Angela Merkel, ranghöchste Anhängerin der deutschen Nationalmannschaft, verzichtete gestern Abend auf das Länderspiel gegen Brasilien im Olympiastadion (0:1) – sie hatte interessanteres vor: Die Kanzlerin traf sich lieber mit ihrem Ex-Außenminister Sigmar Gabriel im „Chez Maurice“ (Menu du Soir: Französische Blutwurst mit in Thymiankaramell glasierten Apfelspalten, Zwiebelmarmelade und Kartoffelpüree - 18.50 Euro). Ein schönes Bild gaben sie da ab, die beiden, ganz vertraut, aber gar nicht versteckt, mitten im Bötzowkiez. Und der von seiner Partei kalt gestellte Ex-SPD-Chef hatte der Regierungschefin brühwarm einiges zu erzählen - die künftige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles und der amtierende SPD-Vorsitzende Olaf Scholz, die den umtriebigen Gabriel nicht mehr in ihrer Nähe haben wollten, würden es sicher liebend gerne erfahren.
Im Senat hat es gestern ordentlich gerummst – Klaus Lederer war sauer: Unter „Verschiedenes“ rief der Kultursenator (geht auch gerne ins Chez Maurice) verärgert das für ihn überraschend veröffentlichte Berlinovo-Konzept für das Palais am Festungsgraben auf (CP von gestern): Ob der Finanzsenator das jetzt etwa auf diese Weise durchdrücken wolle? Aber auch der angesprochene Matthias Kollatz-Ahnen war nur mäßig erfreut über die detaillierte Beschreibung der von ihm getragenen Nutzungsidee und ihrer Unterstützer im Tagesspiegel - auf diese offene Konfrontation mit Befürworten anderer Ideen für das historische Gebäude hätte er zu diesem Zeitpunkt aus taktischen Gründen lieber verzichtet. Offiziell soll die Entscheidung erst im Sommer fallen.
Auf dem Baum waren auch die Grünen – der einflussreiche Abgeordnete Daniel Wesener twitterte: „Das ist doch wohl ein (schlechter) Scherz? Das „offene Interessenbekundungsverfahren“ zur Zukunft eines der prominentesten Kulturorte der Stadtmitte ‚gewinnt‘ das Eventbuden-Konzept einer Bad Bank? Eine Direktvergabe durch die Finanzverwaltung wäre ehrlicher gewesen!“ Und auch Wolfgang Thierse meldete sich – er erinnerte an das im Lenkungsausschuss durchgefallene, aber von vielen Diplomaten und Politikern unterstützte Konzept für ein „Haus der Vereinten Nationen“.
Vielleicht ist aber auch die ganze Aufregung verfrüht – die Sanierung des Gebäudes könnte ähnlich problematisch werden wie die der Staatsoper gegenüber: Auf historischen Karten ist zu erkennen, dass Teile des Palais-Fundaments nicht nur am alten Flutgraben stehen, sondern mittendrin – könnte gut sein, dass es da ganz schön fault.
Apropos Berlinovo: Dort gibt‘s vor der heutigen Aufsichtsratssitzung noch aus einem anderen Grund große Aufregung: Das landeseigene Unternehmen, hervorgegangen aus der desaströsen Bankgesellschaft, soll auf Wunsch von Finanzsenator und Aufsichtsratschef Kollatz-Ahnen komplett umstrukturiert werden („Projekt Valentin“). Dabei wird ein größerer Teil der 350 Arbeitsplätze wegfallen. Ärger gibt es auch wegen eines Beratervertrags für PWC – angeblicher Auftrag der Wirtschaftsprüfer: ein Modell zur Vermeidung der Körperschaftssteuer. Die Finanzverwaltung bestätigte die Verpflichtung von PWC, kommentierte interne Vorwürfe wegen eines „Steuerumgehungstatbestands“ aber nicht.
Erst vor zwei Jahren wurde die landeseigene „Berliner Gesellschaft zur Errichtung von Flüchtlingsunterkünften“ gegründet – und Schwupps: Schon sucht sie „Projektleiter/innen“ für „Planung und Koordination“. Hoffentlich fliegt bei dem Tempo niemand vom Bürostuhl. Immerhin: Anders als bei der Ausschreibung „Oberregierungsrätin/rat zur Umsetzung des E-Government-Gesetzes“ („Bewerbung ausschließlich in Papierform“) heißt es hier: „Vorzugsweise elektronisch“.
Funksignale von Ausdauerwahlkämpfer Klaus Mindrup (CP v. 27.3.) – er schreibt zum Hinweis auf sein Plakat, mit dem die SPD ihn seit September 2017 an einer Laterne in Karow ordnungswidrig hängen lässt: „Danke für die nette Weiterleitung im Checkpoint – das Plakat kommt unverzüglich weg.“
Die Spitzenposition behält der omnipräsente Bundestagsabgeordnete trotzdem, wie dieses Schmuckstück hier aus der Wiltbergstraße in Alt-Buch zeigt (Zwischenzeit am Checkpoint lt. Beweisfoto: 27.3., 12 Uhr). Allerdings muss er sich die Führung jetzt mit Sebastian Czaja (FDP) teilen – dessen Plakat (Thema: Sicherheit und Ordnung) wurde ebenfalls gestern gesichtet, und zwar am Eichborndamm 88 in Reinickendorf (auch hier das Beweisfoto). Es bleibt also spannend: Wer macht am Ende das Rennen? Und: Tauchen noch weitere Kandidaten auf im Kampf um den Titel „Ausdauerwahlkämpfer des Jahres“? Neue Bewerbungsfotos nehmen wir wie immer gerne entgegen unter checkpoint@tagesspiegel.de.
