Was war das für eine Aufregung um ein paar Sportklamotten! SPD-Politiker Olaf Scholz läuft in Jogginghose zu den Sondierungsgesprächen in der CDU-Zentrale auf, die BVG stellt eigene Turnschuhe (Checkpoint von gestern) vor, und schon kriegt sich halb Berlin nicht mehr ein. Wobei das Outfit des Hamburger Ersten Bürgermeisters, der zu seinen Zeiten als Arbeitsminister in Berlin auch mal durch den Friedrichshain joggte, wirklich Raum für Spekulationen ließ: Will sich hier einer als Marathon-Mann präsentieren? Ist die Atmosphäre in der Soko Groko am Ende gar zum Wegrennen? Da ist das Urteil über den BVG-Schuh schon klarer: „Gutes Material“, sagt ein Experte aus dem Schuh-Business, „guter Preis, aber keine Wertanlage“. Passt ja irgendwie auch zur Politik.
Schrecksekunde in Berliner Justizkreisen: „Beim Tunnelbau Tunnel entdeckt“, twitterten die Berliner Wasserbetriebe am Mittwochnachmittag, kurz bevor Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) wegen des fidelen Strafvollzugs im Rechtfertigungs-, pardon, Rechtsausschuss des Abgeordnetenhauses befragt werden sollte. Zum Glück für den Grünen-Politiker hatte sich aber nicht der nächste dicke Fisch aus der JVA Plötzensee dünnegemacht, sondern die Wasserbetriebe hatten Reste eines zugeschütteten Fluchttunnels im früheren Todesstreifen am Mauerpark entdeckt. Behrendt gab sich vor den Parlamentariern zerknirscht wie der Betonpfeiler, den die vier freiheitsliebenden Männer bei ihrer Flucht aus der Wand geflext hatten: „Wir haben unsere Aufgabe, Gefangene sicher unterzubringen, nicht erfüllt.“
Dies dürfte auch auf den Fall zutreffen, über den die „Morgenpost“ berichtet. Der Junge, der Anfang Dezember einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen verüben wollte, stand mit einem Häftling in der JVA Tegel im Kontakt. Über ein - verbotenes - Handy soll Mohamed A. Anschlagspläne mit dem Zwölfjährigen diskutiert haben. Der Minderjährige hatte dann einen Sprengsatz deponiert, der aber nicht explodierte.
Mal sehen also, ob es noch zerknirschter geht. Denn heute wird nicht nur im Ausschuss, sondern im Parlament über die Fluchtursachen diskutiert. Zu letzterem gehört im Fall Plötzensee, dass die vier Ausbrecher zu wenig Bewacher, aber dafür ausreichend Unterstützung hatten. So war eine Tür unverschlossen, und es dauerte fast eine halbe Stunde bis zum Alarm, nachdem beim Durchzählen die gewisse Unterbesetzung auf Seiten der Gefangenen festgestellt wurde. Gegen drei Justizbedienstete laufen nun Disziplinarverfahren – was irgendwie ein bisschen fies ist, denn sie gehören zu denen, die sich nicht in die Krankheit oder in den Urlaub geflüchtet hatten.
Für letzteren empfiehlt die „New York Times“ ihren Lesern übrigens Deutschland – genauer: den Westen Deutschlands. Zum 13. Mal hat die Zeitung eine weltweite Liste mit „52 Places to Go“ veröffentlicht, zusammengestellt von Reisereportern und Korrespondenten. „Nirgendwo wird der Geist teutonischer Toleranz mehr gelebt als in den fortschrittlichen, westlichen Staaten des Landes“, verkündet die Zeitung. Offen bleibt, ob eine gewisse Großstadt kurz vor der polnischen Grenze auch eine Empfehlung wert ist, die für ihre Offenheit bekannt ist. Aber eigentlich ist das ja auch egal. Die Amis kommen doch auch so.
Allerdings gäbe es bestimmt Punktabzug für eine Geschichte, die so gar nichts mit teutonischer Toleranz, sondern mit deutscher Paragrafenreiterei zu tun hat. CP-Leserin Renate W. streitet sich wegen ihrer Rente vor Gericht, was mit der Ost-West-Besonderheit Berlins zu tun hat. Frau W. arbeitete eigenen Angaben zufolge beim Senat, ihr Büro war in Wilmersdorf. 2010, als Berlin noch sparen musste, dass es quietschte, wurde ihre Stelle gestrichen. Frau W. landete im sogenannten Stellenpool des öffentlichen Dienstes. Sie behielt bis zur Rente aber ihren Schreibtisch im früheren Westteil Berlins, während ihre Personalakte zum Dienstsitz des Stellenpools in Lichtenberg (Ost) wanderte. Für die gut zwei Jahre Ruderei im Stellenpool soll sie nun weniger Rente bekommen – so wie alle, die auf dem Gebiet der früheren DDR arbeiteten. Im Sommer 2013 zog Frau W. vors Sozialgericht, weil sich die Rentenversicherung querlegte und auch die Stadt Berlin auf dem Dienstsitz Ost beharrte. Einer muss hier wohl verrückt geworden sein – Frau W. und ihr Schreibtisch sind es jedenfalls nicht. Seither ist Sache jedenfalls in der Schwebe.
