte.
Die Symbolkraft der Affen, die aus Marketinggründen verdieselt wurden, um im Leidensvergleich die vermeintliche Überlegenheit neuerer, angeblich „gesünderer“ Modelle Made in Germany zu promoten, ist allerdings gewaltig – und erklärt auch die Panik in Politik und Produktion: Auch Industriedinosaurier können aussterben, wenn sie nicht anpassungsfähig sind an eine sich wandelnde Welt. (Mehr dazu heute auch im Dienstagskommentar auf Radioeins um kurz nach 8.)
Ein Januar-Ende ohne Eiseskälte und Schnee? Da überkommt die S-Bahn doch glatt der Phantomschmerz – sie simuliert den Winter einfach, und zack: gibt’s auch bei 10 Grad plus die typischen kalendarischen Ausfallerscheinungen. Aus dem Lagebericht von gestern: „Wegen einer Stellwerkstörung in Ostkreuz kommt es auf den Linien S3, S5, S7, S75 und S9 zu Verspätungen und eventuellen Zugausfällen. Wegen einer Signalstörung in Bornholmer Straße kommt es auf den Linien S2, S8 und S85 zu Verspätungen und Zugausfällen.“ Damit waren 8 von 16 Linien betroffen. Erst um 20.46 Uhr, als mehr oder weniger alle Berufsfahrgäste wieder zuhause waren, meldete die S-Bahn: „Der Zugverkehr im gesamten Netz verläuft momentan ohne Störungen. Gute Fahrt!“ Checkpoint-Hinweis: Betonung auf „momentan“.
Highlight heute: die Senatsklausur mit der Präsentation dessen, was die Verwaltungsreform-Kommission als Zwischenergebnis zusammengetragen hat. Nach einer Vorbesprechung waren allerdings alle erstmal etwas konsterniert. Doch Revolutionäres war ohnehin nicht zu erwarten – zur Erinnerung, die Aufgabe lautete: keine Vorschläge, für die es einer Verfassungsänderung bedarf. So werden sich die Erläuterungen zu den Powerpoints wohl erstmal mit kaum viel mehr als einer besseren Steuerung des Projektmanagements befassen können. Aber eigentlich wäre das ja auch schon ein bisschen revolutionär.
Blick ins vorläufige Parlamentsprotokoll, Debatte über das Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) vom 22.1., Rede des Grünen-Abgeordneten Georg Kössler:
„Doch dann frage ich: Wo sind denn Ihre wissenschaftlichen Fakten? Denn bei der Rettung des Planeten muss es doch um Fakten gehen, nicht um Ideologie!“
(Lachen von Holger Krestel, FDP)
„Aber genau diese verfolgen hier ja einige, wenn sie sagen: Der Markt wird es schon richten! Oder: Der Klimawandel ist gar nicht menschengemacht!“
(Zuruf von Holger Krestel)
„Drücken Sie bitte den Knopf, wenn Sie mit mir reden wollen, oder lassen Sie es!“
(Holger Krestel: „Wir reden ja nicht mit Ihnen, wir machen uns über Sie lustig!“)
Telegramm
TXL könnte ein Fall fürs Verfassungsgericht werden – die FDP erwägt eine Klage, sollte der Senat an der Schließung festhalten. Zur Verhandlung müsste Sebastian Czaja allerdings besser mit dem Zug anreisen – Direktflüge Berlin-Karlsruhe gibt es derzeit nicht. (Q: „Berliner Zeitung“)
Sensation: Michael Müller landet bei einer Beliebtheitsbefragung im Ministerpräsidentenvergleich auf einem hervorragenden 14. Platz – nach Abzug der gewohnten Meckerigkeit der Berliner dürfte er damit Netto-Spitzenreiter sein (Q: Forsa für RTL).
Mit angezogener Handbremse will der Senat in ein paar Monaten das Kreditkartenchaos in den Taxis auf Berliner Art klären: Statt der verbotenen Zusatzgebühren fürs bargeldlose Zahlen (die trotzdem noch verlangt werden) können die Fahrer künftig wohl mehr für den gefahrenen Kilometer kassieren.
Jubiläum auf der Heerstraße: Seit 2008 stehen Höhe Havelchaussee links und rechts der Fahrbahnen (50.000 Autos täglich) mitten auf dem Rad- und Gehweg zwei rot-weiße Baustellenabsperrungen. Vor zwei Jahren (also acht Jahre nach Errichtung) erklärte der Senat: „Korrosionsschäden, wird erledigt bis Ende 2016“. Nachfrage Ende Januar 2018, Antwort des Büros der Verkehrssenatorin: „Kein neuer Sachstand“. Da können wir nachhelfen, denn der verändert sich täglich: Nach Katalogpreis summiert sich alleine die Leihgebühr für die Gitter inzwischen auf 57.460 Euro.
