Eigentlich sollte Carsten Brückner vom Verband „Haus & Grund“ am Donnerstag in der „rbb-Abendshow“ auftreten – jetzt hat er abgesagt, angeblich aus zeitlichen Gründen. Vielleicht will er aber auch nur weiteren Fragen aus dem Weg gehen, sein Tagesspiegel-Interview hatte ja einige Empörungswellen ausgelöst, mit Äußerungen wie dieser: „Wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.“
Brückner kritisierte vehement das Projekt „Wem gehört Berlin?“, mit dem der Tagesspiegel und „Correctiv“ Eigentümerstrukturen transparent machen wollen (mehr dazu unten). Ein weiterer O-Ton des „Haus & Grund“-Chefs: „Jeder neue Wohnungseigentümer ist erstmal ein potentieller Eigenbedarfskandidat. Das Aufteilen und Wiederverkaufen ist also nur eine Durchgangsstation und führt letztlich zu mehr Wohnungseigentümern. Das ist positiv!“
Wozu das allerdings auch führt, zeigt ein Brief, der hier gerade aus Friedenau ankam – vor dem Hintergrund der Äußerungen Brückners auch daraus ein Zitat:
„Betr.: ‚Wem gehört Berlin‘ – Diese Frage ist in unserem Fall leicht zu beantworten: Die Wohnung, die wir seit nahezu 45 Jahren bewohnen, gehört seit 2007 einem Unternehmer. Zum Zeitpunkt des Verkaufs waren sowohl mein Mann als auch ich bereits im Rentenalter. Nach Ablauf des Bestandsschutzes kam die Kündigung zum 31.3.2019 (Grund: Eigenbedarf). Sie können sich nicht vorstellen, wie seither unser Alltag im absolut negativen Sinn bestimmt wird. Inzwischen bin ich 76 Jahre alt, mein Mann 78. Er wünscht sich, eher zu sterben, als die Wohnung verlassen zu müssen. Das käme einer ‚Entheimatung’ gleich. Ich bin gebürtige Berlinerin, wir haben hier immer gearbeitet und Steuern gezahlt, uns gesetzeskonform verhalten, jedoch gewinnen wir jeden Tag deutlicher den Eindruck: In dieser Stadt ist kein Platz mehr für Alte, Arme und Kranke!“
Zu den weiteren Meldungen des Tages – und damit gleich nach Hohenschönhausen:
Es gibt auch Hubertus-Knabe-Fangirls in der Stasi-Gedenkstätte – eine Referentin schreibt zur jetzt fristlosen Entlassung ihres ehemaligen Chefs: „Tausende Menschen kommen jährlich in die Gedenkstätte, wir zeigen ihnen den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie, erzählen ihnen, dass heute alles viel besser ist. Doch was heute gerade passiert, ist Diktatur.“ Ist Diktatur? Oje ... Die Zustände in der Gedenkstätte scheinen ja noch schlimmer zu sein als bisher bekannt.
Auch Stiftungsratsmitglied Dieter Dombrowski hatte für die Absetzung des Gedenkstättenleiters gestimmt – als Vizepräsident des Landtags von Brandenburg und Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände der kommunistischen Gewaltherrschaft schrieb der CDU-Abgeordnete aus Rathenow gestern an die dauerempörte Berliner CDU-Fraktion: „Es kam nachweislich mit Wissen von Knabe zu sexuellen Belästigungen. Ich würde mir wünschen, dass diejenigen in der Union, die sich für Herrn Knabe engagieren, vielleicht mit der Hälfte dieses Engagements auch die Interessen von tausenden SED-Geschädigten zur Kenntnis nehmen und nach Lösungen suchen. Ich schäme mich für das Desinteresse von Unionsabgeordneten.“
Die folgende Meldung ist was für Feinschmecker ... bereit? Na, dann los, im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten geht’s jetzt nämlich um die Wurst: Die Personalräte klassifizieren in internen Mails die Qualität des Führungspersonals neuerdings kulinarisch – der fürs LAF zuständige Verdi-Gewerkschafter Roland Tremper ist eine „Leberwurst“ (Geschmacksrichtung: beleidigt), LAF-Chef Alexander Straßmeir gilt als „Aggro-Wurst“, und auch Senatorin Elke Breitenbach bekommt ihr Fett weg: als „Oberwurst“. Checkpoint-Analyse: Veggie-Days stehen hier vorerst nicht auf dem Programm. Kommentar einer Briefreundin im Personalrats-Mailverkehr: „Was für ein Psycho-Laden das doch ist ...“ Und zum Nachtisch noch ein Leckerli aus der schreibfreudigen Angestellten-Küche: „Ach so, Stichwort Quellenschutz: Bitte sofort alle Nachrichten auf dem Handy löschen – nicht dass wieder sanktioniert wird.“ Ok, alles klar – wird gemacht!
