Im Augenblick ist Berlin wieder mal zum Niederknien. Still ist‘s geworden in Kiez und Haus, weil sich die Nachbarn kollektiv in Richtung Grand Canyon, Gran Canaria oder Gransee verabschiedet haben. Obendrein guckt nun der Sommer vorbei. Und wer noch da ist, hat einen Gang runtergeschaltet – bis auf die Bundespolitik, die dem Autogipfel am Mittwoch entgegendieselt. Ein bisschen untergegangen ist beim Lärm um die Motoren allerdings, das nicht nur der Bund ein Dieselproblem hat.
Die Deutsche Umwelthilfe will das Land Berlin per Klage dazu zwingen, sich stärker für reine Luft einzusetzen. Anlass ist die dauernde Überschreitung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid an vielbefahrenen Straßen. „Trotz mehrerer vorbildlicher Maßnahmen sind die derzeit geplanten Luftreinhaltemaßnahmen unzureichend“, sagt Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe. Auch neue Euro-6-Diesel-Pkw würden sieben Mal mehr als erlaubt das giftige Stickstoffdioxid ausstoßen. „Der Berliner Senat wagt es aber derzeit nicht, sich mit der mächtigen Automobilindustrie anzulegen und schmutzige Diesel-Pkw aus der Stadt auszusperren.“ In Stuttgart, wo die Umwelthilfe gerade vor Gericht erfolgreich war, droht nun genau das.
Dafür klappt es an anderer Stelle in Berlin mit Aussperren ganz gut. Wohnungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) will den Ausbau von Dachgeschossen und das Schließen von Baulücken erschweren. Es fehlen zwar 100.000 Wohnungen in Berlin, doch Lompscher macht sich Sorgen um ihren Freund, den Baum: Für Neu- und Dachbauten dürften keine Straßenbäume beschnitten oder gar gefällt werden, um den von Amts wegen geforderten zweiten Rettungsweg (bislang in der Regel die Drehleiter der Feuerwehr) zu ermöglichen. Weil Lompscher Ausnahmen für den Bau preiswerten Wohnraums zulassen will, mag so mancher Ideologie dahinter argwöhnen. Motto: Yuppies raus und so. Nein, nein beteuert die Senatorin, es gehe allein ums Stadtklima.
Eher im Keller sind die Beliebtheitswerte für Rot-Rot-Grün. Bald ist es ein Jahr her, dass in Berlin gewählt wurde. Sabine Beikler und Ulrich Zawatka-Gerlach, die Landespolitik-Experten beim Tagesspielgel, haben schon mal Bilanz gezogen, was die Koalition bislang erreicht hat. Und das ist vor allem Unzufriedenheit. Denn eine breite Mehrheit der Berliner hat an der Politik des Senats etwas auszusetzen, wie Meinungsumfragen zeigen. Für die SPD kommt erschwerend hinzu, dass für den Schulzzug auch in Berlin dringend Ersatzverkehr eingerichtet werden muss. Zur Bundestagswahl, bei der auch über den Tegel-Volksentscheid abgestimmt wird, sind wohl nicht mehr als 22 Prozent drin für die Sozialdemokraten. Auch den Grünen droht eine Schlappe. Die Linken können sich immerhin freuen, dass ihr Kultursenator Klaus Lederer bei einer Direktwahl zum Regierenden Bürgermeister den Amtsinhaber hinter sich lassen würde: mit sagenhaften 11,6 zu 9,7 Prozent.
Berlins Polizisten sehen in ihren Cargohosen und Basecaps bisweilen schon mal aus wie Hausmeister, doch jetzt stellt sich heraus: Ein Dutzend von ihnen sind sogar welche. Das steht zumindest in einer Übersicht aus dem Polizeipräsidium über die Nebentätigkeiten der Berliner Freunde und Helfer. Insgesamt 1500 haben einen Nebenjob, darunter 125 als Komparsen, 43 als Verkäufer, 23 als Taxifahrer und 19 als Kellner. Obwohl es ja einige Partymacher in der Beamtenschaft geben soll, fehlen hierzu allerdings nähere Angaben. Die wenigsten Nebenjobber gibt es in den unteren Diensträngen, die besonders über Arbeits- und Überstundenbelastungen klagen. Ach, und 26 Polizisten sind gar „schriftstellerisch tätig“. Da klingt „Anzeige schreiben“ doch plötzlich ganz anders.
