Bei der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz haben die Kanzlerin, der Präsident und der Regierende Bürgermeister über Fehler und Versäumnisse staatlicher Stellen gesprochen. Michael Müller bat die Angehörigen der Todesopfer und die Überlebenden um Verzeihung – die stärkste Geste des Tages. Eine Reportage des Geschehens, das am Morgen mit der Einweihung des Mahnmals begann und am Abend mit Glockenläuten und einer Lichterkette endete, finden Sie hier.
Zu den anderen Meldungen des Tages:
Die Air-Berlin-Insolvenz hinterlässt weit tiefere Spuren in der Stadt als bisher bekannt. So sank die Zahl der Übernachtungen von Besuchern im November drastisch – und Besserung ist auf absehbare Zeit nicht in Sicht: Bei einem Krisentreffen beklagten sich Berliner Hotelchefs über einen massiven Buchungseinbruch - aus Mangel an preiswerten Direktflügen suchen sich viele Touristen andere Ziele für einen Trip aus.
Dass die Lufthansa dabei nicht die Lösung, sondern das Problem ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen (sogar bis zum Regierenden Bürgermeister). Schon zuvor war das Unternehmen darauf bedacht, vor allem die Kunden der ausländischen Konkurrenz auf dem Weg nach Berlin zum Umsteigen zu zwingen – zugunsten der Standorte Frankfurt und München. Eine Politik, die vor allem der Dynastie von CSU-Verkehrsministern gefiel, die als Vertreter des Anteilseigners Bund der Berliner Flughafengesellschaft das Leben erschwerten. Und der nächste von der Sorte steht schon am Check-in-Schalter der Bundesregierung: Bisher-Generalsekretär Andreas Scheuer. Vielleicht wären Neuwahlen ja doch gar nicht so schlecht.
Aber das eigentliche Drama ist ja hausgemacht – wäre der BER wie geplant 2012 ans Netz gegangen, könnte Berlins Wirtschaft längst von einem anderen Stern winken. Und nach sieben geplatzten Eröffnungen setzen viele Fluggesellschaften eben auch nach der Bekanntgabe des nächsten Termins 2020 vorsichthalber erstmal nicht auf große Pläne für neue interkontinentale Direktverbindungen in die Stadt.
Apropos BER: Wie unabhängig ist hier eigentlich der TÜV? Auf sein Urteil kommt es an, wenn es irgendwann um die Freigabe geht. Zugleich ist der Verein aber auch Auftragnehmer von Siemens auf der Baustelle – und ebenso von der Flughafengesellschaft. Aber vielleicht muss der Laden ja auch irgendwie bei Laune gehalten werden.
Ganz Berlin konnte gestern früh mit einem einzigen Wort Betriebsstörungsbingo spielen – es lautete „Stellwerksausfall“. Offen blieben die drei beliebten Fragen „wieso, weshalb, warum.“ Dass es am brutalen Wintereinbruch lag (3 Flocken bei minus 2 Grad für die Dauer von 1 Minute um 0 Uhr), wies die S-Bahn zurück, nannte aber auch keine anderen Gründe (brutale Hitze können wir trotzdem schon mal streichen).
Sebastian Muschter, Anfang 2016 von McKinsey an die Spitze des überforderten Landesamts für Gesundheit und Soziales gewechselt, hat seine Erfahrungen in einem Buch verarbeitet, der Titel: „Gestalten statt verwalten! Lehren aus der Lageso-Krise“. Der Berater sagt: „Das Flüchtlingsthema war ein Vorbote, was passieren kann, wenn eine ausgezehrte, überalterte, analoge Verwaltung auf die moderne Welt trifft, und von der Politik erst zu spät Hilfe erhält.“ Muschter bringt das Buch selbst heraus – und startet dazu am 4. Januar eine Crowdfunding-Kampagne. Der offizielle Verkauf beginnt Anfang März, in einem kurzen Video dazu stellt er fest: „Wir hatten keine Flüchtlingskrise, sondern eine Verwaltungskrise.“
Telegramm
Und damit zur teils desaströsen Ausstattung der Bezirksämter, heute am Beispiel Mitte: Zu den Wünschen, die nicht mit den Mitteln für 2018/19 erfüllt werden können, zählt Bürgermeister Stephan von Dassel im Bereich IT u.a. „aktuelles Office Paket, Funktionsfähigkeit von Standardanwendungen gewährleisten, IT-Wartung außerhalb der Arbeitszeiten“ (Anfrage: Kurt Taylan). Könnte in der Digitalhauptstadt des Universums aka Berlin natürlich nie passieren.
Hier mal was für Freunde der These, bei der AfD handle es sich im Kern um eine bürgerliche Partei: Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, stellvertretende Vorsitzende von Partei und Fraktion, teilt per Twitter mit: „Je länger Merkel am Ruder der CDU bleibt, desto mehr Fleisch werden wir von ihrem Kadaver reißen.“ Offenbar war ihr mal wieder die Maus ausgerutscht – sie löschte den Tweet später, aber natürlich wurde er vorher kopiert (u.a. hier von Marc Etzold)
Um seinen Anspruch auf einen Sitzplatz in der U6 anzumelden, zog ein Rentner am Bahnhof Borsigwalde nicht seinen Schwerbehindertenausweis, sondern eine Schreckschusspistole. Das funktionierte: Kurz darauf saß er – allerdings in einer Polizeiwache.
