Wir beginnen den Tag heute mit einer dringenden Warnung aus täglich gegebenem Anlass: Gestern ist schon wieder ein Radfahrer schwer verletzt worden, diesmal, weil eine Beifahrerin am Halleschen Ufer ihre Autotür unachtsam geöffnet hatte – der Wagen stand in einer Grundstücksausfahrt, der Radfahrer war auf den Gehweg ausgewichen. Es ist doch eigentlich nicht so schwer: Erst umdrehen, dann die Tür öffnen. Sie fahren doch auch nicht erst los und machen dann den Motor an. Oder?
„Bau auf, Bau auf“ fordert nicht nur die FDJ - trotz der Wohnungsnot ist die Zahl der Baugenehmigungen 2017 gegenüber 2016 zurückgegangen (auf 10.616) – und es werden vor allem Eigentumswohnungen gebaut (davon 7360). In den ersten beiden Monaten 2018 ist eine leichte Steigerung zu vermelden, aber wieder: nur 720 Mietwohnungen. Und auch die können sich immer weniger Leute leisten. Was tun? Na ja, einfach den (fälschlich) Marie Antoinette zugeschriebenen Rousseau-Spruch „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“ aktualisieren: „Wenn sie keine Wohnung haben, sollen sie doch ein Loft kaufen.“
Für steigende Mieten macht die Linke übrigens nicht nur die Wohnungsknappheit, sondern, Überraschung: auch den Wohnungsbau verantwortlich – die höheren Preise „Neu“ ziehen auch die Preise „Alt“ nach oben (sehen Grüne und SPD etwas anders). Einig ist sich die Koalition aber wieder darin, dass vor allem der Bund schuld an der Preisentwicklung ist, und Senatorin Katrin Lompscher sagt: „Was wir im Land Berlin tun können, das tun wir.“ Angesichts der Zustände: eine etwas schillernde Antwort.
Die HU hat also eine Studie zum „Littering“ vorgestellt (CP von gestern), dem beliebtesten Berliner Breitensport: Müll wegwerfen. Am besten darin ist die Altersklasse 21 bis 30, und ihr Lieblingsgerät ist der Pappbecher. Zur Dimension des Geschehens: In Berlin werden 20.000 dieser „To-Go“-Behälter verbraucht – pro Stunde! Das ist deutscher Rekord und eine ziemliche Umweltsauerei. Kleiner Tipp: Kaffee schmeckt auch im Mehrwegbecher (wer sich partout keinen leisten kann: Ich habe noch ein oder zwei übrig, können abgeholt werden am Askanischen Platz 3.
Neues von der Affäre Nachtigall: Die Naturschutzverbände haben ihre Stellungnahme zur artenschutzrechtlichen Ausnahme für den Gruppensex dreier gefangener männlicher und dreier gezüchteter weiblicher Vögel abgegeben. Wir vertreiben uns die Zeit bis zur Entscheidung mit der Lektüre einer Vortragsankündigung von Ernst Paul Dörfler, Autor der Bücher „Die Liebe der Vögel“ und „Liebeslust und Ehefrust der Vögel“:
„In Wort und Bild stellt er die Vielfalt der Beziehungsmodelle vor, die die Vögel schon seit Urzeiten praktizieren und damit offensichtlich erfolgreich sind. Da geht es um Monogamie und Polygamie, um Saisonehe und Dauer-Ehe, um flexible Beziehungen, freie Liebe, gleichgeschlechtliche Neigungen und um Fernbeziehungen. Selbst der Tausch der Geschlechterrollen wird in der Vogelwelt praktiziert. Mit Witz und Leichtigkeit erzählt Ernst Paul Dörfler von den Liebeslüsten und Ehedramen der Vögel, ganz so, als seien sie eng mit uns Menschen verwandt.“ Klarer Fall: Die Nachtigall gehört zu Berlin.