Schweben und schweben lassen ist ja sowieso so ein typisches Motto für Berlin. Das zeigt nicht zuletzt die Kreuzberger Gerhart-Hauptmann-Schule. Vor mehr als fünf Jahren wurde das leerstehende Haus von linken Aktivisten besetzt, um Flüchtlingen, die unter unwürdigen Bedingungen im Freien auf dem Oranienplatz campierten, ein Dach über dem Kopf zu bieten. Am heutigen Donnerstag ab 8 Uhr wird das Gebäude unter Polizeischutz geräumt, und das Jahre, nachdem dort bereits alles aus dem Ruder gelaufen war. Im Geist teutonischer Gelassenheit sollte dort ein selbstverwaltetes Flüchtlingszentrum entstehen, doch Chaos, Rivalitäten und sogar Gewalt unter den Flüchtlingen setzten dem ein Ende. Hannes Heine beschreibt in der Donnerstagausgabe des Tagesspiegels sehr anschaulich „Kreuzbergs Albtraum“, der das Bezirksamt am Ende fünf Millionen Euro gekostet hat.
Endlich steht Berlin nicht mehr finanziell das Wasser bis zum Hals (CP von gestern), da säuft es in Teilen buchstäblich ab. Im Norden der Stadt ist aus dem idyllischen Tal des Tegeler Fließes samt Wanderwegen über weite Strecken eine „verstörende Mischung aus treibendem Totholz und brackigen Tümpeln geworden“, wie Tagesspiegel-Kollege Gerd Appenzeller schreibt. Ganz geplant wurde die einst vom Menschen gepflegte Natur sich selbst überlassen. Anrainer beklagen sich über überschwemmte Grundstücke und vollgelaufene Keller. Es ist so feucht dort, dass dort selbst Wasserbüffel nasse Füße kriegen.
Apropos flüssig. Im gestrigen Checkpoint baten wir ja um Vorschläge, was Berlin mit dem Geldregen von 2,16 Milliarden Euro aus den Überschüssen anfangen soll. Hier schon mal ein paar Ihrer ersten Ideen: Parks besser pflegen (CP-Leserin Christine Kuhn), Schulden tilgen (Walter Weiblen), alle Tatra-Straßenbahnen ersetzen (Reinhold Mari), mehr Stellen in der Justiz, mehr Geld für Staatsanwälte, Richter, Polizisten und Lehrer sowie mehr Fahrradwege (Frederica Sieben). Und Siggi Kühbauer wünscht sich mehr Geld für Kinder- und Jugendarbeit. Weitere Vorschläge (gern auch geheime Wünsche) an checkpoint@tagesspiegel.de.
Telegramm
Die Südwest-CDU kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Machtgerangel vor rund einem Jahr wegen des Direktmandats für den Bundestag soll es laut „B.Z.“ Ärger um die Finanzen geben. Die CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf habe Wahlplakate bezahlt, was verboten sei, so die „B.Z.“ CDU-Bezirkschef Thomas Heilmann, Sieger im Gerangel, gerät nun unter Druck. Kritiker werfen ihm vor, die Sache vertuschen zu wollen; er bestreitet das.
Der Nebel in Berlin hat viele fasziniert: Unzählige Fotos waberten durch die die sozialen Netzwerke. Da wollte auch Sebastian Czaja, FDP-Landes- und Fraktionschef offenbar nicht abseitsstehen, und posierte am Rand der Sitzung des Rechtsausschusses im geheimnisvollen Scheinwerferlicht des Abgeordnetenhauses vor der Kamera eines Fotografen. Czaja wollte nichts weiter dazu sagen, deshalb ungefragt ein CP-Tipp: Lieber Herr Czaja, es kann nur einen Poser in der FDP geben.
Das Wetter wurde noch woanders zur Imagepflege benutzt: Der Flughafen in Dresden („I love DRS“) jubelte via Twitter, dass erstmals eine Maschine der israelischen Gesellschaft EL AL dort gelandet sei. Grund war der Nebel in Schönefeld.
