Beginnen wir die Woche mit einer Knallermeldung: In Berlin soll es zum nächsten Silvester nicht nur ein Böllerverbot geben, sondern drei. Nach Abzug des Pulverdampfes erweist sich diese Nachricht allerdings als Tischfeuerwerk, denn das Verbot beschränkt sich auf Silvesterfanmeile, Hermannplatz und den Steinmetzkiez an der Pallasstraße in Schöneberg, wo die Kriegsszenen beim vergangenen Jahreswechsel besonders authentisch waren. Ein generelles Böllerverbot gibt die Rechtslage laut Innensenator Andreas Geisel (SPD) nicht her. Und die grüne Idee, die Knallerei innerhalb des S-Bahn-Rings (= 10% des Stadtgebietes) zu verbieten, sei mit der vorhandenen Menge an Polizisten nicht durchsetzbar. „Wir dürfen uns nicht lächerlich machen“, sagt Geisel. Gilt das speziell für Silvester?
Im Innenausschuss wollen die Linken heute die Räumung eines Obdachlosencamps nahe dem Hauptbahnhof (CP vom 10.1.) erörtern, genauer: Mit der Art, wie Polizisten einer gefesselten Bewohnerin ein Tuch über den Kopf zurren und sie abführen, während nebenan die BSR ihre Habe wegbaggert. Ein am Wochenende publik gewordenes Video des Einsatzes vom 9. Januar hat Empörung ausgelöst. Laut BA Mitte und Polizei war die Frau „extrem aggressiv“ (was im Video nicht zu sehen ist) und das Tuch zum Schutz der Beamten notwendig. Nun ist ein Urteil leicht gefällt, besonders vom Schreibtisch aus. Darin, dass Art. 1 Abs. 1 des Grundgesetzes auch für Polizeieinsätze unter Brücken gilt, sind sich hoffentlich alle einig.
Im Volkspark Humboldthain ist Sonntagfrüh bei Frost ein Mann tot auf einer Parkbank gefunden worden. Die Befürchtung liegt nahe, dass er erfroren ist in der bisher kältesten Nacht dieses Winters. Sozialstaatssekretär Alexander Fischer (Linke) rief deshalb alle auf, die Augen offen zu halten und Obdachlose anzusprechen, ob sie Hilfe brauchen. Er erneuerte das Versprechen: „Wer ein Bett für die Nacht braucht, bekommt Hilfe.“ Dieter Puhl, langjähriger Leiter der Bahnhofsmission, hat eine „Osteuropa-Konferenz“ angeregt, damit die vielen von dort stammenden Obdachlosen lieber dort zu leben versuchen, statt hier unter aller Augen zu sterben. Wie das funktionieren kann, erzählt die „Morgenpost“. Hier noch mal die Nummer des Kältebusses der Stadtmission: 0178-5235 838.
Auf der SPD-Klausur am Wochenende sind Regiermeister und Fraktionschef mächtig über die BVG hergezogen; Raed Saleh hat schon mal eine verbale Drohkulisse für den Dienstag gezimmert, an dem die Chefin des Landesbetriebes die Fraktion besuchen will/soll. Die BVG sowie deren ebenfalls in den Schrotkugelhagel geratene Aufsichtsratschefin Ramona Pop (Grüne) sahen sich zu einer dezenten Erinnerung daran veranlasst, dass ein ehemaliger Verkehrssenator genauso hieß wie der heutige Regierungschef und dass es die SPD war, die der Stadt einst „Sparen, bis es quietscht“ verordnet hatte. Jetzt quietscht es halt, wenn die greisen U-Bahnwagen kommen. Und wenn nicht, erst recht.