Bei einer anderen Beschäftigten der Polizei gibt es dagegen weiter Ärger um ihren Hauptjob. Margarete Koppers, bislang stellvertretende Polizeipräsidentin, war zwar mit ihrer Bewerbung als neue Generalstaatsanwältin erfolgreich. Doch ihre unterlegene Konkurrentin beim Rennen um den Job, Susanne Hoffmann aus dem brandenburgischen Justizministerium, will vor Gericht ziehen. Weiter unter Druck gerät dabei der grüne Justizsenator Dirk Behrendt. Ausgeschrieben hatte die Stelle noch Thomas Heilmann, sein Vorgänger von der CDU. Dessen Auswahlkommission tauschte Behrendt aber nach Amtsantritt aus. FDP und AfD fordern nun einen Neustart.
Bei Berlins Südwest-CDU gibt es außer einer Affäre um manipulierte Abstimmungszettel wohl auch noch eine Spitzelaffäre – und beide hängen miteinander zusammen. Die „Bild am Sonntag“ berichtet, dass sich Karl-Georg Wellmann, der sich einen Machtkampf mit Ex-Senator Thomas Heilmann um das Direktmandat für den Bundestag lieferte, dabei angeblich von einem Privatdetektiv helfen ließ. Der Schnüffler sollte belastendes Material über Heilmann sammeln. Entdeckt hat er laut „BamS“ – nichts. Wellmann bestreitet die Vorwürfe. „Es wurde kein Privatdetektiv beauftragt“, sagte er noch der „B.Z.“. „Eine Sommerloch-Ente“.
Telegramm
Mit dem Auto in die U-Bahn – das ist kein neues Angebot der Berliner Verkehrsbetriebe, sondern das Ergebnis einer Verfolgungsjagd am Sonntagabend in Spandau. Der Fahrer eines zur Fahndung ausgeschriebenen Kleinwagens wollte sich einer Polizeikontrolle entziehen, fuhr davon und verlor am U-Bahnhof Rathaus Spandau die Gewalt über das Auto. Dieses raste die Treppe hinunter und prallte im Zwischengeschoss gegen einen Pfeiler. Menschen kamen nicht zu Schaden. Der Fahrer und zwei weitere Insassen wurden festgenommen.
Unser Berlin hat’s erneut in eine Top Ten geschafft. Dieses Mal ist es die Bestenliste in der englischsprachigen Ausgabe des Technologie-Magazins „Wired“, das die fahrradfreundlichsten Städte der Welt ermittelt hat. Für Platz zehn spricht nach Wired-Maßstäben unter anderem der Fahrrad-Volksentscheid. Gelobt wird das politische und gesellschaftliche Klima zugunsten des nachhaltigen Verkehrs unter Rot-Rot-Grün. Kritik erntet der „bizarre Mix“ bei der Fahrradinfrastruktur aus den Jahren der autofixierten Politik. Am besten schneidet Kopenhagen in dem Vergleich ab, München kommt auf Platz 15, Hamburg auf Platz 17.
Er parkte im absoluten Halteverbot, öffnete im wahrsten Sinne des Wortes rücksichtslos die Fahrertür, so dass ein 55-jähriger Radler dagegen fuhr, stürzte und kurz darauf starb: Der saudische Diplomat, der einen tödlichen Unfall auf der Neuköllner Hermannstraße verursacht hat, musste Berlin jetzt gen Heimat verlassen. Wohl auf Druck des Auswärtigen Amts.
Berlin putzt nicht gründlich. Das trifft auf manche Straße zu, aber zunehmend wohl auch auf Kitas. Denn die Zahl der Tagesstätten, in denen sich die Kinder nicht mehr täglich die Zähne reinigen, ist von 75 im Jahr 2013 auf 110 im laufenden gestiegen. In Treptow-Köpenick wird beispielsweise in 18 von 99 Kitas nicht mehr täglich gebürstet, in Reinickendorf in 18 von 117 und in Mitte 13 von 178 Kitas. Das bohrende Problem dabei: Es gibt immer mehr Fälle von frühkindlicher Karies.
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Weniger braun als mancher Kindermund sieht dafür die Berliner Liste zur Bundestagswahl aus: Die NPD darf nicht zur Abstimmung am 24. September antreten. Der Landeswahlausschuss ließ die Rechtsextremen links liegen, weil sie bei einer innerparteilichen Wahl einen gesetzlich vorgeschriebenen Termin nicht eingehalten hatten.