Apropos Nachtigall (der Vogel) bzw. Nachtigal (der Kolonialist): Im Namenszirkus um das Afrikanische Viertel (Wedding) gibt es eine sensationelle Rolle rückwärts - Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel schlägt die Umwidmung der umstrittenen „Lüderitzstraße“ (benannt nach einem Geisteskumpel von Nachtigal) in „Lüderitzer Straße“ vor (benannt nach einer unschuldigen Hafenstadt in Namibia, die auch weiterhin so heißen soll). In seinem neuen Newsletter hat von Dassel die Umbenennung einfach schon mal vollzogen, in der Meldung „Die Problemimmobilie Kameruner Straße/Lüderitzer Straße wurde geräumt“. Eine Hinwendung zum Ort (anstatt der Person) hatte zunächst die Anwohnerinitiative I.PAV ins Spiel gebracht (allerdings unter Beibehaltung der Schilder). Oder hat den Bürgermeister das Hin und Her von Stadträtin Sabine Weißler verwirrt?
Um sein Amt als religionspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion redete sich gestern Marcel Luthe - in der Antisemitismus-Debatte kritisierte er den fraktionsübergreifenden Antrag „Gegen Hass und Intoleranz - für Menschenwürde und Religionsfreiheit“: Luthe sah darin eine „Nivellierung der nationalsozialistischen Verbrechen“, eine „Gleichsetzung von Angriffen auf Juden mit irgendwelchen anderen Angriffen auf Menschen in Deutschland“ und ein „In-einen-Topf-Schmeißen von Verbrechen gegen die Juden mit irgendetwas anderem“. Am Abend verkündete Fraktionschef Sebastian Czaja die Ablösung Luthes, Nachfolger ist Paul Fresdorf.
Telegramm
254 Mängel und 32 grobe Fehler bei der Polizeiarbeit im Fall Amri noch vor dem Attentat stehen im Abschlussbericht der „Task Force Lupe“ – deren naheliegende Empfehlung: „Professionalisierung der Einschätzung von überwachten Personen“.
Berlin hat jahrelang 200.000 hier lebende EU-Bürger nicht ans Zentralregister gemeldet – die Innenverwaltung erklärt das mit Überlastung und Personalmangel. Statt 20 % beträgt der Ausländeranteil in der Stadt also tatsächlich 25 %. (Q: Morgenpost)
Eine Ausschreibung der Wirtschaftsverwaltung: Vergeben wird der Auftrag „Fachliche Umsetzung und Begleitung des Konzepts und Maßnahmebündels Breitbandentwicklung Berlin 2018/2019 (‚Breitband-Kompetenzteam-Berlin‘)“. Dazu der Hinweis: „Sie können für diese Ausschreibung elektronisch kein Angebot abgeben.“ Da hat das Kompetenz-Team ja schon gleich mal die erste Aufgabe.
Jannis Hutt, MA im Büro von MdB Anke Domscheit-Berg, hat endlich eine Erklärung für Verspätungen und Ausfälle im ÖPNV gefunden (via Twitter @aluhutt): „Das ‚S‘ in ‚S-Bahn Berlin‘ steht für Signalstörung.“ Na logo! Hätten wir auch längst selbst drauf kommen können. Na dann mal gleich weiter: Wofür steht wohl das „U“ in „U-Bahn“? Nein, nicht was Sie gleich wieder denken! Ich tippe mal auf „Unterhaltung“, oder, @BVG_Kampagne?
Aber natürlich gibt’s heute auch noch etwas Neues für unser Betriebsstörungsbingo: „Die S41 hält heute nicht an der Beusselstraße. Grund ist der Ausfall der Beleuchtungsanlagen am Bahnhof.“ Hatten wir noch nicht.
Auch Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen war offenbar sehr angetan von unserem Sonntags-Essay „Warum finden eigentlich alle Berlin so toll… außer den Berlinern“ – auf Facebook schreibt er: „Die Zynikerfraktion des ‚Tagesspiegel‘ hat einen beachtlichen Artikel geschrieben – Lesenswert“. Und was der Finanzsenator sagt, wird ja wohl hoffentlich stimmen.