Telegramm
Mit der Bemerkung „Irgendwann ist das Leben kein Ponyhof mehr“ stellte Sozialsenatorin Elke Breitenbach gestern die endgültigen Standorte von 25 weiteren Flüchtlingsunterkünften vor – und tatsächlich: Vor Freude gewiehert hat niemand. (Zur Liste geht’s hier).
Die Airberlin-Lücke im Himmel über Berlin ist gestopft: Easyjet will zum Start der Sommersaison mehr als 100 Strecken von Tegel und Schönefeld mit Umsteigemöglichkeiten via Partnerairlines in alle Welt anbieten. Die deutsche Hauptstadt, von der Lufthansa verschmäht, wird zum britischen Drehkreuz.
Das TV-Magazin Galileo (Pro7) wollte es wissen: Wie kommen Reisende schneller von München nach Berlin – mit der Bahn oder mit dem Flugzeug? Start war am Marienplatz, das Ziel die Weltzeituhr am Alex. Am Ende betrug der Unterschied nur drei Minuten: Flug (4:26) vor Zug (4:29), inkl. aller An- und Abfahrten.
Die Bahn kündigte gestern übrigens an, die Zahl der Sprinter auf dieser Strecke mit dem Fahrplanwechsel im Dezember von täglich drei auf fünf zu erhöhen. Bereits jetzt hat sich die Zahl der Fahrgäste durch den Einsatz der Expresszüge verdoppelt.
Sieger des hochklassigen Schach-Turniers im Kreuzberger „Kühlhaus“ (Preisgeld: 95.000 Euro): Fabiano Caruana – er trifft im November auf Weltmeister Magnus Carlsen. Malte Lehming beschreibt hier das dramatische Finale.
Aus der beliebten Reihe „Berlin, aber Schnauze“ heute wieder ein Busfahrerbeitrag: „Jetzt bleib von der Tür weg, bis sie schließt! Danach kannste sie von mir aus abknutschen.“ (Morgens im 104er, via Mitvergnügen):
Ein Blick in die „Berliner Rundschau“ der CDU – vorne ein Gastbeitrag von Jens Spahn („Es gibt zwischen Union und SPD fundamentale Unterschiede im Denken“), hinten ein Zitat von Konrad Adenauer: „Ich war bereit – das muss man immer sein – auch von politischen Gegnern zu lernen; denn jeder von uns hat das Recht, klüger zu werden.“
In Istanbul haben wütende Taxifahrer einige Konkurrenten von Uber zusammengeschlagen, auf einen wurde sogar geschossen. Und in Berlin? Mein Kollege Thomas Loy spendierte dem Vizechef der Berliner Taxi-Innung eine Uber-Fahrt – wie es Rolf Feja gefallen hat, steht heute auf unserer Seite „Berliner Wirtschaft“ (S. 14, hier geht's zum E-Paper).
Trotz intensivster Bemühungen, Gesetzeslücken zu finden und die Mitgesellschafter zur Offenhaltung von Tegel zu bewegen, hat der Senat es nicht geschafft - mit dem Ausdruck des größten Bedauerns teilte die Landesregierung jetzt mit: Sie denkt gar nicht daran, sich an den TXL-Volksentscheid zu halten. Die Opposition dankte artig und entschuldigte sich für die Umstände.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Es ist naiv zu glauben, dass der genannte Fall der jüdischen Zweitklässlerin ein Einzelfall sei. Er ist Alltag auf den Berliner Schulhöfen.“
Bettina Eisenhuth, Berliner Kunstlehrerin, in einem Brief an den Tagesspiegel. Weiteres zum Thema finden sie hier im Beitrag meiner Kollegin Susanne Vieth-Entus.
Tweet des Tages
„Frage an Seehofer: Wenn Deutschland so stark vom Christentum geprägt ist, warum tut Jesus uns das dann an? #GERBRA“
Antwort d. Red.: (Einen Bericht zum Brasilien-Spiel finden Sie hier.)
Stadtleben
Essen im Salami Social Club, der sich seit fast schon zwei Jahren in der Frankfurter Allee 43 der Pizza-Kunst verschrieben hat. Ungewöhnliche Varianten wie die „Black Sausage“ (Blutwurst, Speck, Pilze und Ahornsirup) oder die Rote-Bete-Kürbis-Pizza gibt es ab 11 Euro. Wer kein Fan von Experimenten ist, kann auf Klassiker wie Margherita oder Salami zurückgreifen. Optional probiert man sich zur „Thursday Slice Night“ (donnerstags, 18-1.30 Uhr) durch das Menü, dann kostet ein Stück nur 1 Euro. U-Bhf Samariter Straße, So-Mi 12-24 Uhr, Do-Sa 12-1.30 Uhr
Der schummrige Konzert-Keller der Junction Bar ist seit 1993 Schauplatz fast täglicher Live-Darbietungen, gelauscht werden kann in der Gneisenaustraße 18 einer musikalischen Bandbreite von Rock, Pop über Swing und Chanson zu HipHop. Wer es weniger laut auf den Ohren, dafür eher in plüschiger Lounge-Atmosphäre mag, bleibt oben im Junction Café und schlürft einen der erschwinglichen und süffigen Cocktails. U-Bhf Gneisenaustraße, tägl. 20-5 Uhr
Die alternative Modeszene würde man wahrscheinlich nicht spontan am Hackeschen Markt verorten, doch seit neustem hat in den Hackeschen Höfen (Hof 7, Rosenthaler Straße 40/41) der erste Shop des caritativen Modelabels People Berlin Einzug gefunden. Entworfen wurden die Kleidungsstücke der neuen Kollektion "Unlike You" von Jugendlichen mit Suchthintergrund oder psychischer Erkrankung, die teilweise auf der Straße leben. Der Erlös geht komplett an das soziale Projekt. Mo-Sa 12-20 Uhr