Beinahe gescheitert, am Ende in letzter Sekunde gerettet: das neue, große Herzzentrum für Berlin. Einen Neubau auf dem Gelände des Virchow-Klinikums soll es dafür geben. Die Charité und das Deutsche Herzzentrum bündeln dort ihre Kompetenzen.
Berlin bastelt noch am Konzept für die öffentlichen Toiletten und schraubt Schilder für Unisex-Klos an, da gibt’s schon eine neue Idee aus New York: Dort werden Männer-Klos in öffentlichen Gebäuden künftig mit Wickeltischen ausgerüstet. Eine echt windelige Idee für Familienfreundlichkeit.
Und noch ein vergleichender Blick in eine andere Metropole: In Amsterdam dürfen Wohnungen nur noch an 30 Tagen im Jahr an Touristen vermietet werden. Bislang waren es 60 – so viele, wie Berlin ab voraussichtlich Mai erlauben will. Hier wie dort soll das gegen die Wohnungsnot helfen.
Zehntausende Menschen sind in Berlin mittlerweile ohne Dach über dem Kopf. Alle sollen aber eine feste Unterkunft bekommen - das haben sich zumindest die Teilnehmer der 1. Strategiekonferenz zum Thema Wohnungslosigkeit vorgenommen.
Um Hilfe in Not dreht sich auch die Aktion, die in Neukölln angelaufen ist. Dort war Silvester die bekannte Musikalienhandlung „Musik-Bading“ ausgebrannt - nach einer Attacke mit Feuerwerkskörpern. Seither melden sich zahlreiche Unterstützer und bieten den betagten Inhabern ihre Hilfe an, berichtet Madlen Haarbach im „Leute“-Bezirks-Newsletter aus Neukölln. Motto: In Rixdorf is Musike - und soll auch Musike bleiben.
Die Berliner Wirtschaft tritt auf die Bremse beim neuen Mobilitätsgesetz. Grund: zu fixiert aufs Rad. „Der Senat unterschätzt die Bedeutung des Wirtschaftsverkehrs dramatisch“, sagt Christian Amsinck, der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Für alle 1200 Supermärkte in der Stadt sind übrigens eine halbe Million Fahrten im Jahr nötig, um 2,8 Millionen Tonnen Waren zu liefern.
Seit 332 Tagen sitzt „Welt“-Journalist Deniz Yücel in türkischer Haft - weiter ohne Anklage.
Für den AfD-Flügelmann Björn Höcke war das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas ja bereits ein Denkmal der Schande. Das hindert die Bundestagsfraktion seiner Partei aber nicht, den ihr - zustehenden - Platz im Kuratorium der Mahnmalstiftung zu besetzen. Lea Rosh, Initiatorin des Mahnmals, findet das Ansinnen „unverfroren“.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wir haben uns hier zufällig getroffen.“
Antwort zweier Männer in einem Friedrichshainer Keller auf die Frage von Polizisten, was sie denn dort am Mittwochmorgen kurz vor 5 Uhr mit Beil und Schraubenzieher zu schaffen hätten.
Tweet des Tages
"Wenn du bibbernd an der Bushaltestelle stehst und dann am Ende der Straße aus dem Nebel sich die Lichter des Busses schälen. Das ist ein Glücksgefühl, Leute!"
Stadtleben
Wo im Sommer Leute mit einem Gin Basil an der Strandbar lümmeln, wärmt im Winter die Schwarze Heidi bibbernde Berliner. Bis Ende Februar tischt das Team aus dem gleichnamigen Kreuzberger Lokal (Mariannenstraße 50) am Sage Beach in der Köpenicker Straße 20 (U-Bhf Schlesisches Tor) Käsefondue mit Hüttenzauber auf. Zwei uns wohlbekannte Checkpoint-Leser mit Schweizer Hintergrund und Feinkostladen in Wilmersdorf haben die Speisekarte alle Varianten von Moité Moité bis Trüffel (ab 18 Euro p.P.) probiert und bestätigen: „wirklich richtig gut“. Fehlt nur noch der Schnee draußen, aber irgendwas ist ja immer. Heute Abend mit Appenzeller-Spezial! Di-S0 18-23 Uhr, Reservierung unter fondue@schwarzeheidi.de oder Tel. 01756743440, barrierefrei
Wie in den meisten Craftbeer-Bars weiß man auch hier nicht, welches der Biere man zuerst probieren soll – ganze 24 Taps können im Protokoll angezapft werden. Das Besondere an der eher rustikal eingerichteten Bar in der Boxhagener Straße 110 in Friedrichshain: Der Fokus liegt auf russischem Bier, denn Pate steht die russische Brauerei Zagovor. Starten wir also mit einem Midnight Moskow IPA. U-Bhf Frankfurter Tor, tgl. ab 16 Uhr.