Mit dem Ende der Sommerferien beginnt beim Checkpoint eine neue Zeit: In den kommen Wochen erweitern wir das Angebot rund um unseren Berlin-Newsletter, Sie werden noch von uns hören (und das können Sie wörtlich nehmen). Heute beginnen wir mit unserem täglichen Checkpoint-Comic von Naomi Fearn, Tagesspiegel-Lesern von ihrer „R2G-WG“ auf unseren Seiten „Mehr Berlin“ bekannt (immer sonnabends). Mein Kollege Lars von Törne hat die Künstlerin zum Start der „Berliner Schnuppen“ porträtiert.
Michi, Klausi und Poppi, die Bewohner der R2G-WG im Roten Rathaus, bekommen jetzt also Gesellschaft, typische und originale Berliner Gesellschaft (auch ein CP-Lesern gut bekannter Rechtsanwalt huscht sicher demnächst mal durchs Bild). Wie das erste Aufeinandertreffen verläuft, sehen Sie weiter unten.
Neu im Programm sind auch unsere Checkpoint-Tassen (hier zu sehen), die es nicht zu kaufen gibt, sondern nur zu gewinnen - jeder „Checkpott“ ist also ein Jackpot. Von dieser Woche an verlosen wir an jedem Freitag zwei davon, und zwar unter all jenen, die unser neues Bilderrätsel „Prominent verraten“ gelöst haben. Worum es dabei geht, steht weiter unten. Und alles Weitere demnächst an dieser Stelle – Team Checkpoint wünscht viel Vergnügen. Und damit zu den Meldungen des Tages:
Gerade eben noch gab SPD-Chefin Andrea Nahles als Etappenziel die (wirtschafts)politische Mitte aus, da rennt Berlins SPD-Fraktionschef Raed Saleh Richtung Sozialismus: Er will „die Rendite deckeln“ und ruft „eine wohnungspolitische Revolution“ aus (Q: „Morgenpost“). Zur Erinnerung: Klaus Wowereit hatte in steigenden Mieten noch ein gutes Zeichen für Berlin gesehen. Vielleicht sollte sich die SPD in H20 umbenennen: Man weiß nie genau, wohin sie gerade fließt (außer abwärts).
Ach ja, dazu noch das: Der Berliner Politik sind mindestens 75 Häuser bekannt, deren Eigentümer ihre Mieter mit rabiaten Methoden vertreiben – das ließe sich auch ohne Revolution stoppen.
Saleh meint übrigens, in seiner Partei (die Günter Grass mit einer Schnecke verglich) „ist irgendwie der Wurm drin“ – na hoffentlich kann er schwimmen. Über den Fraktionschef, dessen einst fester politischer Boden durch die Grabenkämpfe mit Michael Müller etwas durchlöchert wirkt, wird spekuliert, er könnte sich in den Bundestag absetzen – ein Kandidatenplatz wird jedenfalls frei: Der Spandauer MdB Swen Schulz kündigte gerade seinen Rückzug an.
Jetzt hat auch der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg das Vertrauen in die S-Bahn verloren: Weil ein „stabiler Betrieb“ nicht zu erwarten ist, muss die Bahntochter auf der S1 zwischen Potsdamer Platz und Wannsee beim eingeschränkten Fahrplan bleiben. Die Gründe für die Pannen? „Vielfältig“, sagt die Bahn: Hitze, Baustellen - und dann mussten noch vier Waggons umfunktioniert werden, weil der Werkstattzug in der Werkstatt war.
Übrigens wirbt die Bahn demnächst mit Iggy Pop: In einem Spot (doch, nur mit einem „t“) singt der Berliner Kurzzeitresident der späten 70er Jahre seinen Hit „Passenger“, der von einer S-Bahn-Fahrt durch die Mauerstadt handelt. Nur müsste angesichts von Pannenerklärungen wie oben in der Meldung zuvor der Refrain angepasst werden: Statt „la la la la la la la la“ passt „bla bla bla bla bla bla bla bla“ einfach besser.
Es gibt aber auch gute Nachrichten von der S-Bahn: Auf einigen Bahnhöfen soll es bald „intelligente Schließfächer“ geben und neue digitale Anzeigen (Kosten pro Stück: 100.000 Euro) – moderner haben Sie noch nie erfahren, dass ihr Zug wegen Signal- oder Weichenstörungen nicht kommt. Oder wegen eines „Gleislagefehlers“ – doch, gibt’s (Beweisfoto von CP-Leser Martin Ballasck hier), und deshalb nehmen wir das auch gleich auf in unser beliebtes Betriebsstörungsbingo.
Und da unsere Ohren gerade auf den Gleisen liegen: Mit großer Freude haben wir gehört, dass unser Kollege Klaus Kurpjuweit in diesem Jahr mit dem „Deutschen Schienenverkehrs-Preis“ des Deutschen Bahnkunden-Verbands ausgezeichnet wird – „für jahrzehntelange herausragende journalistische Leistungen in der Berichterstattung“. Das hat die Jury fein beobachtet – herzlichen Glückwunsch, Klaus!