Und da wir gerade in Spandau sind: Der Kinderbauernhof Gatow lädt zum Saisonstart am Wochenende „mit einem Schlachtfest“ ein – natürlich wird da für die Erwachsenen auch „frisch Geschlachtetes“ aufgetischt. Und für die Kleinen „gibt’s eine Entdeckertour“ mit „Besuch bei den Ziegen, Schweinen, Gänsen, Kaninchen oder beim süßen Nachwuchs der Schwarzkopf-Schafe - den Lämmchen“. Tja, liebe Kinder, so ist das Leben: gerade noch so süß, und zack - schon gut gewürzt bei Papa im Bauch.
Frisch Geschlachtetes vom Schaf gab’s übrigens gerade auch in der Neuköllner Hasenheide - die „B.Z.“ fragt: „Wer schlachtete das Schaf aus dem Streichelzoo?“ Sachdienliche Hinweise nimmt auch der Kinderbauernhof Gatow entgegen.
„Wer viel kocht und putzt, fühlt sich gesund“, meldet die „Berliner Zeitung“. Hm, das wäre immerhin mal eine Erklärung für den überdurchschnittlichen Krankenstand in Berlin.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wer heute noch vom ‚Roten Rathaus‘ redet, der macht sich als verbissener Traditionalist kenntlich, als ein Reaktionär, der sich den Erfordernissen des modernen Stadtmarketings absichtlich in den Weg stellt.“
Bernd Matthies im Tagesspiegel über die Bemühungen, auf alles in der Stadt den Stempel „Berlin“ zu drücken – wie eben auch beim umbenannten, heutigen „Berliner Rathaus“. Mehr zur Umbenennung der Zitadelle Spandau in Zitadelle Berlin (und zurück) heute im „Encore“.
Tweet des Tages
„Ich hoffe immer noch, dass die Linksfraktion solches nicht praktiziert. Sowas überlassen wir lieber Trump und der AfD.“
Antwort d. Red.: Reaktion von Kultursenator Klaus Lederer auf den Umstand, dass die Bundestagsfraktion seiner Partei dem für die Linke zuständigen Tagesspiegel-Redakteur Matthias Meisner gestern Abend wegen angeblich „falscher Berichterstattung“ den Zugang zu ihrem Neujahrsempfang verweigern wollte. Eine Einladung bekam er nicht, und die Einladung einer Tagesspiegel-Kollegin sei auf ihn „nicht übertragbar“, teilte Pressesprecher Michael Schlick mit. Am Ende kam Meisner doch rein – ohne Einladung und ganz ohne Kontrolle.
Stadtleben
Für ihre Kolumne war Elisabeth Binder letzte Woche im La Lucha, ebenfalls in Kreuzberg (Paul Lincke Ufer 39/41), das wir im Sommer wegen der tollen Mojitos auf der Außenterrasse bereits empfohlen haben. Im Winter ist es drinnen recht kuschelig und die Servicekräfte passen auf, dass die mexikanischen Speisen auch brav geteilt werden – nachzulesen hier. Immer montags ist übrigens Surf-and-Turf-Tag im La Lucha: Für 25 Euro gibt es dann ein Stück Entrecôte, drei Riesengarnelen, Schwarze-Bohnen-Chorizo-Eintopf und hausgemachte Pommes. Geöffnet tgl. ab 18 Uhr, unbedingt reservieren, barrierefrei
Aber bevor Sie an mexikanisches Essen denken, darf es vielleicht erstmal ein mexikanischer Kaffee sein. Im Xochimilco am Steglitzer Damm 19 holt sich die Community den täglich Schuss Koffein, manch einer auch eine originale Jarritos Limo. S-Bhf Rathaus Steglitz oder S-Bhf Südende, Mo-Fr 8.30-18.30 Uhr, Sa 9-14 Uhr
Man trägt es die ganze Zeit mit sich herum – warum also nicht gleich um den Hals hängen? Yara Yentzsch, die seit einem Jahr buntgemusterte Halsketten fürs Telefon (18 Euro) unter dem Label Xouxou verkauft, spricht aus Erfahrung: Als Mutter erwies sich das Handy am Hals als praktisch – kein unnötiges Suchen mehr. Zerkratzen kann es dort auch nicht so schnell. Mit der Makrameeknoten-Technik knüpft sie auch Wandhänger (45-92 Euro), Pflanzenampeln (42-62 Euro) und Schnullerketten (18 Euro)