Dazu auch folgender Hinweis für die Nutzer der U6 im Norden: Falls Sie wissen wollen, wie es um die Streckensanierung steht und wann sie (vielleicht) fertig ist – in seinem „Leute-Newsletter für Reinickendorf (hier kostenlos zu bestellen) hat Gerd Appenzeller heute Neuigkeiten für Sie.
Und falls Sie doch lieber mit dem Porsche unterwegs sind: Verschaffen Sie sich nicht dadurch freie Bahn, indem Sie so tun, als würden Sie an einer Absperrung für Filmaufnahmen den Posten über den Haufen fahren. Ein Medizin-Professor hatte das in seinem grünen 911er bei den Dreharbeiten für „Homeland“ in Zehlendorf versucht - das kostete ihn jetzt vor Gericht 3000 Euro (für den Preis hätte er sich auch eine neue Radkappe leisten können).
Dabei fällt mir ein: Auf unserem Debatten-Portal „Causa“ ist gerade eine schöne Diskussion zur Frage „Zu viele Autos in der Stadt?“ gestartet – schauen Sie gerne mal rein.
Neue Nachrichten vom DHL-Boten: Eine Schöneberger WG ist bei den Lieferanten und Nachbarn als „Postannahmestelle“ bekannt – hier landet fast täglich ein Päckchen im Flur. Einem Zusteller waren jetzt aber wohl die Zettel ausgegangen - er kritzelte die Worte „Packet bei R…“ direkt auf den Briefkasten (hier zu sehen).
Hilferuf aus Adlershof: Hier ist der Pädiatrie-Notstand ausgebrochen –Termine gibt es erst nach monatelanger Wartezeit (wenn überhaupt), selbst kranke Kinder werden nicht mehr versorgt, berufstätige Eltern bekommen keinen Nachweis. Kommentar einer betroffenen Mutter: „Ich empfinde das als unterlassene Hilfeleistung“.
Jeden Mittwoch im Tagesspiegel: „Menschen helfen“, die Seite über bürgerschaftliches Engagement in der Stadt, heute mit einem Bericht über Wohngruppen im Elisabethstift für Kinder und Jugendliche, deren Familien in eine Krise geraten sind - eines von 58 Projekten unserer diesjährigen Tagesspiegel-Spendenaktion. Weitere Informationen gibt’s hier.
Post von der Schweizerin Anita Schöttli, die vor zwei Jahren von Zürich in unser Städtchen kam: „Berliner, bitte nörgelt ein klein bisschen weniger! Ihr habt es doch so gut!“ Checkpoint-Analyse: Zürich ist offenbar keine Alternative.
Korrektur zum Beitrag „Extremisten veröffentlichen Fotos von 54 Polizisten und bitten um Hinweise: Wo wohnen sie? Wo sind sie privat anzutreffen?“ (CP von gestern): Nicht das Netzwerk „indymedia“ wurde verboten, sondern die damit verbundene Plattform „linksunten.indymedia“. Die Fotos wurden auf „de.indymedia“ gepostet.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Sie dürfen alles anfassen“.
Der Bundestagsabgeordnete Thomas Heilmann zu einer WDR-Mitarbeiterin, die ihm den Kragen richten sollte, vor der Aufnahme eines Statements zu sexueller Belästigung von Frauen.
Zitat
„Ich bin mir sicher, dass wir die meisten der jungen Muslime, die antisemitische Parolen skandiert haben, erreichen können.“
Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Senatskanzlei, in einem persönlichen Beitrag für den Tagesspiegel über Antisemitismus, den Nahostkonflikt und Trumps Jerusalem-Entscheidung.
Tweet des Tages
Der Weihnachtsmann wohnt beim Fernsehturm und kommt mit der U-Bahn zu uns, meint die Tochter. Wenn der nicht hier ankommt, schiebe ich das der @BVG_Kampagne in die Schuhe. Hihi.
Stadtleben
Essen & Trinken Wer für Weihnachten und Silvester (oder dazwischen) noch die passende Location sucht, ist verdammt spät dran. Zum Glück sind Sie Checkpoint-Leser und zum Glück liegt ein Genuss-Guide auf unserem Schreibtisch - klug sortiert nach Verköstigungsart und Preiskategorie. Darin zu finden: Das Panama in der Potsdamer Straße 91, das über zwei Etagen reichlich Platz bietet, um das Fernweh zu stillen. Die Gerichte der hochtalentierten Küchenchefin Sophia Rudolph (Ex-Souschefin im Rutz) folgen dem Nachhaltigkeitsprinzip mit undogmatischem Fokus auf Gemüse und sind zum Teilen angelegt (9-19 Euro). Dazu gibt es ausgezeichnete Weine (Szenelieblinge und Vertikale bis in die 90er) und eine trendige Tiger Bar. Di-Sa ab 18 Uhr, am 24. Und 25. geschlossen, freie Plätze am 26. Dezember und an Silvester (mit 5-Gänge-Menü für 149 Euro p.P.), Reservierung unter 030-983 208 435