Weil auch knapp ein Jahr nach Eröffnung der Staatsoper die Technik nicht sicher funktioniert, muss der Hersteller an jedem Spieltag Fachpersonal abstellen, das im Notfall Hand anlegt. Eine klassische Berliner Mensch-Maschine-Lösung also. Frage an Berlin-Kenner: Wer hat die erfunden? Richtig, Ex-Flughafenchef-Darsteller Rainer Schwartz, der für seine Schmierenkomödie am BER mit einer Millionenabfindung belohnt wurde.
Apropos Flughafen – weil der BER immer noch nicht fertig ist, bekommt die FBB jetzt einen 4. Geschäftsführer: Carsten Wilmsen (vorher München) wird zuständig für Bau und Technik – und gilt als Führungsreserve, wenn Ober-GF Engelbert Lütke Daldrup nach der Eröffnung des BER 2020 (oder auch nach der Nichteröffnung 2020) einen Abflug macht. Damit hat unsere FBB endgültig Hamburg (2 GF) abgehängt, München (3) überholt und mit Frankfurt (4) gleichgezogen. Hallo Lufthansa, wird sind soweit. Wilmsen kommt übrigens mit der ortstypischen Verspätung an: Planmäßig hätte er bereits im vergangenen Jahr am BER landen sollen.
Zurück zum 2. Akt an der Oper, wo auch die Klima-Geräte, die Schließtechnik und die Telefonanlage machen, was sie wollen. Natürlich funktioniert auch das W-Lan nicht richtig. 15 Firmen sind weiterhin damit beschäftigt, Lichtschalter anzuschließen und Klinken zu montieren, es werden bei laufendem Betrieb Steine gefräst, Bretter gesägt, Spiegel angedübelt, Wände gestrichen. Aber was soll’s, Franz Schubert arbeitet ja jetzt auch schon seit 196 Jahren an seiner „Unvollendeten“ (Symphonie Nr.8, H-Moll).
Weder auf Moll, noch auf Dur, sondern auf atonale Musik setzt die BVG – sie hofft, damit Trinker, Drogies und Obdachlose aus den Eingängen vertreiben zu können (ein Versuch mit klassischer Musik war vor Jahren gescheitert). Dass auch Fahrgäste durch die Dissonanzen müssen, scheint der BVG egal zu sein. Vielleicht gefällt’s ihnen aber ja auch – und dann kommt endlich mal Arnold Schönberg in die Charts.
PS: Dass die BVG einstweilen den Sicherheitsdienstleister Wisag auf Bahnhöfen Obdachlose von Hunden verbellen lässt, ist von allen möglichen Sounds der Schlimmste. In der Boddinstraße traf es jetzt sogar einen verwirrten älteren Mann im Rollstuhl. Eindeutig zivilisatorisch dissonant.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Falls Sie nicht in Berlin waren, als die BSR während der Ferien den heißen Straßen einen Aufguss verpasste – Bernd Matthies hat diese und andere Geschichten aus dem Berliner Sommer hier für Sie noch mal zusammengefasst.
„Berlin baut die Mauer wieder auf“ („B.Z.“): Mit einem internationalen Kulturprojekt will die Künstlergruppe „DAU“, unterstützt von der Senatskanzlei und „Visit Berlin“, der Wendeereignisse gedenken (die „Morgenpost“ hatte darüber bereits am Sonntag berichtet). Aber ist das jetzt „ein Weltereignis“, wie Berlins CDU-Chefin Monika Grütters sagt? Oder provinzieller Historien-Kitsch, wie Kritiker meinen (auch Spitzenkräfte in der CDU)? Eindrucksvoll ist jedenfalls die Reihe der Künstler, die dabei sein sollen (u.a. Banksy, Anselm Kiefer, Marina Abramovic, Massive Attack). Fest steht: Am 9. November ist die Mauer wieder weg, so oder so.
Jan Fleischhauer vom „Spiegel“ hält Berlin für „das Venezuela Deutschlands“. Wikipedia schreibt dazu: „Venezuela ist ein Land, das sich durch seine facettenreiche Natur auszeichnet. Vor der Küste liegen mehrere tropische Urlaubsinseln, darunter die Isla de Margarita und das Archipel Los Roques“ – bei uns heißt das Tiergarten, Pfaueninsel und Schwanenwerder.
Auch der „Focus“ hat sich mal wieder über die Berliner Politik gebeugt, hier eine Zusammenfassung („Hauptstadt der Arroganz“): „träge, dröge, bräsig, peinlich, grau, dürftig, kleinkariert, selbstgefällig, provinziell, katastrophal, ignorant…“. Ach ja, „Käseglocke“ ist auch dabei. Fazit: „Alles wäre gut – wenn es die Stadtregierung nicht gäbe.“ Tja, wenn Berlin das Venezuela Deutschlands ist, ist der Focus der Bayernkurier Preußens.
