Windig, bewölkt und teilweise verregnet bei 4°C samstags und 9°C sonntags

Die Corona-Testbescheinigung ist „händisch auszufüllen“Grüne mit Kompromiss zu EnteignungenParteienwerbung: Stadt? Fraktion? Partei? Egal!

wir beginnen zur Abwechslung mal mit den guten Nachrichten. Die erste: Heute ist Frühlingsanfang (wenn Sie es genau wissen wollen: um 10:37 Uhr) und Weltglückstag – was soll da schon noch schiefgehen?

Die Senatswebsite berlin.de empfiehlt außerdem zur Feier des Tages, doch mal das Positive zu sehen: „Aus der Distanz betrachtet wirken Probleme meistens gar nicht mehr so groß.“ Und weiter: „Stellen Sie sich vor, in einem Ballon aufzusteigen und das Problem von oben anzuschauen. Und Sie werden feststellen, dass es eigentlich klein ist.“

Ganz schön abgehobene Ratschläge angesichts der Berliner Corona-Inzidenz: Wir haben wieder die 100 überschritten, und die Zahl wird jedenfalls nicht kleiner, wenn wir jetzt alle in einen Urlaubsflieger steigen und von oben winken.

Ein anderes Problem wird mit wachsendem Abstand sogar eher noch größer: die hybride Bürokratie des Senats. Beispiel gefällig? Bitte sehr…

Mitteilung der Gesundheitsverwaltung an Testzentren (immerhin per Elektropost): „Die Befundbescheinigung ist für händische Ausstellung zwingend zu nutzen, falls Sie ein elektronisches System haben, bitte ich Sie es händisch auszufüllen und per Mail an die Person zu senden.“

Dazu Nikolai von Schroeders, Arzt und Leiter der Teststelle Kitkat (Köpenicker Straße/Brückenstraße): „Der Hammer ist, dass wir das Testat nun handschriftlich ausfüllen sollen. Das dauert deutlich länger und sorgt dafür, dass sich wartende Menschen ansammeln. Wenn ein Kunde sein Attest digital haben möchte, sollen wir das händisch ausgefüllte Blatt Papier scannen und mailen.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Die größte Dauerausstellung Berlins ist Berlin selbst. Wer seinem Wochenend-Spaziergang eine galeristisch-museale Note verleihen möchte, lege sich seine Route entlang der unzähligen Skulpturen und Murals im öffentlichen Raum. Zufällig ist heute auch Weltgeschichtentag, und um die Geschichte geht es zum Beispiel in der fast versteckten Installation von Micha Ullman am Bebelplatz. Wer ein wenig sucht, findet hinter einer in den Boden eingelassenen Glasplatte einen Raum mit leeren Bücherregalen, die an die über 20000 von den Nazis 1933 verbrannten Bücher und darin enthaltenen Geschichten erinnern. Ein Stück feministischer Avantgarde findet sich in der über vier Meter hohen Skulptur „Die Doppelgängerin“ von Valie Export, vor dem PalaisPopulaire (Unter den Linden 5). Zwei riesige, ineinander verschränkte Scheren öffnen Assoziationsräume zu klassisch weiblich besetzten Tätigkeiten wie Schneidern und Nähen, verschränkt mit männlicher Kastrationsangst und Gewalt.

Samstagmittag – Einen Sprung von den großen historischen Erzählungen zu anekdotischen Miniaturen in Bohnengröße geht die österreichische Autorin Teresa Präauer mit ihrem Sammelband „Das Glück ist eine Bohne“ (Wallstein Verlag, 2021). Um 17.04 Uhr überträgt rbbKultur ein Gespräch zwischen der Autorin, der Kritikerin Anne-Dore Krohn und Literaturvermittler dem Thomas Geiger aus dem Literarischen Colloquium Berlin.

Samstagabend – Der größte Teil aller Gegenwart geht im Rauschen der Ereignisse unter, ohne je in die Geschichte einzugehen. Geschichte muss eben erzählt, wiedererzählt und gehört werden. Darum ist heute ja, wie gesagt, Weltgeschichtentag. Der Berliner Verein Erzählkunst steuert gleich dreifach Programm dazu bei: Am Rhododendronhain im Volkspark Hasenheide erzählen, sofern es nicht regnet, von 13 bis 14.30 Uhr Sprecher:innen Kindern und Eltern Geschichten, und das mit Harfenbegleitung und Abstand. Um 20 Uhr erzählen Silvia Freund, Dörte Hentschel und Hannah Hofmann die Geschichten bedeutender Förderinnen der Erzählkunst aus dem letzten Jahrhundert via Zoom-Call. Auf der Streaming-Platform Soundcloud ist eine Auswahl von Erzählungen für Kinder und Erwachsene abrufbar. Alles kostenfrei.

Sonntagmorgen – Die allerbesten Zuhörer:innen, wenn sich sonst niemand findet, sind übrigens Zimmerpflanzen. Ihre freundlichen Reaktionen können zwischen farbenprächtiger Blüte und (psycho-)analytischem Schweigen liegen, manche, wie die Korbmaranten, heben oder senken sogar geräuschhaft die dekorativen Blätter aus Zustimmung. Andere, wie die extrem pflegeleichten Monstera, lassen ihre auch bei drögesten Vorträgen nicht so schnell hängen – perfekt für alle, die wenig Zeit haben oder sich nicht allzu viel florale Verantwortung zutrauen. Und wer die häusliche Ruhe zelebrieren möchte, stelle sich als ein Stück Antikunst eine Geigenfeige ins Zimmer – die sieht aus wie tausend Geigen, die keinen Laut von sich geben. Kompetente Beratung, Pflegehinweise und ein breites Angebot gibt es zum Beispiel bei The Botanical Room (Manteuffelstraße 73, Kreuzberg) und der Königlichen Gartenakademie(Altensteinstraße 15a, Zehlendorf). Oder, mit hauseigenem, klimaneutralem Lieferdienst, der auch große Pflanzen befördert, bei Bosque.