Besucher des Berghains und anderer Nachtlokalitäten sind sie gewohnt: die Gesichtskontrolle. Ab Dienstag gibt es sie auch auf dem Bahnhof Südkreuz – natürlich nicht, um zu verhindern, dass jemand in den ICE oder die S-Bahn steigt, dessen Nase nicht dazu passt. Vielmehr beginnt dort mithilfe von 300 Freiwilligen ein Test zur Gesichtserkennung. Als Belohnung gibt’s einen Gutschein, nein, nicht von einem Beauty-Studio, sondern von Amazon. Am Dienstag wird gegen den Test auch protestiert.
24 Millionen Euro kostet die Sanierung jener 63 Turnhallen, die in der Vergangenheit als Notunterkünfte für Flüchtlinge genutzt wurden. 15 Hallen können erst im nächsten oder übernächsten Jahr wieder für den Sport genutzt werden. Für vier weitere ist sogar kein Termin in Sicht.
Achtung, noch eine Zahl im Anflug: Angeblich eine Milliarde Euro wäre erforderlich, Berlins Flughafen der Herzen aus dem 70er Jahren auf den Stand von heute zu bringen. Das hat Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup bei einem Rundgang in Tegel verkündet. Ob sich TXL-Lover wirklich von dieser XXL-Zahl schocken lassen?
Bei solchen Kosten würde sicherlich auch nicht mal das Gold und Geld helfen, das ein Mann in Neukölln gefunden und bei der Polizei abgegeben hat. Der 56-Jährige, der laut „B.Z.“ von Hartz IV lebt, entdeckte den Schatz im Wert von 44.000 Euro auf einer Bank vor einer Bank. Ein zerstreuter Rentner hatte eine Aktentasche dort mit dem wertvollen Inhalt stehen lassen. Nun muss der Vergessliche aber ein bisschen fürs Gold blechen: Zehn Prozent gehen ans Fundbüro und drei bis fünf Prozent an den Finder mit dem goldenen Herzen.
David-Bowie-Fans können sich jetzt die Kugel geben. Ein Lokal in Mitte hat dem Musiker nämlich eine Eissorte gewidmet. Besser: seinem letzten Album. „Blackstar“ aus Maronencreme und Schokoladenganache (eine Creme aus Kuvertüre und Rahm) enthält als Clou das „rauchige Aroma einer kubanischen Zigarre“. Das soll dem Eis eine geheimnisvolle Note verleihen und wohl an Bowies mysteriöse Persönlichkeit erinnern.
Vielleicht sollte die Eisdiele gleich ein paar Portionen Bowie-Eis kaltstellen: Filmproduzent Oliver Berben hat angekündigt, das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als TV-Serie herauszubringen. 1981 wurde das Schicksal von Christiane F. schon mal fürs Kino verfilmt, mit Bowies „Heroes“ als Hymne.
Die 80er scheinen sowieso nicht mausetot zu sein: Denn das Musical „Cats“ mauzt sich im August für eine Woche durch Deutschlands heimliche Hundehauptstadt. Mit dabei im Admiralspalast: die mittlerweile 91-jährige Choreografin der 1981er Uraufführung des Klassikers von Andrew Lloyd Webber.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Dann sind wir tot.“
So warnte der damalige Porsche-Vorstand Ernst Fuhrmann im Jahr 1974 vor einem Tempolimit.
Tweet des Tages
„Sommer in Berlin: Erkunde die Hauptstadt mit dem Fahrrad! Tipps für Fahrradtouren.“
Antwort d. Red.: (Der offizielle Twitter-Account der Berliner Flughäfen.)
Stadtleben
Essen & Trinken und dabei von Japan nach Peru reisen: In das Ecklokal der ehemaligen Bar 103 in der Kastanienallee 49 (Prenzlauer Berg, U-Bhf Senefelderplatz) ist das Nauta eingezogen. Auf den Tellern landet sogenannte Nikkei-Küche, die japanische Techniken mit peruanischen Zutaten kombiniert. Das sieht dann zum Beispiel so aus: Cevice vom Adlerfisch an Andenmais, crunchigen Kartoffel-Chips und Korianderblättern, Lachs-Cocktail mit Mango, Himbeeren und scharfem Wasabi oder argentinisches Entrecôte an Maniok-Wurzel, Pilzen und Wachtel-Ei. Dazu empfiehlt sich ein Pisco Sour - cremig geschüttelt mit Eiweiß-Schaum (geöffnet ist Mi-Sa ab 18.30 Uhr).