Dem Tagesspiegel liegt heute die Sonderausgabe „Wir wählen die Freiheit“ bei - ein Projekt von 15 Exiljournalisten, betreut von meiner Kollegin Dorothee Nolte, mit einem Aufmachertext von Can Dündar, dem ehemaligen Chefredakteur von „Cumhuriyet“. Bei der Lektüre wird wieder einmal klar: Die Freiheit des Redens und Schreibens ist ein Geschenk, das es jeden Tag zu verteidigen gilt. Übrigens: Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der Welt, sitzt heute seit 207 Tagen in Haft, weil der Staatspräsident (immer noch offiziell EU-Beitrittskandidat) Journalismus für Terrorismus hält. Dass Erdogan es aber auch wirklich nicht immer leicht hat, sehen Sie hier.
Im Dauerwettbewerb „Berlin auf den Punkt gebracht“ hat Polizeipräsident Klaus Kandt gestern den Tagessieg errungen - zum Baubeginn der Alex-Wache sagte er: „Wir stellen hier einen wunderschönen, neuen, hellen, freundlichen Container hin.“ Hach, wie schön - einen Container. So, und jetzt sind Sie dran - die Frage für Berlin-Kenner: Wie viele Herren waren für den ersten Spatenstich zur Aufstellung dieses wunderschönen, neuen, hellen freundlichen Containers erforderlich? Auflösung hier.
So, und jetzt vergleichen wir das noch mal kurz mit dem ersten Spatenstich für den BER im Jahre 2006 n.C. Der BER war ja schon immer ein Karrierebooster: Ex-Geschäftsführer Rainer Schwarz z.B. (1.v.l.) startete von hier aus durch und wurde Chef beim Flughafen Rostock-Lage, Ex-Aufsichtsratschef Klaus Wowereit (3.v.l.) beförderte sich selbst zum Radiokommentator beim Spreeradio, und jetzt hat auch Bodo Mende, aus dem Untersuchungsausschuss bekannter Ex-Flughafenplaner der Senatskanzlei (seine Abteilung wurde inzwischen aufgelöst) den Abflug geschafft: Er ist im Roten Rathaus nun zuständig für Verkehr, Bürgerberatung, Lotto sowie Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Manchmal muss man eben dran glauben - und dann hilft nur noch beten.
Apropos daran glauben: Bei Ausgrabungsarbeiten auf einem Schreibtisch (meinem) wurde soeben ein verschüttetes BER-Horoskop von 2006 zu Tage gefördert, und in seiner Aktualität ist es geradezu bestechend. In Auftrag gegeben hatte es Marion Uhrig-Lammersen als Geschenk für den damaligen Technik-Chef Thomas Weyer, der es bei einem Empfang der Initiative Hauptstadt Berlin (Vorsitzender damals: Markus Voigt, heute VBKI) im Original überreicht bekam. Anlass: Das Urteil des BVerwG Leipzig zum Planfeststellungsbeschluss vom 16.3.2006, verkündet exakt um 11 Uhr, was als Geburtsstunde des BER gilt. Demnach ist der BER, als Wesen betrachtet, Fisch mit Aszendent Krebs, und die Spirit Project GmbH aus Hamburg errechnete daraus folgende Zukunft (Auszug):
„Ihre Energie, nach vorne zu gehen und Initiative zu entwickeln, ist wie hinter einem Schleier verborgen und auch für Sie selbst kaum greifbar. Es ist so, als säße Ihr innerer Held hinter verschlossenen Türen und wäre gezwungen, seine extrovertierte Kraft nach innen zu wenden. Dennoch sind Ihre Durchsetzungskraft und Ihr Wille vorhanden und höchst lebendig. Wenn Sie sich dessen nicht bewusst sind, erleben Sie sich vielleicht oft als handlungsunfähig, zur Passivität verurteilt, ohnmächtig und verworren. Eine vage Unzufriedenheit nagt dann an Ihnen und Sie wissen nicht so recht, wo es lang geht. Manchmal bekommen Sie einen Zipfel Ihrer Kraft zu fassen und im nächsten Moment entzieht sie sich Ihnen wieder. Das für Sie Heilsamste in dieser Situation ist, Ihre meditative Begabung zu schulen und mit innerer Achtsamkeit Ihre Regungen und Impulse zu beobachten. So kommen Sie aus dem Gefühl des Gefangenseins heraus.“ Ok, mal probieren: Ommmmm…
„Die Berliner Politik hat beim Thema Flughafen unfassbare Fehler gemacht - die Berliner Wähler müssen das nicht fortsetzen.“ Meint Sebastian Turner und warnt in der Tegel-Frage vor einer Stimmungsentscheidung ohne Plan wie beim Brexit in GB. Seinen Leitartikel aus dem heutigen Tagesspiegel finden Sie hier.
