In diesem Checkpoint geht es mal wieder um des Deutschen allerliebstes Kind: das Geld. Manche Summen, die gleich aufgerufen werden, sind so groß, dass man kaum weiß, wo oben und unten ist. Bei anderen Zahlenkolonnen fragt man sich, wo hinten und vorne ist.
Damit gleich mal zu den allermeisten Nullen. Der Bundesnachrichtendienst zieht nach Berlin – koste es, was es wolle. Mittlerweile summiert sich das Projekt auf rund 1.500.000.000 Euro, sprich anderthalb Milliarden. Aktuell hinzugekommen sind 68 Millionen Euro für die Modernisierung des Standorts in Lichterfelde. Ursprünglich sollte dort Schluss sein mit der Geheimniskrämerei, wenn der Neubau in Mitte eröffnet wird. Doch stattdessen ließ der Bund lieber noch ein 14 Millionen Euro teures Lage- und Informationszentrum bauen (Quelle: parlamentarische Anfrage der Linksfraktion). So gewaltig die Summe für den Umzug, so mickrig ist die Zahl der Mitarbeiter, die vom bisherigen Hauptsitz in Pullach nach Mitte gewechselt sind: Bis zum Sommer waren es 50.
Jetzt sind tatsächlich beide zurück: Friedrich Merz auf der politischen und Siemens auf der Berliner Bühne. Der CDU-Politiker hat sich am Mittwoch erstmals vor der, wie man so schön sagt, versammelten Hauptstadtpresse zu seiner Kandidatur geäußert. Kurz nach Merkels Ankündigung, den CDU-Vorsitz abzugeben, hatte er ja aus der Ferne schon mal blitzschnell den Finger gehoben. „Mein Name ist Friedrich Merz. Mit e“, stellte er sich nun vor, als sei er in Vergessenheit geraten. Ganz weg war der Merkel-Rivale allerdings nie, wie Tagesspiegel-Kollege Robert Birnbaum in seinem Porträt über den 62-Jährigen schreibt. Und die „F.A.Z.“ weiß zu Merz: „Dieser Kandidat passt nicht auf einen Bierdeckel.“
Und Siemens? So richtig weg war das Unternehmen ja eigentlich auch nicht, wenngleich es zeitweise den Eindruck in Berlin vermittelte, es sei auf dem Rückzug. Jedenfalls ist der Konzern jetzt wieder dicke da; am Mittwoch besiegelten die Spitzen des Unternehmens und der Landesregierung das, was im CP gestern schon angekündigt war: Aus Siemensstadt wird für 600 Millionen Euro ein Innovationscampus mit allem Pipapo (die Details sind hier nachzulesen). Die Konzernführung zeigte sich von den Vorarbeiten der Berliner Seite sehr beeindruckt – sowas hört man ja auch nicht alle Tage. Kein Wunder, dass da auch der Bezirk Spandau elektrisiert ist. „Ich freue mich sehr, dass sich die bezirklichen Anstrengungen und das Engagement Berlins gelohnt haben“, stellte Baustadtrat Frank Bewig (CDU) klar, wem hier eigentlich die Ehre gebührt.
Friedrich Merz hatte mal seine Leitkultur, Twitter pflegt lieber eine Neidkultur. Dieses Mal im Mittelpunkt: der grüne Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg Florian Schmidt. Anlass ist ein Text der „Prenzlauer Berg Nachrichten“, der sich um Mieter dreht, deren Wohnungen nicht mehr zu ihren Lebensumständen passen. Die Bewohner bleiben, weil es woanders zu teuer wäre. Einer davon ist Schmidt, der mit seiner vierköpfigen Familie auf 65 Quadratmetern in zwei Zimmern lebt. Dieses Beispiel ärgert nun einige Twitter-Nutzer, darunter FDP-Politiker, die dem Grünen sein Stadtratsgehalt von etwa 8000 Euro unter die Nase reiben: Er könne sich doch leicht was Besseres leisten. Dieses Argument will Schmidt nicht gelten lassen, der unter anderem darauf verweist, dass er Politiker auf Zeit sei. „Wer ein Drittel seines Gehalts für Mieten ausgibt, der hat ein Problem, wenn das Gehalt runtergeht.“ Mal abgesehen davon, dass er ganz offensichtlich nicht auf ewige Höhenflüge der Grünen spekuliert: Wer würde Schmidts Job denn gern machen wollen? Ständig diese Immobilienhaie und Hausbesetzer am Hals! Dann schon lieber FDP im Bundestag.
In eine andere Zahl, dieses Mal eine kleine, ließe sich das Thema Miete auch ganz gut hineininterpretieren (wenngleich es keine nachweisbare Verbindung gibt): Berlin hat die niedrigste Geburtenziffer aller Bundesländer - weil vielleicht Wohnraum fehlt? Sie liegt statistisch bei 1,48 Kinder je Frau. Zum Vergleich: In Hamburg sind es 1,51, in Bremen 1,58 und in Brandenburg sogar 1,64 Kinder, was gleichzeitig die bundesweite Spitze ist. Keine große Leistung - bei den vielen Störchen in der Mark.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Klinik soll im nächsten Jahr ein Ankunftszentrum für Flüchtlinge entstehen (CP von Dienstag), die Unterbringung im ehemaligen Flughafen Tempelhof aus humanitären Gründen möglichst schnell enden. Doch gegen die Pläne regt sich Widerstand: bei Anwohnern, CDU und AfD. Ein Argument: Schon jetzt leben dort 600 Flüchtlinge.