Neu in der Parlamentsbibliothek – angeschafft hat das Abgeordnetenhaus im April u.a. „Die NSDAP – eine Partei und ihre Mitglieder“, „Die transnationale Zusammenarbeit sozialistischer Parteien in der Zwischenkriegszeit", „Städtebauförderung in NRW“ sowie „Ideen und Impulse für erfolgreichen Klimaschutz in ländlichen Kommunen“ – na wer das wohl jeweils bestellt hat…
Neu-MdB Thomas Heilmann hat es nicht leicht in der Unions-Bundestagsfraktion: Bei seiner Wahl in den Vorstand, die erst durch die Raus-Rotation von Monika Grütters möglich wurde, erhielt der CDU-Kreisvorsitzende Steglitz-Zehlendorf von allen 15 Beisitzern das mit deutlichem Abstand schlechteste Ergebnis: Von 168 gültigen Stimmen erhielt er nur 106.
Erhebliche Integrationsschwierigkeiten hatte die Familie des Berliner Bonobo-Affen Limbuko, die ins Rheinland abgeschoben worden war – im Kölner Zoo gab’s ständig Zoff mit den Artgenossen, und deswegen sind sie wieder hier (Q: „B.Z.“). Vermutlich kam das Kölsche Grundgesetz § 6 zur Anwendung: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet!“
Die Flughafengesellschaft teilt mit: „Pobeda Airlines nimmt den Flugbetrieb in Berlin-Tegel auf. Ab sofort verbindet die russische Fluggesellschaft donnerstags und sonntags Berlin mit dem Flughafen Moskau-Vnukowo.“ Übrigens: Pobeda (sprich: Pabjéda) heißt Sieg. Offenbar will Putin in den Kampf um TXL ziehen.
Aus unserer Sammlung „BER-Devotionalien“ heute ein besonderes Schmuckstück: 2 gebuchte, bezahlte und am 25.3.2012 bestätigte Tickets für einen Flug vom Airport „Willy Brandt“ nach München (hier zu sehen) – am 5.7.2012 sollte es hingehen, am 9.7.2012 zurück. Nach der Absage-Pressekonferenz vom 8.5.2012 (Wowereit: „Kein guter Tag“) buchte die Lufthansa die Tickets um – nach Tegel.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich bin kein Partymensch.“
Sarah Farina, international gefragte DJ. (Aus dem neuen „Berliner“, erscheint am Samstag im Tagesspiegel).
Zitat
„Die Staatsanwaltschaft ist die Kapelle auf der sinkenden Titanic.“
Ralph Knispel, Chef der Vereinigung der Berliner Staatsanwälte, im Gespräch mit Katrin Bischoff von der „Berliner Zeitung“.
Tweet des Tages
„Finde den Tagesspiegel Checkpoint langsam immer nerviger. Jeden Tag bekommt man in Endlosschleife gesagt, was alles nicht in der Stadt funktioniert. S-Bahn fällt aus, BER ist eine Ruine, die Verwaltung lahm etc. pp. Aber wo führt das hin? Früher veränderte Berichterstattung was.“
Stadtleben
Satt wird man im Patta in der Krossener Straße 16 (U-Bhf Samariterstraße) allemal, froh auch, zumindest, wenn es nach Foodblogger Georg Weber geht. Der ist sehr zufrieden mit dem Kumpir, das man in dem kleinen, modern-rustikalen Laden in Friedrichshain aufgetischt bekommt. Die Ofenkartoffel nach türkischer Art wird typischerweise ausgehöhlt, zu Püree verarbeitet und dann wieder mit verschiedensten Toppings befüllt. Die Auswahl reicht von gebratenem Gemüse über Couscous, Jalapenos zu Mais und Kidneybohnen. Auch die Preis-Leistung überzeugt: Eine gefüllte Kartoffel gibt'sab 5 Euro. Tägl. 12.30-22 Uhr
Trinken Am Wochenende geht es mit Craft Beer weiter: Das Team der Friedrichshainer Craft Beer Brauerei Straßenbräu hat heute das Sagen über die Zapfhähne in der Skybar in der Landsberger Allee 106 (S-Bhf Landsberger Allee). Fließen wird daraus das von Straßenbräu selbst entwickelte und gebraute Berliner Ziegel – und eine Menge weiterer Biersorten. Wer sich nicht entscheiden kann, für den gibt es etwa das Indian Pale Ale oder das Ampelrot mit Kakao-Note als Probier-Shot (1 cl).