Die Rache der Castorf-Fans an Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner wegen dessen umstrittener Neubesetzung der Volksbühnen-Intendanz fällt arg kleinlich aus: In Charlottenburg-Wilmersdorf klebten sie nahezu flächendeckend auf die Plakate des SPD-Kandidaten an der immer gleichen Stelle bei rotem Untergrund ein ebenfalls rotes Räuberrad-Logo - auf dem Papier wird damit „Renner“ zum „Penner“ (zum Foto geht’s hier). Checkpoint-Diagnose: Das ist keine Kultur.
Telegramm
Schock für die SPD: Im „Deutschlandtrend“ der ARD kommt sie nach dem TV-Duell nur noch auf 21 Prozent - es wäre das schlimmste Wahlergebnis der Sozialdemokraten in der Geschichte der Bundesrepublik.
Neues von der Jagd auf den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs: Mehr als 1800 Exemplare der illegalen Zuwanderer hat das Fischereiamt mittlerweile im Tiergarten, am Tegeler See und in Rudow erlegt, und im Umweltausschuss diskutierten die sumpfkrebspolitischen Sprecher der Fraktionen gestern ein delikates Thema - sollen die Tiere zum Verzehr freigegeben werden?
Heute beginnen die „Aktionstage für ein schönes Berlin“ - was da läuft und wo Sie mitmachen können, steht auf dieser Karte hier.
Song des Tages: „Hey, wir woll’n die Eisbären seh’n!“ - heute startet die DEL-Saison in der Arena am Ostbahnhof mit dem Spiel gegen die Nürnberg Ice Tigers (19.30), und unsere Sportredaktion hat dazu wieder ihren formidablen Blog aktiviert.
Großer Abend gestern für Radioeins-Moderatorin Britta Steffenhagen: Erst brachte sie am BER die Premierensendung der TV-„Abendshow“ mit Marco Seiffert gut über die Bühne, und eine Stunde später gewann sie mit Alina Faltermayr in der Hamburger Elbphilharmonie den Deutschen Radiopreis für ihre „Radioeins Radio Show” - läuft, würde ich mal sagen. PS: Ebenfalls ausgezeichnet als beste Moderatorin wurde Gerlinde Jänicke von 94,3 rs2.
Zahl des Tages: 3. So viele Zugausfälle gab es gestern auf der Linie U8, was den Takt auf 10 Minuten dehnte - die Ursache in allen drei Fällen: Türschäden (da waren doch wohl nicht etwa welche vom BER eingebaut?).
Nicht vergessen: Morgen gibt’s im Tagesspiegel unser neues Magazin „Tagespiegel Berliner“, mit viel Kunst, Mode, Boxen - und einer schweigsamen Dunja Hayali.
Auweia: Bei der ersten deutschen „Schneepflug-Meisterschaft“ haben die Berliner Teilnehmer die beiden letzten Plätze belegt.
Die „Morgenpost“ bietet einen schönen Klischeevergleich zwischen Köln, Hamburg, München und Berlin an - es geht um Hunde, Touris, Studies, Zugezogene, Grünflächen, Wachstum uvam. Fazit: Sie werden sich wundern (aber die meisten Dönerläden auf 1000 Einwohner haben wir!).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Typisch BVG, selbst die Preiserhöhungen verspäten sich.“
Eines unserer Lieblingstransportunternehmen (neben Kutschen und Bierbikes) will uns damit sagen, dass der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg im Jahr 2018 die Tarife so lässt, wie sie sind.
Tweet des Tages
„Jenseits von pünktlich oder unpünktlich gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.“
Stadtleben
Das Katz Orange im Hof der alten Josty-Brauerei setzt auf altbewährte Berliner Ästhetik: rustikale Holztische, Wiesenblumen in Glasflaschen und Fundstücke vom Flohmarkt. In der Küche aber werden kreative Gerichte aus regionalen Zutaten kredenzt. Zum Beispiel Spare Ribs vom Mecklenburger Freilandschwein an Auberginencreme (9 Euro), Spreewälder Lamm oder „Urweizenrisotto“ an Pfifferlingen und Tofu (17 Euro). Auch die Bar ist immer gut besucht und bietet Drinks jenseits des klassischen Gin-Tonics. Probieren Sie den „Grape Me“ aus Pisco Sour, Basilikum, Minze und St. Germain - „handwerklich sehr gut zubereitet und geschmacklich ausgewogen“ befanden die Kollegen von Mixology (Bergstraße 22, tgl. ab 18 Uhr). Wer keinen Stehplatz am Tresen will, sollte unbedingt reservieren!