Voll ist es am Mittwoch in der Stadt gewesen, das war nicht nur auf den Straßen, sondern auch in Bussen und Bahnen zu merken. Die halbe Nation hatte ja Reformationstag und kam zu Besuch nach Berlin. Nicht zum Feiern war Fahrgästen in der U2 zumute, wo drei Züge am Morgen fehlten – weil die Bahnen an sicherheitsrelevanten Stellen mit Graffiti beschmiert waren. Und dann kamen die anderen Bahnen trotz Andrangs auch noch seltener - weil der Ferienfahrplan gilt. Da hieß es sogar: Zurückbleiben, bitte.
Da kann man ja direkt froh sein, dass es den Bayern (da ist heute Feiertag) künftig nicht so leichtgemacht wird, in die unheimliche Hauptstadt zu reisen. Denn der Bahn-Konkurrent Flixtrain wird doch nicht über die neue Schnellstrecke brausen (laut „Handelsblatt“). Es dauere zu viel lange, bis Züge für die Trasse zugelassen werden.
Für gewisse Kreise wird Bahnfahren sowieso unattraktiv. Die Bundespolizei will in Wochenendnächten verhindern, dass eine Zugfahrt zwischen Zoo und Lichtenberg auf Messers Schneide endet. Freitag/Sonnabend und Sonnabend/Sonntag gilt von sofort an für drei Monate jeweils von 20 bis 6 ein verschärftes Waffenverbot. Es schließt gefährliche Gegenstände wie Hämmer und Schraubenzieher ein. Junkfood leider nicht dazu.
Hilde Knef hatte einst einen Koffer, mancher Narr dagegen die eine oder Knarre in Berlin. Während der jetzt beendeten, einjährigen „Waffenamnestie“ sind insgesamt 215 illegale Gewehre und 920 Pistolen bei der Polizei abgegeben worden, dazu 141 verbotene Messer, Säbel oder Schwerter sowie 67.000 Stück Munition.
Von analogen zu digitalen Waffen: „Wie oft ist das Land Berlin und seine Verwaltung seit 2016 sogenannten Cyberangriffen ausgesetzt gewesen?“, wollte der AfD-Abgeordnete Marc Vallendar vom Senat wissen. Antwort: Keinen. Dabei haben wir sogar eine Hackerstraße in Berlin.
Im CP war ja gestern von einem langen Seil für Eichhörnchen die Rede (soll als Brücke über die Grunewaldstraße in Schöneberg dienen). In Marzahn stricken sie dafür an einem 300-Meter-Schal. Er soll als Symbol der Vielfalt, der Toleranz und des Miteinanders bei bezirklichen Veranstaltungen ausgewickelt werden - ja, Woll‘!
Den vermutlich kürzesten Radweg Berlins hat CP-Leser Bernd Philipsenburg in Wedding entdeckt: Er schreibt: „Auf der Ungarnstraße an der Einmündung Edinburger Straße ist der Spaß nach ca. sechs Metern vorbei.“ (Foto hier) Na, immerhin gibt’s da einen Radweg.
Auf den vermutlich belaubtesten Radweg ist dagegen Tagesspiegel-Kollege Hendrik Lehmann gestoßen: Auf der Spichernstraße türmte sich Mittwochmorgen eine Lose-Blatt-Sammlung (Foto).
Die großen Berliner Unis bleiben nicht länger uni-, sondern werden regenbogenfarben: Freie, Technische und Humboldt-Universität sowie die Charité sind dem Bündnis gegen Homophobie beigetreten.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Hier in Deutschland, gerade in Berlin, gab es Gründungen schon, da gab es in Silicon Valley noch gar keine Garagen."
Siemens-Chef Joe Kaeser
Tweet des Tages
"In Berlin ist jeden Tag Feiertag, Ihr Luschen!"
Stadtleben
Essen & Trinken Der Botanische Kompass weist gen Norden: Die Brennereien "Kyrö" aus Finnland und "Elephant" aus Hamburg sind heute im Schwein zu Gast und begleiten das Fünf-Gang-Menü von Chefkoch Christopher Kümper. Im Mittelpunkt der Abends stehen kräuterige Cocktailkreationen mit Gin, im "Schwein" kein Unbekannter - auch regulär stehen über 40 Gin-Sorten auf der Karte. Das Menü bleibt eine Überraschung, ist aber regional ausgerichtet und von den Aromen der Getränkebegleitung (g)inspiriert. Ab 18 Uhr geht's los, um 19 Uhr steht der erste Gang auf dem Tisch. Anmeldungen für 98 Euro p.P. sind per Mail oder online möglich. Mommsenstraße 63 (S-Bhf Savignyplatz)