Stur stürmt Hertha auf ein neues Stadion zu, aber die Verteidigung des Gegners steht – hier die Aufstellung der Sportpolitiker im Abgeordnetenhaus (Fünferkette): Dennis Buchner (SPD), Fan des 1. FC Köln, hat mit Hertha nichts am Hut (um es vornehm zu sagen); Philipp Bertram (Linke), Union-Fan; Nicole Ludwig (Grüne), hat mit Fußball nichts am Hut, möchte ihre Charlottenburger Wähler vor Hertha-Lärm schützen; Andreas Statzkowski (CDU, stv. Ausschussvorsitzender), ist als SCC-Präsident Tartanbahn-Fan und als Charlottenburger für Fußballruhe im Westend; Stefan Förster (FDP), möchte Hertha in die Wüste schicken (mindestens aber nach Brandenburg). Zwischenstand: Bisher hat Hertha keinen Matchplan für das Spiel mit der Politik.
In den Neunzigerjahren legte sich Peter Strieder als Stadtentwicklungssenator mit den noch heute ungenutzten Schienen in der Leipziger Straße selbst ein Denkmal, später ritt er vor seinem Millionengrab Tempodrom auf einem Elefanten herum („der Dickhäuter sitzt oben“, kommentierte „Abendschau“-Reporter Christian Walther), dann öffnete er im Verborgenen für Investoren die Hintertüren der Politik – und jetzt ist er wieder da: „Ich will mich an der politischen Debatte beteiligen, in der SPD und darüber hinaus“, sagt der frühere Kreuzberger Bürgermeister, Berliner SPD-Chef, Diepgen-Killer, Richter und Ketchum-Berater der „Berliner Zeitung“ – ärmer wird die Politik dadurch jedenfalls nicht.
Ganz große Kabarettkunst zeigte Stadtrat Oliver Schworck in der BVV Tempelhof-Schöneberg: Als er über die „multifaktorielle Bedingtheit der Einarbeitungsdauer“ referierte, stutzte er, las nochmal, was seine Leute ihm da aufgeschrieben hatten, stammelte „mul-ti-fak-tori-ell! Was für ein Wort, das steht da wirklich“ – und brach in wieherndes Gelächter aus, das sich auch für den Rest der Rede nicht mehr legte. Was dann geschah, hat Sigrid Kneist für ihren „Leute“-Newsletter aufgeschrieben, Spoiler: Es gab multifaktorielle Beschwerden.
Berliner Schnuppen
Telegramm
In einigen bröckelnden Berliner Schulen wäre für Lehrkräfte ein Helm das angemessene Kleidungsstück – aber der Senat erlaubt nicht mal ein Kopftuch. Dafür gab’s jetzt vom Landesarbeitsgericht die Quittung: 5195,88 Euro Entschädigung muss das Land einer abgelehnten Lehramtsbewerberin zahlen. Wird Zeit, dass der Senat beim zerfransten Neutralitätsgesetz den Knoten löst.
Geheimtipps sind im Checkpoint eher schwierig – wird ja doch immer alles gleich verraten! Aber der hier, den der Produzent, Regisseur und CP-Leser Arpad Bondy aus dem Bürgeramt mitgebracht hat, ist echt gut (ein Dank geht dort auch an Herrn Just): donnerstags ab 16 Uhr die 115 anrufen oder online reservieren – und ein Termin im BA Schlesische Straße ist so gut wie sicher (aber nur solange der Vorrat reicht). Er selbst hat für eine Passverlängerung das Amt um 10.37 Uhr betreten, wurde um 10.43 Uhr aufgerufen und war um 10.51 Uhr wieder draußen.
Rekordverdächtig ist auch, was Philipp Heinisch in Moabit erlebte: Vom Anruf um 11.30 Uhr bis zur Ausweisübergabe um 15.35 Uhr vergingen gerade mal 4 h. Amt, aber glücklich – das geht jetzt auch in Berlin.
Und da wir gerade dabei sind: Was ist bloß aus der beliebten Rubrik „Berlin, aber Schnauze“ geworden? Das hier: Eine Touristin aus Paris steigt am Olivaer Platz in den Bus und ordert ein Ticket zum Nollendorfplatz. Und was macht der Fahrer? Zählt im Kopf die Stationen und sagt: „Bleiben Sie hier bei mir stehen und kaufen beim nächsten Stopp das Ticket - dann ist es nur Kurzstrecke.“ Hallo, BVG-Kampagne – da stimmt doch was nicht!
Und hier noch eine Weisheit der Ureinwohner von Berghainhausen: Erst wenn der letzte Innenstadt-Club geschlossen ist, werdet Ihr feststellen, dass man im Ohrensessel nicht tanzen kann. Von heute an fördert der Senat deshalb Lärmschutzmaßnahmen zur Erhaltung der weltberühmten Berliner bpm-Kultur.
Der Beitrag zu unserem beliebten Betriebsstörungsbingo kommt diesmal von CP-Leser Arnd Henze aus dem ICE – die Durchsage dort: „Wir haben noch keinen Zugführer. Der sitzt in der verspäteten S-Bahn.“ Doppelt schön.
Heute neu in unserem Morgen-Podcast „Fünf Minuten Berlin“: Ruth Ciesinger über Cannabis, Clans, die CDU – und Checkpointer Stefan Jacobs erklärt, warum sich jetzt doch was beim Abbiegeassistenten tut. Zum Reinhören bitte hier entlang.
