Heute geht’s los – die Fußball-WM beginnt: Das ZDF überträgt die Eröffnungsfeier in Moskau ab 15.10 Uhr, das erste Spiel zwischen Russland und Saudi-Arabien wird um 17 Uhr angepfiffen, die deutsche Mannschaft hat ihren Premierenauftritt am Sonntag (17 Uhr gegen Mexiko). Im Checkpoint gibt’s jeden Morgen ein Update der Ergebnisse und Ereignisse sowie ein Briefing über das, was der Tag noch bringt (und wann). Im Tagesspiegel berichten wir täglich in Kooperation mit der Redaktion des Magazins „11 Freunde“ auf unseren Sonderseiten (zum WM-Abo geht’s hier), und online können Sie den Tag u.a. in unserem Liveblog verfolgen.
Wie überraschend für viele die Ausladung von Leroy Sané durch den Bundestrainer war, lässt sich überall in der Stadt erkennen: Der Stürmer von ManCity ist im Nationaltrikot u.a. auf einer riesigen Mercedes-Werbewand am Flughafen Tegel zu sehen und auf den Anzeigen der Telekom. Löw wird flexibler sein müssen als die Agenturen, um den Titel zu verteidigen.
Weltmeisterlich startet auch die Berliner Kultur in den Fußballsommer – mit einem absolut konkurrenzfähigen Programm:
Freitag: Rossini-Premiere an der Deutschen Oper.
Sonnabend: Schostakowitsch-Premiere an der Komischen Oper.
Sonntag: Macbeth-Premiere an der Staatsoper.
Und was es sonst noch so alles an Alternativen zur WM in der Stadt gibt, steht jeden Tag hier im Checkpoint-Stadtleben. Aber bevor wir dazu kommen, erst einmal die anderen Meldungen des Tages:
Die Linke hat zum 90. Geburtstag von Che Guevara ein riesiges Transparent mit dem Konterfei des südamerikanischen Stalin-Fans vor die Fenster des Rosa-Luxemburg-Hauses gehängt – ein guter Anlass, über die Schattenseiten der bis aufs letzte T-Shirt kapitalistisch ausgeweideten Kultfigur mit Knarre („Wir haben geschossen, wir schießen, wir werden weiter schießen“) neu nachzudenken: Wieso feiert ausgerechnet eine Regierungspartei des Berliner Regenbogensenats einen homophoben Revolutionär?
Bei ihrer offiziellen Ernennung zur Polizeipräsidentin ließ Barbara Slowik gestern „Viva la Vida“ von Coldplay fiedeln, im Original singt Chris Martin da: „Sei mein Spiegel, mein Schwert, mein Schild!“ Im echten Berufsleben fehlen der Präsidentin allerdings „200 Motorradhandschuhe, Anforderungsprofil Sommer“, wie einer gerade veröffentlichten Ausschreibung zu entnehmen ist (PPr Bln 151/18). Liefertermin: 30. November 2018 … Moment: Sommer? November? Da bahnt sich offenbar ein perfides, antizyklisches Täuschungsmanöver an - oder setzt Slowik in ihrer Behörde voll auf den Klimawandel?
Apropos Polizei – wir schauen uns mal kurz im Knast um, wo Justizsenator Dirk Behrendt unter dem Motto „Resozialisierung durch Digitalisierung“ 35 Knackis mit einem Tablet-Computer beglückt hat, Zugang zu ausgewählten Onlineseiten inklusive. Freigeschaltet ist z.B. „Wer wird Millionär“. Damit die JVA-Surfer keinen „Schabernack“ treiben (Behrendt), hat das Fraunhofer-Institut ein extra gesichertes Wlan-Netz eingerichtet, Kosten für das „Forschungsprojekt“: 1,3 Mio. Wer unseren Kurs „Mathe lernen mit dem Checkpoint“ absolviert hat, weiß: Das macht 37.142,85 Euro pro Stück. Bis zum Ende der Legislaturperiode sollen übrigens alle Gefangenen (derzeit 4024) ein solches Tablet überreicht bekommen ...
… was wiederum an den analogen Berliner Kreidezeit-Schulen so manchem die Tränen der Rührung in die Augen treibt: Würde Behrendt zur nächsten Wahl als Bildungssenator kandidieren, bekäme er dort mindestens 100 Prozent.