Die Polizei schickt ihrer Präsidentin eine „Wöchentliche Meldung meldewürdiger Straftaten durch Polizeiangehörige“. Da die aktuellsten Ausgaben gerade nicht zur Hand sind, schauen wir kurz ins Archiv, August 2018: Trunkenheit im Straßenverkehr mit 3,5 Promille, verbotene Kraftfahrzeugrennen, Gefährdung des Straßenverkehrs, Beleidigung („Eselficker“), Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Filmaufnahmen (in der Damenumkleide). Dazu der Innensenator schon im November 2017: „Eine moderne Hauptstadtpolizei muss Spiegelbild unserer Gesellschaft sein.“
Berliner Schnuppen
Telegramm
Nanu, hat der Checkpoint jetzt einen Sportteil, im Comic? Tja, nicht nur da, dehnen Sie sich schon mal ein bisschen. So wie wir das mit dem Spannungsbogen tun: Alles Weitere steht unten im Encore.
Eine Spitzenrunde von R2G will heute übers kostenlose Schulessen verhandeln, das den Grünen nicht schmeckt. Sie wollen der Initiative der SPD nur zustimmen, wenn gleichzeitig mehr Geld für die Qualitätskontrolle ausgegeben wird (Q: „Berliner Zeitung“). So ausgehungert, wie mein Kind oft aus der Schule kommt, weil es nur lauwarmen Reis mit mitteldicker Soße an mysteriösem Allerlei gab, könnte sich ein kritischer Blick in die Töpfe lohnen.
Die Pläne von Google, SAP, Telekom und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, in Berlin einen Campus für KI zu gründen, sind offenbar vorerst gescheitert. Müssen wir also weiter das eigene Hirn anstrengen. Zumindest so lange, bis die Hauptstadtfiliale, die Google am Dienstag in der Tucholskystraße eröffnen will, ihre Betriebstemperatur erreicht hat.
Beim autonomen Fahren hatte Brandenburg am Samstag die Nase vorn: In Luckenwalde setzte sich laut Polizei ein Streetscooter (das sind die von der Post entwickelten E-Lieferwagen) „trotz angezogener Handbremse“ und ohne menschliches Zutun in Bewegung, pflügte einen Bauzaun um und rammte zwei parkende Autos. Die Post widerspricht: Der Fehler habe nicht beim Scooter gelegen, sondern beim Zusteller.
An der israelischen Küste hat eine 14-Jährige den Brief eines fünfjährigen Berliners gefunden, den ein Streetscooter unbemerkt …– nein, halt, anders: Der Junge hatte die Flaschenpost beim Urlaub in Griechenland ins Meer geworfen. Seine Eltern haben die Finderin nach Berlin eingeladen. Wenn Außenpolitik nur immer so schön wäre!
Nach gefühlt ca. 15-jähriger Abstinenz will die Polizei ab heute stadtweit „verkehrsgefährdende Verhaltensweisen unterbinden und festgestellte Verstöße konsequent ahnden“. Für jeden Monat dieses Jahres seien entsprechende einwöchige Schwerpunkteinsätze geplant. Jene, die routiniert noch über die Kreuzung feuern, obwohl die Ampel beim Vordermann schon orange war, mögen sich also zusammenreißen – oder endlich mal erwischt werden.
Bemerkenswert ist die versprochene Ahndung: Die (wenigen) Tempokontrollen, die ich in letzter Zeit gesehen habe, waren so positioniert, dass selbst eine Interkontinentalrakete rechtzeitig bremsen könnte. Begründet werden solche Blitzer-Placebos gern mit Prävention durch sichtbare Präsenz. Dieser Ansatz gefällt sicher auch unserem Automobilwirtschaftsminister Scheuer, der einer von ihm eingesetzten Expertenkommission gerade die geistige Gesundheit absprach, weil sie Tempo 130 erwägt.
Laut „Kurier“ sind übrigens mindestens zwei der 29 stationären Blitzer in Berlin womöglich nicht korrekt geeicht und die Bußgeldbescheide deshalb juristisch angreifbar. „Acht von zehn Richtern“ würden die entsprechenden Verfahren gegen geblitzte Autofahrer einstellen, berichtet ein Anwalt.