Eine Idee setzt sich durch – auch in Mitte gibt es jetzt eine Trauer-Andacht für Verstorbene ohne Angehörige, die behördlich bestattet wurden: Alter Domfriedhof St. Hedwig, 29. November, 16 Uhr.
Auch eine schöne Zeile: „Bahn macht Tempo bei der Siemensbahn“ („Morgenpost“) – und was bedeutet das, Tempo? Die Antwort der Verkehrsverwaltung: 11 Jahre für 4500 Meter. Zum Vergleich: Eine Bernsteinschnecke schafft die Strecke bei einem Achtstundentag und Fünftagewoche in 469 Tagen (plus Urlaub).
Ach, übrigens: Das Ende der Zeitumstellung wird verschoben. Fragt sich nur: vor oder zurück?
Korrektur zur Meldung „Clan-Gipfel“: Margarete Koppers wurde nicht heimlich zur Polizei zurückversetzt, sie bleibt Generalstaatsanwältin, und der Rechtsausschuss tagt erst heute, da waren wir (mal wieder) der Zeit voraus. Aber ansonsten ist alles richtig (hoffentlich) … ach ne, noch was: 5 Stunden für eine Autofahrt von Berlin nach Köln war natürlich etwas untertrieben, jedenfalls tagsüber (danke an die Rechenkünstler für den Baustellenfaktor). Aber die Zeit verging einfach wie im Flug (jedenfalls nicht wie im Zug – ich versuch’s damit trotzdem beim nächsten Mal wieder).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich weiß, es war ein wenig schwierig herzukommen.“
Lufthansa-Chef Carsten Spohr begrüßt die Vertreter der internationalen Luftfahrtbranche, die sich zum ersten Mal zu einer CAPA-Tagung in Berlin treffen.
Zitat
„Und wir wissen, der BER wird im Oktober 2020 eröffnet, da können Sie auf uns bauen.“
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup zu denselben Teilnehmern der CAPA-Tagung.
Tweet des Tages
„Fahrjäste! Wegen eines Notarzteinsatzes im Bahnhof krchkrkk fahren dort alle Züge der U2 durch! Ick wiederhole: Dort fahren alle Züge durch!“
Stadtleben
Essen Die Zeiten, in denen der Döner unangefochten das Fast-Food-Zepter der Stadt hielt, sind spätestens seit der Burgerrevolution vorbei. Mag die Vormachtstellung des Drehspießes auch unangefochten bleiben – das Burgertum hat geschafft, wovon die China-Box immer nur träumte und die Tür zu mehr Vielfalt im Fast-Food-Segment weit aufgerissen. Neben der Bouletten-Bourgeoisie kommen seither vermehrt auch beispielsweise Burritos und Tacos auf den Markt und letztere gibt es am heutigen Taco Day bei Chaparro in Kreuzberg besonders günstig, nämlich ab 1,50 Euro – also zu durchaus dönokratischen Preisen. Auch online bestellbar und in der Wiener Straße 14A von 12 bis 22 Uhr abhol- und vertilgbar. U-Bhf Görlitzer Bahnhof
Trinken Sex sells, heißt es allerorten und schon seit so langer Zeit, dass eigentlich mittlerweile nichts mehr übrig sein dürfte, das nicht „gesext und gesellt“ worden ist. Ganz in diesem Sinne titelt die Charell Weinbar die heutige Verkostung mit einem „Aufruf zur Paarung!“, wobei es wahrscheinlich weniger um orgiastische Ausschweifung geht, wie die, die man mit Bacchus, dem Gott des Weins verbindet, als um passende Verbindungen von Speise und Trank. Genauer: welcher Wein zu welchem Gericht am besten passt und warum, das kann man ab 19 Uhr am Bertolt-Brecht-Platz 2 gegen eine Gebühr von 30 Euro erkosten.
Geschenk Mit Griechenland verbindet man hierzulande gern das Klischee sonniger Gemüter, Ouzo und Bouzouki. Dass solche Verallgemeinerung immer zu kurz greift, dürfte eh klar sein. Wer’s nicht glaubt, bitte: der gehe ins Konzert von Theodore im Musik und Frieden heute Abend. Atmosphärisch erinnert die Musik mit ihren Ambient-, Postrock- und Klassikanteilen nämlich weit mehr an – noch ein Klischee – den skandinavischen Norden als an jegliche Mittelmeergefilde. Es sei denn, man hört genauer hin und entdeckt die Anspielungen auf die griechische Volksmusik – also doch ein wenig Bouzouki und vielleicht sogar Sonne? Nun ja, eine beim Einlass um 19 Uhr längst untergegangene Sonne. Falckensteinstraße 48, U-Bhf Schlesisches Tor. Tickets gibt es online für 13,20 Euro oder mit etwas Glück über uns: wir verlosen 2x2 Karten. Schreiben Sie einfach bis 12 Uhr an checkpoint@tagesspiegel.de.