Und da wir jetzt schon mal in der Schule angekommen sind, folgendes Experiment: Angenommen, Sie hätten gehört, wie dramatisch wenig Lehrerstellen an den Berliner Schulen zum kommenden Schuljahr besetzt sind (CP vom 12.6.). Sie haben verfolgt, wie verzweifelt Senatorin Scheres um Interessenten buhlt und dass sie alles tut, um das kratertiefe „gap“ doch noch zu schließen. Sie treffen eine Entscheidung: Sie wollen sich als Quereinsteiger bewerben, Ihre Qualifikation ist ok. Sie gehen auf die Website der Bildungsverwaltung, lesen was vom „Wegweiser für Ihren Traumberuf“, sortieren Ihre Unterlagen – und dann stellen Sie fest: „Die Bewerbungsfrist für Quereinsteiger endete am 15. März 2018. Bewerbungen außerhalb des Ausschreibungszeitraums können leider nicht berücksichtigt werden.“ Berliner Verwaltungskunde sollte Pflichtfach werden, mit der Senatorin als Lehrkraft.
Umweltverbände nennen Mikroplastik „die unsichtbare Gefahr“, in Hamburg warnte das städtische Wasserunternehmen diese Woche vor einer Belastung und forderte ein Verbot der Zusatzstoffe, die oft in Kosmetikartikeln vorkommen. Und in Berlin? „Eine regelmäßige Beprobung erfolgte bisher nicht“, teilte der Senat dem Grünen-MdA Georg Kössler gerade mit, „eine systematische Auswertung liegt nicht vor.“ Eine unsystematische übrigens auch nicht.
Am 22. November 2017 bat der Hauptausschuss die Verkehrsverwaltung, „rechtzeitig bis zur Sitzung am 20.06.2018 zu erläutern, wie die Prozesse zwischen der infraVelo GmbH bzw. Verkehrslenkung und den planenden Bereichen der Verwaltung am Beispiel der Radverkehrsstraßen koordiniert werden.“ Doch leider hat der Bericht unterwegs einen Platten gehabt: Staatssekretär Jens-Holger Kirchner bitte um Verschiebung bis zum September – wegen des „sehr hohen Abstimmungsbedarfs“.
Telegramm
Die Nachricht vom Tod eines achtjährigen Jungen, der gestern auf dem Schulweg mit dem Fahrrad von einem abbiegenden Laster überfahren wurde, ist kaum zu ertragen. Seine Mutter hatte ihn noch begleitet und konnte doch nichts für ihn tun. Ob die Politik mehr tun kann, um die Gefahr dieser Art Unfall doch zu verringern, darüber sprechen wir dann morgen wieder.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Beiträge zur Pflegeversicherung erhöhen – er sieht „generationsübergreifend eine hohe Bereitschaft, mehr zu zahlen.“ Ich glaube, er hat da was verwechselt: Generationsübergreifend gibt es vor allem den Wunsch nach besserer Pflege. Dagegen wirkt die Bereitschaft der Politik, dafür mehr zu tun, eher unterentwickelt.
„Alt“-Papier, zweite Lesung: Unter der Kruste bürokratischer Binsen (CP von gestern) findet sich bei näherem Hinsehen doch der eine oder andere Haken, an dem sich eine ernsthafte Diskussion über eine moderne, effiziente Verwaltung aufhängen lässt, live und in Farbe. Wer sich daran beteiligen möchte: Bitte per Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Hunderte Studierende und Beschäftigte haben im TU-Audimax eine Streikzentrale eröffnet – die studentischen Mitarbeiter fordern mehr Geld.
Das Naturkundemuseum sucht jemanden zur „Digitalisierung von 768 Vinyl-Schallplatten mit Tierstimmen-Aufnahmen“ – wäre ja auch schade, wenn der Dinosauriersound verloren ginge.
So, fassen wir mal zusammen: Der Motorradfahrer, den die Polizei am Mierendorffplatz aus dem Verkehr zog, war mit einem falschen Kennzeichen unterwegs, schlug mit seinem Helm auf die Beamten ein und hatte keinen Führerschein. Irgendwas vergessen? Ach ja: Er ist, nein: er war als Freigänger unterwegs. Soweit alles normal. Allerdings: Von Alkohol und Drogen ist im Polizeibericht nicht die Rede – sehr verdächtig.