226 Namen, 226 Kerzen, 50 Gäste: Es war ein anrührendes Gedenken an die Menschen, die im vergangenen Jahr vom Bezirksamt Reinickendorf „ordnungsbehördlich bestattet“ wurden, weil sie ohne Kontakt zu Angehörigen gestorben waren. Die Feier am Sonntag in der Hermsdorfer Apostel-Paulus-Kirche war die erste dieser Art. Weil Reinickendorf als erster Bezirk signalisieren wollte, dass Menschlichkeit vor Datenschutzbedenken geht.
Auch aus anderen Bezirken gibt es Neuigkeiten: In Lichtenberg gibt’s falsches Lego und echte Kröten (zurzeit winterstarr), die einen Baustopp provozieren. Und in Köpenick fahren S-Bahnen warme Luft spazieren und werden ernstzunehmende Laternen durch LED-Funzeln ersetzt, deretwegen die Anwohner Taschenlampen brauchen. Genaueres gibt’s kostenlos in unseren heutigen Bezirksnewslettern.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die Charité muss wie die Feuerwehr für viele Fälle gewappnet sein. Nur käme niemand auf die Idee, die Feuerwehr nur pro Einsatz zu bezahlen.“
Der künftige Charité-Chef Heyo Kroemer in seinem ersten Berliner Interview, in dem er nicht nur über die Finanzierungsprobleme der Hochschulkliniken spricht, sondern auch über alte Verbindungen nach Berlin und neue Hoffnungen für Krebspatienten.
Tweet des Tages
„Alter, warum machst du ein Foto von deinem Ohr?“ „Ich telefoniere.“
Stadtleben
Essen & Trinken auf die skandinavische Art in der Kantine + Kaffeebar im Felleshus. Einrichtung in hellem Ahornholz, schlichtes Ambiente und eine Speisekarte mit Fischgerichten und typischem Smørrebrød: Das erwartet man zurecht, wenn man hört, dass sich Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden in der Rauchstraße 1 ein Botschaftsgebäude mit Kantine teilen. Heute auf dem Speiseplan: Finnische Fischsuppe, Hering in Eiersalat mit Dill, finnische Kohlkasserolle mit Putenbrust und Rindfleisch und für die Vegetarierer gibt’s Wurzelgemüse aus dem Ofen (Mittagstisch Mo-Fr 13-15 Uhr). Den Verdauungsespresso gibt’s zwei Stockwerke weiter unten in der Oslo Kaffeebar (Mo-Fr 8-19 Uhr, Sa 10-19 Uhr, So 10-18 Uhr), die anderen hippen Cafés mit ihren frischen Heißgetränken und dem selbstgemachten Gebäck in nichts nachsteht. Busstation Corneliusbrücke
Geschenk für die Freunde, die man so selten sieht, weil sie am Freitagabend lieber zu Hause bleiben, um ihren spannenden Krimi fertigzulesen: Das findet man garantiert bei Hammett in der Friesenstraße 27 in Kreuzberg. Conaisseuren des Genres wird der Name sofort ein Begriff sein: Die Krimi-Buchhandlung ist nämlich nach dem amerikanischen Krimiautor Dashiell Hammett benannt. Sein Roman „Rote Ernte“ ist das Lieblingsbuch des Besitzers Christian Koch, wie die qiez-Kollegen berichten. Seit 1999 Buchhändler und mit einem Krimi-Lesepensum von rund 200 Romanen pro Jahr ist Koch also ein kompetenter Berater. Und für alle, die seit dem Hype um Volker Kutschers Romane Geschichten lesen wollen, die in unserer tollen Stadt spielen, für die hat Koch ein ganzes Regal voller Berlin-Krimis. U-Bhf Gneisenaustraße, Mo-Fr 10-20 Uhr, Sa 9-18 Uhr