Sonntagmittag – Wer es dagegen monochrom bevorzugt, kann seinen Augen in der Galerie Mazzoli (Eberswalder Straße 30) etwas Ruhe gönnen: Flüchtiges aus Geschichte und Gegenwart, wie Browserfenster, Icons und Likes, hat der Berliner Bildhauer Lukas Liese in weißem Marmor aus dem italienischen Carrara verewigt – womit er auf den Spuren Michelangelos wandelt, der seinen ebenfalls dort her hatte. Die monumentalen Marmorfelsen von Carrara sind durch industriellen Abbau des weißen Steins übrigens längst irreparabel ausgehöhlt und somit wiederum selbst flüchtige, traurige Geschichte.

Sonntagabend – Noch bis zum 28. März findet das Festival Maerzmusik statt, das zum heutigen Wochenendeende, von 20 bis 0 Uhr, ein vierstündiges Marathon-Konzert der New Yorker Experimental-Formation Bang on a Can live überträgt. Darüber hinaus bietet das Programm Uraufführungen, Online-Workshops, Filme und mehr, zu hier unbekannten Wissensformen aus den Anden, afrodiasporischem Experimentalismus und filmischen Komponist:innenportraits. Etwa über die französische Vorreiterin elektroakustischer Musik, Élaine Radigue (Jhg. 1932), die als Frau in gleich mehreren klassischen Männerdomänen wie der Komposition, Audiotechnik und physikalischen Akustik längst Ikonenstatus genießt.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. In diesen Zeiten bleibt er jedoch lieber im heimischen Bau und kocht, aus Gründen der Selbsterhaltung, feine vegetarische Gerichte.

„Neulich ließ ich mir das Winterfell stutzen, beim Coiffeur meines Vertrauens. Der Betrieb steht bereits seit Generationen im Dienste meiner Familie. Schon die werte Frau Urgroßmutter… aber das würde zu weit führen. Lassen Sie mich nur kurz erwähnen, dass unsereins in der geamten Schweinewelt für die Geschmeidigkeit unserer Borsten bekannt ist, nicht zuletzt dieser exquisiten Stutztalente wegen. Er lässt sich Zeit, begutachtet und stutzt jede Borste einzeln, bringt das Individuelle an ihnen zur Geltung. Ein wahrer Künstler. Und weil das dauert, bleibt nicht allzu viel Zeit zum Kochen, darum erfreuen wir unseren Gaumen heute mit einem schnellen, aber besonderen und selbst den höchsten Ansprüchen genügenden Gericht, einem Steak aus Sellerie, in leicht karamelisierten Zwiebeln, nach japanischem Vorbild. Das Besondere daran: Nun, es ist ein Steak aus Sellerie. Was soll man noch sagen? Lieber eine eigene, kunstvoll gestutzte Borste auf dem Selleriesteak als ein fremdes Haar in der Suppe. Ich empfehle mich, mit freundlichen Grunzen.“

Lese­empfehlungen

Schon letztes Jahr war immer wieder von Menschen zu hören, die umzulernen planten, weil ihr Berufsstand durch Corona zum Standby gezwungen wurde. Mittlerweile haben die ersten ausgelernt und umgesattelt. Janina Martens (Abo) hat einige gesprochen.

Jochen Overbeck (Abo) zeigt, warum die teuren, trendigen Hipsterbäckereien nicht einfach als eben solche abgetan werden sollten und was das mit weißem Pulver zu tun hat.

Wie für dieses Wochenende geschrieben ist der Beitrag von Jutta Maier (Abo), die erklärt, wie und weshalb auch bei schlechtem Wetter das Fahrrad ein hervorragendes Fortbewegungsmittel ist. 

„Wirklich? Sie haben so einen netten Eindruck gemacht,“ antwortet der Gynäkologe einer schwangeren 23-jährigen Sportlerin, die erklärt, dass sie das Kind nicht behalten möchte. Julia Prosinger (Abo) erzählt ihre Geschichte.

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Encore

Übrigens, falls Sie Zweifel an der Meinungsfreiheit haben: Für heute sind in Berlin 39 (!) Demonstrationen und Kundgebungen angemeldet. Vom Weltfrieden bis zum Weltspatzentag ist so ziemlich alles dabei, was Sie für ein Schnellstudium paranormaler Aktivitäten brauchen. Und wenn Sie selbst mal die Fahne hochhalten wollen: In der Liste aller „Versammlungen und Aufzüge im Land Berlin“ können Sie schon mal schauen, an welchen Tagen noch Platz ist – der ADFC hat sich mit seiner Sternfahrt bereits den 18.9.2027 gesichert (14 bis 17 Uhr) – ein schönes Beispiel für vorausschauende Teilnahme am Straßenverkehr

Morgen beginnt übrigens die Zeit des Widders – aber ganz egal, was Sie vorhaben: Versuchen Sie es lieber nicht mit dem Kopf durch die Wand. Mitrecherchiert haben heute Thomas Lippold, Alexander Fröhlich und Julius Betschka, für die Produktion ist Florian Schwabe ganz früh aufgestanden, und am Montag begrüßt Sie hier Anke Myrrhe, die auch als stellvertretende Chefredakteurin für den besseren Überblick weiterhin regelmäßig den Checkpoint besetzt. Bis dahin,

Lorenz Maroldt