Gestern plötzlich die Nachricht: Wichtige Botschaft von Martin Schulz! 18 Uhr Livestream auf der SPD-Website! Eigentlich ein Fall für „Haltet mir die Seite 1 frei!“ - aber was war das, was dann kam? Von vier „Zusagen“ sprach der SPD-Kanzlerkandidat - und zählte Altbekanntes auf: „Konkrete Politik für gerechte Löhne, gute Schulen, sichere Renten und ein demokratisches Europa für den Frieden“, na gut, das er will „tun“, und zwar „als Bundeskanzler dieses Landes“, der er ja, Wunder mal kurz beiseite gelegt, nicht wird. Warum erzählt er uns das dann, angekündigt als eine Art „Breaking News“? Noch mal reinhören: „Ich kann und will Ihnen nicht alles versprechen. Aber diese vier Kernpunkte wird die SPD in der Bundesregierung in jedem Fall nach den Wahlen anpacken - darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“ Die SPD in der Bundesregierung - aha, also das klingt dann ja schon eher nach „Nur wenn wir das durchsetzen, machen wir als Juniorpartner von Angela Merkel mit“, was wiederum bedeutet: Die SPD würde es doch wieder tun. Unter den genannten „Zusagen“, die dann „Bedingungen“ wären. Die Koalitionsverhandlungen beginnen diesmal schon vor der Wahl.
Offenbar gilt in der SPD immer noch der Münteferingsche Imperativ „Opposition ist Mist“, als Gefühlsausbruch vertretbar, demokratietheoretisch aber Quatsch. Opposition ist wichtig, zu wichtig, um deren Führung im Bundestag einem Alexander Gauland zu überlassen. Verlässlich staatstragend wirken, nicht nur so zu scheinen, Anspruch und Tradition der SPD, lässt sich gerade in diesen Zeiten auch in der Opposition. Dazu heute auch der Leitartikel von Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel.
Hinweis: Wie der neue Bundestag aussieht, steht allen Umfragen zum Trotz erst am 24. September fest (und wie die Regierung, erst noch ein paar Wochen später). Aber wie er nach den verschiedenen Umfragen aussehen würde, das können Sie sich jetzt, bis hin zum letzten Mandat (sowohl direkt als auch über die Liste) schon mal anschauen: Tagesspiegel Data und mandatsrechner.de haben alle dazu notwendigen Daten für unsere interaktive Wahl-Website aufbereitet. So können Sie die verschiedenen Szenarien durchspielen, konkret mit Name und Vita der Abgeordneten, nach Bundesländern und Postleitzahl differenziert. Und am Dienstag wird das Ganze im Tagesspiegel auf unseren „Agenda“-Seiten analysiert.
„Türkei spricht Reisewarnung für Deutschland aus“ gehört auch zu den Meldungen, die noch vor kurzem selbst Satirikern zu absurd vorgekommen wären. Jetzt ist sie wahr (im Gegensatz zur Meldung „Bundesregierung schaltet aus Angst vor Fake-News ab Mittwoch das Internet ab“, die gab’s gerade auch). Der Journalist Deniz Yücel würde die Warnung gerne ignorieren, aber er sitzt seit 210 Tagen in einem Istanbuler Gefängnis. Gestern hatte er Geburtstag, in Berlin forderten mehrere Hundert Angehörige, Freunde und Bekannte bei einem Autokorso seine Freilassung.
„Wir geben bekannt!“, posaunt die Umweltverwaltung, und darum geht’s: „Öffentlichkeitsbeteiligung zu den Maßnahmenblättern gemäß Artikel 19 der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 des Europäischen Parlaments und des Rats vom 22. Oktober 2014 über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten.“ (III B 22 M) Oha - werden jetzt auch in Berlin Aliens gejagt?
Ein Blick auf die angelegte Liste zeigt: viel schlimmer. Es gibt bei uns offenbar eine bisher weitgehend unbemerkte Invasion u.a. der Buchstaben-Schmuckschildkröte, des Pallas-Schönhörnchens, der Schwarzkopf-Ruderente - und der Rote Amerikanische Sumpfkrebs, dessen Vorposten bereits auf der Straße des 17. Juni patrouillieren (CP vom 8.9.), ist auch dabei. Was tun? Bereits in der vergangenen Woche hatte der Umweltausschuss ja die delikate Frage diskutiert, ob erlegte RASK’s verspeist werden können (in echt!). Checkpoint-Leserin Irene Lemke-Stein sagt ja - und schickte uns dazu ihr Sumpfkrebs-an-Aioli-Rezept. Hier ist es:
Man nehme: 5 Knoblauchzehen, 1 EL feine Semmelbrösel, 1/2 TL Salz, 1 Messerspitze Cayenne-Pfeffer, 1 1/2 Tassen Olivenöl, 3 EL Zitronensaft 1 EL Weinessig, 4 Eigelb. Sodann: Semmelbrösel ca. 5 Minuten in Weinessig einweichen, mit feingehacktem Knobi zu fester Paste zerquetschen, das Eigelb nacheinander darunterschlagen, mit dem letzten Eigelb Salz & Pfeffer dazu, tropfenweise (!) Olivenöl drunterrühren, am Ende den Zitronensaft dazugeben, gekochten Sumpfkrebs reintunken - fertig (PS: Ohne Garantie, ich probiere das lieber nicht aus).