Die „Interessengemeinschaft der touristischen Attraktionen Berlins“ beklagt sinkende Besucherzahlen in der Innenstadt, kämpft gegen das neue dezentrale Konzept und fordert in einem Brief an „Visit Berlin“, Kulturbetriebe in den zentralen Lagen zu stärken: „Alles andere wäre extrem eindimensional gedacht.“
Eine neue mehrdimensionale Attraktion entsteht allerdings gerade mitten im Zentrum: Eine Künstlergruppe um die „Wandelism“-Aktivisten errichtet am Bahnhof Zoo „das größte Open-Air-Atelier der Stadt“ (Samstag ist Richtfest) – als Zeichen gegen die Verdrängung der Kreativszene an den Stadtrand (also dort, wohin der Senat demnächst die Touris schicken will).
Nachschub fürs Betriebsstörungsbingo: Zwischen den Bahnhöfen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke hing ein metallbeschichteter Luftballon in der Oberleitung – aus Sicherheitsgründen wurde der Bahnverkehr unterbrochen und der Strom abgeschaltet.
Die Koalition verzichtet jetzt doch darauf, vom Flughafenchef einen „Plan B“ für die nächste Verschiebung der BER-Eröffnung vorzulegen. Vielleicht gehen sie in Schönefeld ja besser gleich zu „Plan C“ über.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ohne Werner Gegenbauer geht gar nichts in Berlin.“
Der frühere CDU-Politiker, Staatssekretär und Krankenkassen-Vorstand Johannes Vöcking im Kuratorium der „ZNS Hannelore Kohl Stiftung“ – Der Unternehmer und Hertha-Präsident Gegenbauer wurde hier gestern als neues Mitglied begrüßt. Die Stiftung hilft Menschen, die Verletzungen am zentralen Nervensystem erlitten haben, und sie unterstützt auch deren Angehörige. Kuratoriumspräsident ist der Musiker Adel Tawil, der am Sonnabend in der Parkbühne Wuhlheide spielt.
Stadtleben
Essen auf Art des WM-Gastgeberlandes Borschtsch und der Kartoffelsalat Olivier, sowie die mit Fleisch und Gemüse gefüllten und frittierten Teigtaschen Pirogi darf man in dem Fall nicht missen. Nach original russischer Manier zubereitet, bekommt man sie im Imbiss Rossia am S-Bahnhof Charlottenburg, wo Irina Schmidt mal die deftig-warmen oder auch typischerweise kalt servierten Gerichte, wie die Joghurtsuppe Okroshka, über den Tresen reicht. Der zu dem russischen Lebensmittelladen gehörende Imbiss am Stuttgarter Platz 36 ist ein richtiger Treffpunkt für russische Landsleute im Berliner Exil – der Ritterschlag in der Gastro in Sachen Authentizität. Tägl. 24 Stunden geöffnet.
Das Brauhaus Spandau war dem Checkpoint schon mal eine Empfehlung wert. Dass wir ein gutes Auge hatten, wird durch die Einheimischen nur noch untermauert: Zum Public-Viewing der WM-Spiele fällt bei vielen Spandauern die Wahl auf die Lokalität in der Neuendorfer Straße 1 (So-Do 10-24 Uhr, Fr-Sa 10-1 Uhr). Eine Bierempfehlung gibt der Leser des Spandauer Leute-Newsletters Günther Sackel ab: das Spandauer Sommermärchen. „Sommermärchen? Passt.“, findet Leute-Autor André Görke, und hat gleich noch einen Tipp für uns:
Etwa 10 Minuten Fußmarsch vom Brauhaus entfernt lädt der Kulturverein „Neue urbane Welten“ zum Public Viewing auf der Postbrache. Alle WM-Spiele werden auf Fernsehern gezeigt, es gibt Kultur, eine Bar, Shisha, einen Snack-Lieferservice und „einen Buddelkasten unter elterlicher Aufsicht“. Täglich ab 12 Uhr, Klosterstraße 38-42 (direkt am S-Bhf Spandau)