Mitteilung per Mail vom Lidl-Onlineshop: „Wir haben gute Nachrichten: Ihr Paket ist bald da! Die voraussichtliche Zustellung erfolgt am Dienstag, 18.08.2020.“ Hm, hat da vielleicht jemand einen Flughafen bestellt? Immerhin: Der 18.08.2020 fällt tatsächlich auf einen Dienstag.
Julius Betschka hat sich für die „Morgenpost“ in den Bewertungsportalen die Kommentare von Berlin-Touristen angeschaut, Fazit: Es wird viel gelobt, aber manche Leute finden immer einen Grund zum Meckern. Mein Lieblingszitat zum Gendarmenmarkt(für manche der schönste Platz Europas): „Für Berlin ein recht schöner Fleck.“
War Berlin in den 90er Jahren wirklich „so much cooler“, wie der „Guardian“ in einer Geschichte über die Multimedia-Ausstellung „nineties Berlin“ schreibt? Ja, irgendwie schon. Aber die schottische Künstlerin Rachel Clarke, Berlinerin seit mehr als 25 Jahren, rät zum zweiten Blick: „You’ll still find niches in Berlin where a lot of people are able to fulfil their dreams.” Viel Glück beim Suchen, kleiner Tipp: Nicht mehr in Mitte.
Auskunft des „Lost & Found“-Büros am Flughafen Tegel - aktuelle Wartezeit auf die Zustellung verlorener Gepäckstücke: 7-9 Tage. Zahl der auf dem Rollfeld lagernden, fehlgeleiteten Koffer: 13.000.
An manchen Stellen wird Berlin tatsächlich nur noch von ein paar Fäden zusammengehalten. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie mal hier, direkt gegenüber vom Finanzministerium.
Tolles neues Projekt von unserem Daten-Team um Hendrik Lehmann:Beim„Radmesser“ zeigt ein Sensor, den Physiker, Designer und KI-Experten gemeinsam mit dem Tagesspiegel entwickelt haben, wie dicht Fahrradfahrer von Autofahrern tatsächlich überholt werden – und wo es gefährlich eng wird. Damit lassen sich u.a. die Erkenntnisse aus unserem „Gefahrenmelder“ jetzt statistisch belegen. Sie können sich auch selbst am Projekt beteiligen - wie das geht, alles zur Methode sowie erst Ergebnisse und interaktive Übersichtskarten zu Bestand und Planung Berliner Fahrradwege finden Sie hier. Unser Ziel: Den Straßenverkehr in Berlin sicherer zu machen.
Übrigens: Hendrik wurde gerade sein Raleigh-Rennrad geklaut, hier ein Foto. Falls es jemand gesehen hat, bitte melden (checkpoint@tagesspiegel.de).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Meine Kräfte reichen nicht aus, um eine nachhaltige Änderung der Arbeitsbedingungen der Lehrer und der Lernbedingungen der Schüler zu bewirken.“
Aus der Kündigungserklärung von Doris Unzeitig, Leiterin der Schöneberger Spreewald-Grundschule – sie beklagt mangelnde Unterstützung des bezirklichen Schulamts und der Bildungsverwaltung. Die Rektorin musste wegen wiederholter Gewaltvorfälle und offenem Drogenhandel um einen Wachschutz kämpfen, es fehlen Fluchtwege und Zäune, seit Jahren ist das Hortgebäude mit der Mensa nicht zu benutzen, die Hälfte des Kollegiums sind ungelernte Lehrer. Während der Ferien hatten jetzt auch noch Obdachlose und Junkies das Schulgelände besetzt. Doris Unzeitig verlässt Berlin.
Zum Stand der Sanierungsarbeiten nach den Ferien hier ein Überblick von Susanne Vieth-Entus – Spoiler: Aus gegebenem Anlass gibt‘s an manchen Schulen statt Unterricht erstmal einen Wandertag.
Tweet des Tages
„Ach wie habe ich sie vermisst, die Berliner Taxifahrer, die eher auf direkte Kommunikation setzen als auf das Einhalten von Verkehrsregeln.“
Stadtleben
Einen „Willy Wonka on Holidays“, oder lieber den “Kamasutra with a Hangover”? Diese noblen und kreativen Getränkekreationen mit Brandyoder dunklem Rum werden im Bryk in Prenzlauer Berg serviert. Ein bisschen wie ein Gourmet-Restaurant, aber für Cocktails – so versteht sich die komplett in schwarz gestrichene und luxuriös eingerichtete Lokalität in der Sredzkistraße 65. Dementsprechend bewegen sich die Mixgetränke preislich zwischen 7,50 und ordentlichen 14,50 Euro. Für 34,90 Euro gibt's (auch im Online-Shop) eine Flasche des hauseigenen Bryk-Gins, der nach eigener Rezeptur in einer Brandenburger Distillerie hergestellt wird. Täglich ab 19 Uhr, Tram-Station Prenzlauer Allee / Danziger Straße