Telegramm
Geradezu planmäßig endete der erste Tag von Lollapalooza im Chaos (zu wenig Busse und Bahnen) - insofern passt das Festival prima zu Berlin (auch wenn es diesmal kurz hinterm Stadtrand in Hoppegarten stattfand).
Dazu gehört eigentlich auch folgende Meldung: „Berlin und Brandenburg wollen Schieneninfrastruktur gemeinsam ausbauen.“ (Q: „Morgenpost“) Klingt allerdings arg recycelt - das wurde schon vor 21 Jahren nach dem gescheiterten Volksentscheid für ein gemeinsames Land angekündigt.
Lange nichts gehört von der Einheitswippe - aber jetzt: Der Senat (bekanntlich kein Freund des Denkmals) ist offen für eine „Simulation“ der Ausmaße durch einen Gerüstbau, das Ziel: Abschreckung. In der Hauptstadt der Provisorien dürfte das Ding dann allerdings stehen bis zur 800-Jahr-Feier - das wäre 2037, also knapp vor der BER-Eröffnung. (Q: Staatssekretär Gerry Woop auf Anfrage MdA Susanne Kitschun)
Bezahlbare Mieten sind möglich - das zeigt ein Blick in die Aufsichtsratsunterlagen von Volkswagen: Ex-Vorstandschef Winterkorn (Rente: 3100 Euro pro Tag) zahlte seinem Arbeitgeber für eine 520-qm-Villa aus dem Bestand der „VW Immobilien GmbH“ 1725 Euro monatlich - macht 3,31 Euro pro qm. (Q: „BamS“)
Ein Etage höher (vor allem, was die Preislage betrifft) spielen sich ganz andere Dramen ab: Direkt neben dem wahrhaft herausragenden Luxushochhaus „Living Levels“, für dessen Bau die East-Side-Gallery geknackt wurde, entsteht ein Hotel - mit zwei nachträglich genehmigten Stockwerken. Die Folge: Den Eigentümern der unteren Levels-Hälfte fehlt künftig die Morgensonne, also wird geklagt - u.a. wegen „Verletzung des Gebots der Rücksichtnahme“ (Regieanweisung ans gemeine Publikum: „Hö Hö“).
Und nochmal Wohnen: Das Ferienwohnungsverbot wackelt: Laut einem Urteil des Verwaltungsgerichts darf die eigene Bude bis zu 182 Tage im Jahr an Touristen vermietet werden…
… aber es ist sicher nur Zufall, dass zur gleichen Zeit im aktuellen Amtsblatt vermeldet wird, dass ausgerechnet ein Mitarbeiter der Zweckentfremdungsstelle seinen Dienstausweis verloren hat (Nr. 17). Damit er nicht zweckentfremdet wird (der Ausweis), hat das Amt ihn für ungültig erklärt (nein, nicht den Mitarbeiter).
„Bürgerämter bleiben am 25. September geschlossen“ ist, mit dem heutigen Datum versehen, auch so eine Witzmeldung - die Regelwartezeit auf einen Termin beträgt weiterhin vier Wochen (versprochen hatte der Senat zwei).
Kurz vor Mitternacht: Feuer in der JVA Plötzensee. 11 Menschen wurden aus einer Zelle gerettet, einer wurde verletzt.
Ich bin jetzt raus beim Air-Berlin-Poker: Wöhrl bietet 500 Mio für die Übernahme - solange ich nicht die Entschädigung für meine Flugausfälle auf dem Konto habe, kann ich da nicht mehr mithalten.
Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln, ok, das ist bekannt. Aber was ist mit Kürbissen? Tja… jedenfalls kommt das gewichtigste Exemplar Deutschlands aus Brandenburg: 635,5 Kilo. Was das in IQ macht, rechnen Sie bitte selber aus.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen.“
Aus einer Mail mit dem Absender der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel aus dem Jahr 2013 - mit „Schweine“ ist die Bundesregierung gemeint. Weidel bestreitet, eine solche Mail verschickt zu haben. (Q: „WamS“)
Tweet des Tages
Was der AfD wirklich geschadet hätte: Eine Mail von Alice Weidel, in der sie Geflüchtete und Grüne lobt und Dieselautos verbieten will.
Stadtleben
Essen in charmant-gemütlicher Tavernen Atmosphäre: In der griechischen Taverna Ousia im Bayerischen Viertel in Schöneberg sitzt man zwischen grünen Fensterläden, Wandfresken und Weinfässern. Serviert werden mit Finesse gemachte Mezedes wie Lammrückenstreifen, gegrillte Hackfleischbällchen, Auberginen- und Fischrogensalat oder Blätterteigtaschen mit Spinat-Käsefüllung. Dazu landestypischer Retsina und griechischer Mokka. Dank vieler lobender Kritiken sind die großen Räume stets gut gefüllt - deshalb besser reservieren! Grunewaldstraße 54, geöffnet tgl. ab 17 Uhr.
Gute Cocktails abseits der Hotspots im Prenzlauer Berg gibt's beim Kiezkenner, Cocktailmixer und ehemaligen Knaack-DJ Frank Lauterbach aka Fox. Statt Rhythmen mixt er nun Drinks wie Planters Punch und Vodka Gimlet im Nightwalker in der Eugen-Schönhaar-Straße 6 (S-Bhf Greifswalder Straße). Den großen Barraum durchzieht eine leicht abgefahrene Sci-Fi-Aura: Augenfang sind runde und stabförmige Beleuchtungskörper an Wänden und Tresen, aus denen rätselhafte rote Schriftsymbole leuchten (geöffnet Mo-Sa ab 20 Uhr).